Israel und Marienverehrung

Begeisterung für das Judentum

Ich bekenne mich dazu, dass ich eine große Begeisterung für das Judentum und Israel habe. Als junger Mann hat mich die Geschichte des Holocaust so beschäftigt, dass ich angefangen habe Judaistik an der jüdischen Hochschule in Heidelberg zu studieren. Relativ bald habe ich allerdings wahrgenommen, dass das als Nichtjude eine ziemlich brotlose Kunst wird. Also habe ich zur evangelischen Theologie gewechselt.  Es hat mich trotzdem nachhaltig geprägt und bis heute sind mir die Melodien des Kantorunterrichts im Kopf, die man lernt, wenn man die Tore singen möchte. Durch mehrere Besuche in Israel liebe ich die Landschaft, das Volk, die Menschen, die jüdische Kultur, die jüdische Geschichte, jüdische Weisheit, jüdische Bibelauslegung, das jüdische Temperament, die jüdische Offenheit, die Tiefe jüdischer Spiritualität und die jüdische Bibel. Und dieses Jahr war es für mich eine der schönsten Erfahrungen in der örtlichen Synagoge mit meiner Familie bei der Passahfeier dabei gewesen zu sein. Flagge Israels – Wikipedia

Begeisterung für Israel muss sich aber nicht auf alles ausdehnen, was irgendwie mit Judentum und Israel zu tun hat oder jüdisch im Namen trägt. Es gibt doch bei allem auf der Welt positive und negative Aspekte, Licht und Schatten, Göttliches und Menschliches. Ich kann begeistert sein von Israel und doch der israelischen Politik und radikalen Politikern kritisch gegenüberstehen. Wo die Liebe zu Israel unkritisch sein muss, hat sie nichts mehr mit Begeisterung oder Freundschaft zu tun, sondern tendiert zum Götzendienst. Und mir ist bewusst, dass wir besonders mit der deutschen Geschichte sparsam und präzise sein müssen, wenn es um Kritik an Israel geht. Eine kritische Sichtweise der Politik Israels gegenüber darf wiederum nicht zum Antijudaismus werden.

Evangelikale Marienfrömmigkeit

Leider erweckt evangelikale Frömmigkeit und Israelliebe immer wieder den Eindruck, voreingenommen oder auf einem Auge blind zu sein. Für mich hat die evangelikale Israelfrömmigkeit Ähnlichkeiten mit der katholischen Marienverehrung. Viele Katholiken erhoffen sich von der Verehrung Marias, ihrer Wertschätzung, ihrer besondere Bedeutung und Rolle in Frömmigkeit und Spiritualität besonderen Segen, besondere Gunst und Gnade Gottes. Ganz ähnlich erhoffen sich evangelikale Christen von der besonderen Verehrung Israels, dessen besonderer Wertschätzung und dessen wichtiger Rolle in Frömmigkeit und Spiritualität ebenfalls Segen Gottes, seine Gunst und Gnade. Schließlich segnet Gott ja die, die Jerusalem segnen. Offensichtlich brauchen religiöse Menschen immer wieder etwas Handgreifliches in ihrer Religiosität angesichts eines transzendenten Gottes. Hier ist es die Frau Maria, dort ist es das Volk Israel.

Ich habe einmal im Alten Testament recherchiert, in welchem Verhältnis Kritik- und Gerichtstexte in Bezug auf Israel zu Segens- und Verheißungstexten stehen. Das Ergebnis zeigt die Grafik. Die kritischen Texte überwiegen bei weitem.

 

Beide Arten von Texten sind wichtig, sie bedingen einander. Gerade weil Israel so viele Verheißungen hat, braucht es auch die Kritik. Aber die Kritik ist nur deswegen sinnvoll, weil so viele Verheißungen auf Israel liegen. Die Bibel selbst scheut sich also nicht, immer wieder deutliche Kritik an Israel zu üben, genauso wie an den Feinden Israels. Und das Volk Israel ist doch heute nicht besser drauf als damals.

Darum finde ich es schade, wenn Kritik an der Politik Israels oder Verständnis für das Leiden der Palästinenser von manchen gleich als antijüdisch oder sogar antisemitisch verstanden wird.

Ich wage es nicht, ein Urteil über die politische Situation im Nahen Osten zu fällen. Das ist unglaublich komplex, ich bin weit weg und höre so viele verschiedene Perspektiven. Ich fühle mich überfordert davon, ein gerechtes Urteil fällen zu können. Ich weiß nur, dass grundsätzlich Gewalt keine Lösung ist und Menschlichkeit immer der göttliche Weg ist. Aber man muss nicht alles gut heißen was Israel tut, um ein Freund des jüdischen Volkes zu sein. Es wäre doch genauso absurd, wenn ich als begeisterter Deutscher deswegen alles gutheißen muss, was die Regierung macht, was einzelne Ministerien machen oder einzelne Politiker von sich geben. Gerade weil ich Deutschland liebe, möchte ich kritisch bleiben und mithelfen, dass sich eine gute Politik durchsetzt, die das Leben zum Blühen bringt. Ohne Frage ist der Terrorangriff der Hammas auf Israel aufs Schärfste zu verurteilen. Gleichzeitig muß ich nicht jede Antwort auf den Terror, egal wie verständlich, grausam oder menschenverachtend er ausfällt, gutheißen und befürworten.undefined

Ich möchte an der Seite Israel stehen, allem Antisemitismus entgegentreten. Aber gerade deshalb braucht es neben aller Unterstützung, Solidarität und Freundschaft manchmal auch Kritik an Israel, weil sonst die Grausamkeit israelischer Soldaten oder die Ungerechtigkeit der Politik die Wut vieler anderer Menschen auf sich zieht. Es wäre ja fatal zu denken, dass Menschen, bloß weil sie aus Israel stammen, dadurch bessere, weisere, klügere oder göttlichere Entscheidungen treffen. Menschen sind Menschen, egal wo sie leben.

Und da gibt es Menschen, die gute Entscheidungen treffen und Menschen die schlechte Entscheidung treffen, Menschen die Frieden befürworten und Menschen die Gewalt für die Lösung halten. Israeliten sind genauso (un)menschlich wie Palästinenser, Deutsche genauso (un)menschlich wie Schweizer, Mexikaner genauso (un)menschlich wie US-Amerikaner. Und diese (Un-)Menschlichkeit macht uns zu allem fähig: zu allem Schönen und Guten und zu allem Hässlichen und Grausamen.

Ich verstehe nicht, warum wahre Hingabe am Ende immer etwas Unkritisches an sich haben muss. Als Jesus Petrus aufforderte aus dem Boot zu steigen, musste Petrus doch nicht dem Wasser gegenüber unkritisch werden oder seine physikalischen Eigenschaften leugnen. Er musste nicht anfangen zu glauben, dass man auf Flüssigkeiten laufen kann. Er musste anfangen zu glauben, dass Gott trotz den physikalischen Eigenschaften des Wassers eine Lösung findet. Tiefer Glaube erwächst nicht aus dem Leugnen der Realität, sondern zeichnet sich dadurch aus, daß trotz kritischen Denkens und dem Bewusstsein für die Realität das Vertrauen in Gottes Möglichkeiten noch größer ist.