Movecast Podcast Feature Image

MC 162 – Warum streiten sich NICHT lohnt

Wenn der letzte Movecast ein Plädoyer für feste Überzeugungen war, dann ist Movecast 162 ein Plädoyer für Toleranz und Bescheidenheit.

Auch wenn feste Überzeugungen noch so wichtig sind, sind sie nicht dasselbe wie die Wahrheit. Wir sprechen immer nur über WahrscheinlichkeitenGott scheint bei dogmatischen Irrtümern weniger Panik zu bekommen wie so manch bibeltreuer Christ. Gott erträgt seine Kirche seit 2000 Jahren trotz der verrücktesten Lehren, die sie hervorgebracht hat. Wir sollten uns von Gottes Fähigkeit, mit Fehlüberzeugungen zurechtzukommen, eine Scheibe abschneiden. Und es sollte uns neu tolerant und bescheiden machen im Umgang mit jeder Form von Andersartigkeit!

GEMA-freie Musik von www.frametraxx.de

Cinematic by Makaih Beats is licensed under a Attribution-NonCommercial-NoDerivatives 4.0 International License.
https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/deed.de

 

Transcript

Willkommen zum Movecast, dem Podcast, der etwas bewegen möchte. Mein Name ist Martin Benz und jetzt geht’s los.

Schön, ich freue mich, dass ihr auch bei dieser Folge wieder dabei seid und ich setze heute den letzten Podcast fort. Der letzte Podcast hieß, warum sich streiten lohnt und mein heutiger Podcast heißt, warum sich streiten nicht lohnt und da sind wir auch schon mitten im Problem dessen, um was es heute geht.

Ich freue mich, wenn Menschen Überzeugungen haben, davon habe ich letzten Podcast gesprochen.

 

Nichts ist schlimmer als eine Gesellschaft und auch ein Christentum, wo Menschen keine Überzeugungen mehr haben, wo sie sich entweder nicht trauen, eigene Überzeugungen zu entwickeln, sondern immer nur Überzeugungen übernehmen oder wo ihnen schlichtweg inzwischen alles egal ist und sie gar kein Interesse mehr daran haben, selbst Stellung zu beziehen. Das finde ich also ganz schwierig und deswegen setze ich mich sehr dafür ein, dass wir echt wieder Überzeugungen haben, weil Überzeugung auch ganz viel motivierende Kraft hat.

 

Etwas, wovon ich überzeugt bin, das gibt mir Kraft, das gibt mir Vision, das lässt mich standhalten, aufstehen, auch durchhalten. Überzeugungen sind wirklich wichtig für das innere Korsett und die innere Stabilität meiner Seele und meines Denkens. Und darum lohnt es sich zu streiten in dem Sinne, dass es sich eben lohnt, solche Überzeugungen zu entwickeln.

 

Darum ging es das letzte Mal und ich würde euch wirklich raten, diesen Podcast anzuhören, wenn ihr diesen hört oder wenn ihr diesen gehört habt, unbedingt auch noch Folge 161 anzuhören.

 

Nun, warum möchte ich heute dafür plädieren, dass sich streiten nicht lohnt, leiser zu streiten, vorsichtiger zu streiten, zurückhaltender zu streiten oder eben vielleicht auch gar nicht zu streiten?

 

Nun, die Grundüberlegung ist eine, die wir natürlich seit Jahrhunderten gesellschaftlich, auch philosophisch wahrnehmen und vor allem, weil es auch konkret im Neuen Testament steht.

Ausgangsbasis dieses Podcasts ist vielleicht die Aussage von Paulus im 1.Korintherbrief, Kapitel 13, ab Vers 9 sagt er, denn wir erkennen stückweise und wir prophezeien oder weissagen stückweise, wenn aber das Vollkommene kommt, wir das, was stückweise ist, weggetan werden. Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind, urteilte wie ein Kind. Als ich ein Mann wurde, tat ich weg, was kindlich war, denn wir sehen jetzt mittels eines Spiegels undeutlich, dann aber von Angesicht zu Angesicht, jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, wie ich auch erkannt worden bin, das schreibt Paulus.

Und natürlich geht es in diesem Abschnitt vom Kontext her zunächst einmal um die Geistesgabe, um die Prophetie, aber wir merken relativ schnell, dass Paulus das dann erweitert und grundsätzlich von unserer Erkenntnisfähigkeit spricht, natürlich die Erkenntnisfähigkeit in Bezug auf das Weissagen, auf das Prophezeien, aber auch allgemein auf unsere grundsätzliche Erkenntnisfähigkeit.

Und er sagt, eigentlich alles, was wir erkennen können, ist wie kindliches Erkennen und das wird irgendwann weggetan werden, weil man dann merkt, ups, das war doch ein bisschen naiv, was ich da geglaubt habe oder eben stückwerkunvollkommen bruchstückhaft.

Und er vergleicht unser jetziges Erkennen wie das undeutliche Erkennen durch einen Spiegel hindurch und ich denke, dass die Spiegel in der Antike noch nicht ganz so glasklar waren wie heute, sondern etwas undeutlicher und damit vergleicht Paulus unser Erkennen.

Und ich würde mir so sehr wünschen, dass wir Christen, egal aus welcher Denomination wir stammen, egal welche Überzeugungen wir haben, wahrnehmen würden und uns eingestehen würden, dass das, was wir so lauthals verkündigen, worüber wir so gerne streiten, am Ende doch Stückwerk ist, Unvollkommenes Erkennen.

Es ist höchstens die Wiedergabe etwas, das wir undeutlich wahrnehmen, mit unserem eigenen Verstand, mit unserer eigenen Fähigkeit zu begreifen. Wo immer Menschen über Gott reden, wo immer Menschen über den Glauben reden, bewegen sie sich auf der Ebene der Wahrscheinlichkeit, aber nicht auf der Ebene der Wahrheit und der Vollkommenheit. Das Vollkommene, die absolute Wahrheit, das kommt erst noch. Aber jetzt, solange wir hier auf dieser Welt sind, in unserem eingeschränkten Denken und Gehirn und unserer eingeschränkten Wahrnehmung, reden wir immer nur von Wahrscheinlichkeiten.

 

Hallo, ihr lieben Leute da draußen, gerade ihr lieben fundamentalistischen Leute. Ich wäre so froh, wenn ihr eingestehen würdet, dass wir alle es nur mit Wahrscheinlichkeiten zu tun haben. Niemand ist im Besitz der vollkommenen Wahrheit. Egal, wie lange du Theologie studiert hast, egal, bei welcher noch so bibeltreuen Ausbildungsstelle du studiert hast, dein Erkennen ist Stückwerk und auch mein Erkennen ist Stückwerk. Wenn wir das mal vom Tisch hätten, könnten wir ganz anders miteinander umgehen.

 

Und ich sage das gern immer und immer wieder, mein Podcast mit seinen 160 oder 62 Folgen bisher ist Stückwerk, das ist meine Überzeugung, und da streite ich gerne drüber, aber es ist nur meine Überzeugung, es hat nicht den Anspruch, dass ich was entdeckt habe, was der Wahrheit entspricht und alle anderen befinden sich jetzt da im Irrtum, das wäre absurd.

Aber ich finde es schön, wenn man Dinge entdeckt für sich, wenn man Dinge versteht für sich und die dann auch weitergibt oder weiterträgt und auch sich dafür einsetzt. Aber was ich sage und leider auch was du sagst, ist nur Wahrscheinlichkeit angesichts der Wahrheit Gottes. In anderen Worten, wir bekommen die Subjektivität nicht weg, wir sind immer subjektiv, auch immer Kinder unserer Zeit, Gefangene unserer Prägung, unseres kirchlichen oder auch kulturellen Hintergrundes.

Und was mich einfach stört, ist, dass wir uns in der Debatte augenblicklich wegbewegen von dieser Bescheidenheit, dass wir alle nur Stückweise erkennen und so ein neuer Kulturkampf entsteht und ganz viele der Meinung sind, wir haben jetzt Recht, wir haben endlich herausgefunden, was das Richtige ist oder wir sind die großen Bewahrer dessen, was schon immer absolute Wahrheit war und das lassen wir uns nicht nehmen und es wird ein verbissener Kampf, es wird nicht ein konstruktiver Streit, sondern ein verbissener Kampf, bei dem man sich gegenseitig den Glauben, die Jesusbeziehung, die Liebe zu Gott und so weiter abspricht.

 

Also warum sie streiten, nicht lohnt, mein erstes Argument war unsere Subjektivität, alles ist Stückwerk.

Es gibt noch ein zweites Argument, ich glaube wir dürfen weniger verbissen sein, weil ich glaube, dass Gott toleranter ist, als wir es uns manchmal denken. Ist uns eigentlich bewusst, wie viel Gott dogmatisch, theologisch und ethisch seit dem Beginn der Kirche schon erträgt und mitträgt. Gott hat unglaublich vieles schon durchlitten angesichts menschlicher Irrtümer. Geh doch mal die Kirchengeschichte durch, geh mal ins Mittelalter, in die Kreuzzüge zur Hexenverfolgung, die Streitigkeiten in der frühen Kirche, für die es dann wieder Konzilien gab, die Gnosis und alles Mögliche, was es schon gab im Raum und im Rahmen der Kirche. Manches wurde verurteilt, manches wurde jahrhundertelang mitgeschleppt.

Ich finde es erstaunlich, wie Gott sich seit 2000 Jahren zu seiner Kirche stellt, wie er seine Kirche liebt, seine Kirche trägt, seine Kirche fördert, in seiner Kirche gegenwärtig ist, der Kirche seinen Geist schenkt, obwohl in den letzten 2000 Jahren Kirchengeschichte so viele Irrtümer, so viel irrsinnige Theologie sich in der Kirche vorfindet. Gott kann viel mehr aushalten, als viele heutige Christen bereit sind auszuhalten. Gott macht verkehrte Theologie viel weniger einen Strich durch seine Rechnung, als wir denken, was sie anrichten würde.

Und mir ist klar, dass es viele Aufforderungen gibt, vor Irrlehre sich in Acht zu nehmen und die reine Lehre zu bewahren. Aber wer macht sich denn dann zum Anwalt der Wahrheit? Ich würde sagen, der Geist Gottes ist der Anwalt der Wahrheit und eben, wir reden immer nur mit unserer beschränkten Wahrnehmung, deswegen dürfen wir uns in der ganzen Geschichte nicht zu ernst nehmen.

Und selbst wenn sich mal ein Fehler einschleicht und ein Irrtum sich mit hineinschleppt in die Kirche, dann merke ich, dass Gott damit zurechtkommt, das schafft er seit 2000 Jahren Kirchengeschichte. Gott hält das aus, Gott kann damit umgehen, da gibt es etwas, das ist immer noch größer und wirkmächtiger als unsere theologischen Erkenntnisse und unsere dogmatische Rechtgläubigkeit. Sorry, ganz so wichtig ist unsere Dogmatik dann doch wieder nicht.

 

Natürlich, deswegen mein erster Podcast, lohnt es sich zu streiten, zu reflektieren, sich zu schärfen, zu überlegen, wo sind wir auch falsch unterwegs. Aber dann diese Vehemenz, als würde alles untergehen, wenn es dann nicht bei dem landet, wie ich es sehe, das ist wirklich ein Fehlgriff. Gott hält theologisch und dogmatisch viel mehr aus, als wir meinen. Und ich finde, dass besonders die evangelikale Version des Christentums ein dogmatisches Monster ist. Die Rechtgläubigkeit, die Orthodoxie, den richtigen Glauben zu haben und zu verkündigen, das ist absolute Priorität in evangelikalen Kreisen, es ist ein dogmatisches Monster.

Und weil wir unsere eigene Dogmatik, unsere eigene Lehre so unglaublich ernst und wichtig nehmen, kommt es immer und immer wieder zu Streit und zu Spaltungen, wie hat sich das protestantische Christentum die letzten 500 Jahre gespalten, gespalten und nochmal gespalten und Leute können nicht zusammenarbeiten, nicht zusammen in der gleichen Gemeinde sein, nicht zusammen am Reich Gottes arbeiten, weil man in irgendwelchen Spitzfindigkeiten unterschiedlicher Meinung ist.

Also die Art und Weise, wie man sich dogmatisch ernst nimmt selbst und wichtig nimmt und sich deswegen nicht mehr an den gleichen Tisch setzen kann, nicht mehr zusammen arbeiten kann mit anderen, das ist schon fatal angesichts dessen, was Gott seit 2000 Jahren aushält mit uns.

Und jetzt müsst ihr euch mal bewusst machen, wie ganz anders das Judentum funktioniert und funktioniert hat, ich habe da ja im letzten Podcast schon ein bisschen was dazu erzählt, aber ihr müsst euch klar machen, die Juden hatten null Problem gemeinsam im Hohen Rat das Volk zu führen, das Volk auch lehrmäßig zu führen, dem Volk ein Vorbild zu sein, dem Volk Richtung zu geben, obwohl sie dogmatisch ganz weit auseinander lagen. Wir lesen diese ganz spannende Stelle in Apostelgeschichte 23, dort wird folgendes beschrieben, da wird Paulus verhört vom Hohen Rat, er steht dort vor Gericht sozusagen, wird angeklagt vor dem Hohen Rat und dann wendet Paulus eine relativ clevere Taktik an, er macht nämlich folgendes.

Apostelgeschichte 23,6: „Weil Paulus nun aber wusste, dass der Hohe Rat zum Teil aus Sadduzäern und zum anderen Teil aus Pharisäern bestand, rief er in die Versammlung hinein, Brüder, ich bin ein Pharisäer und stamme aus einer Pharisäer-Familie, wegen der messianischen Hoffnung Israels stehe ich hier vor Gericht und weil ich glaube, dass die Toten auferstehen. Kaum hatte Paulus das gesagt, da brach ein Streit zwischen den Pharisäern und den Sadduzäern los und der Rat spaltete sich in zwei Lager, im Gegensatz zu den Pharisäern behaupten die Sadduzäer nämlich, es gebe keine Auferstehung und bestreiten die Existenz von Engeln und anderen unsichtbaren Geistern oder Wesen.“

Das müsst ihr euch jetzt mal auf der Zunge zugehen lassen. Die Juden schaffen es zusammen im Hohen Rat zusammenzuarbeiten, obwohl sie dogmatisch so weit auseinander liegen. Stellt euch vor, die Ältestenschaft einer evangelikalen Gemeinde und die Hälfte der Leiter glaubt an die Auferstehung und die andere glaubt nicht an die Auferstehung. Die einen glauben, dass es Engel gibt, die anderen glauben nicht, dass es Engel gibt. Die einen glauben an die Verbalinspiration, die anderen glauben nicht an die Inspiration der Bibel und so weiter.

Stellt euch mal Unterschiede in dem Ausmaß, wie sie hier geschildert werden, in dem Ausmaß von Auferstehungsglaube oder auch Glaube ans Übernatürliche, diese Unterschiede haben sich vertragen im Hohen Rat über Jahrhunderte hinweg. Das ist unvorstellbar in heutigen Leitungsgremien. Da reichen in evangelikalen Leitungskreisen viel geringere Unterschiede, um sich zu spalten, um eine neue Gemeinde zu gründen oder Leute aus der Gemeinde auszuschließen oder zu sagen, mit denen kann ich nicht zusammenarbeiten.

Ist uns bewusst, welche innere Spannkraft das Judentum besitzt, damit solche Unterschiede miteinander funktionieren, zusammenarbeiten können und wie gering unsere Spannkraft ist und wie gering unsere Bescheidenheit ist, dass wir uns als evangelikale Gemeinden andauernd trennen müssen und uns andauernd Irrtümer unterstellen, weil wir irgendetwas nicht so glauben, wie wir es glauben, obwohl das vom Gewicht her weitaus zweit-, fünft-, zehntrangiger ist im Vergleich zu dem, was hier der Unterschied zwischen Pharisäern und Sadduzäern war. Progressive können nicht mit Evangelikalen, Liberale nicht mit Fundamentalen, dabei sind die Unterschiede zwischen den Gruppen wahrscheinlich deutlich geringer als zwischen Pharisäern und Sadduzäern. Welch geistliche Arroganz herrscht unter uns, dass wir uns so voneinander abgrenzen müssen, uns gegenseitig so schlecht machen müssen, uns gegenseitig so viel Irrtum und Irrlehre unterstellen müssen und vom Satan irgendwie unterwandert worden zu sein.

Was für eine Arroganz und wie sehr fällt es uns da an Demut und Bescheidenheit und wir haben interessanterweise in der Bibel sogar ein eigenes Buch, das sich mit der Subjektivität und der Relativität aller Dinge auseinandersetzt, nämlich das Buch Prediger, da ist alles eitel, alles ist vergänglich, da ist des Büchermachens kein Ende, viel Studieren macht den Laib müde und so weiter.

Da setzt sich ein ganzes Buch mit dieser Thematik und mit dieser Realität auseinander, dass alles eitel und vergänglich ist, dass wir so weit weg sind von der eigentlichen Wahrheit. Und wie gut würde es uns tun, uns die Vergänglichkeit und Bruchstückhaftigkeit unserer eigenen Überzeugungen vor Augen zu malen, anstatt ständig zu postulieren, wir sind im Besitz der Wahrheit. Überlegt doch mal, was für ungeheure Irrtümer in der Kirchengeschichte aufgetaucht sind.

 

Viele Jahrzehnte und Jahrhunderte lang haben Christen problemlos aus der Bibel heraus begründet, dass Sklaverei vollkommen okay ist, dass es der Ordnung Gottes entspricht, einer Schöpfungsordnung entspricht und so weiter. Und wie viele Jahre lang haben deutsche Christen die Rassenpolitik und die Rassenideologie der Nazis unterstützt und biblisch erarbeitet und gerechtfertigt, wie mit Juden umgegangen wird. Und ich selbst habe miterlebt, welche Auswirkungen die Berliner Erklärung hatte, als die Pfingstbewegung Anfang des 20.Jahrhunderts entstanden ist in den USA, hat man in Deutschland relativ bald darauf die Berliner Erklärung verfasst, wodurch ich machte, dass die Pfingstbewegung von unten ist, vom Teufel ist, das habe ich noch in den 80er Jahren am eigenen Leib gespürt als Charismatiker damals.

Und die, wo die Berliner Erklärung verfasst und vertreten haben, das sind heute die Gemeinden, die problemlos all die Worship-Songs spielen aus den Gemeinden, die die Berliner Erklärung noch verteufelt hat.

Das ist alles so relativ und wir merken mit wie vielen Irrtümern, dass Christentum und die Kirchengeschichte behaftet ist, wer sagt uns denn, dass wir heute nicht auch wieder irgendwo irren und etwas nicht im Blick haben und etwas übersehen.

Es ist so leicht, zurückzuschauen und denen ihren Irrtum vor die Nase zu halten, vielleicht stecken wir selber mittendrin, das Problem ist, dass wir Rechtgläubigkeit, unsere richtige Lehre und Dogmatik so eng mit dem Heil verknüpft haben, das ist am Ende heilsentscheidend, denn derjenige der sich irrt, der falsch glaubt, der das Falsche glaubt, dieses Heil ist am Ende gefährdet und daraus resultiert diese ganze Verbissenheit.

Wir können gar nicht entspannt mit Dogmatik umgehen, weil wir sie ganz eng verknüpft haben mit dem ewigen Heil, mit dem ewigen Schicksal, wenn du eben nicht richtig glaubst im Sinne von das Richtige glaubst, im Sinne von das glaubst, was wir für die Wahrheit halten, dann wirst du nicht errettet, dann ist die große Gefahr, dass dein Heil verloren geht.

Und wenn das das Drohsszenario ist, dann kann man nicht mehr bescheiden und auch entspannt miteinander um Überzeugungen streiten, dann wird es verbissen, dann geht es um Leben, um Tod und nicht nur um Leben und Tod, um ewiges Leben und ewigen Tod, das ist ja noch eine Dosis schlimmer. Und dann wundert es mich auch nicht, wenn gegen mein Buch ganze Podcast-Reihen, Blog-Reihen erstellt werden, wenn 40-seitige Rezensionen verfasst werden, man hat richtig Angst davor, das ist viel, viel mehr als eine Auseinandersetzung, als ein Austausch, vielleicht auch ein Schlagabtausch von theologischen Meinungen, dahinter steckt auf evangelikaler Seite immer der Antrieb, wir müssen hier etwas dagegen tun, hier ist das heilgefährdet, solche Bücher machen uns den Glauben kaputt, die führen Menschen vom Glauben weg, vom Heil weg, die gehen uns am Schluss noch alle verloren.

Statt sich die Argumente mal anzuhören, mal zu reflektieren und gemeinsam vielleicht neue Überzeugungen zu gewinnen, wird sofort zurückgeschossen, ab morgen früh wird zurückgeschossen, das ist so das Motto, da gibt es kein Innehalten, kein mal abwarten, da wird sofort zurückgeschossen, man kann gar nicht entspannt sein, weil es immer gleich um das ewige Heil geht, also an dem Punkt können unsere bibeltreuen Freunde nicht den Ratschlag Jesu beherzigen, es mal wachsen zu lassen und die Früchte werden es zeigen, da wird sofort zurückgeschossen, denn es geht immer um das Heil.

 

Und dann kommt ein Jesus daher und erzählt die Geschichte vom barmherzigen Samariter und mir fehlt jetzt die Zeit, um herzuleiten, was Samariter damals waren, für was die standen, aber wenn man sich ein wenig beschäftigt mit dem, wofür Samariter standen, was Samariter geglaubt haben, wie deren Bibelhaltung war, welche Teile des Alten Testaments die akzeptiert haben, was nicht, die Unterschiedlichkeit im Tempel, im Gottesdienst, in der Priesterschaft, in ganz vielen Themen waren die Samariter wirklich sehr, sehr unterschiedlich von den Juden. Und nun, also man könnte sagen, wenn ich es mal ein bisschen vereinfachter würde sagen, der Unterschied zwischen Samariter und einem Juden ist ähnlich wie der Unterschied zwischen einem Christen und einem Moslem heutzutage. Da gibt es viele Gemeinsamkeiten, aber auch viele ganz gravierende Unterschiede und eine große Feindseligkeit zwischen beiden. Also Juden und Samariter haben sich auch wirklich geärgert und sich gegenseitig zu Leide gelebt und Jesus wollte ihn ja nicht aufnehmen, weil er Richtung Jerusalem reisen wollte und damit hat er deutlich gemacht, ich besuche den Jerusalemer Tempel und damit eben nicht den Tempel der Samariter. Also da war eine große Feindseligkeit, es lässt sich, ich glaube, ich übertreibe nicht, wenn ich sage, Samariter-Juden, ähnliches Verhältnis, ähnliches Denken übereinander wie Christen und Moslems.

Und jetzt lest euch doch noch mal die Geschichte von Barmherzigen Samariter durch und sagt statt Samariter Moslem. Jesus erzählt eine Geschichte, wo ein Moslem richtig gut abschneidet, wo ein Moslem genau das macht, was man eigentlich machen sollte und die Christen genau das nicht tun und am Ende steht der Moslem gerechtfertigt da, am Ende ist der Moslem das Beispiel für den richtigen Glauben und wie man leben und wie man zu Gott und zu den Menschen stehen sollte.

Es ist so einfach, die Geschichte zu lesen vom Samariter und man hat gar keine Ahnung, wer Samariter sind und man nimmt es einfach so als moralisches Geschichtchen und sagt, ja, ja, hilf deinem Nächsten, sich deutlich zu machen, welche Sprengkraft diese Geschichte hat angesichts von Juden, die genau wussten, welche Irrtümer und Irrlehrer, die Samariter auf dem Buckel hatten und dann erzählt Jesus und macht zum Hauptdarsteller, zum Helden der Geschichte, zum Helden Gottes, einen Samariter, ist genau so, wie wenn wir heute die Geschichte so lesen würden, dass der Held der Geschichte, der Held Gottes, der Moslem ist. Das ist dann die ganze Pointe der Geschichte, dass der, der dogmatisch, lehrmäßig von den anderen verurteilt und verdammt wurde, genau der ist, der von Gott gerechtfertigt wird. Also, wenn ich das nicht checke, dann habe ich die ganze Pointe der Geschichte nicht gecheckt. Jesus erzählt ja nicht einfach eine Geschichte von einem tollen Juden, der anderen hilft, sondern von einem Samariter, einem, dem man eben das Heil und den Glauben abgesprochen hat. Wenn Jesus so eine Geschichte erzählt, merkt man doch, wie bescheiden wir werden sollten mit unserer Überzeugung, rechtgläubig zu sein und genau das Richtige verstanden zu haben. Und deswegen sage ich überhaupt nicht, Moslems haben Recht und wir haben Unrecht.

Ich will damit nur sagen, werdet bescheiden, liebe Freunde, kämpft um eure Überzeugungen in einer bescheidenen, demütigen Art und Weise und niemals mit dem Droh-Szenario hinten dran. Am Ende geht es um das ewige Heil, um Verdammnis und um Errettung. So wichtig ist deine Erkenntnis nicht. Deine Erkenntnis ist Stückwerk und bruchstückhaft. Am Ende rettet dich Jesus Christus und die Wahrheit und nicht deine Erkenntnis der Wahrheit. So eine maßlose Überschätzung unserer eigenen Erkenntnisfähigkeit, als wäre sie am Ende heilsentscheidend. Wir sind errettet, weil Christus uns errettet hat und nicht, weil dein Erkennen so vollkommen und makellos ist.

Und so wie mein letzter Movecast ein Plädoyer für starke Überzeugungen war, so ist dieser Movecast ein Plädoyer für Toleranz und Bescheidenheit.

Und darum zum Schluss noch mal zusammenfassend.

 

Auch wenn feste Überzeugungen noch so wichtig sind, sind sie nicht dasselbe wie die Wahrheit.

Wir sprechen immer nur über Wahrscheinlichkeit.

Gott scheint bei dogmatischen Irrtümern weniger Panik zu bekommen wie so manch bibeltreuer Christ.

Gott erträgt seine Kirche seit 2000 Jahren trotz der verrücktesten Lehren, die sie hervorgebracht hat.

Und wir sollten uns von Gottes Fähigkeit mit Fehlüberzeugungen zurechtzukommen eine Scheibe abschneiden.

Und es sollte uns neu tolerant und bescheiden machen im Umgang mit jeder Form von Andersartigkeit.

Und das war Movecast für heute, vielen Dank für’s dabei sein.

Schaut gerne mal auf meiner Webseite vorbei www.movecast.de, hinterlasst mir einen Kommentar oder schreibt mir ein Feedback und ich freue mich, wenn ihr auch weiterhin mein Buch kauft oder lest oder verschenkt oder weitergeht oder verleiht und gerne kann man mich ab August auch buchen oder einladen, wenn ihr in eurer Gemeinde ein Seminar zu der ganzen Thematik machen wollt, irgendein Podcast-Thema herausgreifen wollt, mein Buch vertiefen wollt, kann man mich gerne zu einem Workshop, zu einem Seminar, zu einem Vortrag einladen, ab August lebe ich wieder in Lörrach und mache mich selbstständig als Theologe und Podcaster und bin sehr gespannt von euch zu hören.

Bis dahin, macht’s gut, be blessed, bis zum nächsten Mal.