MC 185: Warum ich beim Bibellesen nicht mein Gewissen verbiegen möchte. (Josua 10)

Die Bibel steckt voller Gewalt. In den alttestamentlichen Büchern finden sich über 600 Stellen, die ausdrücklich  davon sprechen, daß Völker, Könige oder Einzelne über andere hergefallen sind, sie vernichtet und getötet haben. An ungefähr 1000 Stellen ist davon die Rede, daß der Zorn Jahwes entbrennt, daß er mit Tod und Untergang bestraft, wie ein fressendes Feuer Gericht hält, Rache nimmt und Vernichtung androht. Daneben gibt es über 100 Stellen, in denen Jahwe ausdrücklich befiehlt, Menschen zu töten und menschliches Leben zu vernichten. (Aus „Walter Dietrich / Christian Link – Die dunklen Seiten Gottes“, S.77). Viele Jahre lang hatte ich mir geistliche Mechanismen angewöhnt, solche Gewalt innerlich zu rechtfertigen und den Aufschrei meines Gewissens zu überhören. In diesem Movecast beschäftige ich mich mit genau diesen Mechanismen und zeige auf, warum mir das alte Testament trotzdem wertvoll und kostbar ist und welche Rolle die Gewaltlosigkeit und Friedensbotschaft Jesu dabei spielen.

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Das Transskript zur Folge:

Willkommen zu Movecast, dem Podcast, der etwas bewegen möchte. Mein Name ist Martin Benz, und jetzt geht’s los. Manche Dinge wiederhole ich immer wieder in meinen Podcasts. Das hat unterschiedliche Gründe. Zum einen, weil ständig neue Hörer dazukommen und andererseits, weil es mir so wichtig ist. Deswegen spreche ich immer wieder in meinem Podcast vom Thema Spenden und Movecast finanziell zu unterstützen. Aber ich möchte auch immer wieder betonen, dass das, was ich im Movecast äußere, einfach meine persönliche Überzeugung ist. Es sind zum Teil feste Überzeugungen. Ich habe meiner Meinung nach für manche Überzeugung richtig gute und starke Argumente. Aber ich möchte immer wieder deutlich machen: Ich bin nicht im Besitz der Wahrheit. Ich habe nicht herausgefunden, wie es wirklich ist oder die alleingültige Auslegung irgendeiner Bibelstelle oder einer theologischen Wahrheit herausgefunden. Die Wahrheit ist Sache Gottes. Und ich freue mich, wo immer ich den Eindruck habe, Gott offenbart mir etwas von dieser Wahrheit. Aber mein Wissen und mein Erkennen ist Stückwerk, und darum bleibt es dabei: Ich äußere hier Überzeugungen, und das gibt jedem Zuhörer die Freiheit zu sagen: „So sehe ich das nicht. Das sehe ich aber ganz anders. Die Argumente sind für mich nicht nachvollziehbar.“ Das ist völlig okay. Und ich möchte mich ganz stark davor hüten, Menschen, die andere Überzeugungen haben, in irgendeiner Weise abzuwerten oder geschweige denn, ihnen den Glauben abzusprechen. Meine Überzeugung macht mich nicht zu einem besseren oder heiligeren Christen. Und wenn du andere Überzeugungen hast, macht dich das nicht zu einem schlechteren Christen oder spricht dir das nicht deine Weisheit oder deine Verbundenheit mit Gott oder seinem heiligen Geist ab.

In dieser Folge beschäftige ich mich mit dem Buch Josua, vor allem mit dem zehnten Kapitel. Und ich vergleiche dabei den Jesus des Alten Testaments mit dem Jesus des Neuen Testaments. Damit meine ich die beiden Namensvettern. Jesus im neuen Testament trägt ja eigentlich den Namen Jehoshua, im Hebräischen derselbe Name wie unser Josua aus dem Buch Josua, der Sohn Nuns. Beide tragen denselben Namen, aber sie könnten in ihrer Konzeption und in ihrer theologischen Grundüberzeugung nicht unterschiedlicher sein. Dem einen geht es um Gewalt, und dem anderen geht es um Gewaltlosigkeit. Und ich möchte jetzt auf Josua 10 eingehen. Da geht es um die Eroberung des Landes Kanaan durch die Israeliten, was von Mose bereits angekündigt wurde, von Gott geboten ist und jetzt unter Josua vollzogen wurde. Und ich lese euch ganz bewusst ein paar Verse vor, die deutlich machen, wie gewalttätig dieser Text ist. Und da heißt es in Josua 10, Vers 3:

Da schickte Adoni Zedek Boten zu den Nachbarkönigen Hoham von Hebron, Piram von Jahmut, Japhia von Lachisch und so weiter und ließ ihnen ausrichten, die Leute von Gibeon haben mit Josua und den Israeliten Frieden geschlossen. Kommt und helft mir, sie zu bestrafen. Da vereinigten sich die fünf Amoriterkönige und zogen mit ihrer ganzen Heeresmacht vor Gibeon. Sie erklärten Gibeon den Krieg und begannen, die Stadt zu belagern. Da schickten die Männer von Gibeon Boten nach Gilgal ins Lager der Israeliten und baten Josua: „Lass deine Diener jetzt nicht im Stich. Komm schnell zur Hilfe und rette uns. Alle Amoriterkönige aus dem Bergland belagern unsere Stadt!“. Da rief Josua die kriegstüchtigen Männer von Israel zusammen und brach mit dem Heer von Gilgal auf. Und Jahwe sagte zu Josua: „Fürchte dich nicht vor ihnen, denn ich habe sie alle in deine Hand gegeben. Niemand wird vor dir standhalten können.

Die Israeliten greifen an, und sie schlagen diese fünf Könige mit ihren Armeen in die Flucht. Sie jagen ihnen hinterher. Und dann heißt es in Vers 11:

Und als sie die Steige von Beth Horon hinabflohen, ließ Jahwe große Steine vom Himmel auf sie herabfallen. Es kamen mehr durch die Hagelsteine um, als die Israeliten dem Schwert töteten. –

Also Gott selbst beteiligt sich am Krieg und lässt Steine vom Himmel fallen, um die zu töten. Und die Israeliten tun die verstreuten Flüchtlinge immer noch verfolgen und sie jagen. Und dann heißt es in Vers 12:

Damals hatte Josua zu Jahwe gebetet: „Sonne, halt still über Gibeon, und Mond über dem Tal von Ajalon.“ Da hielt die Sonne still, und auch der Mond blieb stehen, bis das Volk sich an seinen Feinden gerächt hatte. Die Sonne blieb mitten am Tag stehen und beeilte sich nicht, unterzugehen. – Ungefähr einen ganzen Tag lang. Weder vorher noch nachher hatte es solch einen Tag gegeben, dass Jahwe auf das Gebet eines Mannes hin so etwas gewirkt hätte. Doch damals kämpfte Jahwe selbst für Israel.

Also ganz erstaunlich bittet Josua, dass der Tag länger gehen würde, dass also das Sonnenlicht länger scheint, dass nicht die Nacht zu früh hereinbricht, dass sie möglichst länger Zeit haben, die Feinde zu töten. Wenn es dunkel wird, müssen sie die Verfolgung aufgeben. Also: Gott, verlängere den Tag, lass die Sonne stehen, und dann haben wir mehr Stunden, um Feinde zu töten. Und entsprechend sagt dann Josua zu seinem Heer (zu den anderen aber hat er gesagt):

„Bleibt nicht stehen, sondern verfolgt die Feinde und macht auch noch die Nachhut nieder. Lasst sie nicht in ihre Städte entkommen, denn Jahwe, eurer Gott, hat sie euch in die Hand gegeben.“

Und dann geht die Eroberung weiterer Gebiete und weiterer Städte vonstatten. Und dann heißt es in den folgenden Versen, und die liste ich jetzt einfach so auf, ab Vers 29:

Dann führte Josua das israelitische Heer von Makeda nach Ligna und griff auch diese Stadt an. Jahwe gab sie und ihren König in die Hand Israels. Alles Leben darin wurde mit dem Schwert getötet. Und sein König fand das gleiche Ende wie der von Jericho. Danach zog Josua mit dem Herrn nach Lachisch und belagerte die Stadt. Jahwe gab auch sie in die Hand Israels. Am zweiten Tag eroberten sie die Stadt und erschlugen alles Lebendige darin mit dem Schwert. Von Lachisch führte Josua das Heer nach Eglon. Sie umzingelten die Stadt, nahmen sie noch am selben Tag ein und vollstreckten wie in Lachisch an allem Lebendigen den Bann. Von Eglon aus zogen sie nach Hebron hinauf und griffen sie an. Sie eroberten die Stadt und erschlugen die Bewohner samt ihrem König. Auch an den dazugehörigen Ortschaften vollstreckten sie den Bann und vernichteten alles Leben darin. Dann wandte sich Josua von Hebron ab und griff mit dem Heer Israels Debir an. Er nahm die Stadt und die dazugehörigen Orte ein und ließ wie in Hebron an allem Lebendigen den Bann vollstrecken. So eroberte Josua das ganze Land. Keiner, der dort lebte, entging dem Gericht Gottes. An allem vollstreckte er den Bann, wie es Jahwe, Israels Gott, befohlen hatte. Weil Jahwe, der Gott Israels, für sein Volk kämpfte, konnte Josua in einem einzigen Feldzug alle Könige dort besiegen und ihr Land erobern.

Also hier eroberten Josua und das Heer eine Stadt mit den zugehörigen Ortschaften nach der anderen und vernichtet alles Leben darin. Alles Lebendige wird mit dem Schwert getötet. Diesen Text habe ich in meiner sogenannten Stillen Zeit gelesen. Der war jetzt einfach dran in den letzten Tagen, Josua 10. Und ich lese dieses Kapitel, bevor ich in meinen Tag hinein starte. Ich möchte das Wort Gottes lesen. Es soll mir Kraft spenden. Ich möchte darin Gott entdecken, seine Gegenwart wahrnehmen, seine Weisheit erkennen. Und ich lese diesen Text aus Josua 10. Und wisst ihr was? Das ist ein ganz fürchterlicher Text. An diesem Text gibt es nichts zu mögen. Diesen Text kann man sich nicht schönreden. Das ist ein antiker Kriegstext, wie wir ihn auch von anderen Völkern und antiken Texten kennen. Das ist ein ungeheuer grausamer, barbarischer, blutrünstiger Text, der macht der Aussage aus Exodus 15, Vers 3, alle Ehre: Jahwe ist ein Kriegsmann, Jahwe ist sein Name. – Es ist der Herr Zebaoth, heißt es an anderer Stelle, der Herr der Kriegsheere, das ist ein Kriegsgott, der hier sein Volk führt, es beschützt, für sein Volk den Tag verlängert, um länger abschlachten zu können, dem Volk mithilft, indem er Steine vom Himmel fallen lässt. Das sind ja ganz archaische Bilder, die hier gebraucht werden, um zu zeigen, wie sehr Gott auf der Seite der Israeliten steht bei der Eroberung des verheißenen Landes. Ein furchtbares Kapitel! In wenigen Versen wird immer und immer wieder geschildert, wie alles Leben ausgelöscht wird durch das Schwert.

Ich habe mit diesem Kapitel natürlich auch eine eigene Geschichte. Ich lese das jetzt mindestens zum 25. Mal. Und ich weiß nicht mehr, was ich beim ersten Mal Lesen dieser Zeilen gedacht habe. Da war ich Teenager, 15,16 Jahre alt. Keine Ahnung, was ich mir da gedacht habe. Irgendwann war ich beim Durchlesen dieses Kapitels fasziniert davon, dass Gott die Sonne bzw. die Erde anhalten kann, um den Tag zu verlängern. Ich war begeistert über die Möglichkeiten Gottes. Und das hat meinen Glauben und meine Erwartungen an diesen Gott natürlich beflügelt. Ein Gott, der so eingreift, der so zu seinem Volk steht, der es so unterstützt! Das hat mich erst mal fasziniert, die Macht und die Größe und das Wunderwirken Gottes. Ich war einfach begeistert von dem Übernatürlichen, das in diesem Text zum Ausdruck kommt. Und irgendwann hat sich erste Skepsis eingeschlichen beim Lesen und Durcharbeiten dieses Textes. Und zwar habe ich irgendwann wahrgenommen, dass hier ja ein total geozentrisches Weltbild im Text verarbeitet ist, nämlich die Sonne bewegt sich, und die muss jetzt stillstehen. Das klassische Bild: Die Erde ist im Mittelpunkt, und die Sonne kreist um die Erde, geozentrisch, und die bleibt jetzt stehen, um den Tag zu verlängern. Und irgendwann wird das für mich sogar zu einem ganz entscheidenden Text, um deutlich zu machen, dass wir in der Bibel nicht nur faktische Wahrheit vorfinden: Es gibt naturwissenschaftliche Fehler in der Bibel, die natürlich einem antiken Weltbild geschuldet sind. Und man konnte über astronomische Gegebenheiten gar nicht anders denken, als die antike Welt gedacht hat – also eine vorwissenschaftliche Welt, eine vorkopernikanische Welt, die eben dieses geozentrische Weltbild hatte. Und es kann nicht sein, dass ein 3000 Jahre alter Text plötzlich kein geozentrisches Weltbild beinhaltet, denn es gab ja noch gar kein anderes Weltbild. Insofern kamen da die ersten Zweifel oder die erste Skepsis bei diesem Text auf. Und irgendwann habe ich dann die Gewalttätigkeit dieses Textes wahrgenommen und das als ganz unvereinbar wahrgenommen mit dem Gott, der sich in Jesus Christus, in dem Jehoshua des neuen Testaments, geoffenbart hat. Also insofern habe ich meine Reise gemacht mit diesem Text von einer indifferenten Haltung über eine Begeisterung hin zu einer Skepsis der Wissenschaftlichkeit des Textes gegenüber bis hin zu einer Skepsis der Moral dieses Textes gegenüber, nämlich der Moral eines gewalttätigen Textes. Zudem ist mir inzwischen natürlich auch deutlich, dass es in der Historizität dieser ganzen Geschichte Ungereimtheiten gibt. Man hat archäologisch ziemlich sicher heute festgestellt, dass z.B. Jericho weit vor den Eroberungszügen Israels erobert war, dass also die Israeliten bereits ein erobertes, ein in Schutt und Asche liegendes Jericho vorgefunden haben. Es ist also überhaupt nicht klar, was an diesen Eroberungsfeldzügen wirklich historisch ist, was da stattgefunden hat. Die Texte sind deutlich später entstanden. Und in dem Buch Josua merkt man, da finden auch verschiedene Traditionen zueinander. Wir haben z.B. in Josua 11, Vers 23 die Aussage:

So eroberte Josua das ganze Land, wie es Jahwe zu Mose gesagt hatte, und gab es Israel zum Eigentum, jedem Stamm sein Gebiet. Das Land hatte nun Ruhe vor dem Krieg.

Also Kapitel 11 schildert, dass jetzt alles erledigt ist, das Land ist verteilt, sie haben Ruhe vor dem Krieg. Und jetzt heißt es in Josua 13, Vers 1, da springt der Text weit nach hinten, da heißt es:

Inzwischen war Josua sehr alt geworden“ – es sind also viele Jahre vergangen – da sagte Jahwe zu ihm: Du bist schon sehr alt, und sehr viel Land ist noch in Besitz zu nehmen. Folgende Gebiete sind noch zu erobern.

Und dann kommt eine ganze Liste mit Gebieten, die noch nicht erobert sind. Also in Kapitel 11 ist alles erobert, das Land hat nun Ruhe vor dem Krieg, es ist erledigt. Und in Kapitel 13 ist noch überhaupt nicht alles erobert, sondern es ist am Ende vom Leben des Josua noch immer nicht alles erobert, und sie müssen noch bestimmte Gebiete erobern. Also wir haben im Buch Josua selber historische Ungereimtheiten. Der Theologe Raimund Schwager hat in seinem Buch „Brauchen wir einen Sündenbock? Gewalt und Erlösung in den biblischen Schriften“ herausgearbeitet, wie viele gewalttätige Stellen es eigentlich im Alten Testament gibt. Und ganz nüchtern und objektiv schreibt er: In den alttestamentlichen Büchern finden sich über 600 Stellen, die ausdrücklich davon sprechen, dass Völker, Könige oder einzelne über andere hergefallen sind, sie vernichtet und getötet haben. An ungefähr 1000 Stellen ist davon die Rede, dass der Zorn Jahwes entbrennt, dass er mit Tod und Untergang bestraft, wie ein fressendes Feuer Gericht hält, Rache nimmt und Vernichtung androht. Und dann schreibt er weiter: Kein anderes Thema taucht so oft auf wie die Rede vom blutigen Wirken Gottes. Und zu guter Letzt, neben den vielen Texten, gemäß denen der Herr die Übeltäter dem Schwert der Bestrafer ausliefert, gibt es über 100 Stellen, in denen Jahwe ausdrücklich befiehlt, Menschen zu töten. Und ist er es, der befiehlt, menschliches Leben zu vernichten? Der sein Volk wie Schlachtvieh preisgibt und die Menschen gegeneinander aufhetzt? Und ich habe mich jetzt gefragt: „Wie konnte ich dieses Kapitel x-mal durchlesen, ohne zutiefst verstört davon zu sein? Wie kommt es, dass mir nicht das große Kotzen kam bei diesem Text, wenn ich den lese, wo Vers nach Vers geschildert wird, wie alles Lebende, Mann, Frau, Kinder, Säuglinge, Alte, Vieh und Tiere, abgeschlachtet werden, und zwar ohne Erbarmen, ohne einen übrig zu lassen.

Nun, ich habe in meiner christlichen Sozialisierung gelernt, diesen Text innerlich zu rechtfertigen. Und ich habe bei mir selbst drei Rechtfertigungsmechanismen wahrgenommen, die immer wieder angesprungen sind, wenn ich solche Texte gelesen habe. Da gibt es ja noch viel andere, haben wir ja gerade gehört. Tausende Stellen. Was ist da passiert? Zum einen habe ich mir gesagt, Gott hat das Ganze angeordnet. Gott hat es befohlen. Und das hat man dann nicht zu hinterfragen. Wenn Gott etwas gebietet, dann hat mein Gewissen nichts mehr zu melden. Dann gilt nur noch der Gehorsam. Wenn Gott die Tötung dieser Menschen anordnet, dann wird er sich was dabei gedacht haben. Dann ist das sein Wille, seine Absicht. Seine Gedanken sind höher als unsere Gedanken. Er weiß schon, was er tut. Und dann hat diese Überlegung vom Gehorsam – Menschen müssen Gott gehorsam sein! – immer die Nebenwirkung, es schaltet mein Gewissen stumm. Egal, ob ich das jetzt gut oder schlecht finde. Gott ordnet es an, und dann muss es gemacht werden. Da gibt es nichts zu hinterfragen, nur noch der Gehorsam. Aber genau das ist ja die dunkle Seite von Religion. Wenn Gottes Anordnungen nicht mehr hinterfragt werden, wenn sie das Gewissen auf Mute schalten. Das erleben wir doch immer wieder in anderen Religionen oder in Kulten oder in Sekten, dass Gott etwas sagt, und vielleicht ist es dann irgendein Prophet oder ein Guru, der im Namen Gottes spricht. Und das gilt es dann nicht mehr zu hinterfragen, nichts mehr hinterfragen, sondern dann gilt nur noch der Gehorsam. Das ist ja die dunkle, die gefährliche Seite von Religion.

Der zweite Rechtfertigungsmechanismus besteht darin, dass ich mir gesagt habe: Ja, diese Leute hier im Land Kanaan, das waren eben Heiden, das waren Götzenanbeter, das waren Sünder, die haben ihre Kinder dem Moloch geopfert. Man hat also ein ganz negatives Bild kreiert von diesen Menschen dort. Also ganz schlimme Sünder. Furchtbare Menschen. Also grausam sind die. Und man hat also die schlimmsten Dinge hineinprojiziert, und damit war ihre Vernichtung irgendwie gerechtfertigt. Die haben das verdient. Die sind so böse, die muss man eigentlich ausrotten. Die mussten eigentlich vom Angesicht der Erde verschwinden, weil das so böse Menschen waren. Aber wisst ihr was? Das waren zunächst einfach mal Menschen. Das waren einfach mal Mütter, Väter, Kinder. Die haben sich kulturell kaum unterschieden von den Israeliten. Die haben wahrscheinlich kaum anders gelebt als die Israeliten, außer dass ihre Götter andere Namen hatten als der Gott Israels. Die haben geliebt und gehasst, Gutes getan und Böses getan. Die haben in ihren Städten seit Jahrhunderten oder Jahrzehnten gewohnt. Und jetzt kommt einfach ein Volk und vernichtet sie. Und gerade wenn man dann das Alte Testament weiterliest, vor allem das Buch Richter, das direkt nach Josua kommt, dann merken wir ja, dass das Volk Israel moralisch zur damaligen Zeit den anderen Völkern ja überhaupt nicht überlegen war. Im Buch Richter wird dann geschildert, dass jeder tat, was ihn recht dünkte. Da werden die grausamsten und schlimmsten Geschichten geschildert, vom Kannibalismus über Zerstückelung von Menschen und…  Also die schlimmsten Sachen werden im Buch Richter geschildert. Also genau die Menschen, die ich mir vorgestellt habe im Land Kanaan und die deswegen gerechtfertigt vernichtet werden dürfen, genau als solche Menschen stellen sich dann die Israeliten dar im Buch Richter. Also das ist nun wirklich kein Argument, diese Gewalttätigkeit innerlich zu rechtfertigen.

Und das dritte Argument, das zur Rechtfertigung solcher Texte beigetragen hat, war die Überlegung, dass dieses Land ihnen ja irgendwann mal von Gott versprochen und verheißen worden war. Also hatten sie alles Recht, sich dieses Land zu nehmen. Gott hat es verheißen. Aber auch das ist ja eine barbarische Logik: Weil es mir irgendwann vor 400 oder 500 Jahren versprochen wurde, befreit mich das doch jetzt nicht von jeglicher Moral und Ethik. Seit wann befreit denn eine Verheißung Gottes mich von jeglicher Verantwortung, dass ich machen kann, was ich möchte? Das Versprechen Gottes wird zur Legitimation von jeglicher Grausamkeit und Barbarei. Es hätte doch vielleicht auch ein Nebeneinander stattfinden können. Wenn Gott solche Wunder tut, dass er die Sonne anhält und Steine vom Himmel fallen lässt, hätte er doch vielleicht auch den Bewohnern Kanaans ins Herz geben können, Frieden zu schließen oder selbst weiterzuziehen. Viele waren ja auch damals Nomaden. Er hätte doch auch genauso bewirken können, dass die Herzen dieser Kanaaniter sich so umwandeln, dass sie Israel willkommen heißen, oder dass sie tatsächlich weiterziehen und Platz machen für Israel. Wäre ja alles theoretisch möglich gewesen. Aber das Gegenteil war der Fall. Frieden und Gnade waren nicht auf der Agenda Gottes. Er hat sogar den Krieg absichtlich verlängert und Friedensverträge verhindert. Gott wollte den Bann vollstrecken. Gott wollte vernichten. Es heißt in Josua 11, ab Vers 18:

Josua musste lange gegen sie kämpfen, also gegen diese Völker. Denn außer der Hiwiterstadt Gibeon ergab sich keine Stadt den Israeliten freiwillig. Alle mussten sie im Kampf erobern. Jahwe hatte sie starrsinnig zum Krieg gegen Israel gemacht, damit er den Bann an ihnen vollstrecken konnte. Es sollte keine Gnade für sie geben. Israel musste sie vernichten, wie Jahwe es Mose befohlen hatte.

Hier wird also nicht der Vernichtungswille der Israeliten geschildert, sondern der Vernichtungswille dieses Kriegsgottes. Und ich war jahrzehntelang darauf geeicht, diesen Text und ähnliche Texte innerlich zu rechtfertigen. Und diese Argumente der Rechtfertigung sind heute immer noch relevant. Das ist kein Strohmann. Ich habe hier die Seite von Evangelium 21 vor mir geöffnet, wo genau die Argumente gebracht werden, warum Gott die Massentötungen an den Kanaanitern geboten hat. Und da werden genau die Rechtfertigungsargumente gebracht, die ich gerade erwähnt habe.

Und ich spreche für mich persönlich. Ich habe mich gefragt: Was hat der Glaube aus mir gemacht, wenn es mir beim Lesen solcher Texte nicht schlecht wird? Was hat der Glaube aus meinem Gewissen und aus meinem Menschenbild gemacht, wenn es mir gelingt, solche Texte zu rechtfertigen? Was für ein Mensch bin ich, wenn ich in meine Religion und in meine Gottesverehrung und in mein Gottesbild integriert habe, dass dieser Gott gnadenlos Menschen dem Bann verfallen lässt, sie umbringen lässt, alles Leben ausrottet wegen ihrer Schuld oder ihrer Sünde, und sie sogar so verstockt, damit sie nicht mehr in der Lage sind, Frieden zu schließen. So ein Mensch und solch ein Gläubiger möchte ich nicht länger sein. Wir können uns gerne über das Thema Sünde unterhalten. Wir können über die Bosheit der Menschen sprechen. Wir können über die Grausamkeit antiker Völker sprechen. Wir können über das Existenzrecht Israels sprechen. Aber was für mich gar nicht geht, ist, in irgendeiner Form diese Massentötungen zu rechtfertigen. Darüber zu sprechen, dass Gott anordnet, es will, dass alles Leben in diesen Städten ausgelöscht wird und dass diese Religion zu so viel Grausamkeit und Barbarei und Blutvergießen fähig ist. Sorry, nicht mit mir. Und die Frage entsteht natürlich jetzt, ja, wie gehe ich jetzt mit diesen Texten um? Wie lese ich denn jetzt diese Texte? Kann ich diesen Texten überhaupt noch was abgewinnen? Wäre es nicht besser, solche biblischen Bücher gar nicht mehr zu lesen und beim Alten Testament sich auf ein paar schöne Prophetenworte und die Psalmen zu beschränken? Warum lese ich diese Texte immer noch? Nun, zum einen sind diese Texte für mich wichtige historische oder antike Dokumente, die mir etwas über die Menschheit verraten, über den Gestaltungswandel von Religion und vom Gottesbild. Sie verraten mir etwas über die Entstehung von Religion und die Entstehung von gewissen Überzeugungen. Diese Texte zeigen mir, wie sich auch die jüdische Religion entwickelt hat und sich am Anfang nur wenig unterschieden hat von anderen Völkern mit ihren Kriegsgöttern. Der Text zeigt mir auch, dass von diesen ersten Israeliten ganz stark das heidnische, bisher dagewesene Gottesbild projiziert wurde auf die Jahwe-Religion, dass erst im Laufe der Zeit sich herauskristallisiert hat, dass Jahwe ein ganz anderer ist. Aber am Anfang ist Jahwe ganz ähnlich wie die antiken Kriegsgötter der Völker um sie herum. Und immer mehr kristallisiert sich heraus, wie Jahwe wirklich ist, was ihn unterscheidet, was das Wesen dieser Religion und dieses Gottes ist. Und das gipfelt dann in der Offenbarung Jesu, der zeigt, wie Gott ist, und wer ihn sieht, der sieht den Vater. Und ich bin so unendlich dankbar für die Botschaft des Friedens, die Jesus uns gebracht hat. Ich lese also einen Text in Josua 10, und dieser Text zeigt mir, wie unglaublich wichtig Jesus für meinen Glauben und für mein Gottesbild ist, mit seiner ungeheuren Botschaft der Gewaltlosigkeit und des Friedens und der Liebe. Ich lese Josua 10 und sage mir innerlich: Jesus, ich bin so dankbar für dich. Ich bin so dankbar, dass mit dir ein neuer Bund, ein neues Zeitalter, eine neue Art zu leben und zu denken begonnen hat. Angesichts dieser barbarischen Stellen im Alten Testament wird die Friedensbotschaft und die Friedfertigkeit Jesu umso bedeutsamer. Jesus zeigt mir, dass ich keinesfalls auch nur das Körnchen der Gewalttätigkeit in meiner Gottesvorstellung, in meiner Religion und auch in meiner Kreuzesvorstellung haben darf.

In Textstellen wie Josua 10 oder anderen bedient sich Gott des Mittels der Gewalt, um seine Absichten durchzusetzen, selbst wenn das ungeheuer edle Absichten sind und er damit die Menschen retten will. Es ist fatal, wenn sich im Kreuz Gott wieder einmal der Gewalt bedient, selbst wenn auch da seine Absichten ungeheuer edel sind und er damit die Menschen retten möchte. Es ist die Logik solcher Bücher wie Josua oder anderer Textstellen, dass Gott sich der Gewalt bedient, um sein Volk zu retten, sein Volk zu erlösen, sein Volk in den Frieden, in den Schalom hineinzuführen. Und das Mittel ist die Gewalt, die Eroberung, die Auslöschung anderer. Was den Frieden stört, dem wird der Garaus gemacht. Angesichts dieser Gewalttätigkeit darf es meiner Meinung nicht sein, dass wir das Kreuz so verstehen, dass sich Gott eines gewalttätigen Aktes bedient, um die Menschheit zu erlösen. Das Kreuz ist das Gegenteil. Es ist der wichtigste Ausdruck göttlicher Gewaltlosigkeit, weil Gott menschliche Gewalt über sich ergehen lässt am Kreuz, ohne sich auch nur im Geringsten zu wehren, und sich inmitten dieses gewalttätigen Aktes nicht davon abhalten lässt, zu lieben, zu vergeben und sich zu versöhnen. Wenn im Kreuz hingegen die Strafe Gottes zum Ausdruck kommt, die der Sünder verdient hat und die jetzt Jesus für mich trägt, dann ist das Kreuz – und jetzt kann ich es drehen und wenden wie ich will – der Ort, an dem Gewalt ausgeübt wird für einen höheren und besseren Zweck. Und das kann ich so nicht mehr glauben. Das Kreuz muss befreit werden von jeglicher Gewalttätigkeit Gottes. Es ist ein Ausdruck menschlicher Gewalttätigkeit, die sich auch in diesen alttestamentlichen Büchern zeigt, aber nicht der Ausdruck göttlicher Gewalttätigkeit. Denn Gott ist Friede und er ist Liebe und er bedient sich nicht der Gewalt, um seine Absichten durchzusetzen. Solange wir das nicht verstehen, werden wir in unserem Wunsch, Gott nachzuahmen und Gottes Nachfolger zu sein, auch immer wieder selbst zur Gewalt greifen und sie legitimieren. Und ich zeige gerade in meinem neuen Buch „Wenn der Glaube keine Kraft hat“, dass es sehr gute andere Erklärungsmodelle für das gibt, was am Kreuz geschehen ist. Diese Idee der Gewalttätigkeit Gottes und der stellvertretenden Strafe, die muss man nicht so denken. Das ist eine relativ moderne Sichtweise. Und da gibt es in der Kirchengeschichte und der Bibel selbst ganz andere Ansätze, das Kreuz zu verstehen. Und dafür würde ich gerne mal wieder ein bisschen Werbung machen, da auch noch mal anders drüber nachzudenken.

So, und jetzt bin ich schon weit über der Zeit, die ich mir eigentlich vorgenommen habe, es gäbe noch so vieles zu dem Thema zu sagen. Ich hoffe, es hat euch wieder angeregt, inspiriert. Es sind meine Überzeugungen. Vielleicht seht ihr es ganz anders. Wie auch immer, ich möchte nicht aufhören, für einen Gott zu werben, der sich in Jesus Christus geoffenbart hat. Gott ist nie anders, als er sich in Jesus Christus gezeigt hat. Nicht Josua 10 zeigt mir, wie Gott ist, sondern Jesus Christus zeigt mir, wie Gott ist.

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