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MC 170: Wir sind alle post… – von postkatholisch bis postevangelikal

Die ausgeprägten Standpunkte, die von einem fundamentalistischen Bibelverständnis und engen Wahrheitsverständnis herrühren, lassen nur wenig Spielraum für Toleranz. Man sieht sich als die ursprünglichste Variante des Christentums, vergleicht sich direkt mit den Christen der Apostelgeschichte und vergisst dabei, in Wirklichkeit nur eine Weiterentwicklung bisheriger konfessioneller Überzeugungen zu sein. Am Ende sind alle Christen post… – postkatholisch, postevangelisch oder postevangelikal. Jede Konfession ist aus einer vorigen hervorgegangen. Die Fragen, Zweifel und Entwicklungsschritte sind oftmals dieselben, auch wenn sich die Inhalte dieser Weiterentwicklungen deutlich unterscheiden. Wenn wir das alle miteinander auf den Radar bekommen, müssten wir wenig streiten und könnten gemeinsam mehr um Frieden, Zusammenhalt und Solidarität bemüht sein!

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Transkript zu Movecast 170

MC 170 Wir sind alle Post…

Und damit kommen wir zum heutigen Thema. Immer wieder werde ich darauf angesprochen, dass die Begriffe „postevangelikal“ oder „progressiv“ schwierige Begriffe sind, dass die irgendwie „verbrannt“ sind, dass sie ganz falsche Assoziationen auslösen oder in eine komische Schublade gesteckt werden. Und ich würde gern etwas darüber sagen, dass wir eigentlich alle „post“ sind, egal zu welcher Denomination oder geistlichen Richtung wir uns zählen.  Ich selbst, ich betrachte mich als „post-evangelikal“, und auch wenn viele den Begriff schwierig empfinden, finde ich den Begriff durchaus angemessen. Also besonders die Vorsilbe „post“, die bringt ganz viel Wichtiges und auch Verbindendes zum Ausdruck. Ich würde behaupten, dass alle Christen in irgendeiner Form „post“ sind, und diese lateinische Vorsilbe, die heißt ja wörtlich „nach“, „nachfolgend“ oder „hinter“ und beschreibt dadurch eine Entwicklung. Wenn wir „post-evangelikal“ sind, dann beschreibt das eine Entwicklung, die wir mitgemacht haben. Und im Christentum (da) gibt es eine Menge verschiedener Denominationen und Konfessionen. Besonders vertraut sind uns natürlich katholische Christen, orthodoxe Christen, evangelische und evangelikale Christen. Und diese unterschiedlichen Konfessionen, die existieren aufgrund der Weiterentwicklung aus der vorausgehenden. Also man kann sagen, letztlich sind alle evangelischen Christen „post-katholisch“. Die Reformatoren und die ersten evangelischen Christen, die waren natürlich zunächst mal stark verwurzelt im Katholizismus. Das war ihr Fundament, ihre Herkunft und ihre Prägung. Aber sie haben durch persönliche Glaubenserfahrungen und elementare theologische Erkenntnisse eine Weiterentwicklung ihres Glaubens erlebt, hinter die sie nicht zurück konnten und wollten. Evangelische Christen, die sind nicht antikatholisch, sie sind post-katholisch. Katholiken, das sind weiterhin ihre Brüder und Schwestern. Sie teilen gemeinsame Werte, eine gemeinsame Heilige Schrift, gemeinsame Gottesvorstellungen und können heute problemlos zusammenarbeiten. Und gerade in der Ökumene will man sich mit Wertschätzung und mit konstruktiver Gesinnung begegnen. Natürlich reden wir heute nicht von Postkatholiken. Es hat sich für diese Weiterentwicklung des Glaubens ein eigener Name gefunden. Wir nennen sie Protestanten oder eben evangelische Christen. Und gleichermaßen sind evangelikale Christen eigentlich postevangelisch. Also evangelikale Christen haben gerade im Rahmen des Pietismus prägende Glaubenserfahrungen gemacht. Sie haben entscheidende theologische und geistliche Einsichten und Erkenntnisse gewonnen, die ihren Glauben verändert und weiterentwickelt haben. Und auch sie wollen hinter diese Weiterentwicklung ihres Glaubens und ihres Glaubensverständnisses nicht zurück. Evangelische Christen sind ihre Brüder und ihre Schwestern. Ganz vieles ist ihnen gemeinsam, und sie haben miteinander eine große Schnittmenge. Evangelikale Christen sind nicht anti-evangelisch, aber sie sind post-evangelisch. Es gibt deutliche Unterschiede und andersartige Betonungen. Gewisse Überzeugungen weichen stark voneinander ab, und darum hat man diese Weiterentwicklung des evangelischen Glaubens vollzogen und ist jetzt evangelikal. Und genau dieselbe Entwicklung erleben wir aktuell in evangelikalen Kreisen. Auch dort haben Menschen ganz bestimmte Glaubenserfahrungen gemacht. Manches am evangelikalen Glauben passt einfach nicht mehr. Es ist nicht mehr „glaub-würdig“ im wahrsten Sinn des Wortes. Und eine veränderte Bibelhaltung hat zu veränderten Einsichten geführt, die zum Teil deutlich abweichen von evangelikalen Überzeugungen. Diese Christen sind aber nicht anti- evangelikal, sie sind post-evangelikal. Sie wollen hinter diese neu gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen nicht zurück. Evangelikale Christen, also genauso wie katholische und evangelische Christen, sind ihre Brüder und Schwestern. Sie haben miteinander eine entscheidende Schnittmenge. Sie wollen einander wertschätzen und die unterschiedlichen Überzeugungen, die man hat, respektieren. Aber ihr Glaube hat sich weiterentwickelt. Sie haben ihre Koffer aus dem evangelikalen Milieu gepackt und sind weitergezogen. Ich wünsche mir, dass wir alle das „post“ in unserer eigenen Glaubensüberzeugung wahrnehmen und der Versuchung widerstehen, unsere Variante des Glaubens als die ursprüngliche oder eigentliche zu betrachten. Und ich sage das ganz deutlich: post ist nicht anti. Und darum sollten wir uns auch nicht so verhalten. Oftmals wirken die post-Varianten auf manche wie Abweichler, wie Abtrünnige, wie Verirrte. Aber genau deswegen ist es so wichtig, die eigene Weiterentwicklung aus der vorausgegangenen Konfession nicht zu vergessen. Also für ganz viele Katholiken waren die Evangelischen Abtrünnige, Irrlehrer. Die hat man verfolgt, gegen die hat man Krieg geführt, weil man sich gedacht hat: Unsere Variante, unsere Version des Christseins ist unser Verständnis der Bibel. Unser Verständnis von christlicher Lehre ist die einzig wahre, die einzig denkbare. Da kann es nichts anderes geben. Man sieht also ganz schnell in der eigenen Variante die völlige Wahrheit. Und alle, die sich da weiterentwickeln, die neue Einsichten gewinnen, sind dann eben die Irrlehrer, die Verirrten und die Abtrünnigen. Und genauso erlebe ich das jetzt auch, dass Evangelikale das post-Evangelikale als das Abweichendere, als den Irrtum erleben, weil die eigene Variante des Glaubens so vertraut ist. Sie kommt einem so biblisch, so logisch, so wahrheitsgemäß vor. Wenn der Evangelikale sich bewusst machen würde, dass er in Wirklichkeit post-evangelisch ist, würde er vielleicht ein wenig mehr Verständnis haben für die post-Evangelikalen, bei denen innerlich ganz ähnliche Prozesse abgelaufen sind, die innerlich die gleichen Kämpfe und Herausforderungen und Anfragen und Zweifel erlebt haben, nur in Bezug auf andere Inhalte und andere Themen. Aber der Prozess, der abläuft, ist genau derselbe, der bei den Evangelikalen abgelaufen ist, als sie post-evangelisch wurden. Und natürlich redet heute niemand von post-evangelisch oder post-katholisch. Diese Weiterentwicklungen, die haben inzwischen natürlich ihren eigenen Namen bekommen. Und vielleicht findet sich auch für das post-Evangelikale in Zukunft ein Name, der weniger die Abgrenzung als vielmehr inhaltliche Schwerpunkte zum Ausdruck bringt. Ich rede gern von progressiv, aber welche Bezeichnung sich am Ende durchsetzt, das wird sich dann (am Ende) zeigen. Jetzt gibt es aber leider in allen Konfessionen radikale Flügel. Durch extreme Standpunkte oder tiefe Verletzungen ist ihnen ein geschwisterliches Miteinander nicht mehr möglich. So mancher Protestant ist regelrecht anti-katholisch. Da wird der Papst zum Antichristen und die Verehrung Marias zum Götzendienst. Man spricht diesen Christen den Glauben ab und verdammt sie in die Hölle. Und natürlich gibt es auch katholische Strömungen, die anti-ökumenisch und anti-evangelisch sind und in jeder Kirche außer der eigenen eine Verirrung sehen. Nun, leider begegnet mir im evangelikalen Lager diese Radikalisierung (auch) ebenfalls. Hier erlebe ich sehr viele anti-katholische und auch anti-evangelische Reflexe. Die ausgeprägten Standpunkte, die von einem fundamentalistischen Bibelverständnis oder einem engen Wahrheitsverständnis herrühren, die lassen eben nur wenig Spielraum für Toleranz. Evangelikale sehen sich ganz oft als die ursprünglichste Variante des Christentums. Man vergleicht sich direkt mit den Christen aus der Apostelgeschichte und vergisst dabei, eben in Wirklichkeit nur eine Weiterentwicklung bisheriger konfessioneller Überzeugungen zu sein.  Die größte Bedrohung stellt für diese radikalen evangelikalen Kreise die post-evangelikale Bewegung dar, weil man eben in den eigenen Überzeugungen und in den eigenen theologischen Ansätzen so sehr ein Abbild der biblischen Wahrheit sieht, ist die Notwendigkeit einer Weiterentwicklung dieses evangelikalen Glaubens gänzlich unverständlich. Es wundert darum nicht, dass post-evangelikalen Christen in so manchem Buch, in so manchem Predigtbeitrag oder in so manchem Podcast der Glaube und die persönliche Beziehung zu Jesus abgesprochen werden und ihnen eine satanische Verirrung unterstellt wird. Ehrlich gesagt, mich macht das traurig. Ich wünsche mir, dass post-evangelikale Christen trotz aller Verletzungen, die sie vielleicht in ihrer evangelikalen oder charismatischen Vergangenheit erlebt haben, (dass sie) diesem Reflex nicht verfallen.  Und darum sage ich das noch mal in aller Deutlichkeit. Auch wenn ich mich persönlich als post-evangelikal bezeichne, sind evangelikale Christen und natürlich auch Christen anderer Konfessionen meine geistlichen Geschwister, mit denen ich ganz viel teile, deren Ernsthaftigkeit und deren Hingabe ich schätze. Ich staune einfach, mit wie viel Frechheit oder Unverfrorenheit früher so manch evangelischer Christ sich ins Evangelikale hinein bewegt hat und sich deutlich abgegrenzt hat von mancher Überzeugung, liberaler Haltung oder auch traditioneller Haltung der evangelischen Christen, eines evangelischen Gottesdienstes und für sich erkannt hat: Hey, es braucht eine persönliche Beziehung zu Jesus, es braucht eine Bekehrung, ein Bekehrungserlebnis, es braucht ein anderes Verständnis der Bibel. Und man hat das ein Stück weit hinter sich gelassen, das klassisch Evangelische und wurde jetzt evangelikal, und irgendwie hat man den Eindruck, jetzt bin ich radikaler und leidenschaftlicher und hingegebener und musste sich dann von den evangelischen Brüdern und Schwestern anhören, dass man zu einer Sekte gehört jetzt, wo man da gelandet ist, und wie man die großen kirchlichen Dogmen oder Bekenntnisse verlässt und sich jetzt so seinen eigenen Glauben zusammenbastelt. Wie viele Evangelikale mussten sich das anhören, als sie post-evangelisch wurden? Und ich staune einfach darüber, wie dieselben Evangelikalen jetzt, 30 Jahre später, es genauso mit den post-Evangelikalen machen und die post-Evangelikalen so ein bisschen als die neuen Wilden, die jetzt auch frech und unverfroren so manch Evangelikales hinter sich lassen, in Frage stellen und die, die den Schritt weitergehen, sich jetzt von den Evangelikalen anhören müssen, wie sie eine Sekte werden, eine Abspaltung sind, die großen Bekenntnisse, die großen Wahrheiten und die Bibel verlassen. Haben wir alles schon mal gehört?! Haben die Evangelikalen das auch schon mal am eigenen Leibe gehört, als sie post-evangelisch wurden?! Also wenn wir das im Kopf behalten, dass wir eigentlich alle „post“ sind und dass wir uns irgendwo alle bewegt haben oder mindestens unsere Vorfahren sich bewegt haben, dann würde es viel toleranter unter uns zugehen. Und mir ist schon klar, dass manch Evangelikaler ja da aufgewachsen ist. Der hat diese Reise von evangelisch zu evangelikal oder von katholisch zu evangelisch gar nicht selbst mitgemacht. Er ist da hineingeboren. Aber deswegen müssen wir auch immer wieder geschichtlich denken. Das Evangelikale ist ja nicht vom Himmel gefallen, das hat sich eben entwickelt, genauso wenig wie das Evangelische vom Himmel gefallen ist. Das sind alles Entwicklungsprozesse, kirchengeschichtliche und theologiegeschichtliche und auch spirituelle Entwicklungen, die sich da vollzogen haben. Und wenn man ganz in seiner Bubble, in seiner Blase drin ist, dann vergisst man ein bisschen, dass sich diese Prozesse immer wieder abspielen. Und deswegen möchte ich auch gar niemandem seinen Glauben absprechen. Ich möchte auch gar niemanden drängen zu einem Glaubensumzug. Ich möchte nur, dass die Menschen, die in einem veränderten Glauben eine neue Heimat finden, dass wir denen nicht sofort ihren Glauben und ihre Überzeugungen absprechen. Und den post-Evangelikalen würde ich gern sagen: Ich halte es für ganz wichtig, dass wir als post-Evangelikale etwas an Begeisterung und Leidenschaft wieder gewinnen. Wenn uns als post-Evangelikalen die Begeisterung und die Leidenschaft für den Glauben fehlt, dann sind wir wahrscheinlich nur ex-evangelikal oder anti-evangelikal. Für mich heißt post-evangelikal eben auch, Neuentdeckungen zu machen, neue Einsichten zu gewinnen, eine neue Spiritualität zu entwickeln, ein neues Gottesbild zu entwickeln. Und all das begeistert uns wieder. All das macht uns wieder hingegeben und leidenschaftlich. Das gehört für mich zum „post“ dazu. Wenn man einfach nur dagegen ist, dann ist man wahrscheinlich nur anti oder ex. Und mit diesen Vorsilben möchte ich erstmal nichts zu tun haben.  Ich finde augenblicklich unser gesellschaftliches Miteinander zu bedroht, unseren Frieden zu gefährdet, unsere Solidarität zu schwach, als dass wir es als Christen uns erlauben könnten, miteinander Krieg zu führen. Wenn wir uns alle bewusst machen, dass wir „post“ sind, dass wir uns irgendwo weiterentwickelt haben und an einem Punkt gelandet sind, der für uns passt, der für uns stimmt, der uns befähigt, unsere Beziehung zu Gott und zu Jesus Christus von Herzen authentisch und begeistert zu leben, dann kann uns ganz viel miteinander gelingen. Ich möchte ein Anwalt für dieses Miteinander sein, gerne Brücken bauen, keinesfalls Brücken abbrennen; ich möchte die Hand ausstrecken und in allen Christen, egal aus welcher Konfession oder Denomination, meine Brüder und Schwestern sehen. 5s In dem Sinne. Shalom! Friede sei mit euch, das war movecast für heute. Vielen Dank fürs Dabeisein. Ich freue mich, wenn ihr auf meiner Webseite vorbeischaut. Dort hat es eine ganze Reihe Blogartikel, also nicht nur Podcasts, sondern auch viele Blogartikel, wo ich manches veröffentliche, manchen Gedanken kommuniziere, den ich nicht aufspreche als Podcast. Also da gerne mal vorbeischauen unter www.movcast.de. Ansonsten macht’s gut. Ich freue mich, wenn wir uns mal sehen, wenn wir uns wieder hören. Bis zum nächsten Mal. Be blessed, bye-bye!

 

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