Die Bibel ist keine Gebrauchsanweisung – Was Soziologe Hartmut Rosa über unseren Glauben offenbart
Bald nach seinem Erscheinen 2026 las ich Hartmut Rosas Buch „Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums“ und hatte dabei viele Aha‑Momente. Ich glaube, dass seine Beobachtungen und Analyse der Spätmoderne, in der wir gerade leben, ein wichtiges Licht auf das Bibelverständnis und Glaubensverständnis bestimmter christlicher Milieus wirft.
Zusammenfassung des Buches
In seinem Werk wirft der Soziologe einen tiefen Blick auf eine unbemerkt voranschreitende Krise unseres modernen Alltags. Seine zentrale These lautet, dass wir in der heutigen Gesellschaft immer weniger selbstbestimmt handeln. Stattdessen sind wir immer häufiger damit beschäftigt, starre Vorgaben, Pläne und Vorschriften rein mechanisch auszuführen – ein Prozess, den Rosa als den Übergang vom lebendigen „Handeln“ zum bloßen, unpersönlichen „Vollziehen“ beschreibt.
Dieser Wandel wird von einer tiefgreifenden Verschiebung unserer Wahrnehmung begleitet: Wir neigen dazu, vielschichtige, lebendige Lebensrealitäten – sogenannte „Situationen“ – in mathematisch messbare, isolierte Einzelteile aufzulösen, die Rosa als „Konstellationen“ definiert. Eine Situation ist ein umfassendes, vielstimmiges und an den Rändern unscharfes Geflecht aus Sachverhalten, Erfahrungen, Emotionen und Atmosphären. Echtes Handeln bedeutet, kreativ und eigenverantwortlich auf diese komplexe Ganzheit zu antworten. Dies erfordert erfahrungsbasierte Urteilskraft, Augenmaß und Fingerspitzengefühl.
Eine Konstellation hingegen entsteht, wenn wir eine lebendige Situation in lauter messbare Einzelteile zerlegen – wie Zahlen, Daten, Checklisten oder Vorschriften. Beim Vollziehen (oder Ausführen) folgen wir stur diesem vorgezeichneten Weg. Unser eigenes Mitdenken und Fühlen werden dabei als störende Fehlerquelle ausgeschaltet.[1]
Ein Zugbegleiter darf keine Tickets mehr bar verkaufen, sondern muss bei Fahrgästen ohne gültiges Ticket ein starres Bußgeld erheben, völlig ungeachtet der individuellen, oft völlig plausiblen Entschuldigung des Reisenden. Auch der Dorfpolizist verliert seinen pädagogischen Ermessensspielraum. Erwischt er einen Jugendlichen auf einem leicht frisierten Mofa, durfte er ihn früher väterlich ermahnen und den Rückbau kontrollieren. Heute zwingen ihn die rechtlichen Vorgaben zur sofortigen Anzeige wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis, da er sich andernfalls selbst strafbar machen würde. Im Gesundheitswesen beobachten wir, dass Fachärzte zunehmend isolierte Laborwerte auf dem Bildschirm behandeln, statt den ganzen Menschen in seiner konkreten Lebenssituation wahrzunehmen. Ein Beispiel zu Beginn des Buches macht dieses Dilemma besonders deutlich: Ein elfjähriges Mädchen kauft sich voller Vorfreude von seinem mühsam ersparten Taschengeld einen Burger. Beim Auspacken fällt ihr das Essen unglücklich auf den Boden und wird zertrampelt. Der Angestellte der Fast-Food-Kette empfindet Mitleid und möchte ihr spontan einen neuen Burger schenken. Doch strikte, automatisierte Gleichbehandlungs- und Korruptionsschutzvorschriften verbieten ihm diese menschliche Geste konsequent, wodurch sich am Ende beide Seiten ohnmächtig fühlen.[2] In diesen Fällen spielt es keine Rolle, wie die verantwortlichen Akteure die Situation einschätzen oder beurteilen. Die Entscheidungs- und Handlungsroutinen, denen sie folgen, sind teils technisch, teils formal und rechtlich gegen deren Urteilskraft immunisiert.[3]
Rosa zeigt sehr feinfühlig, dass diese Entwicklung nicht aus böser Absicht geschieht, sondern aus eigentlich edlen Zielen der Moderne geboren wurde: Wir streben nach absoluter Gerechtigkeit, lückenloser Transparenz, dem Schutz vor Diskriminierung und maximaler Effizienz. Um menschliche Willkür, Vorurteile oder persönliche Bevorzugung auszuschließen, ersetzen wir das persönliche Urteilsvermögen durch unpersönliche Gesetze, standardisierte Formulare und digitale Algorithmen. Doch dieser Schutz hat einen verheerenden Preis: Wenn Ermessensspielräume verschwinden, verkümmert die persönliche Urteilskraft im Alltag und Menschlichkeit bleibt auf der Strecke. Im Vollzugsmodus müssen wir unsere Gefühle systematisch ausblenden oder unterdrücken, um die reibungsfreie Funktion von Systemen, Formularen und Algorithmen zu garantieren. Da aber echte Gefühle die eigentliche Triebfeder unseres Handelns sind (z.B. Mitleid, Erbarmen, Liebe, Begeisterung, Zorn, Wut, Hass), führt das bloße Abarbeiten steriler Vorschriften zu einer kollektiven, seelischen Erschöpfung, einer Art Mehltau des Lebens.
Rosa schreibt: „Ein kleiner ländlicher Sportverein, der etwa ein Freizeitangebot für Jugendliche in den Sommerferien machen möchte und dafür auch ein paar Freiwillige findet, steht dann vor einer schier endlosen Liste an zu erfüllenden Aufgaben: Steht jederzeit ein Ersthelfer zur Verfügung? Wurden die Vorgaben des Präventionsschutzgesetzes erfüllt? Liegen die Führungszeugnisse vor? Sind die Brandschutzmaßnahmen ausreichend? Sind die Vorgaben der Lebensmittelhygiene, einschließlich der entsprechenden Schulungen, eingehalten? Sind Ehrenamtliche und Jugendliche versicherungsrechtlich abgesichert? Bevor die Ehrenamtlichen des Vereins in irgendeiner Weise zu Handelnden für die Dorfkinder werden können, sind sie gezwungen, zahlreiche Tätigkeiten auszuführen, deren Sinn sich für die gegebene Situation allenfalls partiell erschließt und die sie zu reinen Vollziehenden machen.“[4] Weiter formuliert Rosa: „Lehrkräfte haben eine Idee für alternative Unterrichtsformen, Jugendliche haben einen Vorschlag für die Umgestaltung eines Begegnungszentrums, eine Initiative für Geflüchtete will ein neues Hilfs- oder Beratungsangebot schaffen usw. usf. Sobald die Umsetzung einer Idee jedoch ein Antragsverfahren erforderlich macht, wird es bleiern, legt sich eine Art Mehltau über das Vorhaben; die Begeisterung schwindet, die Energie evaporiert. Denn die Vorgaben des Brandschutzes, des Umweltschutzes, des Denkmalschutzes, des Arbeitsschutzes, der Arbeitsgesundheit, des Präventionsgesetzes etc. müssen erfüllt und ihre Einhaltung muss dokumentiert werden.“[5] Wenn der Angestellte im Burgerladen sein Mitleid und der Polizist seine pädagogische Intuition unterdrücken müssen, entkoppeln sie ihre Tätigkeit radikal von ihrer Gefühlswelt. Sie arbeiten To-do-Listen ab, klicken und scrollen, doch am Ende des Tages fühlen sie sich vollkommen ausgebrannt und leer. Viele Berufe werden damit zu „Bullshit-Jobs“. Dies erklärt die spürbare Zunahme von Burnout- und Depressionserkrankungen. Rosa schreibt: „Menschen fühlen sich lebendig, motiviert, selbstwirksam und, ja, glücklich, wenn sie handeln können…; unglücklich, frustriert, ohnmächtig fühlen sie sich hingegen, wenn sie keine Handlungs- und Ermessensspielräume haben.“[6]
Gleichzeitig entladen sich die angestauten Gefühle, die blockierte Handlungsenergie und das lähmende Gefühl der Ohnmacht in ungerichteter politischer Wut, gesellschaftlicher Polarisierung und dem Zulauf zu autokratischen Führungsfiguren, die das falsche Versprechen besonderer Handlungsfähigkeit, großer Wirksamkeit und ungebundener Aktivität inszenieren.
Im modernen politischen Diskurs werden vielschichtige, historisch gewachsene Krisen auf simple Ja/Nein-Entscheidungen reduziert. Beim Ukraine-Krieg verengt sich die Debatte fast vollständig auf die Lieferung bestimmter Waffensysteme (Taurus ja/nein). Migration wird auf Obergrenzen reduziert, und die Bekämpfung des Klimawandels schrumpft auf Heizungsgesetze oder Verbrennerverbote. Diese binäre Reduktion klammert die eigentliche, hochkomplexe Situation sowie unvorhersehbare, tiefgreifende gesellschaftliche Nebenwirkungen vollkommen aus. Es entstehen starre Polarisierungen und sogenannte „Triggerpunkte“.[7]
Im Zuge der Quantified-Self-Bewegung vermessen wir unseren Körper obsessiv mit Smartwatches und Selftrackern. Wir zählen Schritte, berechnen Kalorien, analysieren Blutdruckwerte und die Schlafqualität. Dadurch verschiebt sich unsere Körperbeziehung fundamental: Wir nehmen uns nicht mehr als fühlenden Leib von innen wahr, sondern betrachten unseren Körper wie ein zu manipulierendes Objekt anhand von Parametern auf dem Bildschirm. Rosa beschreibt damit den psychologischen Mechanismus der Selbstentfremdung in der Spätmoderne. Er zeigt auf, dass das zwanghafte Starren auf messbare Datenpunkte uns die Fähigkeit raubt, das Leben leibhaft, ganzheitlich und responsiv zu erfahren. Ein weiterer Verlust der persönlichen Urteilsfähigkeit.
Daneben warnt Rosa vor dem Wandel von einer „spielbasierten“ zu einer „smartphonebasierten“ Kindheit.[8] Der allgegenwärtige Sicherheitskult und die „Schneepflug-Elternschaft“ nehmen Kindern systematisch die Spielräume, in denen sie durch risikobehaftete Entdeckungen und das eigenständige Aushandeln von Regeln praktische Urteilskraft und Resilienz entwickeln könnten. Stattdessen verbringen Jugendliche Stunden vor Bildschirmen, was nachweislich zu Einsamkeit, Angstzuständen und Depressionen führt. Hat sich ein Kind früher durch das ganz individuelle Zusammenbauen von Holzklötzchen zu einer Burg, einem Haus oder einem Fantasieauto als handelnd erlebt, vollzieht es heute oftmals nur die detaillierte Bauanleitung eines LEGO-Modells, Rosa schreibt: „Kein Teil ist übrig, jedes sitzt am rechten Platz, das Ziel ist erreicht, man hat die Aufgabe (manchmal nach großer Anstrengung) vollzogen. Aus dem spielenden Kind ist im Grunde ein vollziehendes geworden. Spielraum gibt es dabei genau genommen keinen mehr – jede Abweichung vom »Plan« ist ein Fehler, es gibt nur richtig oder falsch.“[9]
Hartmut Rosa möchte jedoch nicht die modernen Errungenschaften der Bürokratie blind verteufeln. Vielmehr plädiert er für eine bewusste Rückeroberung unserer alltäglichen Spielräume und menschlicher Urteilskraft auf allen Ebenen der sozialen Existenz. Er fordert eine Abkehr von der allgegenwärtigen „Hermeneutik des Verdachts“ hin zu einer „Hermeneutik des Zutrauens“, um menschliche Begegnung, lebendige Resonanz und echte Verantwortung in unseren Institutionen wieder möglich zu machen. Als leuchtendes Praxisbeispiel beschreibt Rosa das Modellprojekt der „IstZeitPflege“ des Caritasverbandes Hochrhein. Die ambulante Pflege wurde stetig durch starre, zeitgestoppte Abrechnungsmodule entmenschlicht. Die Caritas ersetzte seit 2019 diesen Vollzugsmodus durch ein vertrauens-basiertes Modell: Die Pflegekräfte vereinbaren Pflegezeitbudgets und entscheiden je nach Situation vor Ort ganzheitlich und flexibel, was der Patient an diesem Tag wirklich braucht (z.B. ein Gespräch statt einer schnellen Dusche). Das Ergebnis war überwältigend: glücklichere Patienten, motiviertere Pflegekräfte und wieder echte Menschlichkeit im Beruf.[10]
Dem Konzept des Vollzugsbeamten im Rahmen der Konstellation setzt Rosa die lebenspraktischen Konzepte des globalen Südens entgegen. Er verweist auf das indische Jugaad (die Kunst, aus dem Vorhandenen improvisiert etwas Neues zu machen) und das brasilianische Jeitinho (der kreative, informelle „kleine Weg“ zur Umgehung starrer bürokratischer Hürden). Beide Konzepte erlauben die Erschließung von Spielräumen im Namen situativer Angemessenheit. Rosa zeigt auf, dass moderne Organisationen ohne solche informellen Regelbrüche im „Dienst nach Vorschrift“ erstarren und am Ende zusammenbrechen würden. Rosa schreibt: „Tatsächlich formuliert schon Aristoteles im 5. Buch der Nikomachischen Ethik diesen Gedanken unter dem Begriff der »Billigkeit«, den er der regelfolgenden Gerechtigkeit entgegensetzt beziehungsweise an die Seite stellt. Dabei betont er explizit, dass auf dem Gebiet des Handelns Spielräume bestehen bleiben müssten, um das, was Regeln und Gesetze vorgeben, gegebenenfalls gegen das Recht zugunsten der Billigkeit, das heißt der Situationsgerechtigkeit, zu ignorieren oder zu korrigieren.“ [11]
Theologische Überlegungen
Soweit meine kurze Zusammenfassung des doch sehr umfangreichen und komplexen Buches von Hartmut Rosa. Was hat das alles nun mit der Bibel oder unserem Glaubensleben zu tun? Vielleicht haben es einige beim Lesen dieser Zusammenfassung schon gespürt: Fundamentalismus in Hermeneutik und Glaubensleben ist die Sehnsucht nach einer „Konstellation“ in einer komplexen Welt – mit all den fatalen Folgen, die Rosa beschreibt.
1. Die Bibel wird als „Konstellation“ statt als „Situation“ verstanden.
Rosa beschreibt die Konstellation als ein System, in dem das Leben in starre, messbare, eindeutige Einzelteile zerlegt wird, um es kontrollierbar zu machen. Genau in dieser Gefahr steht die fundamentalistische Hermeneutik mit dem biblischen Text:
- Die Bibel als Handbuch: Im Fundamentalismus wird die Bibel nicht als lebendige, historische Situation gelesen – also als ein vielschichtiges, vielstimmiges, oft mehrdeutiges Gespräch zwischen Gott und den Menschen, das in einer bestimmten Zeit stattfand und heute neu interpretiert werden muss. Stattdessen wird sie zu einer starren Konstellation aus zeitlosen Gesetzen, eindeutigen Geboten und unumstößlichen Wahrheiten. Man liest sie wie eine Gebrauchsanweisung oder ein Kochrezept: Wenn man die Schritte A und B exakt befolgt, kommt am Ende das garantierte Ergebnis C heraus.
- De-Kontextualisierung: Genauso wie die Konstellation Einzeldinge aus ihrem lebendigen Zusammenhang, also der Situation reißt, isoliert das fundamentalistische Bibelverständnis die antiken Texte aus ihrem historischen Kontext und Weltverständnis. Zudem werden einzelne Bibelverse herausgehoben, um allgemeingültige Regeln aufzustellen. Die lebendige, oft unscharfe und suchende Dynamik des Glaubens wird stillgestellt und durch eine scheinbar unfehlbare, manchmal eiskalte Eindeutigkeit ersetzt.
2. Glaube wird zu reinem „Vollzug“ statt zu mündigem Handeln
Wenn die Bibel zur reinen Konstellation von Vorschriften wird, verändert sich das Wesen des Glaubens radikal: Er wird vom schöpferischen Handeln im Sinne einer lebendigen Nachfolge Jesu zum bloßen Vollzug im Sinne eines unbedingten Gehorsams.
- Vorschrift ist Vorschrift: Der Gläubige muss nicht mehr selbst denken, abwägen oder mit Gott ringen. Seine Aufgabe ist es nur noch, die göttlichen Vorschriften buchstabengetreu zu vollziehen. Weiter oben wurde der Bahnangestellte beschrieben, der dem fahrkartenlosen Passagier keine Gnade zeigen darf, weil die Regeln es verbieten. Im Fundamentalismus ist es oft dasselbe: Wenn die Schrift (scheinbar) die Ausgrenzung bestimmter Menschen oder den Ausschluss von Frauen aus Ämtern vorschreibt, dann wird diese Regel bedingungslos vollzogen. Die konkrete Situation wird daneben unbedeutend. Sie darf nicht ins Gewicht fallen gegenüber der postulierten Klarheit und Eindeutigkeit der biblischen Texte. Nur so wird scheinbar göttliche Gerechtigkeit sichergestellt und Willkür vermieden. Im weitesten Sinne haben wir Gerechtigkeit als „Gleichbehandlung“ angesichts einer konkreten Regel missverstanden, statt Gerechtigkeit als etwas zu sehen, bei dem wir möglichst allen Beteiligten gerecht werden wollen. Gleichbehandlung wird durch Konstellationen gewährleistet. Gerechte Behandlung durch das weise Handeln in unterschiedlichsten Situationen.
Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter[12] begegnet der Priester auf dem Nachhauseweg einem blutenden, schwer verletzten Mann. Gemäß der vorliegenden Konstellation vollzieht der Priester die Gesetze der Tora: Er ist Priester, dort liegt ein eventuell Toter und Priester dürfen sich an Leichen keinesfalls verunreinigen. Also macht er einen großen Bogen um die Quelle der Unreinheit. Der barmherzige Samariter erfasst dagegen die Situation und handelt: er macht sich bewusst was passiert ist, lässt sein Herz sprechen, überwindet kulturelle, religiöse und nationale Schranken und erbarmt sich über diesen Mann. Gemäß der Pointe Jesu in diesem Gleichnis hätte der Priester ausnahmsweise einen Regelverstoß in Kauf nehmen müssen, um der Situation – und damit dem verletzten Menschen – wirklich gerecht zu werden. Durch den konstellativen Vollzug, anstelle des situativen Handelns, wurde der Gerechtigkeit gerade nicht Genüge getan.An anderer Stelle[13] bringen die Ältesten Jerusalems eine auf frischer Tat ertappte Frau zu Jesus, damit er das gerechte Urteil über sie sprechen und die Juden von seiner Gesetzestreue überzeugen kann. Die Ältesten sehen nur die Konstellation (eine verlobte Frau, ein fremder Mann, die Heimlichkeit der Nacht und unerlaubter Sex) und vollziehen das Urteil. Jesus hingegen hat die ganze Situation im Blick: Er weiß um die Ausgelassenheit der letzten Nacht des Laubhüttenfestes, er sieht das junge Alter und die Unerfahrenheit des Mädchens, er nimmt das Fehlen des Mannes wahr und bemerkt die Hinterlist der Ältesten. Anstatt das Steinigungsgebots der Tora zu vollziehen, urteilt Jesus mit Augenmaß und handelt mit Barmherzigkeit. Er verurteilt die Frau nicht, spricht sie frei und ermahnt sie zu einem heilsameren Lebensstil. Die Ältesten entlarven sich als Vollzugsbeamte – Jesus nutzt Spielräume und handelt liebevoll. - Die Ausschaltung des Gefühls und des Gewissens: Um eine Konstellation perfekt zu vollziehen, müssen eigene Gefühle und das persönliche Mitgefühl ausgeschaltet werden. Der Fundamentalismus verlangt diese Amputation des eigenen Gewissens immer wieder: „Dein Herz ist trügerisch, verlass dich nicht auf dein Gefühl, sondern nur auf das geschriebene Wort.“ Das Mitgefühl mit marginalisierten Menschen wird erst gar nicht entwickelt oder konsequent unterdrückt, denn ihr Empfinden, ihre Identität oder ihr Lebenskonzept werden von der Schrift ja verurteilt – und was die Schrift verurteilt, darf von uns nicht gutgeheißen werden. Man immunisiert sich gegen die eigene Empathie, um die Regel ungestört zu vollziehen.
Ich weiß von mir selbst, wie ich mich viele Jahre gegen die gewalttätigen Texte und direkten Aufforderungen Gottes zum Genozid im Alten Testament immunisiert habe, um mich ihrer irritierenden Wirkung zu entziehen. Ich habe mir die beschriebenen gewalttätigen Situationen gar nicht konkret vorgestellt, sondern den Vollzug des Bannes als verdiente Strafe der Heidenvölker und notwendigen Gehorsamsschritt der Israeliten betrachtet.
Und ich weiß von mir selbst, wie lange ich homosexuelle Menschen verurteilt und verteufelt habe und ziemlich hemmungslos das Urteil verschiedener Bibelstellen an ihnen vollzog. Ich kannte zwar keine homosexuellen Menschen persönlich, geschweige denn hatte ich ein Gespräch mit ihnen geführt, aber ihre konkrete Situation war auch irrelevant, denn die Konstellation war von der Bibel her geklärt: Zwei Menschen haben dasselbe Geschlecht; diese zwei Menschen lieben sich; sie wollen auch intim miteinander werden und ihre Sexualität leben – damit kann das Urteil vollzogen werden: Diese Menschen sind Gott ein Gräuel, sie werden das Himmelreich nicht erben und wir sollten keinen Umgang mit ihnen pflegen. Das alles hat sich schrittweise ins Gegenteil verkehrt, als ich tatsächlich ein homosexuelles Paar kennenlernen durfte, ihre Geschichte hörte, ihre Kämpfe und Leid wahrnahm und mir ein Bild ihrer gesamten Situation machen konnte.
Leider habe ich in christlichen Gemeinden zu viele Eltern kennengelernt, die ihren eigenen homosexuellen Kindern gegenüber das Urteil scheinbar eiskalt vollziehen, sie aus der Familie ausschließen, den Kontakt abbrechen und ihnen das Heil absprechen. Muttergefühle und Vatergefühle werden ausgeschaltet, um die vermeintlichen Gebote Gottes vollziehen zu können. Dieser Vollzug der Regeln verhindert so das Handeln der Liebe. Gerade hier kann Paulus sagen: „Und wenn ich weissagen könnte und alle Geheimnisse wüsste; wenn ich jede Erkenntnis besäße und einen Glauben, der Berge versetzt, aber keine Liebe hätte, wäre ich nichts.” (1.Kor.13,2 NeÜ)
3. Die fatalen Folgen für das geistliche Leben
Wendet man Rosas Diagnose auf diesen fundamentalistischen „Vollzugs-Glauben“ an, treten die seelischen Schäden dieses Systems zutage. Es kann ein Glaube entstehen, der nur aus dem Abarbeiten von Vorschriften besteht und jegliche Lebendigkeit und innere Resonanz verliert. Er wird bleiern und erschöpfend. Viele Menschen in fundamentalistischen Gemeinden erleben genau das: Sie engagieren sich bis zur Erschöpfung, lesen brav ihre Bibel, beten treu, evangelisieren – und fühlen sich innerlich tot, leer und ausgebrannt. Es ist der „Mehltau des Lebens“, der sich über ihre Seele legt. Aber weil die lebendigen Gefühle und Zweifel im Vollzugs-Glauben keinen Platz haben dürfen, stauen sie sich im Unterbewusstsein auf. Diese blockierte Energie entlädt sich dann in Form von unbarmherzigem Dogmatismus, dem Verurteilen von Andersdenkenden und einem obsessiven Kampf gegen die „Sünden der Welt“. Die aufgestaute Angst, den Ansprüchen des perfekten Vollzugs nicht zu genügen, wird nach außen projiziert.
Wer nur noch Regeln vollzieht, lernt nie, ein eigenes, reifes und mündiges Gewissen zu entwickeln. Die moralische Urteilskraft verkümmert. Bricht dieses starre Regelsystem irgendwann zusammen (weil der Glaube, die Bibel oder die Gemeinde „nicht mehr passt“), stehen die Betroffenen oft vor dem Nichts, weil sie nie gelernt haben, im Vertrauen auf Gott selbstwirksam und frei zu handeln.
Die konstellative Logik ist ein binäres System. Es geht am Ende immer um Ja oder Nein, richtig oder falsch. Trägt man diese Logik in die Bibel hinein, wird auch sie zum binären System. Wir fragen dann nicht mehr, wie denn die konkrete Situation war. Wir machen uns kein umfassendes Bild mehr, sondern wir gleichen unsere Wahrnehmung mit der Konstellation ab und fällen unser Urteil: richtig oder falsch, ja oder nein, biblisch oder unbiblisch, heilig oder sündig, Wahrheit oder Lüge.
Auch unser Konzept vom Jüngsten Gericht, dem endgültigen Urteil Gottes über die Menschen, ist binär angelegt. Gott kennt nur zwei Urteilssprüche: ewig verdammt oder ewig erlöst. Bei diesem binären Gerichtsprozess ist die jeweilige Situation des einzelnen Menschen vollkommen uninteressant, denn im Urteil kann darauf keine Rücksicht genommen werden. Es kann im Gericht gar keine Nuancen, Abstufungen oder Gewichtungen geben. Wo jeder irdische Richter das persönliche Schicksal des Angeklagten, sein eigenes Opfersein, die grausame Erziehung, die Traumata in der Kindheit, erschwerende Lebensumstände, die Demütigungen, die seelische Erkrankung und vieles andere in sein Urteil einfließen lässt, kann Gott das im fundamentalistischen Bibelverständnis leider nicht tun. Für ihn gibt es dort nur zwei Konstellationen: gerecht oder ungerecht, gläubig oder ungläubig, bekehrt oder nicht bekehrt – und entsprechend wird das Urteil vollzogen. Ein fundamentalistisches Bibelverständnis degradiert Gott zum Vollzugsbeamten, der im Gericht einer noch höheren Gerechtigkeit Gehorsam leisten muss. Und wenn Gott so richtet, dann scheint es in Ordnung zu sein, wenn auch seine Kinder nur Vollzugsbeamte sind, denen subjektives Mitleid oder Rücksicht auf das Schicksal des Anderen abhandengekommen sind.
Ohne Ansehen der Person
An dieser Stelle ist es wichtig zu klären, was es bedeutet, dass Gott „ohne Ansehen der Person“ richtet. Sehr schnell kann man diese Art des Gerichts missverstehen. „Ohne Ansehen der Person“ meint eben nicht blind oder unparteiisch, wie die römische Göttin Justitia mit ihrer Augenbinde. Sie darf den Menschen und seinen Stand gar nicht erst sehen, um das abstrakte Gesetz auf alle gleich anzuwenden. Gott richtet gerade nicht neutral, ohne Emotionen und ohne Rücksicht auf das Schicksal des einzelnen Menschen. Vielmehr schaut Gott genau hin. Er sieht alles, besonders das Herz. Er schaut hinter die Fassade. „Ohne Ansehen der Person“ meint nicht, alle genau gleich zu behandeln, sondern dass Gott sich von menschlichen Machtstrukturen, Reichtum und sozialem Status absolut nicht beeindrucken lässt. Hinter dem deutschen Ausdruck „ohne Ansehen der Person“ steckt im Neuen Testament das griechische Wort prosopolempsia (προσωπολημψία). Das ist kein klassisches Griechisch, sondern ein Begriff, den die ersten Christen neu erfunden haben, um eine hebräische Redewendung aus dem Alten Testament wortwörtlich zu übersetzen: „das Gesicht erheben“ (nasa panim נָשָׂא פָנִים). Im antiken Orient war es üblich, dass man vor einem König oder Richter zu Boden blickte oder sich niederwarf. Wenn der Richter dem Bittsteller gnädig gesinnt war (oft, weil dieser reich war, Schmiergeld zahlte oder einen hohen Rang hatte), hob er dessen Gesicht an. Er schaute ihn an und gewährte ihm einen Vorteil. Wenn die Bibel sagt, Gott richtet ohne Ansehen der Person, bedeutet das schlicht: Gott wird nicht das Gesicht wegen Status, Geld oder Abstammung „hochziehen“. Er ist unbestechlich. So lesen wir explizit in Deuteronomium 10,17: „Denn der HERR, euer Gott, ist Gott über alle Götter und Herr über alle Herren. Er ist der große und mächtige Gott, den man fürchten muss. Er urteilt ohne Ansehen der Person und lässt sich nicht bestechen.“ (NGÜ). „Ohne Ansehen der Person“ heißt also nicht blind und unparteiisch, sondern unbestechlich. Wenn Paulus im Römerbrief schreibt: „Herrlichkeit aber und Ehre und Frieden jedem, der das Gute wirkt, sowohl dem Juden zuerst als auch dem Griechen. Denn es ist kein Ansehen der Person bei Gott.“ (Röm.2,10f EB), dann will er genau diese Unbestechlichkeit Gottes betonen. Bei der Beurteilung eines Menschen und dem damit verbundenen Lohn, hat der Jude keinen Vorteil gegenüber dem Griechen (Heiden). Jude oder ein Kind Abrahams zu sein, bringt keine Vorteile im Gericht. Gott lässt sich davon nicht beeinflussen oder bestechen. Es geht beim Gericht nicht um die blinde Gleichbehandlung, sondern vielmehr darum, sich von Vordergründigem nicht beeindrucken oder bestechen zu lassen, sondern hinter die Kulissen zu schauen. Und genau dafür muss Gott die Situation eines Menschen in den Blick nehmen.[14] Wunderbar bringt es auch Psalm 82 zum Ausdruck: „Gott steht in der Gottesversammlung, inmitten der Götter richtet er. Bis wann wollt ihr ungerecht richten und die Gottlosen begünstigen? Schafft Recht dem Geringen und der Waise, dem Elenden und dem Bedürftigen lasst Gerechtigkeit widerfahren. Rettet den Geringen und den Armen, entreißt ihn der Hand der Gottlosen!“ (Ps.82,1-4 EB). Ohne Ansehen der Person zu richten heißt auch hier, den Gottlosen nicht zu begünstigen, sondern genau hinzuschauen und sich über Waise, Elende und Bedürftige zu erbarmen.
Jesus durchbricht die Konstellation
Jesus war der absolute Gegner eines fundamentalistischen Vollzugs-Glaubens. In Matthäus 23 verurteilt er den Vollzugsglauben der Pharisäer, die hartherzig und ohne Rücksicht auf die Situation Menschen knechten oder verurteilen. Jesus dagegen begegnete Menschen in ihrer konkreten Situation und verweigerte das blinde Vollziehen der Gesetze (der Konstellation). Wenn er am Sabbat heilte oder den hungrigen Jüngern das Ährenraufen erlaubte, dann wendete er das an, was Rosa mit Verweis auf Aristoteles „Billigkeit“ nennt: die Korrektur des Gesetzes zugunsten der Einzelfallgerechtigkeit und der Menschlichkeit. Er stellte die Beziehung über die Regel – ja vielmehr, er stellte jedes Gesetz und jede Regel in den Dienst der Liebe. Er passte starre religiöse Vorschriften kreativ an das echte Leben der Menschen an, weil er wusste: „Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat.“ (Mk.2,27) Ein reifer, befreiter Glaube braucht den Übergang von einer fundamentalistischen „Hermeneutik des Verdachts“, die dem eigenen Herzen, der Wissenschaft, der Welt und dem Leben misstraut, zu einer biblisch begründeten „Hermeneutik des Zutrauens“. Gott misstraut uns nicht permanent; er traut uns zu, dass wir mit dem Geist der Schrift, also dem Geist der Liebe, mit gesundem Menschenverstand und Mitgefühl in den komplexen Situationen des Lebens die richtigen, lebendigen Entscheidungen treffen können. Nur so können Christen wieder von Vollziehenden zu Handelnden werden.
Es brauchte handelnde Christen, die ins Haus des heidnischen Hauptmanns Cornelius gingen, um mit ihm zu essen und das Evangelium zu verkündigen.[15]
Es brauchte handelnde Christen, die es durchsetzten, dass sich Heidenchristen nicht beschneiden lassen oder den Geboten der Tora unterordnen müssen.[16]
Es brauchte handelnde Christinnen, die den Jüngern die Auferstehung Jesu bezeugten, obwohl ihr Zeugnis damals nichts galt.[17]
Es brauchte handelnde Christen, die sich gegen die Sklaverei stellten und allen Menschen, egal welche Nationalität oder Hautfarbe, die gleichen Rechte einräumten.
Es brauchte handelnde Christen, die sich gegen die Ideologie der Nazis stellten, Widerstand leisteten, die Rassengesetze nicht befolgten, sondern trotz aller Verbote Juden versteckten.
Heute braucht es handelnde Christen, die sich für die Gleichberechtigung der Frauen einsetzen und ihnen das Recht zusprechen, auch in Kirche und Gemeinde zu lehren, zu verkündigen und zu leiten.
Es braucht handelnde Christen, die lernen, zwischen missbräuchlicher Homosexualität im alten Rom und einer heutigen liebevollen, freiwilligen und treuen gleichgeschlechtlichen Liebe zu unterscheiden und sich dafür einsetzen, dass diese Menschen in Kirche und Gesellschaft nicht länger diskriminiert werden.
Dieses mutige Handeln verlernen wir, wenn die Bibel für uns binäre Konstellationen beschreibt und wir binäre Regeln vollziehen. Wir verlernen es, Spielräume zu nutzen, eigenverantwortlich zu werden, Urteilsvermögen zu entwickeln, Barmherzigkeit zu kultivieren und uns von Liebe motivieren zu lassen. Wegen der Angst vor Subjektivität und Willkür haben sich manche christliche Milieus auf das Spiel der Konstellation eingelassen. Das konstellative Vollziehen ist angstgesteuert, wohingegen das situative Handeln mutig unsere Freiheit verwirklicht.
Der Fallstrick des Zeitgeistes
Evangelikal-fundamentalistische Theologie wird nicht müde, liberaler oder progressiver Theologie vorzuwerfen, sich ganz mit dem Zeitgeist vermählt zu haben. Man habe wichtige Werte geopfert und dem Pluralismus die Tür geöffnet. Die eindeutige biblische Wahrheit wurde der Beliebigkeit preisgegeben. Dieser Vorwurf mag in einigen Bereichen auch zutreffen. Aber die Erkenntnisse von Hartmut Rosa stellen diesen Vorwurf auf den Kopf und zeigen, dass gerade der Zeitgeist der Spätmoderne in dem Streben besteht, zu absoluter Eindeutigkeit, Sicherheit und Gerechtigkeit im Sinne der Gleichheit zu gelangen. Evangelikal-fundamentalistische Theologie ist zum großen Teil diesem Zeitgeist verfallen und hat den Glauben bzw. die Bibel zu einer Konstellation verkommen lassen, bei der wir am Ende aus Handelnden zu Vollziehenden werden. Die Theologie ist dabei enorm verarmt, denn sie ist immer weniger in der Lage, Situationen zu beurteilen und ein vom Geist und der Liebe geprägtes Urteilsvermögen auf unterschiedlichste Situationen anzuwenden. Sie hat sich dagegen zu einer Konstellation entwickelt, die durch ein ganz bestimmtes Bibelverständnis untermauert wird und zum Ausgangspunkt für reines Vollzugsdasein wird.
Mit Weisheit handeln
Nicht umsonst spielt in der Bibel das Thema Weisheit solch eine entscheidende Rolle, denn Weisheit ist die Grundlage für kreatives Handeln. Im Gegensatz dazu steht der reine Vollzug, der gar keine persönliche Weisheit erfordert, weil man letztlich nur vorgegebene Wahrheiten oder Gesetze anwendet und abarbeitet. Aber gerade die unterschiedlichsten Situationen des menschlichen Daseins brauchen Fingerspitzengefühl und damit genau das, was die Bibel mit Weisheit bezeichnet. König Salomo sprach Gott aus dem Herzen, als er sich Weisheit im Umgang mit seinem Volk wünschte, anstelle eines noch detaillierteren Regelwerks. Gott spricht: „Du hast weder um ein langes Leben gebeten noch um Reichtum oder den Tod deiner Feinde. Stattdessen hast du mich um Weisheit gebeten, damit du gerecht regieren kannst.“ (1.Kön.3,11 NGÜ). Als Salomo etwas später Gericht halten muss zwischen zwei Frauen, die jeweils ein neugeborenes Baby für sich beanspruchten, urteilt er nicht nach einem vorgefertigten Ablauf, wendet er nicht bestimmte Regeln der Tora an oder zieht das (binäre) Los in der Angelegenheit, sondern vergegenwärtigt sich die Situation der beiden Frauen, hört ihre Geschichten und handelt weise, indem er den absurden Vorschlag macht, das Kind in der Mitte zu teilen und jeder Frau eine Hälfte zu geben. Aber nur dadurch konnte er herausfinden, wer wirklich die Mutter des Neugeborenen war. Treffend ist die Beurteilung des Volkes: „Überall in Israel erfuhr man von dem Urteil des Königs, und alle hatten Ehrfurcht vor ihm. Denn sie merkten, dass Gott ihm Weisheit geschenkt hatte, damit er gerechte Urteile fällen konnte.“ (1.Kö.3,28 NGÜ) Fundamentalistisch orientierte Christen werden jetzt vielleicht einwenden, dass die Weisheit ja die Tora, also das Gesetz, zur Grundlage hat und das konstellare Regelwerk die Weisheit erst hervortreten lässt. Aber genau hierin liegt der Fehlschluss. Nicht die Tora ist Grundlage der Weisheit, sondern die Weisheit ist Grundlage der Tora. So lesen wir im Buch der Sprüche über die Weisheit.: „Ich, die Weisheit, wohne bei der Klugheit, einsichtig und besonnen bin ich. … Der HERR hat mich ganz am Anfang geschaffen, als erste Schöpfung noch vor allen anderen. Ich wurde vor ewigen Zeiten eingesetzt, von Anfang an, noch bevor es die Erde gab. Ich wurde geboren, noch bevor die Meere erschaffen wurden, noch bevor aus den Quellen Wasser hervorsprudelte. Bevor die Berge und Hügel geformt wurden, wurde ich geboren …Ich war da, als er dem Meer seine Grenzen setzte, über die das Wasser nicht hinaus konnte. Als er das Fundament der Erde legte, war ich als Baumeisterin an seiner Seite. Ich war seine Freude Tag für Tag und genoss zu jeder Zeit seine Gegenwart. Ich spielte auf der Erde und freute mich über die Menschen!“ (Spr.8,12;22-31 NGÜ). Die Weisheit existiert vor allen Dingen und liegt allem zugrunde. Sie war sogar bei der Schöpfung beteiligt. Die Weisheit ist die Handlungskraft, die Gott in die Welt hineingelegt hat. Sie ist die Grundlage für eine Hermeneutik des Zutrauens. Und diese Handlungskraft wird nun durch das Gesetz zur Konstellation und birgt die Gefahr in sich, aus durch Weisheit Handelnde Vollziehende zu machen. Wenn Situationen in Konstellationen zerlegt werden, geht es nur noch darum, einzelne aufeinanderfolgende Schritte zu vollziehen oder eine bestimmte Reihenfolge von Entscheidungen zu treffen – es braucht am Ende keine Weisheit mehr. Und wer zwischen den Zeilen lesen kann, der hat bemerkt, dass der Text in den Sprüchen zwar von der Weisheit erzählt, in Wirklichkeit aber prophetisch Jesus selbst beschriebt. Wo weises Handeln durch religiöses Vollziehen ersetzt wird, verlieren wir am Ende Jesus selbst. Der Fundamentalismus steht in der Gefahr, den eigentlichen Kern zu verlieren und in äußeren Formen und dem reinen Vollzug der Religion zu erstarren. Wenn alles geregelt ist, braucht es eigentlich nicht länger Jesu Geist. Es reicht der Buchstabe der Schrift. Auf ihren Geist kann man verzichten.
Das Neue Testament geht den anderen Weg: Es erklärt nicht Buchstaben zum Wort Gottes, sondern einen Menschen: Jesus Christus.[18]. Es weiß um die todbringende Wirkung des Buchstabens und um das Leben, das durch den Geist entsteht.[19] Es führt uns vom „Müssen“ zum „Können“. Die vier Evangelien beschreiben keine theoretischen Konstellationen, die dann analysiert werden, um klare Anleitungen zu erstellen, sondern sie beschreiben unzählige lebendige Situationen, auf die Jesus trifft und in denen er vorlebt, wie man barmherzig, weise und zutiefst menschlich handelt. Und nun ist es wiederum der Geist Gottes, der Menschen zu allen Zeiten an dieses Handeln Jesu erinnern wird, damit wir daraus in unseren eigenen Situationen ein ebenso weises, liebevolles und menschliches Handeln ableiten können.[20]
Danke, Hartmut Rosa, für diesen großen Aha-Moment in meinem Leben.
[1] Hartmut Rosa, „Situation und Konstellation“, Berlin 2026, S.11
[2] Hartmut Rosa, „Situation und Konstellation“, Berlin 2026, S.7
[3] aaO., S.22
[4] aaO. S.31f
[5] aaO. S.31
[6] aaO., S.18f
[7] aaO., S.116
[8] aaO., S.178
[9] aaO., S.56
[10] Vgl. https://www.caritas-hochrhein.de/caritas-hochrhein/innovation/ist-zeit-pflege (abgerufen am 15.7.2026)
[11] aaO., S.53
[12] Vgl. Lukas 10,25-37
[13] Vgl. Johannes 8,1-11
[14] Die Augenbinde der Justitia ist übrigens gar keine antike Erfindung. Im römischen Recht war Justitia sehend. Auf antiken römischen Münzen, die unter Kaiser Tiberius (regierte 14–37 n. Chr.) geprägt wurden, ist die Justitia als thronende Gestalt mit Waage, Zepter oder Olivenzweig zu sehen – stets mit unbedeckten, wachsamen Augen. Die Augenbinde kam erst in der Renaissance (um 1494) auf – und zwar ironischerweise zuerst als Spott darüber, dass die Justitia blind für das Unrecht in der Welt sei. Erst später wurde daraus das Symbol für unparteiische Objektivität. Vgl. Martin Jay, „Must Justice Be Blind? The Challenge of Images to the Law.“, nachzulesen unter https://maypoleofwisdom.com/wp-content/uploads/2023/06/justice-blind.pdf#:~:text=Justitia’s%20vision%20is%20veiled%20so%20that%20she,only%20be%20applied%20without%20regard%20for%20indi. (abgerufen am 16.7.2026)
[15] Vgl. Apostelgeschichte 10
[16] Vgl. Apostelgeschichte 15
[17] Vgl. Mt.28,6-10
[18] Vgl. Joh.1,14: „Das Wort wurde Mensch und lebte unter uns. Wir selbst haben seine göttliche Herrlichkeit gesehen, eine Herrlichkeit, wie sie Gott nur seinem einzigen Sohn gibt. In ihm sind Gottes Gnade und Wahrheit zu uns gekommen.“ (HfA)
[19] Vgl. 2.Kor.3,6f: „Er hat uns befähigt, Diener seines neuen Bundes zu sein, eines Bundes, der nicht auf schriftlichen Gesetzen beruht, sondern auf dem Geist Gottes. Der alte Weg führt in den Tod, aber auf dem neuen Weg schenkt der Heilige Geist Leben.“ (NL) / Röm.7,6: „Jetzt aber, wo wir dem Gesetz gegenüber gestorben sind, das uns gefangen hielt, unterstehen wir ihm nicht länger. Wir stehen jetzt im Dienst einer neuen Ordnung, der des Geistes, und unterstehen nicht mehr der alten Ordnung, die vom Buchstaben des Gesetzes bestimmt war.“ (NGÜ) / Röm.2,29: „Jude ist man im tiefsten Inneren, wenn die Beschneidung mehr bedeutet als die Erfüllung toter Buchstaben. Was wirklich zählt, ist die Beschneidung, die vom Heiligen Geist kommt und einen Menschen völlig verändert.“ (HfA)
[20] Vgl. Joh.16,12-15: „Ich hätte euch noch viel zu sagen, aber ihr wärt jetzt überfordert. Doch wenn der ´Helfer` kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch zum vollen Verständnis der Wahrheit führen. Denn was er sagen wird, wird er nicht aus sich selbst heraus sagen; er wird das sagen, was er hört. Und er wird euch die zukünftigen Dinge verkünden… Aus diesem Grund sage ich: Was er euch verkünden wird, empfängt er von mir.“ (NGÜ)
Zusammenfassung des Buches