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MC 176: David – war das ein Mann nach Gottes Herzen???

In dieser Episode schaue ich mir die negativen und problematischen Seiten von König David an. Da gibt es weit mehr als seinen Ehebruch mit Bathseba. David war gewalttätig, skrupellos, blutrünstig, räuberisch, machthungrig, frauenverachtend und ein schlechter Vater. Kann das ein Mann nach Gottes Herzen sein? Müssen wir vielleicht einen Schritt zurück machen und diese Texte in den Samuelbüchern ganz neu lesen? Besteht nicht die Gefahr, dass eine Verklärung Davids ein System schafft, bei dem immer wieder Schattenseiten von Leitern gerechtfertigt oder unter den Teppich gekehrt werden, weil sie ja Männer Gottes sind und Gottes Wohlgefallen haben? Wird nicht genau wegen dieser Logik von vielen Christen ein Mann wie Donald Trump gewählt und seine Schattenseiten gerechtfertigt, weil ein paar positive Haltungen verklärt werden? Mehr dazu in diesem Movecast.

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Transkript zur Folge 176:

In meiner heutigen Podcast Folge geht es um König David.

David aus dem Alten Testament, dessen Leben vor allem im ersten und zweiten Samuel Buch beschrieben wird, und ich werde mich heute sehr kritisch mit David auseinandersetzen. Ich hole ihn ein wenig vom Podest und versuche mal aufzuzeigen, was das wirklich für ein Mann war, was der für einen Charakter hatte, was denn die Bibel genau über ihn beschreibt.

In vielen christlichen Kreisen spielt David eine wichtige Rolle, er ist eine der Heldenfiguren im Alten Testament. Er ist bekannt als Mann nach dem Herzen Gottes und ganz viel Positives gibt es über ihn zu berichten:

Er war ein großer Musiker, ein leidenschaftlicher Anbeter, über 70 Psalmen der 150 Psalmen stammen von ihm, er war ein großer Beter, er hat ganz viel Gott gesucht und mit Gott geredet. Er ist derjenige, der Goliath besiegt, der Jerusalem gegründet, der den Tempelplatz gefunden hat, der die Bundeslade zurückholt nach Israel, der das Land einigt und die Feinde vertreibt.

Immer wieder wird David als großes Vorbild angesehen, es gibt viele Predigtreihen über David. Ich habe mal im Internet ein bisschen recherchiert. Also man findet ganz viele Predigten online, er wird thematisiert in vielen christlichen Liedern als das große Vorbild im Lobpreis, der vor der Bundeslade tanz und keine Hemmungen hat.

Die Bibel selbst berichtet von David in leuchtenden Farben. In 1.Samuel 13,14 wird er als Mann nach Gottes Herzen bezeichnet.

Gott hat David auserwählt, im Gegensatz zu seinen Brüdern, weil Gott nicht auf das Äußere sieht, sondern das Herz ansieht.
In 1.Sam. 16,13 heißt es: „Samuel nahm das Ölhorn und salbte David im Kreis seiner Brüder. Von diesem Tag an kam der Geist Gottes über David und verließ ihn nicht mehr.“

Also der Heilige Geist ist bleibend auf dem Leben von David und zusammenfassend heißt es dann ein 1. Könige 15,5: „Denn David hatte Zeit seines Lebens getan, was Jahwe gefiel und ihm in allen Dingen gehorcht, außer in der Sache mit Uriah, dem Hetither.“

In Psalm 89,20: „Einen Helden habe ich zum Helfer gemacht, ihn aus dem Volk erwählt und erhöht. Ich habe David gefunden, meinen Vertrauten und ihn mit heiligem Öl zum König gesagt.“

Auch Paulus zitiert Samuel, indem er in Apostelgeschichte 13,22 sagt: „Und nachdem er ihn (Saul) auf die Seite gesetzt hatte, erweckte er ihnen David zum König, von dem er auch Zeugnis gab und sprach, ich habe David gefunden, den Sohn des Jesse, einen Mann nach meinem Herzen, der allen meinen Willen tun wird.“

Das klingt erstmal danach, dass David ein Supertyp war, dass Gott sein Herz ansieht und was er da vorfindet, das gefällt ihm, deswegen macht er ihn zum König und nicht seine Brüder. Der Heilige Geist ist auf ihm bleibend, er ist ein Mann nach Gottes Herzen, er hat alles getan, was Gott wollte, bis auf eine Ausnahme.

Ich möchte euch jetzt einfach mal ein paar Szenen oder Geschichten aus seinem Leben schildern. Versucht euch doch einen Moment vorzustellen, ihr wärt unvoreingenommen David gegenüber, hättet nicht schon eine christliche Prägung und wüsstet nichts Positives seinen Lobpreis und seine Psalmen und so weiter. Ihr wärt sozusagen ein Unkundiger und lest jetzt diese Geschichten in Samuel – was kommt euch da entgegen?
Was man auf alle Fälle relativ schnell feststellt, ist, dass David enorm gewalttätig und blutrünstig war. Nicht umsonst haben die Israeliten bei seinem Anblick gesungen: „Saul hat 1000 Mann erschlagen, David aber 10 000 Mann.“ Der hat zehnmal mehr Menschen getötet im Krieg, als Saul es getan hat und der war schon ein großer Kriegsheld. Also das hat sich ums Zehnfache gesteigert, die Gewalttätigkeit, das Blutvergießen unter David. Irgendwann wird Saul sehr neidisch auf David und er denkt sich eine Liste aus. Er verspricht ihm, dass er eine seiner Töchter heiraten darf, wenn er ihm 100 Vorhäute der Philister bringt. Philister waren die Feinde. David macht sich auf den Weg und erschlägt 200 Philister und bringt Saul 200 Vorhäute. Also das ist ja eine ungeheuer barbarische Handlung. Da fällt David ins Land der Philister ein, tötet 200 Männer, zieht sie aus, verstümmelt sie, schneidet 200 ihrer Vorhäute ab und bringt sie zurück zu Königs Saul.

Stellt euch doch nur mal vor, der IS oder die Hamas würde in irgendein Dorf einfallen, in Israel oder in einem anderen Land. Und würde 200 Männer massakrieren, sie ausziehen und dann an ihren Geschlechtsteilen 200-mal die Vorhäute abschneiden. Das würde in den Zeitungen einen ungeheuren Aufruhr geben. Das wäre an Barbarei nicht zu überbieten. Die ganze Welt wäre entsetzt über sowas – aber genau das hat David getan. Vielleicht habt ihr die Geschichte noch nie gelesen oder oftmals liest man dann einfach drüber hinweg, aber genauso barbarisch verhält sich David. David verdoppelt das Ganze einfach, er macht einfach freiwillig 200 daraus. Das ist also an Gewalttätigkeit und Blutrünstigkeit kaum zu überbieten.

In 1. Samuel 25 begegnet David Nabal, das war ein Bauer und der hatte eine große Viehherde und David hat mit seinen kriminellen Freunden, mit denen er da zusammen war, – eine ganze Bande von 400 Outlaws sozusagen- er hat da campiert auf den Feldern und hat dann nebenbei so ein bisschen aufgepasst, dass Nabals Herde nicht bedroht wird und dass da keine Feinde die Tiere rauben. Irgendwann kommt er zu Nabal und sagt: „Übrigens, du hast mich zwar nicht drum gebeten, aber ich hab da deine Herde bewacht, jetzt möchte ich aber auch was dafür, jetzt möchte ich hier essen und versorgt werden von dir.“ Und Nabal sagt dann: sorry, ich hab dich da gar nicht drum gebebeten, wieso kommst du jetzt hierher und willst einfach Geld von mir, das grenzt ja an irgendwo an Erpressung.
Und dann ist David so sauer und so wütend und so zornig, dass es heißt: „Für nichts und wieder nichts habe ich in der Wüste alles beschützt, was dem gehört. Nicht das Geringste von seinem Besitz ist weggekommen. Und er hat mir Gutes mit Bösem vergolten. So möge es Gott den Feinden Davids antun, so und noch mehr! Bis morgen früh werde ich nicht einen einzigen von diesen Wandpissern übrig lassen!“

David wird ungeheuer vulgär und will alle Männer, sprich alle, die an die Wand pissen, also alle männlichen bis morgen früh umbringen – die ganze Sippe von diesem Nabel. Und es ist dann nur dem Eingreifen von Abigail zu verdanken, der Frau Nabals, das David nicht alle umbringt, sondern sie am Leben lässt. Aber da begegnet dieser Familie, diesem Nabal, dieser Abigail, ein ungeheuer gewalttätiger Trupp, der nicht zögert, alle mit Stumpf und Stiel auszurotten.

Als Nabel dann kurz darauf eines natürlichen Todes stirbt, sagt David sofort zu Abigail: „so, du wirst meine Frau, ich möcht, dass du meine Frau bist.“ Ja, was soll sie denn dagegen sagen, wenn so ein gewalttätiger Trupp sagt, ich will, dass du meine Frau bist?

Ich meine einer, der mit Gewalt dafür sorgt, dass er kriegt, was er will, was will man denn als Frau gegen so jemand tun?

David wurde dann ja von Saul verfolgt, weil Saul eben neidisch auf ihn war und David zieht sich zurück ins Land der Philister, also in die ins Feindesland und wird dort beschützt von diesem König der Philister. Dieser ist davon ausgegangen, dass David zum Dank immer wieder Streifzüge ins Land Juda unternimmt und den Judäern, also den Israeliten, Schaden zufügt. Und David hat immer beteuert, Jaja, das mache ich klar, ich schädige die Israeliten und in Wirklichkeit hat er das überhaupt nicht gemacht, sondern ist in andere Länder eingefallen. Als Terrorist kann man sagen, als Raubritter, und hat dort ungeheuren Schaden angerichtet. Es in 1.Sam. 27: Bei diesen Überfällen ließ David weder Mann noch Frau am Leben, aber die Schafe, Rinder, Esel, Kamele und auch die Kleidung nahm er als Beute mit. …  David ließ niemand am Leben und brachte auch keinen Gefangenen mit nach Gat, weil er verhindern wollte, dass sie gegen ihn aussagten. So machte David es während seiner ganzen Zeit bei den Philistern.
Also nicht einmal Zeugen am Leben lassen,  alle ausrotten, alle umbringen, damit der Philisterkönig ja nicht mitbekommt, dass er anstatt in Israel in andere Länder einfällt und seine Raubzüge unternimmt – also wie barbarisch ist das denn? Und dann kommt die sehr bekannte Geschichte mit David und Uriah, beziehungsweise David und Bathseba. David ist zu Hause in seinem Palast, während seine Männer im Krieg sind, und er sieht auf einem anderen Flachdach in der Nähe eine Frau, die badet. Wahrscheinlich sieht er sie nackt, und jetzt wird er so richtig geil und er lässt diese Frau holen, er sendet seine Boten hin, lässt diese verheiratete Frau holen und vergewaltigt sie. Dann schickt er sie nach Hause und später bemerkt ihr dann, dass die Frau dadurch schwanger geworden ist. Dann fädelt er ein, dass der Uria nach Hause kommt, mit der Hoffnung, dann schläft er mit seiner Frau, dann gilt das Kind als von Uria. Aber der kommt eben doch nicht nach Hause. Und am Schluss hat David keine andere Wahl als Uria umbringen zu lassen, indem er ihn an der Front nach ganz vorne stellt. Die anderen sollen sich zurückziehen und dann ist klar – wird dieser Uria fallen. Und dann stirbt Uria tatsächlich und David holt Bathseba zu sich, die er erst vergewaltigt hat, jetzt muss sie seine Frau werden und damit ist die Schwangerschaft legitim, weil jetzt ist sie ja Davids Frau.

Und wir merken wieder die alttestamentliche Welt. Das Problem ist nicht die Vergewaltigung – das Problem ist, dass sich David am Besitz eines anderen Mannes vergreift. Dann heißt es eben in 1.Könige 15: „Denn David hatte Zeit seines Lebens getan, was Jahwe gefiel, und ihm in allen Dingen gehorcht – außer in der Sache mit Uria, dem Hetiter.“

Also Bathseba wird nicht mal erwähnt, dass das eine schlimme Sünde war, sondern nur, dass er sozusagen das Eherecht verletzt hat. Da ist kein Blick für die Vergewaltigung von Bathseba, was das mit ihr gemacht hat, sondern diese eine Sache da hat er mal den Willen Gottes nicht getan, mit allem anderen hat er den Willen Gottes getan. Das ist schon ein starkes Stück, so eine Stelle.

Auch als Vater gibt David keine besonders gute Figur ab.
Sein ältester Sohn Amnon wird selbst zum Vergewaltiger, indem er seine Stiefschwester Tamar vergewaltigt. Der Bruder von Tamar, Absalom, ein anderer Sohn Davids, rächt sich nun und tötet Amnon. Dann zettelt dieser Absalom einen Aufstand gegen seinen eigenen Vater an und verjagt seinen Vater aus Jerusalem.

Absalom schläft und vergewaltigt alle Nebenfrauen von David, um damit seinen eigenen Vater zu schänden. Ich meine, das sind ja unglaubliche Zustände, was da in Familie David abläuft.

Und dann kommt David an sein Lebensende und auf dem Sterbebett gibt er nun Anweisungen an seinen Sohn Salomo, was der jetzt unbedingt noch machen soll und von den 3 Anweisungen, die David gibt auf dem Sterbebett, sind 2 Anweisungen, dass Salomo Rache üben soll.

Das eine betrifft Joab, einen ganz treuen Soldaten von David, der ihn in ganz vielen Situationen gerettet hat, aber dieser Joab hat irgendwann im Krieg den Heerführer der Israeliten, also der feindlichen Armee als Juda und Israel getrennt waren, umgebracht. Eigentlich ein Feind, ein Kriegsfeind, den hat er umgebracht, aber David hat hohe Stücke von diesem feindlichen Heerführer gehalten, und jetzt sagt er zu Salomo: „Sorge in deiner Weisheit dafür, dass sein graues Haar nicht in Frieden zu den Toten kommt.“

Und dann gab es einen anderen Mann. Schimmi hieß der, und der hat – als David vertrieben wurde aus Jerusalem durch Absalom – dann David hinterhergeschrien und ihn beschimpft und ihn lächerlich gemacht. Und als David dann wieder zurückkam nach Jerusalem, hat Schimmi sich entschuldigt und David hat ihm versprochen, dass er ihn nicht töten wird. Und jetzt sagt sich David: aber der soll nicht ungeschoren davonkommen. Ich habe ihm zwar versprochen, er wird nicht getötet, aber Salomo, du hast ihm nichts versprochen, deswegen töte du ihn und da heißt es: „du bist ein kluger Mann und weißt, was du mit ihm tun musst. Sorge dafür, dass sein graues Haar blutig zu den Toten kommt.“
Das ist David auf dem Sterbebett, der will nochmal, daß Blut vergossen wird, dass sich gerächt wird, dass Menschen sterben – das ist David auf dem Sterbebett.

Und was heißt das jetzt? Wie gehen wir jetzt damit um, was macht das mit unserem Davidbild?
Besonders schwerwiegend ist der Satz, dass David ein Mann nach Gottes Herzen ist. Das vermittelt den Eindruck, der David ist einfach so, wie Gott sich es wünscht. Das ist ein Mann nach meinem Herzen. Also wenn ihr wissen wollt, wie ein Mensch sein muss, wo mein Herz sich dran freut, dann ist es David, dann schaut sein Leben an. Tja, das ist jetzt außerordentlich problematisch, weil man nämlich auch diese ganzen negativen Dinge einbeziehen muß.

Und wenn man verschiedene Kommentare zu dieser Stelle liest, dann merkt man, dass der Ausdruck „nach meinem Herzen“ eine Art Fachausdruck ist. Der bedeutet nicht: „der entspricht meinem Herzen“, „das ist so mein Herzenswunsch“, oder „der ist genauso wie mein Herz es sich wünscht“

Das bezeichnet viel mehr, dass ein König oder ein Gott jemanden auserwählt, dass das seine eigene Entscheidung ist. Nicht das Volk hat entschieden, nicht das Volk hat diesen Menschen gewählt, nicht das Volk hat jemanden zum König gemacht, sondern Gott oder ein anderer König hat jemanden eingesetzt. Da geht es also nicht darum, dass David besonders geschätzt oder geliebt wird von Gott. Oder dass er über besondere Qualitäten verfügt, sondern das ist keine Wahl von euch, von euch Menschen, sondern ich habe David zum König bestimmt. Also das bezieht sich auf die Eigenständigkeit Gottes.
(A man after his own heart (13:14). McCarter has argued that the phrase “after his own heart” says nothing of “any great fondness of Yahweh’s for David or any special quality of David”; rather, it should be rendered “of his own choosing.”258 Reserving judgment on McCarter’s first assertion for the moment, we may add in support of the suggested rendering “of his own choosing” the following excerpt from the Babylonian Chronicle concerning the early years of Nebuchadnezzar II: The seventh year: In the month Kislev the king of Akkad mustered his army and marched to Hattu. He encamped against the city of Judah and on the second day of the month Adar he captured the city (and) seized (its) king. A king of his own choice [šarra šā libbi-šu= lit., “a king according to his heart”] he appointed in the city (and) taking the vast tribute he brought it into Babylon.259)

Wir müssen uns bewusst machen, dass die Samuelbücher eine Komposition sind, verschiedene Autoren, da kommen verschiedene Traditionen und Erzählstränge zusammen.

Das sieht man schon daran, dass manche Sachen mehrmals erzählt werden und unterschiedlich erzählt werden.
In 1.Sam.16 kommt David an Sauls Königshof dadurch, dass Saul einen Musiker sucht, der ihm hilft, sich zu beruhigen, wenn so ein böser Geist über Saul kommt. Und da lernen die sich kennen.

In 1. Sammel 17 ist die Geschichte von David und Goliath und da kennt Saul diesen David noch überhaupt nicht. David wird dann nach dem Sieg über Goliath zu Saul gebracht und Saul sagt: Was ist denn das für ein junger Mann, den kenne ich überhaupt nicht, wer ist denn sein Vater?“

Das sind 2 vollkommen unterschiedliche Geschichten wie Saul David kennenlernt und die sind beide in die Samuelbücher aufgenommen. Man hat beide Erzählstränge behalten wollen, aber das ist nicht ein einheitliches Buch, aus einem Guss.

Wir haben in diesem Buch königsfreundliche und königskritische Texte, je nach Tradition. Die einen haben sich kritisch über das Königtum ausgelassen. Da haben wir ganz viele Stellen im Samuel Buch, wo Samuel sagt, ein König ist überhaupt nicht Gottes Wille und es wird alles schief gehen, wenn ihr einen König hat, dann habt ihr eine ganz schlechte Wahl getroffen, ihr habt Gott verworfen.

Und dann gibt es andere Stellen, da ist das Königtum etwas ganz Besonderes und da wird Gott den König für immer und ewig bewahren und sein Haus wird nie aufhören und sein Geschlecht wird nie ausgerottet werden und durch ihn erreicht er seine Ziele. Völlig unterschiedliche Traditionen in diesen Samuelbüchern.
Und nun geschieht etwas ganz Tragisches: wenn dieser Mann immer den Willen Gottes tut und ein Mann nach Gottes Herzen ist und nur eine Sünde wird erwähnt, nämlich das mit Uria, dann ist alles andere gerechtfertigt, dann bleibt alles anderen unterm Radar, dann muss man alles andere irgendwie akzeptieren,.

David ist halt der Mann Gottes da muss man das akzeptieren, was er gemacht hat. Die eine Sache war nicht in Ordnung, den Rest muss man akzeptieren.

Mit dieser Logik, mit dieser David-Logik wundert es mich nicht, dass viele amerikanische Christen Trump wählen. Da wird alles gerechtfertigt, was der macht, er ist ja der Mann Gottes, er ist ja gegen Abtreibung, er ist gegen Schwule, er ist für Israel, und dann kann er machen, was er will – es wird alles gerechtfertigt wie bei David,

Er ist der Mann Gottes, er ist der große Anbeter, er ist der Psalmist, er ist der Vorläufer des Messias, er ist Gottes Auserwählter, und dann wird alles gerechtfertigt, was er macht, dann wird mit ein paar positiven Sätzen oder ein paar positiven Handlungen Davids all das Negative gerechtfertigt und als nicht so schlimm betrachtet.

Mit genau dieser Logik werden immer wieder sogenannte Männer Gottes, Pastoren, Priester oder andere gerechtfertigt, entschuldigt, weil sie machen ja so viel gutes, sie sind ja Gottes Instrumente, Gottes Werkzeuge, und dann wird ganz vieles gerechtfertigt und unter den Teppich gekehrt. Das ist die David Logik, die ich fatal finde.

Was sind für mich aber trotzdem Lektionen aus diesen Texten oder aus diesem Fakt, dass David eine sehr widersprüchliche Person war?

Die erste Lektion ist, dass ich mein Gottesbild allein vom Sohn Davids, von Davids Sohn prägen lasse, nämlich von Jesus Christus. Er ist für mich der einzige Mann nach Gottes Herzen. Jesus zeigt mir, wer der Vater ist und wie der Vater ist. Er ist und bleibt die vollkommene Offenbarung von Gottes Charakter, Gott ist nicht wie David, Gott ist wie Jesus. Solche furchtbaren Geschichten in den Samuelbüchern führen mich immer wieder zurück zu Christus, zu Jesus und zu einem christuszentrierten Glauben. Das ist mich die erste Lehre.

Die zweite Lektion ist: ich wünschte mir, wir würden diese Texte mit mehr Abstand lesen. Wir müssen uns immer wieder bewusst machen, was wir da eigentlich gerade lesen. Ich wünsche mir, wir würden beim Bibellesen zwischendurch einen Schritt zurück machen und uns fragen, was lese ich da eigentlich.
Wenn wir solche barbarischen Geschichten in der Zeitung lesen würden, von der IS oder Hamas, dann wären wir schockiert und entsetzt würden wir Gott bitten, er möge eingreifen. Wenn wir solche Geschichten aber in der Bibel lesen, dann lösen sie plötzlich so einen inneren Rechtfertigungsmechanismus aus, wodurch diese Texte ihre ganz natürliche, verstörende Wirkung verlieren.

Einen Schritt zurück machen, uns überlegen, was lese ich da eigentlich und was will mir dieser Text erzählen, anstatt es als göttlichen Text zu verstehen, der irgendwie eine Vorbildfunktion haben muss. Es kann doch nicht sein, dass wir Gewalttätigkeit und Blutvergießen und Blutrünstigkeit rechtfertigen, bloß weil es an den Feinden Israels geschieht, an den Heiden. Dann ist es plötzlich OK, aber wenn es an Israel geschieht, dann ist es überhaupt nicht OK und dann ist es gewalttätig und muss verurteilt werden. Da stimmt doch was nicht in unserer Wahrnehmung.

Wenn ich das Alte Testament so unkritisch lese, dann wundert es nicht, dass in gewissen christlichen Kreisen Kinder geprügelt werden, weil das eben auch irgendwo im Alten Testament gerechtfertigt wird oder dass in Gemeinden Menschen sexuelle Gewalt angetan wird, wie in den großen Kirchen, aber auch in Freikirchen. was jetzt gerade ans Licht kommt.

Das hat nichts mit Bibel zu tun, sondern mit Machtvorstellungen, mit einem verzerrten Bild von Sexualität, von Frauen, von Kindern und vor allem von männlicher Sexualität. Wir brauchen wieder einen gewissen Abstand, damit wir nicht solche Dinge einfach innerlich rechtfertigen können.

In diese Texte fließen antike Gottesvorstellungen ein, da ist Gott zuallererst mal ein Kriegsgott, denn Gott selber hat im AT den Titel. Jahwe Zebaoth, Herr der Heerscharen, Herr des Heeres, Gott des Heeres, Gott der Armee. Mit diesen Gottesvorstellungen ist dann eben auch ganz schnell militärische Gewalt, Blutvergießen, Töten gerechtfertigt und jeder militärische Führer, der 10 000 umbringt und nicht nur 1000 ist ein guter Führer. Dagegen steht Christus, der selbst am Kreuz seinen Feinden vergibt und die Hand ausstreckt.

Aber ich lerne auf diesen Texten noch eine dritte und letzte Sache:
Unsere Welt ist ganz stark von Superlativen und Idealen geprägt. Die Gesellschaft wie auch die Christenheit ist voll eingestiegen in die Darstellung des Idealen, im Nacheifern des Idealen, das nun in den sozialen Medien auch zur Schau gestellt wird. Wir stehen als Gesellschaft und auch als Christenheit unter dem Joch der Selbstoptimierung. Ich erlebe so viele Menschen, die Ungeheuer unter Druck sind, durch die gesellschaftlichen Anforderungen, durch berufliche und familiäre Anforderungen, aber auch durch ihre geistlichen Anforderungen. Und ich finde Veränderung und Jüngerschaftsprozesse gut und ich heiße sie willkommen in meinem Leben. Ich möchte mich verändern, ich möchte Jesus ähnlicher werden. Aber die Geschichte von David lehrt mich auch eines: er war durchzogen von positiven und von negativen Eigenschaften und trotzdem für Gott brauchbar. Gott konnte mit diesem David sein Ziel erreichen, er konnte durch David seinen Willen verwirklichen.

Das befreit mich von zu viel Druck und von diesem Joch der Selbstoptimierung, für das wir einfach das Wort Heiligung oder Bekehrung benutzt haben. Ich möchte mich verändern, ich möchte Gottes Willen tun, aber ich möchte auch Frieden damit schließen, dass mein Charakter immer durchzogen ist von Gutem und von Schwierigem, vom Geheiltem und vom Zerbrochenem, von göttlichen Motiven und von selbstsüchtigen Motiven.

In den Schwächen und in dem Versagen Davids, da habe ich ein paar Mal Platz. Ich bin ein guter Vater und manchmal auch ein schrecklicher Vater. Ich bin ein guter Ehemann und immer wieder auch ein furchtbarer Ehemann. Ich bin ein liebevoller und freundlicher Mensch und manchmal ein zorniger und boshafter Mensch. Ich möchte darauf vertrauen, dass Gott trotzdem mit mir, mit meiner Erziehung, mit meinem Christsein, mit meinem Zeugnis usw. zum Ziel kommt und mich in meiner Zwiespältigkeit und Zerbrochenheit gebraucht.
Und auch durch mich sein Reich bauen kann.

Es braucht einen realistischen Blick auf diesen König David, es braucht ein kritisches Lesen dieser Texte in der Bibel, es braucht manchmal einen Schritt zurück, eine gewisse Nüchternheit diesen Texten gegenüber, damit wir uns nicht am Ende wiederfinden unter jenen, die ganz furchtbar Schlimmes, Gewalttätiges, Blutrünstiges, sexuellen Missbrauch und sonstige verzerrte Dinge innerlich irgendwie rechtfertigen, weil es ja ein Mann Gottes ist. Wenn wir diese gefährlichen Rechtfertigungsmechanismen nicht durchschauen, dann landen wir bei all dem, was unter toxischem Glauben Grad durch die Medien geht, dass Leiter gerechtfertigt werden, dass Leiter nicht korrigiert werden, dass man Leiter nicht antastet und sie dann im Verborgenen missbrauchen können, manipulieren können, ihre Macht missbrauchen können, sich Reichtümer anhäufen können. Das darf nicht sein, und eine Davidgeschichte darf am Ende nicht dazu dienen, dass solche Missstände gerechtfertigt oder überhaupt erst ermöglicht werden.