MC 161: Warum streiten sich lohnt

In den nächsten beiden Folgen möchte ich mich mit Streitkultur auseinandersetzen. In Folge 161 geht es darum, warum Streiten sich lohnt. Ich plädiere für klare und starke Überzeugungen. Es lohnt sich Überzeugungen zu entwickeln, nicht einfach neutral zu bleiben und wieder gemeinsam zu ringen um Antworten. Überzeugungen sind die Quelle der Motivation und Leidenschaft. Und ohne Überzeugungen bleibt der Glaube und das Christentum kraft-und saftlos.

Dabei ist es wichtig, Überzeugungen nicht mit der Wahrheit gleichzusetzen. Gott ist ein Freund klarer Überzeugungen und ihm ist mündiges Nachdenken lieber als blinder Gehorsam.

Transkript:

MC 161: Warum sich streiten lohnt

Es liegt nun schon einige Wochen her, dass in einem Podcast Vertretern einer bestimmten theologischen Richtung (zu der ich mich auch zähle) die persönliche Jesusbeziehung und das Heil abgesprochen und eine direkte Verführung durch den Satan unterstellt wurde.

In den letzten Monaten erlebe ich immer wieder eine Streitkultur unter Christen, die mir zeitweise unheimlich ist. Ich überlege mir, ob ich überhaupt noch etwas auf Facebook oder Instagram poste, weil die Reaktionen zum Teil so unverhältnismäßig sind und man manchmal mit wenigen Worten ungeheuer viel triggern kann.

Als Christen streiten – geht das überhaupt? Ich möchte mich in diesem Artikel damit beschäftigen, warum sich streiten lohnt. Und im folgenden Artikel, der in der nächsten Ausgabe erscheinen wird damit, warum sich streiten nicht lohnt. Also beginnen wir mit dem lobenswerten unsere Auseinandersetzungen:

Streiten lohnt sich, weil es sich lohnt Überzeugungen zu haben.

Ich nehme in unserer Gesellschaft, aber auch unter Christen zwei Tendenzen wahr: entweder man radikalisiert sich, wird fundamentalistisch oder man verstummt und entwickelt eine gewisse Gleichgültigkeit. In sozialen Medien werden Überzeugungen oft radikal kommuniziert, mit ungeheurer verbaler Vehemenz und einem unumstößlichen Wahrheitsanspruch. Damit können sich viele nicht mehr identifizieren und sehen darin eine Verrohung unserer Gesellschaft. Weil man sich auf diesem verbalen Schlachtfeld nicht tummeln möchte, bleibt man still, verstummt oder bekommt eine Aversion allen starken Überzeugungen gegenüber. In der Sehnsucht nach Toleranz und Akzeptanz werden starke Überzeugungen zum neuen Feindbild.

Aber ich halte es für trotzdem für wichtig, dass Menschen und insbesondere auch Christen klare Überzeugungen haben. Leider haben wir in unseren programmorientierten Gottesdiensten und Kirchen die Tendenz, die Besucher zu Zuschauern und damit zu Konsumenten zu machen. Aber Konsument sein und feste Überzeugung haben ist in sich schon ein Widerspruch. Ein Konsument genießt das Fertigprodukt. Solange Christen in ihren Gottesdiensten, durch YouTube Predigten oder auf sozialen Medien einfach nur Inhalte konsumieren, wird nichts mehr selbst erarbeitet und eigene gewachsene und gereifte Überzeugungen bleiben auf der Strecke. Nach 30 Jahren als Pastor fällt mir auf, dass Christen immer weniger selbst in ihrer Bibel lesen. Sie konsumieren dadurch vor allem die Deutungen und Überzeugungen anderer über die Bibel Aber es macht einen großen Unterschied, ob ich selbst in der Bibel lese und selbst zu eigenen Überzeugungen gelange oder ob bloß übernehme, was die Überzeugungen anderer sind.  Aber übernommene Überzeugungen haben am Ende viel weniger Kraft wie selbst entwickelte und erarbeitete Überzeugungen. Für mich hängt eine gewisse Leidenschaftslosigkeit des Christentums mit einer Überzeugungslosigkeit zusammen. Überzeugungen sind wie der Kraftstoff unserer Motivation und Vision. Wo immer Menschen von Motivation, Vision oder innerem Antrieb erfüllt sind, verfügen sie auch über starke Überzeugungen. Überzeugungen haben enorm motivierende Kraft für unser Leben und für unseren Glauben. Große Dinge geschehen nur durch starke Überzeugungen. Sie helfen uns unterwegs nicht schlapp zu machen und nicht dem Widerstand nachzugeben. Wenn Überzeugungen auf schwachen Beinchen stehen, dann reicht der Widerstand oder die Androhung von Konsequenzen, um sich von ihnen zu verabschieden.

Für die Entwicklung starker und gesunder Überzeugungen schadet uns der Fundamentalismus von rechts und von links enorm. Der Fundamentalismus von rechts hat so viel Radikalisierung und Verschwörungsmythen hervorgebracht – verbunden mit einer gewissen Militanz – dass viele nichts damit zu tun haben möchte. Wer heutzutage starke Überzeugungen formuliert muss befürchten, schnell in die rechte fundamentalistische Ecke gedrängt zu werden.

Gegen die konnte man nicht anreden, die waren irgendwie komplett betriebsblind. Da hat kein normales Gespräch mehr gefruchtet und man hat da die ganzen negativen Auswüchse von starken Überzeugungen wahrgenommen und kennengelernt und damit möchte man irgendwie nichts zu tun haben und somit sind Überzeugungen ein Stück weit in Verruf geraten. Nun gibt es aber eine ganz gefährliche linke Gegenbewegung dazu. Die hat sich in den USA schon deutlich breitgemacht, aber ist natürlich auch bei uns vorzufinden. Es macht sich eine gewisse Voce Kultur, eine Kanzelkultur breit, die im Kern etwas zutiefst Demokratisches verhindert. Im Namen sehr guter Dinge wie Gerechtigkeit und Antirassismus greift zum Teil eine Ideologie um sich, die eine ganz neue Intoleranz erzeugt. Also um Minderheiten zu schützen, um bewusst vorzugehen gegen jahrhundertelang oder jahrzehntelangen Missbrauch von Menschen oder Unterdrückung von Menschen entsteht eine ganz neue Intoleranz und ein Klima der Angst, wo man sich plötzlich nicht mehr traut, bestimmte Dinge, bestimmte Überzeugungen überhaupt noch anzusprechen, überhaupt noch zu reflektieren. Es ist so ein ganz neuer Dogmatismus, ein Freund-Feind Denken. Es wird ganz starke Zensur geübt. Man darf nicht mehr alles sagen, man darf. Man will mir alles hören. Und ich empfinde, dass die Demokratie dadurch ein Stück weit auch gefährdet wird. Professoren und Professorinnen betonen immer wieder, dass eine offene Debattenkultur grundlegend für wissenschaftliches Arbeiten ist. Es werden plötzlich Tabuthemen geschaffen, über die man nicht mehr diskutieren darf. Aber sobald verletzte Gefühle Argumente ersetzen, wird es schwer, Konflikte zu lösen. Es gibt wirklich sehr schädliche und missbräuchliche und unterdrückende Überzeugungen, und die wollen wir keinesfalls mehr haben. Aber für mich heißt die Lösung nicht Wir tabuisieren die Dinge. Man darf nicht mehr drüber reden. Wehe, jemand erwähnt etwas davon, sondern die Sachen kriegt man nur aus dem Weg geschafft durch gute und bessere Argumente. Ich glaube, wir brauchen eine demokratische Debattenkultur. Ich finde es wichtig, dass niemand aus dem öffentlichen Diskurs ausgeschlossen wird, egal, ob mir dessen Meinung passt oder nicht. Also zu wenig Reflexion bei zu viel Konsumation? Zum Zweiten zu wenig. Selbst in der Bibel lesen. Und zum Dritten Eine gewisse Cancel-culture, die gewisse Debatten im Keim ersticken möchte, führt dazu, dass wir immer weniger den Mut haben, eigene Überzeugungen zu entwickeln. Und nun kommt auf christlicher Seite noch etwas ganz Tragisches dazu. An vielen Stellen hat man verlernt, Überzeugungen von Wahrheit zu unterscheiden. Die meisten christlichen Debatten, die ich so mitbekomme, sind keine Debatten um Überzeugungen. Es sind immer Debatten um die Wahrheit. Wir sind es uns in Zwischenzeit so gewohnt in unseren christlichen Lagern, dass wir unsere Überzeugungen ganz reflexartig gleichsetzen mit der Wahrheit Gottes. Ich präsentiere hier nicht nur meine Überzeugung, ich präsentiere die Wahrheit. Ich glaube nicht nur an meine Überzeugung, Ich glaube an die Wahrheit. Überzeugungen bringen uns nicht in den Himmel. Die Wahrheit bringt uns in den Himmel. Darum können wir uns nicht auf der Ebene der Überzeugungen abgeben, sondern wir brauchen immer die Wahrheit.

Wir müssen zur Wahrheit vordringen. Und was hier schlicht ein bisschen übertrieben klingt, erlebe ich aber in ganz vielen Kreisen genauso. Es ist nur ein ganz kleiner Schritt von Überzeugung zu Wahrheit. Ich habe den Eindruck, dass ganz viele Christen zutiefst davon überzeugt sind, dass das, was sie denken, der Wahrheit entspricht, dass das wirklich die Wahrheit ist. Und aus dem Grund sind die eigenen Überzeugungen auch die richtigen Überzeugungen und die Überzeugung der anderen dadurch automatisch falsche Überzeugungen. Und so kommt es nicht zu einem ebenbürtigen und gleichberechtigten Austausch der Überzeugungen, sondern es wird ganz schnell zum Streit um die Wahrheit. Und bei der Wahrheit gibt es bekanntlich null Toleranz. Und so hat die christliche Anmaßung, es ständig mit der Wahrheit zu tun zu haben, im Zuge dessen die Überzeugungen aufgefressen. Deine Überzeugungen sind vollkommen uninteressant, denn das Einzige, was interessiert, ist die Wahrheit. Und dieses kämpferische Klima und diese Verunsicherung führt eben dazu, dass wir viel zu wenig echte, gute, gesunde Überzeugungen unter uns Christen haben. Und ich sage es noch einmal: Was am Ende tatsächlich motiviert, Leidenschaft erzeugt, mich voranbringt, sind Überzeugungen. Und ich möchte echt eine Lanze dafür brechen, dass Gott selbst aller höchstes Interesse daran hat, dass wir Überzeugungen haben. Die Bibel bestärkt uns sogar darin, eigene Überzeugungen zu entwickeln und die auch zu vertreten und zu verantworten. Es gibt einen wunderbaren Text im Römerbrief im 14. Kapitel, wo es genau darum ging, dass Menschen ganz unterschiedliche Überzeugungen hatten. Da ging es um die Frage: Darf man Fleisch essen oder muss man Vegetarier sein? Fleisch war damals immer verbunden mit irgendwelchen Götzen Opfern im Heidentum. Und da war die Frage Kann man sich das erlauben, dass man solches Fleisch isst? Oder die andere Frage war muss man wirklich alle jüdischen Feiertage, den Sabbat usw halten? Und da gab es offensichtlich unterschiedliche Auffassungen. Und ich finde es großartig, dass der Text dann nicht sagt so ist es für alle ein für alle Mal. Da gibt es nichts zu diskutieren, sondern dass Paulus die verschiedenen Überzeugungen darstellt. Du kannst Fleisch essen, du kannst bleiben lassen, du kannst die Feiertage halten, du kannst es nicht halten. Am Ende muss es zur Ehre Gottes geschehen. Und er sagt einen Vers 22 Behandle deine Überzeugungen in diesen Dingen als eine Angelegenheit zwischen dir und Gott. Glücklich zu nennen ist der, der sich in Fragen der persönlichen Überzeugungen so verhält, dass er sich nicht selbst anzuklagen braucht. Also in anderen Worten, habt dann Überzeugungen, steht dazu, macht sie als reif Überzeugung, als gewachsene Überzeugung, als echte. Die Überzeugungen, die reflektiert sind. Und dann musst du dich deswegen auch nicht dir was vorwerfen lassen und dich anklagen lassen. Das einzige Kriterium, das Römer 14 nennt, ist das Thema Rücksicht. Nimm einfach Rücksicht auf die anderen, aber habe deine Überzeugung. Und ich liebe in diesem Zusammenhang ganz besonders die jüdische Art, über die Bibel zu sprechen und die Bibel zu lesen und die Bibel auszulegen.

Gerade wenn man sich den Talmud anschaut mit den verschiedenen Sammlungen, die da zusammenkamen, dann hat man da ganz viele Texte zu den biblischen Texten, in denen beschrieben wird. Rabbi Soundso sagt aber Rabbi Soundso sagt und dieser Rabbi sagt und jener Rabbi sagte Man hat die verschiedenen Aussagen der Rabbiner, die zum Teil völlig widersprüchlich sind, einfach gesammelt und nebeneinander gestellt und gesagt Aus all dem können wir etwas lernen. Es geht am Schluss gar nicht darum, die Wahrheit rauszufinden, sondern an den unterschiedlichen Überzeugungen selbst zu wachsen und zu reifen und zu gedeihen. Ich finde, das Judentum hat sich davor gehütet, zu dogmatisch zu werden, damit am Schluss nicht lauter Überzeugungen ausgeschieden werden zugunsten einer für alle Zeit gültigen Dogmatik. Das Judentum bis heute lebt von einer lebendigen Debatte, einer lebendigen Auseinandersetzung, einem lebendigen Gespräch über die Bedeutung biblischer Texte, über Bedeutung von Religion und von Traditionen, von Gott usw. Da finden immer wieder ganz viele Überzeugungen zueinander oder werden aneinander gerieben wird. Es findet Reflexion statt und damit entwickelt sich dieser Glaube ständig weiter, aktualisiert sich, gewinnt an Relevanz und erzeugt damit ganz neue Überzeugungen, die wiederum Triebfeder sind für die Zukunft. Es gibt im rabbinischen Judentum eine wunderbare Geschichte, die den Wert eigener Überzeugungen ganz stark herausstellt. Die Geschichte macht deutlich, wie ich außergewöhnliches Verhältnis zwischen den Juden und Gott vorherrscht. Die Geschichte ist um den Namen Der Ofen von Agnai bekannt und hat folgenden historischen Hintergrund. Juden brauchen zum Essen koschere Kochutensilien, also getöpferte Behälter oder Öfen. Konnte man im Gegensatz zum heutigen Geschirr nicht mehr koscher machen, wenn sie aus irgendeinem Grund erst einmal unrein geworden waren. Stattdessen musste sie komplett zerschlagen werden. Und eines Tages kam ein kluger Kopf auf die Idee, einen Ofen zu entwickeln, der bereits vor der Benutzung zerschlagen worden war, also eine Art recycelbare Backstation. Diese kam in einzelnen Stücken, wurde mit Lehm an den Bruchstellen aufgefüllt, gebrannt und so funktionsfähig gemacht. Und wenn dieser Ofen nun unrein wurde, nahm man ihn mit wenig Aufwand auseinander, setzte ihn anschließend wieder mithilfe von Lehm zusammen, brannte ihn erneut und schon hatte man wieder hatte man wieder einen neuen, rituell reinen Ofen hergestellt. Anstatt also jedes Mal einen neuen Ofen bauen zu müssen, hat man einfach einen zusammensetzt baren Ofen verwendet. Und nun fand Rabbi Eliezer Ben Hur Kanos diese Idee wunderbar, während die anderen Weisen und Rabbiner den Vorschlag überhaupt nicht toll fanden und ihm eine Absage erteilten, weil man es sich ihrer Meinung nach damit viel zu einfach machte. Und dann kam es zu einer heftigen Debatte darüber im örtlichen Lehrhaus und währenddessen deutete Rabbi Eliezer auf einen Baum und rief Wenn ich recht habe, dann wird es dieser Baum bezeugen. In diesem Moment hob sich der Baum, der im Vorgarten des Lehrhauses stand, wie von Geisterhand aus der Erde heraus und schoss 100 Fuß gegen den Himmel. Die anderen Rabbinen antworteten dann Wir diskutieren hier über Kochgegenstände, behält und Unreinheit. Was hat denn der Baum mit unserer Diskussion zu tun? Daraufhin meinte Eliezer Sollte ich recht haben, dann wird der Fluss dies beweisen. Und mit einem Mal änderte der Fluss die Laufrichtung des herabströmenden Wassers. Plötzlich führte er bergauf und nicht mehr bergab, woraufhin die Weisen sagten Du kannst mithilfe eines Flusses keinen Beweis für die Richtigkeit deiner Meinung erbringen. Eliezer rief daraufhin Wenn ich recht habe, dann sollen die Wände dieses Lehrhauses es beweisen. Und in dem Moment begannen sich die Wände kräftig nach innen zu neigen. Da stand Rabbi Jehoshua auf und rief Vier Wände! Was geht es euch an, wenn wir Rabbiner uns streiten? Und aus Respekt vor ihm stürzten sie nicht vollständig ein. Doch aus Respekt vor Rabbi Leser bewirken sie sich auch nicht zu ihrem Ausgangspunkt zurück, sondern blieben bis zum heutigen Tag schief stehen. Schließlich erklärte Rabbi Eliezer Wenn ich recht habe, dann wird es eine himmlische Stimme beweisen. Da erschallte die Stimme Gottes und rief Was habt ihr gegen Rabbi Eliezer? Ihr wisst doch bestimmt, dass er in jedem einzelnen Fall recht hat und das Gesetz sich stets nach seiner Ansicht. Und jetzt kommt sozusagen der Clou der Geschichte. Das heißt dann: Woraufhin Rabbi Joschua aufstand, zum Himmel blickte und erwiderte: Die Tora ist nicht im Himmel. Du hast uns die Tora schon gegeben, Ewiger. Und in ebendieser Tora steht geschrieben, dass sie nicht mehr im Himmel ist, sondern auf Erden. Hier wird durch die demokratische Mehrheit entschieden, und die Mehrheit hat sich gegen Rabbi Eliesers Meinung gewandt. Und insofern wurde Gott und Rabbi Eliezer von einem halben Dutzend anderer Rabbiner glatt überstimmt. Die demokratische Mehrheit hatte gewonnen. Damit war die Geschichte aber noch nicht zu Ende, sondern einer der beteiligten Rabbiner sprach später mit dem Propheten Elijahu, und der Rabbiner fragte Elijahu, wie Gott denn reagiert habe, nachdem er von seinen Kindern überstimmt worden war, woraufhin Elia antwortete. Er hat fröhlich gelacht und gesagt Meine Kinder haben mich besiegt, meine Kinder haben mich besiegt. Und die Moral vor dieser Geschichte ist, dass es dieser unglaubliche Moment ist, in dem Gott sich vor seiner eigenen Schöpfung verneigt, dem Menschen in seiner intellektuellen Kühnheit Tribut zollt und wie einem wie ein stolzer Vater anerkennt, dass seine Kinder zu eigenständigen, mutigen und kritischen Geistern gereift sind. Es ist dieser Moment, der kraftvoll vor Augen führt, dass es Gott aus jüdischer Perspektive eben nicht darum geht, unterwürfige, abhängige und geistig verarmte Wesen zu erschaffen, die ihm wie Schafe folgen, sondern selbstbewusste und emanzipierte Partner, die ihm bei der Vervollkommnung der Welt zur Seite stehen. Es ist dieser Moment, in dem der ewige Gott dem Individuum Raum gibt, sich fortzuentwickeln, zu wachsen, zu reifen, um sich für die kommenden Aufgaben zu wappnen. Gehorsam und Widerspruch sind im Judentum keine entgegengesetzten Pole, sondern zwei Seiten ein und derselben Medaille. Man könnte auch sagen die jeweiligen Paare Treue und Kühnheit, Loyalität und Emanzipation, Dienst und kritische Reflexion bilden das Fundament der Aussage des außergewöhnlichen Verhältnisses zwischen dem Volk Israel und Gott. Das Ganze ist nachzulesen in der Jüdischen Allgemeinen vom 5. Dezember 2016, wo es heißt Gott hat uns als selbstbewusste Partner erschaffen, nicht als blinde Befehlsempfänger. Und wer das Ganze im Talmud nachlesen möchte, der findet das im Traktat Baba Mattzia 59 A. Kann man googeln, findet man sofort und dann kann man das im Original nachlesen. Und ich finde diese Geschichte ganz großartig, um deutlich zu machen, dass es auch für Gott einen Wert hat, wenn wir Überzeugungen entwickeln, wenn wir Meinungen haben, wenn wir über Dinge reflektieren und sagen So sehe ich das. Diese Haltung oder diese Meinung ist in mir gereift, ist in mir gewachsen, findet ganz starke Resonanz in meinem Inneren. Aber eben das passiert nicht, wenn ich bloß konsumiere, wenn ich bloß übernehme und nicht selber reflektiere. Und darum ist dieser Podcast wirklich ein Appell daran, wieder eigene Überzeugungen zu entwickeln und sich nicht in Sicherheit zu bringen angesichts von einem ganz schädlichen Fundamentalismus, den wir in unserer Gesellschaft erleben. Egal ob von rechts oder von links. Wir brauchen eine lebendige und respektvolle Debattenkultur. Wir müssen wegkommen von dem Gedanken Es dreht sich alles nur um die Wahrheit. Und entweder ich habe sie oder ich habe sie nicht, sondern da gibt es noch ganz viel dazwischen.

Gott ist im Besitz der Wahrheit und wir sind im Besitz von Überzeugungen. Und mit all den Debatten über unsere Überzeugungen, mit all dem Reifen und Wachsen lassen unsere Überzeugungen und nehmen wir gemeinsam immer mehr Schritte in Richtung der Wahrheit. Aber die Wahrheit ist gerade dann gefährdet, wenn wir keine Überzeugungen mehr entwickeln, wenn wir nicht mehr zu eigenen Überzeugungen fähig sind. Und darum lohnt es sich zu streiten, weil dieses Streiten deutlich macht Hier sind Menschen, die haben Überzeugungen, und diese Überzeugungen sind ihnen so wichtig und wertvoll, dass es sich lohnt, sich dafür einzusetzen, sich dafür stark zu machen, sie zu verteidigen, zu rechtfertigen und mit Argumenten auszustatten. Das sind alles Kennzeichen davon, dass Menschen Überzeugungen besitzen. Aber bitte niemals mit dem Anspruch Ich bin im Besitz der Wahrheit, sondern nur Ich bin im Besitz einer Überzeugung. Und so wie die Wahrheit sich nicht wandelt, so dürfen sich Überzeugungen sehr wohl verwandeln. Und in der Auseinandersetzung, in der neuen Reflexion. Angesichts deiner Überzeugung verändert sich vielleicht tatsächlich meine Überzeugung und. Sinn macht uns eben darauf aufmerksam, dass wir ruhig eigene Überzeugungen haben dürfen. Was es braucht, ist Respekt und Rücksicht aufeinander. Und das darf uns in der Debatte und in der Streitkultur keinesfalls abhandenkommen. Den Respekt voreinander und die Rücksicht aufeinander. Und im nächsten Podcast geht’s dann genau ums Gegenteil. Warum sich nicht lohnt zu streiten und was ich damit meine. Bis dahin wünsche ich euch alles Gute. Seid gesegnet. Machs gut, bleib gesund. Bis zum nächsten Mal. Bye bye. Martin.

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