MC 184: Warum haben manche Christen Angst vor der Liebe?
Wenn ich in Vorträgen von der Liebe Gottes spreche, von wirklich bedingungsloser Liebe, von der Liebe die über das Gericht triumphiert oder von der Liebe als entscheidendes Merkmal aller Glaubensentwicklung, dann wird sofort der Verdacht geäußert, dass hier das Evangelium weichgespült wird. Liebe ist gefährlich und sie muss immer von der Gerechtigkeit begleitet werden, sonst wird alles wischi-waschi. In vielen christlichen Kreisen steht die Liebe unter Generalverdacht. Wenn wir nur noch von der Liebe reden, dann bleibt anscheinend Gehorsam, Moral, Klarheit und Eindeutigkeit auf der Strecke. Für mich gibt es keinen größeren Quatsch als solche Äußerungen! Wer so redet hat eigentlich nichts von der Liebe verstanden. Was die Bibel unter Agape versteht hat rein gar nichts mit diesen Befürchtungen zu tun. Göttliche Liebe ist das Herausforderndste und Anstrengendste, um was es in meinem Glauben nur gehen kann. Damit bin ich den Rest meines Lebens richtig gut beschäftigt.
Man merkt mir in diesem Podcast meine Leidenschaftlichkeit an und auch wie ich mich ärgere über die Geringschätzung der Liebe, die ich immer wieder antreffe. Also wundert euch nicht, wenn ich in diesem Podcast richtig Gas gebe.
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Transkript zur Folge:
Meine heutige Frage in diesem Podcast lautet: Warum haben so viele Christen Angst vor der Liebe? Und ich muss gleich vorausschicken, dass ich mich in diesem Podcast ziemlich ereifere. Ich bin sehr leidenschaftlich, weil mich das Thema so beschäftigt, weil es für mich wirklich ein zentrales Thema ist, und wenn ich zwischendurch ein wenig in Fahrt komme und Gas gebe – ich hoffe, dass das nicht in den falschen Hals kommt, ich möchte keinesfalls lieblos daherkommen, wenn ich über die Liebe spreche. Also, was meine ich damit, dass viele Christen Angst vor der Liebe haben?
Ich stoße auf ein Phänomen, besonders wenn ich Vorträge halte oder Seminare gebe und hinterher so Diskussionsrunden entstehen oder Leute Rückfragen stellen können. Dann kommt ganz oft eine bestimmte Art von Rückfrage oder auch von Kritik gegenüber dem, was ich sage.
Wenn ich in meinen Vorträgen von Glaubensentwicklung spreche oder das Ziel aller Glaubensentwicklung, oder wenn ich über Hermeneutik spreche, also über Bibelauslegung, dann betone ich in diesen Zusammenhängen immer wieder die ungeheure Bedeutung und Zentralität der Liebe. Ich sage z.B.: Alle Glaubensveränderung, alle Glaubensentwicklung muss sich am Ende an der Liebe messen. Die Frage ist nicht so sehr: „Bin ich biblisch?“, sondern: „Bin ich liebevoll?“
Und wenn ich über Schriftinterpretation oder Schriftauslegung spreche, dann betone ich auch da, dass für mich der Maßstab aller Schriftauslegung wiederum die Liebe ist. Ich muss diese Stellen, gerade auch im Alten Testament, im Angesicht der Liebe betrachten. Denn Gott ist die Liebe. Und diese Liebe hat sich in unvergleichlicher Weise gezeigt in Jesus Christus. Und Jesus hat an mancher Stelle das Alte Testament korrigiert: „Ihr habt gehört, dass gesagt ist, ich aber sage euch…“
Und diese Korrekturen, auch die Kritik Jesu im Alten Testament, war immer begründet in seiner Zielsetzung, die Liebe zu vergrößern. Und wenn ich dann vom Reich Gottes oder vom Evangelium spreche, dann betone ich ebenfalls, dass das Ziel vom gesamten Reich Gottes, der Kern des Evangeliums, auch die ganze Idee des Kreuzes, die Liebe ist. Und dass wir das Evangelium und das Christentum nicht wirklich verstehen und erfassen, wenn wir nicht die Liebe im Kern dieser ganzen Botschaft, dieses ganzen Glaubens haben. Und wenn ich das in dieser oder ähnlicher Weise in meinen Vorträgen ausführe und ausarbeite, dann erlebe ich immer wieder einen ganz bestimmten Reflex, besonders aus konservativ evangelikalem Lager. Die werden einfach ziemlich nervös, wenn ich so viel über die Liebe rede. Da ist ihnen irgendwie unwohl, da haben sie den Eindruck, das geht jetzt in irgendwie eine gefährliche Richtung. Und in den Fragen oder in den Rückmeldungen wird dann immer die Liebe ins Verhältnis oder in Bezug zu etwas anderem gesetzt. Dann heißt es: „Jaja, aber was haben wir davon, wenn am Schluss alle Menschen nett und lieb sind?
Bei dir höre ich vor allem, ja, wir sollen einfach alle nett und lieb sein, aber da braucht es doch mehr. Es geht doch um Heiligkeit und um Sündlosigkeit, um Erlösung, um Verlorenheit. Wir können doch nicht immer nur von der Liebe sprechen. Was nützt es denn, wenn wir alle einfach nur lieb und nett zueinander sind?“
Also man hat den Eindruck, wenn ich über die Liebe spreche, dann geht es irgendwie am Zentrum des Glaubens vorbei. Und irgendwie scheint es nicht so besonders wertvoll zu sein, wenn einfach meine Botschaft heißt: „Kommt, lasst uns alle nett und lieb sein, so hippiemäßig Flower-Power. Ach, die Welt ist in Ordnung, alles ist schön, wir haben uns alle so lieb.“ Irgendwie macht es diesen Leuten Angst, wenn wir so viel von der Liebe reden. Und drum mache ich diesen Podcast. Erstens, um zu überlegen: Ist das berechtigt, so viel und so intensiv von der Liebe zu reden. Und zweitens: Warum macht das den Leuten so Angst?
Nun, zum einen denke ich mal, wenn es wirklich so wäre, dass wir dann alle nett und lieb zueinander wären, was wäre denn so schlimm daran? Also es wäre schon mal ein Riesenfortschritt für unsere Welt. Dann wären wir schon ganz nah an dem, was ich mir wünschen würde, wenn alle Menschen lieb und nett zueinander werden. Da ist doch nichts Schlechtes dran. Das müssen wir uns als Christen doch mal auf alle Fälle wünschen. Aber was in Wirklichkeit dahintersteckt, ist für mich eine ungeheure Kurzsichtigkeit der Liebe gegenüber, ein wirklich eingeschränktes Verständnis der Liebe gegenüber.
Liebe wird in diesen Kreisen oft als etwas Banales oder Unbeständiges angesehen. Viele sehen in Liebe bloß die Idee, einfach das zu machen, wozu ich Lust und Laune habe, das, was mir Spaß macht, das, was mich nichts kostet. Wenn ich sage, die Liebe ist das Wichtigste, hat man so den Eindruck, ja, dann macht es sich jemand leicht, dann versucht man so irgendwie aus dem Schneider zu sein, dann wird Gehorsam so easy. Ach, dann, dann mache ich das so, wie ich gerade Lust habe und wie es mir gerade passt und wie es mir gerade angenehm ist. Also Liebe wird immer gleichgesetzt mit „ach, da fühle ich mich wohl dabei“, und dann ist alles easy, und dann ist es nicht mehr anstrengend. Und im Kopf der Leute ist es dann oftmals so: Liebe, das ist so der „breite Weg“, der bequeme Weg, aber Gehorsam und Hingabe und Heiligkeit, das ist so der „schmale Weg“. „Liebe“ scheint eine Art Abkürzung zu sein für Dünnbrettbohrer, aber die, die wirklich Jesus nachfolgen, die haben noch mal was ganz anderes auf ihrer Agenda als diese einfache, billige Liebe.
Und das ist kein Strohmann, den ich hier beschreibe und an dem ich mich dann abarbeite. Nein, ich kreiere da kein Szenario, das es gar nicht so gibt. Ich hatte gerade letzte Woche wieder so ein Treffen, wo genau diese Argumente ins Feld geführt wurden. Die sind real und die treffe ich landauf landab an. Das ist kein Strohmann. Diese Kritik an der Liebe, dieses Verständnis von Liebe offenbart mir nur, wie ahnungslos so viele Christen von der Liebe sind. Denn wer wirklich verstanden hat, was Liebe bedeutet, was die Liebe Gott gekostet hat, der kann nie mehr sagen, Liebe wäre eine Abkürzung. Die Liebe, von der ich immer wieder spreche, ist die biblische Idee der Agape.
Und ich unterscheide einfach ganz deutlich zwischen Eros und Agape, zwei griechischen Begriffen, hinter denen ganz unterschiedliche Vorstellungen und Konzepte von Liebe stehen. Und in meinem ersten Buch mache ich deutlich, was der Unterschied zwischen Eros und Agape ist. Und in meinem zweiten Buch mache ich deutlich, wie zentral und wesentlich die Liebe für unser Verständnis des Evangeliums und des ganzen Glaubens ist.
Eros ist die affektive Liebe, die ausgelöst wird von Affekten, von Lust, von Verlangen. Eros ist die Liebe, die nach Befriedigung sucht. Ja, Eros mag die Liebe sein, die auf Reize reagiert, die das tut, wo es ihr gerade danach steht, wozu sie Lust hat, was ihr einfällt, was sie eben befriedigt. Eros sucht das Seine. Eros braucht Gründe, Eros braucht Motivation, Eros braucht einen Anreiz. Eros wiegt die Kosten-Nutzen(-Relation) ab und liebt entsprechend. Eros bemisst den Wert einer Sache, wie wertvoll etwas ist und liebt dann entsprechend. Ja, und es mag sein, dass wir diese Art der Liebe an vielen Orten, an vielen Ecken und Enden in unserer Gesellschaft und in unserem eigenen Leben wahrnehmen.
Und ich möchte Eros erstmal gar nicht verteufeln. Es ist nicht erstmal was Böses, sondern ein ganz wichtiger Bestandteil des menschlichen Lebens. Ich bin froh, dass es Eros gibt, diese Art der Liebe, die ganz stark auch auf meine Lust, auf mein Bedürfnis, auf mein Verlangen abgestimmt ist. Aber Eros bildet nicht den Kern christlicher Theologie oder des Evangeliums. Im Vergleich zu Agape ist Eros schwache Liebe, anfällige Liebe, verletzliche Liebe. Es ist eine wenig robuste Liebe. Sie hat ein kurzes Mindesthaltbarkeitsdatum, sie ist schnell abgelaufen, und sie verdirbt schnell. Eros ist kurzfristige, momentane Liebe.
Agape hingegen ist eine beständige, stabile, tiefgreifende, verwurzelte Liebe. Agape ist selbstlose Liebe, gönnende Liebe, schenkende Liebe. Es ist im Kern, und das ist vielleicht das Wichtigste, Feindesliebe. Sie ist in der Lage, den Feind zu lieben, weil sie nicht das ihre sucht. Agape muss nicht motiviert sein. Agape braucht keine Gründe. Agape ist bedingungslos. Agape muss keinen Wert beim anderen vorfinden, sondern schafft Wert beim anderen. Agape ist nicht abhängig von Sympathie oder von Geschenken oder von dem, was mir entgegenkommt. Agape ist kein Spiegelbild, sondern ganz aktiv. Agape erzeugt, Agape erschafft etwas.
Wohingegen Eros immer ein Spiegelbild ist, immer eine Reaktion auf das, was mir da entgegenkommt. Und wenn im ersten Johannesbrief steht „Gott ist Liebe“, dann ist eben dort der Ausdruck Agape verwendet. Gott ist Agape. Gott hat keine Agape, die er so hervorkramt neben seinem Zorn oder neben seiner Gerechtigkeit, sondern Gott ist durch und durch Liebe. Gott ist die Liebe. Und in dieser Liebe geschieht nun alles andere, was Gott tut.
Und diese Liebe, von der ich spreche, die ist eben sehr, sehr gut beschrieben und dokumentiert in den Evangelien und im neuen Testament. Agape ist nichts Diffuses, nicht wischi-waschi, nichts, wo jeder sagen kann „Ach, in die Liebe, da kann ich eigentlich alles reinpacken, was mir passt. Liebe ist der Sammelbegriff für alles, wozu ich Lust habe.“
Nein, Agape ist detailliert beschrieben im Neuen Testament und immer wieder vorgelebt im Leben Jesu. Wir haben eine ganze Auflistung von Eigenschaften dieser Liebe in 1. Korinther 13, dem sogenannten Hohelied der Liebe, wo Paulus sagt, dass diese Liebe geduldig ist, gütig ist, nicht eifert, für den eigenen Standpunkt nicht prahlt, sich nicht aufspielt, dass sie nicht den eigenen Vorteil sucht, dass sie sich nicht zum Zorn reizen lässt, das Böse nicht nachträgt, nicht schadenfroh ist, dass sie nie aufgibt, immer vertraut, immer hofft, alles erträgt mit großer Geduld und niemals vergehen wird. Das ist doch nichts Banales, so in dem Sinn „Dann haben wir uns halt alle lieb“. Also dann denke ich: „Habt ihr nie diese Verse gelesen? Wie könnt ihr so über die Liebe denken und sprechen?“ Und in meinem neuen Buch mache ich deutlich, dass Paulus in Galater fünf, Vers 22 von einer Frucht des Geistes spricht, nicht von neun Früchten des Geistes, sondern von einer Frucht des Geistes.
Das ist die Liebe, die dann durch weitere Ausdrücke näher beschrieben wird, so wie er das auch im 1. Korinther 13 macht. Und da heißt es in Galater: „Die Frucht aber des Geistes ist Liebe: nämlich Friede, Freude, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Selbstbeherrschung.“ Das sind die Eigenschaften dieser Liebe. Und Paulus spricht im 1. Korinther davon, dass die Liebe das Entscheidende und Allerwichtigste ist und dass alles andere unserer christlichen Frömmigkeit, unseres Glaubens nicht nur zweitrangig, sondern wertlos ist ohne die Liebe.
Er kann in Kapitel 13, ab Vers eins sagen: „Wenn ich die Sprachen aller Menschen spreche und sogar die Sprache der Engel, aber ich habe keine Liebe, dann bin ich doch nur ein dröhnender Gong und eine lärmende Trommel. Wenn ich prophetische Eingebungen habe und alle himmlischen Geheimnisse weiß und alle Erkenntnis besitze, wenn ich einen so starken Glauben habe, dass ich Berge versetzen kann, aber ich habe keine Liebe, dann bin ich nichts. Und wenn ich all meinen Besitz verteile und den Tod in den Flammen auf mich nehme, aber ich habe keine Liebe, dann nützt es mir nichts.“ Es ist doch beeindruckend, wie sehr Paulus die Nutzlosigkeit von Geistesgaben, Hingabe, von aufopferungsvoller Frömmigkeit betont, falls die innere Haltung der Liebe, falls die Agape fehlt. Und ich würde noch ergänzen: Wenn meine Dogmatik noch so korrekt ist und mein Bibelverständnis in allem der Wahrheit entspricht, ich aber keine Liebe habe, nützt es mir nichts. Wann haben wir als Kirche und als Christen die Liebe verloren? Wann wurde sie zu einer Tugend unter anderen? Wann hat sie ihre Vorrangstellung und Bedeutung als Kriterium für all unser Denken, Reden und Handeln verloren? Ich möchte mich auf keinen Glauben mehr einlassen, der bereit ist, die Liebe für was auch immer zurückzustellen oder zu opfern. Und wenn ich dann so Reaktionen höre „Ja, die Liebe, da haben wir uns halt alle irgendwie lieb“, da reißt mir die Hutschnur, wenn ich sowas höre.
Jesus wurde einmal gefragt von einem Schriftgelehrten: „Was ist wirklich das Wichtigste am Gesetz?“ Da gab es die 613 Gebote der Thora, es gab unzählige Sabbatgebote und sonstige Regeln. Was ist denn jetzt wirklich wichtig? Auf was kommt es denn jetzt wirklich an? Und dann stellt er Jesus die Frage: „Welches ist das wichtigste von allen Geboten?“
Und dann sagt Jesus nicht: „Ja, halt, halt, halt, Fangfrage. Du willst wohl, dass ich hier irgendwelche Prioritäten setze? Nein, alles ist wichtig. Die Bibel ist ein flaches Buch, da ist alles wichtig. Da kann man nichts irgendwie herausheben. Das kann sich keiner anmaßen!“ Ja, von wegen. Es heißt, Jesus antwortete: „Das wichtigste Gebot ist: Höre Israel, der Herr, unser Gott, ist der alleinige Herr und du sollst den Herrn, deinen Gott lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe, mit deinem ganzen Verstand und mit all deiner Kraft. An zweiter Stelle steht das Gebot: Liebe deinen Nächsten, deinen Mitmenschen wie dich selbst. Kein Gebot ist wichtiger als diese beiden.“ Jesus kann also das gesamte Gesetz, die Gebote, die es gibt, zusammenfassen in diesen beiden Geboten, der Gottesliebe und der Nächstenliebe. Nichts ist wichtiger als diese beiden.
Und an einer anderen Stelle kann Jesus sagen: „Geht so mit anderen um, wie die anderen mit euch umgehen sollen. In diesem Satz sind das Gesetz und die Propheten zusammengefasst.“ Also, Jesus kann das Gesetz, die Propheten – damit ist das ganze Alte Testament gemeint -, das ganze Alte Testament zusammenfassen mit dem einen Satz „Geh so mit anderen um, wie andere mit dir umgehen sollen.“
Und Paulus macht genau dasselbe. In Römer 13 sagt er: „Ihr kennt die Gebote: Brich nicht die Ehe, morde nicht, beraube niemand, blicke nicht begehrlich auf das, was anderen gehört.“ Diese Gebote und alle anderen sind in dem einen Satz zusammengefasst: Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst. Wer liebt, fügt seinem Mitmenschen nichts Böses zu. Also wird durch die Liebe das ganze Gesetz erfüllt. Auch hier merken wir, es kommt auf die Liebe an. Das ist das Zentrale, um das geht es. Die hat wirklich die Vorrangstellung. Das ist der Maßstab für alles. Und ohne die Liebe ist alles nichts. Und im Jakobusbrief kann es dann heißen: Wenn ihr das königliche Gesetz erfüllt, nach der Schrift „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, so tut ihr recht. Also „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ ist ein königliches Gesetz. Es ist das eine größte, wichtigste Gesetz und Gebot, das wir haben.
Und damit kann ich sagen, mein ganzer Glaube hat ein großes Ziel, mich zu einem liebevolleren, barmherzigeren Menschen zu machen. Egal, was mein Glaube sonst für Überzeugungen entwickelt, das ist der entscheidende Maßstab und das wichtigste Kriterium meines Lebens. Und jetzt könnte man ganz viele Begegnungen, die Jesus mit Menschen hatte, durchgehen, um zu sehen, wie zentral das Anliegen Liebe war. Man könnte viele seiner Reden durchgehen oder seiner Gleichnisse. Die Bergpredigt spielt eine ganz entscheidende Rolle.
Und ich denke dann: Mann, in den USA, in irgendeinem Bundesstaat, wollen sie jetzt in allen öffentlichen Gebäuden, Schulen, Rathäusern wieder die 10 Gebote aufhängen. Und ich denke: Wie wäre es, wenn wir einfach mal die Seligpreisungen aufhängen würden, die ungeheuer viel von der Liebe sprechen, von Barmherzigkeit sprechen?
Und Jesus kann dann z.B. in Lukas 6 sagen, wenn er über die Liebe spricht: „Liebt eure Feinde, tut wohl denen, die euch hassen, segnet, die euch fluchen, bittet für die, die euch beleidigen!“ Und dann heißt es: „Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, was für einen Dank habt ihr davon? Denn auch die Sünder lieben ihre Freunde. Und wenn ihr nur euren Wohltätern wohltut, was für einen Dank habt ihr davon? Denn auch die Sünder tun dasselbe. Und wenn ihr denen leiht, von denen ihr hofft zu nehmen, was für einen Dank habt ihr davon? Denn die Sünder leihen den Sündern auch, auf dass sie Gleiches wieder nehmen. Vielmehr liebt eure Feinde, tut wohl und leiht, wo ihr nichts dafür erhofft. So wird euer Lohn groß sein und ihr werdet Kinder des Allerhöchsten sein, denn er ist gütig über die Undankbaren und Bösen.“
Oder denkt nur an das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, wo die Frömmigkeit eines Priesters und eines Leviten am Ende abloosen. Und wer wirklich göttlich gehandelt hat, den Willen Gottes getan hat, war ein Samariter, dessen Glaube nicht korrekt war, der nicht an die richtige heilige Schrift glaubte, der die falschen Opfer im falschen Tempel mit den falschen Priestern machte, der von den Juden als unrein angesehen wurde, als Irrlehrer. Und genau dieser Samariter, der macht es richtig. Warum? Weil er liebt, weil er sich erbarmt, weil es ihm den Magen umdreht, das Herz umdreht, als er den Verletzten sieht und er nicht einfach cool oder ängstlich daran vorbeigehen konnte wie die anderen beiden. Das ist eine Geschichte von Agape.
Oder wenn man sich das Gleichnis in Matthäus 25 anschaut, vom Weltgericht, wo am Ende diejenigen zu Gott gelassen werden, die es richtig gemacht haben, die den Durstigen getränkt haben, den Hungrigen gespeist haben, den Fremdling aufgenommen haben, den Nackten gekleidet haben, den Kranken besucht haben und so weiter. Es sind diese Taten der Liebe und der Barmherzigkeit, die am Ende zählen. Und zwar von Menschen, die nicht mal gecheckt haben, dass sie das für Gott machen oder dass sie das für Jesus machen, die einfach nur geliebt haben, und die haben den Maßstab erfüllt, den es brauchte für Gott.
Da kann man doch nicht wieder drum herumschwätzen, dass die Liebe nicht entscheidend ist und dass es am Ende doch auf die Bekehrung ankam oder dass ich das Übergabegebet gesprochen habe. Mann, was ist das für eine Verdrehung dieser Texte, wo es um die Zentralität und die ungeheure Bedeutung der Liebe geht, auch fürs Weltgericht! Da kann man doch nicht jetzt andauernd evangelikale Theologie und Bekehrungsideologie einschleusen und irgendwo noch die vier geistlichen Gesetze unterbringen! Diese Art von Liebe ist meine herausforderndste Aufgabe für den Rest meines Lebens.
Es ist doch nicht eine Abkürzung. Ich mache es mir doch nicht leicht. Ich gehe doch nicht den einfachen, breiten Weg, wenn ich mich für die Liebe entscheide. Das ist das Anspruchsvollste, was man sich nur vornehmen kann. Es entspricht dem Wesen Gottes. Und wenn ich Jesus ähnlicher werden möchte, dann möchte ich zunächst mal dem zentralen Element seines Wesens ähnlich werden, nämlich seiner Liebe. Und zu dieser Liebe bin ich nicht von mir aus einfach so in der Lage. Die schüttle ich doch nicht aus dem Ärmel, da sage ich doch nicht, okay, neues Projekt Liebe, morgen fangen wir an und dann habe ich es irgendwie im Griff. Nein, diese Liebe ist göttliche Liebe. Sie kommt von Gott, sie kennzeichnet Gott, und darum ist er die Quelle dieser Liebe. Und Paulus kann im Römerbrief schreiben, Kapitel 5 „Denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unser Herz durch den Heiligen Geist, welcher uns gegeben ist.“
Es ist der Heilige Geist, der uns befähigt, so zu lieben. Ich brauche diese Verbundenheit mit Gott. Ich brauche seinen Geist, um so lieben zu können. Progressive Theologie, postevangelikale Theologie ist für mich im Kern zusammengefasst mit dem Begriff Liebe. Dort geht es um die Liebe. Das ist der Kern einer progressiven Theologie. Aber diese Liebe können wir nicht aus dem Ärmel schütteln. Wir brauchen dazu Gottes Geist. Und darum sage ich immer und immer wieder, wir brauchen die Mischung aus progressivem Glauben – wo es ganz stark um die Liebe geht – und geisterfülltem Leben. Wir brauchen ein Leben aus der Kraft des Heiligen Geistes heraus. Sonst bleibt auch progressive Theologie und Spiritualität auf der Strecke.
Und zum Schluss noch die Überlegung: Warum haben Christen denn solche Angst vor der Liebe? Und ich glaube, es liegt daran, wie unbekannt die wahre Liebe in christlichen Kreisen ist. Ich glaube, dass viele Christen die Faszination der Liebe im Sinne der Agape nicht kennen, weil in unseren Kreisen die Liebe immer wieder geopfert wird auf dem Altar der Korrektheit, der Dogmatik, der Moral und der eigenen subjektiven Vorstellung von Wahrheit und Richtigkeit. Es ist schon frappant, wie in vielen Freikirchen die Liebe ständig ausgelagert wird in die Sozialarbeit oder in die Diakonie.
Ich glaube, dass die große Herausforderung der Christenheit der Zukunft die Wiederentdeckung der Agape und die Praxis der Agape ist. Ich glaube, sie ist Mangelware in unseren Kirchen. Kirchen sind schon liebevolle Gemeinschaften, wo Leute füreinander da sind, sich gegenseitig unterstützen. Da ist viel Gutes, da ist auch viel Liebevolles. Aber ich glaube, das ist ganz oft nicht wirklich Agape, sondern es hat was mit freundschaftlicher Liebe oder auch mit Eros zu tun. Menschen sind nett zueinander, Menschen sind hilfsbereit. Aber Agape, das ist selbstlose Liebe, die aufopfernde Liebe und vor allem die Feindesliebe. Feindesliebe ist so oft Mangelware in unseren Gemeinden.
Es gelingt uns in unseren Gemeinden sehr gut, die zu lieben, die uns lieben, die zu lieben, die passen in unsere Gruppe, in unsere christliche Bubble, in unser Glaubenssystem. Aber wenn jemand nicht mehr konform ist, wenn er moralisch daneben ist, dann ist die Person ganz schnell draußen – ausgeschlossen oder ausgegrenzt. Agape im Sinne von Feindesliebe sucht man dann oft vergeblich. Und in genau diesen Gemeinden, wo die Menschen untereinander sehr nett und lieb und hilfsbereit zueinander sind, wird aber auch ganz oft von der bösen Welt gesprochen, von der Sündhaftigkeit der Menschen, von der Wertlosigkeit unserer Gesellschaft. Da wird also ganz viel mit Feindbildern gearbeitet und vor ihnen gewarnt, und man geht auf Distanz.
Aber die Agape ist ja gerade die Feindesliebe und nicht die Feindeswarnung. Ich glaube, das, was wir als Liebe in unseren Gemeinden bezeichnen, ist oftmals einfach nur Sympathie. Und wenn ich dann entdecke, dass der Mensch in meiner Kleingruppe mir unsympathisch ist, so ganz anders ist, sein Charakter gar nicht zu mir passt, dann wird es dann auch langsam schwierig im Hauskreis. Und ganz oft verlassen Menschen dann den Hauskreis früher oder später, denn das bestimmende Leitmotiv ist nicht Agape, sondern Sympathie. Und damit sind wir eher wieder bei Eros.
Ich glaube, viele Gemeinden haben die Faszination der Liebe Gottes noch nicht wirklich verstanden. Sie bewegen sich auf dem freundschaftlichen Level oder auf dem Eros-Level von Liebe, und da ist viel Gutes dabei. Das ist ja alles nicht schlecht, das ist ja auch alles kostbar, Eros und Freundschaft und Liebe, also Philia, sind ja gute Dinge. Aber Agape ist noch mal eine andere Qualität. Es ist die Liebe Gottes. Und sie hat eine ungeheure Faszination. Sie ist die große Triebfeder, sie ist das, was in unsere Herzen gegossen wird. Sie ist das große Ziel der ganzen Welt, des ganzen Evangeliums, des Reiches Gottes. Es ist das große eine Ziel, das Wichtigste. Ohne diese Liebe ist alles andere nichts.
Und wenn ich von dieser Liebe spreche, dann ist das nichts Banales, keine Ausrede, keine Abkürzung, nicht Lust und Laune, sondern wir sind wirklich am Kern Gottes und am Kern seiner guten Botschaft. Wenn Kirche wieder bekannt wird für ihre Liebe im Sinne von Agape, dann ist sie wirklich ein Zeugnis. Denn das sagt Jesus schon voraus: „An eurer Liebe zueinander wird die Welt erkennen, dass ihr wirklich Schüler von Jesus seid.“
Und so viel für heute. Wenn ihr ein bisschen mehr über diesen Zusammenhang zwischen Eros und Agape erfahren wollt, empfehle ich euch mein erstes Buch. Da gibt es ein ganzes Kapitel dazu. Oder Movecast 19, da geht es um Eros und Agape, und warum Gottes Liebe so anders ist. Und wer sich in die Wesenszüge, in die Merkmale der Liebe vertiefen möchte, dem empfehle ich mein zweites Buch. Da gibt es ein ganz ausführliches Kapitel über geisterfülltes Lieben, wo ich all das noch mal zusammenfasse, auch aus dem Judentum herleite, das vergleiche mit rabbinischen Aussagen, diese Auslegung von Galater 5,22, dass die Liebe die eine Frucht des Geistes ist. All das findet man in meinem neuen Buch. Und damit danke ich euch fürs Dabeisein bei diesem Movecast, ich freue mich aufs nächste Mal.
Euch wunderschöne Ferien, falls ihr da jetzt unterwegs seid. Gottes reichen Segen, Schutz und Bewahrung. Bis bald wieder. Macht’s gut.
Byebye.
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