Das Kreuz als Ende der Vergeltung

Wenn es um das Thema Gerechtigkeit und Vergeltung geht vermute ich, daß es den meisten Menschen geht wie mir, daß einem die angemessene Vergeltung oder die angemessene Strafe doch ziemlich sympathisch sind. Und das hat seinen guten Grund, denn dieses Empfinden ist tief in unserer Kultur verankert. Dahinter steckt nämlich die Gerechtigkeitsvorstellung des griechischen Philosophen Aristoteles. Er nennt sie die ausgleichende Gerechtigkeit. Sie wird dargestellt durch die Göttin Justitia: unparteiisch, ohne Ansehen der Person muß immer wieder der Ausgleich hergestellt werden. Diese Idee zeigt sich in der Waage und der Augenbinde der Göttin Justitia.

Schon bei Kindern ist diese Vorstellung stark ausgeprägt, daß Gerechtigkeit erst dann hergestellt wird, wenn es ausgeglichen ist:

  • Du boxt mich, ich boxe zurück.
  • Du beschimpfst mich, ich beschimpfte zurück.
  • Du bekommst drei Gummibärchen, dann will ich auch drei Gummibärchen.

Und man empfindet es als so ungerecht, wenn die eine später ins Bett darf, wie die andere oder der länger am Handy spielen kann als der andere. Wie viele Tränen habe ich bei meinen Kindern schon gesehen, weil sie sich ungerecht behandelt fühlten. Ungerecht behandelt war für sie immer ungleich behandelt werden. Und das ist auch bei uns Erwachsenen nicht anders. Innerlich funktionieren wir oft nach dem Leitsatz: so du mir, so ich dir. Und dieser Leitsatz ist zutiefst in unserer Kultur und in unserem Gerechtigkeitsempfinden verankert.

Jesus selbst spricht völlig anders über Vergeltung und Gerechtigkeit: »Ihr wisst, daß es heißt: ›Auge um Auge, Zahn um Zahn.‹ Ich aber sage euch: Verzichtet auf Gegenwehr, wenn euch jemand Böses tut! Mehr noch: Wenn dich jemand auf die rechte Backe schlägt, dann halte auch die linke hin. Wenn jemand mit dir um dein Hemd prozessieren will, dann gib ihm den Mantel dazu. Und wenn jemand dich zwingt, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh mit ihm zwei.« (Matthäus 5,38-41 GNB).

Ausgehend von dem, was Jesus über Vergeltung gelehrt und gepredigt hat, ist das Kreuz das deutlichste Symbol für das Ende der Vergeltungsspirale. Das Kreuz ist der Verzicht Gottes auf Vergeltung und entsprechende Vergeltungsmaßnahmen.  Am Kreuz erfährt Christus absolute Ungerechtigkeit:

  • eine gerechte Verhandlung wird ihm verweigert
  • er wird als Unschuldiger verurteilt
  • die Juden erklären ihn zum Ketzer und die Römer zum Staatsfeind
  • er wird unschuldig gefoltert
  • eine Dornenkrone macht ihn lächerlich und fügt ihm große Schmerzen zu
  • er wird öffentlich zur Schau gestellt, gedemütigt, verspottet
  • mit der grausamsten aller Tötungsmethoden wird er hingerichtet
  • selbst im Tod wird er geschändet, indem man ihn nackt mit zwei Verbrechern hinrichtet.

Die Menschen ermorden Gott am Kreuz. Was Christus hier widerfährt, ist der Gipfel der Ungerechtigkeit. Es ist böse, hinterhältig, gemein und sadistisch. Die gesamte menschliche Bosheit und Ungerechtigkeit kulminiert hier am Kreuz.

Und jetzt könnte Gott zu Recht sagen: »Was hier geschehen ist, das schreit nach Vergeltung. Jetzt braucht es angemessene Vergeltungsmaßnahmen der Menschheit gegenüber. Das kann so nicht stehen bleiben. Das verlangt nach einer Antwort! Sonst kommt das kosmische Gleichgewicht durcheinander. An Gott selbst wurde Ungerechtigkeit verübt, jetzt muß Gott für Gerechtigkeit sorgen. Der Gerechtigkeit muß genüge getan werden!«

So oder ähnlich haben wir es hundertfach von Königen, Regierungschefs und Verteidigungsministern gehört. Ganz nach der Logik der ausgleichenden Gerechtigkeit. Die Göttin Justitia hat das Sagen. Aber das Gegenteil geschieht! Das Kreuz wird zum Ende aller Vergeltungsmaßnahmen. Das Kreuz ist das Ende der Vergeltungsspirale. Die Ungerechtigkeit am Kreuz bleibt unbeantwortet. Es erfolgen keine Gegenmaßnahmen. Das Kreuz bleibt stehen und Gott liebt weiter. Am Kreuz spricht Jesus Vergebung aus, statt Vergeltung anzukündigen. Das Kreuz mündet in die Auferstehung des Messias und nicht in Vergeltungsmaßnahmen der Menschheit gegenüber.

Das Kreuz eröffnet uns die Möglichkeit, Vergeltung zu beenden. Gott lebt uns vor, was es heißt, auf Gegenmaßnahmen zu verzichten. Damit erlöst uns das Kreuz aus der Logik der Vergeltung. Und diese Botschaft vom Kreuz, ist Torheit in den Augen der Menschen. Wie kann man so dumm sein und auf Vergeltung verzichten? Das Kreuz macht keinen Sinn! Da wird der Gerechtigkeit keine Genüge getan!

Aber wir beten eben nicht die Göttin der Gerechtigkeit – Justitia –  an, sondern den Gott, der sagte: Ich bin die Liebe! Die Erlösung der Menschheit, unsere Erlösung, die am Kreuz geschehen ist, zeigt sich überall dort

  • wo es Menschen gelingt aus der Vergeltungsspirale auszusteigen
  • wo es Menschen gelingt auf Gegenmaßnahmen zu verzichten
  • wo Menschen begreifen, daß ausgleichende Gerechtigkeit nicht die Gerechtigkeit Gottes ist.

Wir suchen den Ausgleich nicht länger über die Vergeltung, sondern über die Liebe.