MC 188: Rabbinische Weisheit und unsere aktuellen Streitigkeiten

Einige Jahrzehnte vor Jesus lebten die beiden großen Rabbiner Hillel und Schammai. Sie waren Vorsitzende des jüdischen Hohen Rates und lagen in ihrer Theologie weit auseinander. In diesem Movecast schaue ich mir diese beiden Persönlichkeiten genauer an und entdecke spannende Parallelen zwischen Rabbi Hillel und Jesus von Nazareth. Ich ziehe eine Verbindungslinie von den beiden Rabbinern zur evangelikalen und postevangelikalen Bewegung. Außerdem könnte der Umgang der beiden Kontrahenten ein Vorbild für den Umgang mit den Spannungen in der evangelikalen Welt sein.

Shownotes

Kapitel:

00:00 Einführung in die Rabbiner Hillel und Shammai
01:03 Biografische Hintergründe von Hillel
04:48 Biografische Hintergründe von Shammai
07:08 Unterschiede in der Lehre von Hillel und Shammai
10:30 Praktische Anwendungen der Lehren
14:51 Übertragung auf evangelikale und postevangelikale Theologie
22:36 Schlussfolgerungen und persönliche Reflexionen

Zusammenfassung:

In dieser Episode von Movecast wird die Beziehung zwischen den beiden jüdischen Gelehrten Hillel und Shammai untersucht. Die Unterschiede in ihren Lehren und Lebensansätzen werden beleuchtet, sowie deren Relevanz für die heutige evangelikale und postevangelikale Theologie. Hillel wird als milde und menschenfreundliche Figur dargestellt, während Shammai für seine Strenge und Treue zum Gesetz bekannt ist. Der Podcast schließt mit persönlichen Reflexionen des Sprechers über den Wandel seiner eigenen theologischen Ansichten.

Takeaways

  • Hillel und Shammai lebten zur Zeit des zweiten Tempels.
  • Hillel war ein Einwanderer aus Babylon, während Shammai in Israel verwurzelt war.
  • Hillel war bekannt für seine Menschenliebe und Milde.
  • Shammai war für seine Strenge und Genauigkeit bekannt.
  • Die Schule Hillels war pragmatisch und berücksichtigte individuelle Umstände.
  • Die Schule Shammais hielt an strengen Regeln fest.
  • Hillel und Jesus teilen ähnliche ethische Lehren.
  • Die Wahrheit wird oft über die Umstände gestellt.
  • Der Buchstabe der Schrift kann töten, wenn man nicht differenziert.
  • Respektvolle Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen theologischen Ansichten sind wichtig.

Buchtip:

„Persönlichkeiten aus dem Talmud“ von Rabbiner Adin Steinsaltz

Transkript zur ganzen Folge: 

Willkommen zu Movecast, dem Podcast der etwas bewegen möchte. Mein Name ist Martin Benz, und jetzt geht’s los.

Heute geht es die beiden Rabbiner Hillel und Shammai. Das sind zwei sehr unterschiedliche jüdische Gelehrte, die die Thora sehr unterschiedlich ausgelegt haben. Und in ihrer Unterschiedlichkeit sehe ich eine Parallele zwischen der heutigen Spannung zwischen evangelikaler und postevangelikaler Theologie. Und vielleicht hilft uns der Vergleich dieser beiden Rabbiner, ein Licht zu werfen auf die heutigen Spannungen, die wir so unter Christen erleben. Und vielleicht hilft es uns auch, Brücken zu schlagen zwischen beiden.

Fangen wir mal an mit etwas Biografischem. Beide Gelehrte leben zur Zeit ungefähr von Herodes dem Großen, also um die Zeitenwende. Von Hillel wird berichtet, dass er lebte vom Jahr 110 v. Chr. bis 10 n. Chr. Er soll also – ganz ähnlich wie Mose – 120 Jahre alt geworden sein. Ob das wirklich stimmt, kann man nicht nachprüfen. Aber es zeigt, er lebte ungefähr bis zum Jahr 10 n. Chr., also man könnte sagen, er lebte noch, als Jesus geboren wurde, und Shammai lebte ungefähr in derselben Zeit. Sie waren auf alle Fälle Zeitgenossen. Hillel stammte ursprünglich aus Babylon. Dort wurde er geboren. Deswegen wird er im Talmud auch immer wieder als Hillel der Babylonier bezeichnet. Er ist dann aber von Babylon eingewandert nach Israel, ins Land Israel, nach Jerusalem, um dort Thora zu studieren, und zwar als armer, mittelloser Gelehrter. Er hatte zwar einen sehr reichen Bruder – angeblich stammt seine Familie auch indirekt vom davidischen Königshaus ab -, aber er hat sich bewusst entschieden, als armer Schlucker nach Jerusalem zu kommen und sich seinen Lebensunterhalt dort mit den eigenen Händen zu verdienen. Er hat sich von seiner eigenen Muskelarbeit ernährt und wurde Holzfäller, und das hat er halbtags gemacht, um die andere Hälfte des Tages weiterhin die Thora studieren zu können. Es wird deutlich, dass Hillel alles kennt: Er kennt den Reichtum seiner Familie und das Leben in Babylon. Dann hat er als junger Mann Israel erlebt, Jerusalem studiert, dort muss er sich mit seinem eigenen Geld das Studium an der Thora-Schule verdienen. Denn zur damaligen Zeit durften nur Leute in die Thora-Schule, die auch die Studiengebühr bezahlen konnten. Damit wollte man vermeiden, dass Leute an die Thora-Schule gehen – also in das Bet Ha-Midrash, in die Thora-Schule -, die gar nicht richtig motiviert waren. Und deswegen musste man eben einen Betrag bezahlen, eine Studiengebühr. Und die hat sich Hillel verdient durch Holzfällen.

Hillels Leben ist deswegen geprägt von ganz unterschiedlichen Lebenssituationen und Lebenserfahrungen. Hillel war vieles vertraut, eben der Wohlstand und die Armut, die Heimatlosigkeit, die Fremde und die Heimat. Also ganz viele herausfordernde Lebenssituationen sind Hillel vertraut. Er kann sich da hineinfühlen. Und er hat dann relativ schnell Karriere gemacht. Man hat sein Potential erkannt. Aber sein Aufstieg, seine Bedeutung kam relativ kurzfristig, weil es ihm gelungen ist, einen halachitischen Streitfall, also eine Rechtsfrage, die die jüdischen Gelehrten nicht lösen konnten, endlich zu lösen. Man hat also eine scheinbar unlösbare Frage aus dem Gesetz Hillel gefragt, und er hat dann eine sehr weise und gute Antwort gegeben, die dann endlich zu einer endgültigen Entscheidung in dieser juristischen Frage geführt hat. Und das hat solch einen starken Eindruck hinterlassen – seine Weisheit, seine Gelehrsamkeit -, dass die damaligen Vorsitzenden des Sanhedrins, also des jüdischen Hohen Rates, bewusst zurückgetreten sind, um Hillel den Vorsitz des Sanhedrins zu überlassen. Er wurde also zum Vorsitzenden des Hohen Rates.

Es verwundert dann auch nicht, dass Hillels Lehren, seine Entscheidungen, seine Sicht der Thora, seine Sicht auf das Gesetz Schule machten. Es entstand die Schule Hillels, also eine Gelehrten-Schule, die im Sinne Hillels, auch Generationen nach ihm, die Thora und die Gesetze in einer ganz bestimmten Art und Weise auslegt, eine ganz bestimmte Sicht, eine ganz bestimmte Perspektive auf das Gesetz hat. Und diese Schule Hillels, die entwickelt sich dort und ist bis heute einflussreich für die Auslegung des Gesetzes im Judentum.

Bevor ich auf die spezielle Auslegung oder Haltung oder Theologie des Hillel eingehe, erst ein paar Worte zu Shammai. Shammai war Zeitgenosse Hillels, lebte also auch im ersten Jahrhundert vor Christus, der Zeit des zweiten Tempels, der Zeit des Herodes. Aber er war kein Zugereister, sondern er war lang eingesessen im Land Israel. Er kam aus Israel, und seine Familie war dort seit langer Zeit verwurzelt. Er hat also im Gegensatz zu Hillel nicht erlebt, was es heißt, sich hochzuarbeiten, ins Land einzureisen, ein Einwanderer zu sein, Armut zu haben. Also Shammais Ausgangssituation war eine ganz andere. Vom Beruf war Shammai

so eine Art Architekt oder Ingenieur, jedenfalls jemand, der eine qualifizierte Tätigkeit im Baugewerbe ausübte. Und darum treffen wir ihn im Talmud auch immer wieder mit dem Messstab in der Hand an. Das ist so die Welt, mit der er vertraut ist. Und dieser Beruf, der ganz viel Genauigkeit und Exaktheit erforderte, war auch prägend für seine Theologie und für sein Herangehen an das Gesetz. Der jüdische Rabbi Adin Steinsaltz schreibt dazu, Shammais berühmte Strenge hängt sicherlich auch mit seinem die größte Genauigkeit erfordernden Beruf zusammen. Es ist die Haltung eines Baumeisters, der strengstens darauf achten muss, dass die von ihm verwendeten Bauteile exakt ausgemessen werden, damit sich das von ihm gebaute Haus als stabil erweist und bei dem jedes „ungefähr“ oder „fast“ schwerwiegende Folgen haben kann. Nun wurde auch Shammai zum Vorsitzenden des Hohen Rates, des Sanhedrin, ernannt, sodass die beiden – Hillel und Shammai -gleichzeitig Vorsitzende waren. Das war bis dahin eine Tradition. Sie waren die Fünften in einer Reihe, die als Paar den Vorsitz des Sanhedrin hatten – übrigens dann auch die Letzten. Aber bis dahin hat man bewusst Zweier-Vorsitz gehabt: zwei verschiedene Rabbiner oder zwei verschiedene Schulen, die den Hohen Rat angeführt haben. Und zwischen diesen beiden gab es eigentlich so gut wie immer Meinungsunterschiede in Fragen des Gesetzes, der Auslegung des Gesetzes. Sie haben unterschiedliche Methoden der Lehrsysteme entwickelt und haben ganz oft unterschiedliche Entscheidungen getroffen oder sind zu unterschiedlichen Entscheidungen gelangt. Und aus dieser Unterschiedlichkeit heraus entwickeln sich eben zwei Schulen – die Bet Shammai und die Bet Hillel, also das Haus des Shammai, das Haus des Hillel -, die eben sehr unterschiedliche Methoden der Schriftauslegung hatten. Und jetzt stellt sich natürlich die Frage: Was ist denn der Unterschied dieser beiden, in ihrer Persönlichkeit, in ihren Lehren, in ihrer Schrifthaltung usw.?

Was ist der Unterschied? Wenn man es mal auf den Punkt bringt, dann war Hillel gekennzeichnet von einer großen Milde und Menschenfreundlichkeit, wohingegen Shammai gekennzeichnet war von einer Strenge, einer Liebe zur Wahrheit und einer großen Konsequenz. Über Hillel wird gesagt, dass seine Menschenliebe geradezu sprichwörtlich war. Es war seine Menschenliebe,

die jeden einzelnen Menschen zu berücksichtigen wusste und deren besonderes Anliegen es war, einem jeden in seiner ganzen Individualität gerecht zu werden. Hillel wusste, dass Menschen unterschiedlich sind, dass sie ein unterschiedliches Schicksal haben, unterschiedliche Dinge erlebt haben, eine unterschiedliche Biografie haben. Und es war ihm in seiner Menschenliebe wichtig, Menschen gerecht zu werden, sie zu sehen, sie wahrzunehmen und zu überlegen, was ist für diesen Menschen wichtig? Was bringt seine Biografie mit sich?

 

Und so kommt es, dass die Schule Hillel so eine ganz eigene Bereitschaft hatte, auf Einzelheiten, auf Besonderheiten einzugehen und nicht nur die die ewig leuchtenden allgemeinen Regeln der Wahrhaftigkeit vor Augen zu haben. Sondern es war ihr wichtig, wenn nötig auf das Besondere, das Außergewöhnliche, auf Verkümmerungen und Änderungen einzugehen. Also es geht nicht darum, was gilt für alle Zeiten, für alle Leute, genau gleich, alle werden über einen Kamm geschert, sondern darum, auf Besonderheiten einzugehen, auf besondere Situationen, auf besondere Lebenssituationen der Menschen einzugehen und für sie gute und lebbare Lösungen zu finden.

Zum anderen war Hillel gekennzeichnet von einer ganz großen Demut und Bescheidenheit. Und das war eben verbunden mit seiner Milde. Und es gibt eine Geschichte im Talmud, wo ein paar junge Studenten eine Wette abschließen, wer schafft es als erstes, Hillel aus der Ruhe zu bringen, zum Zorn zu reizen. Es ist ihnen einfach nicht gelungen, weil er von so viel Güte und Milde und auch Demut gekennzeichnet war.

Und Hillel war in der Lage, die Welt mit einer großen Offenheit zu betrachten. Er war sich bewusst, dass alle Dinge endgültig erst dann beurteilt werden können, wenn sie zum Abschluss gekommen sind, und dass die Welt einem steten Wandel unterzogen ist. Wahrscheinlich ist das eine ganz moderne Sichtweise. Wir können Dinge erst beurteilen, wenn die Welt zu Ende gekommen ist. Vorher dürfen wir uns eigentlich gar kein Urteil erlauben. Und diese Welt ist im Wandel begriffen. Darum müssen sich auch unsere Haltungen, unsere Denkweisen immer wieder anpassen.

Rabbi Steinsaltz schreibt dazu, Hillels Leben war durch zahlreiche dramatische Wendungen gekennzeichnet. Diese vielen Übergänge von einer bestimmten sozialen Stellung zu der ihr entgegensetzten, von einem Ort zum anderen, von einer Welt in eine andere, trugen dazu bei, dass in ihm eine überaus differenzierte Sicht der Welt heranreifte. Seine Milde, seine Güte und seine Verbundenheit auch mit den Armen der Gesellschaft zeigt sich auch daran, dass auf seine Initiative hin

 

die bis dahin übliche Studiengebühr abgeschafft wurde, damit auch den Ärmsten und den Mittellosesten die Pforten von dem Bet Ha-Midrasch geöffnet wurde. Shammai dagegen war eben von seinem Wesen her und von seiner Art strenger, und es ging ihm deutlich mehr um Genauigkeit, Richtigkeit, Korrektheit. Etwas vereinfacht könnte man sagen, dass die Schule Hillels bei Fragen des Gesetzes die milderen Entscheidungen getroffen hat und das Haus Shammais die strengeren Entscheidungen.

Der Unterschied wird im Talmud durch verschiedene Geschichten geschildert. Eine Geschichte wird eben erzählt, und da kann man im Talmud lesen: Abermals ereignete es sich, dass ein Nichtjude vor Shammai trat und zu ihm sprach: „Mach mich zum Proselyten, unter der Bedingung, dass du mich die ganze Thora lehrst, während ich auf einem Bein stehe.“ Da stieß er ihn fort mit der Elle, die er in Hand hatte. Darauf kam er zu Hillel, und dieser machte ihn zum Proselyten und sprach zu ihm: „Was dir nicht lieb ist, das tue auch deinem Nächsten nicht. Das ist die ganze Thora, und alles andere ist nur die Erläuterung. Geh und lerne sie!“. Der Unterschied zeigt sich auch bei einer ganz anderen Frage, nämlich: Was für ein Lied sollen die Gäste singen, wenn sie am Hochzeitstag vor der Braut tanzen? Da war es üblich, dass man ein spontanes Lied gesungen hat und dabei die Braut besungen hat. Und die Schule Schammais, die sagt jetzt, man besinge sie so, wie sie eben ist. Also möglichst die Wahrheit sagen, so wie die Braut ist, so muss auch der Text aussehen. Und die Schule Hillels sagt, nein, nein, man singe auf jeden Fall „Oh schöne und anmutige Braut“. Also man will der Braut auf alle Fälle Komplimente machen und positiv und wertschätzend von ihr singen. Und dann kann man nachlesen: Da sprach Bet Shammai, also das Haus Shammais, zu Bet Hillel, also der Schule Hillels: „Und was, wenn sie hinkt oder blind ist, soll man auch dann singen, schöne und anmutige Braut? Schreibt nicht die Thora ausdrücklich vor, dass man sich vor lügenhafter Rede hüten soll?“ Bet Hillel beharrt jedoch darauf, dass man auch in diesem Fall die schöne und anmutige Braut besingen soll. Jedoch die Schule Shammais bleibt dabei, man muss sie so besingen, wie sie ist und besteht auf unbedingter Wahrhaftigkeit. Und man merkt bei Shammai, seine große innere Richtlinie ist nicht einfach die Strenge, sondern es ist die Wahrheit. Und er möchte keinesfalls links oder rechts von der Wahrheit abweichen. Shammai wollte in seiner Auslegung der Torah dem Buchstaben treu sein, wohingegen Hillel sich für eine mildere Auslegung der Torah entschieden hatte,

 

selbst wenn sie eben nicht dem Buchstaben treu war. Auch Shammai konnte warmherzig und fürsorglich sein. Aber er war nicht bereit, auf die Wahrheit zu verzichten. Es existieren für Shammai keine Sonderrechte für niemanden. Die Forderungen des Gesetzes gelten unter allen Umständen für jeden. Für ihn darf das Gesetz keinem Widerstand weichen. Er sagt: „Und wenn sich dem Gesetz ein Berg in den Weg stellt, dann müssen wir den Berg durchbohren, aber keinesfalls laufen wir außen den Berg herum.“

Also Shammai geht es um das Grundsätzliche. Da muss dem Buchstaben des Gesetzes treu geblieben werden. Ihm geht es im Grunde um eine idealistische Position, einen Idealzustand, den gilt es anzustreben. Und da geht es weniger darum, was jetzt praktisch wirklich funktioniert und was jetzt der Einzelfall ist und wie es um diese Person konkret steht. Wir bleiben dem Gesetz treu. So diese Idee: Wenn wir das nicht tun, wenn wir um den Berg herum gehen, dann kommt es zu lauter Ausnahmen, dann ist der Dammbruch da. Wir müssen dem Gesetz treu bleiben.

 

Also die Schule Shammai ist immer aufs Absolute, aufs Ideale, aufs Wie-es-sein-müsste-und-sollte ausgerichtet. Die Schule Hillels orientiert sich eher an den Gegebenheiten – wie ist es denn -, ist an der Wirklichkeit ausgerichtet und bezieht das auf alle Fälle in die Entscheidungen mit ein, wie wir hier das Gesetz auslegen müssen. Für Shammai war es ganz wichtig, viele Regeln aufzustellen, die die Verunreinigung durch Heiden, durch Ungläubige verhinderten, wohingegen Hillel es relativ einfach machte, Heiden zum Judentum zu konvertieren. Deswegen ist das Judentum zur Zeit Hillels so stark gewachsen wie fast sonst nie in der ganzen Geschichte. Es gibt in der Mishnah, das ist also der Teil des Talmuds, wo es um die Auslegung des Gesetzes geht, einen Abschnitt im Traktat Shabbat, wo 18 Regeln aufgezählt werden, wo es immer heißt, dass Rabbi Shammai das und das verboten hat, und es heißt immer im Anschluss, aber die Schule Hillels erlaubt es. Das macht so deutlich, der eine verbietet es, die andere Schule erlaubt es.

Bevor ich das Ganze jetzt übertrage auf die evangelikale und postevangelikale Welt, vielleicht noch ein abschließendes Zitat von Rabbi Adin Steinsaltz, der schreibt, die zahlreichen halachischen Streitigkeiten zwischen Bet-Hillel und Bet-Shammai sind im Grunde Ausdruck zweier grundverschiedener Weltanschauungen. Bet-Shammai, also die Schule Shammais, misst alle Realität am ausschließlichen Maßstab einer höheren, idealen Wirklichkeit.

Daher muss die Wirklichkeit, so widerspenstig sie sich auch geben mag, erbarmungslos dem Gesetz unterworfen werden. Das Gesetz soll selbst einen Berg durchbohren. Wehe dem Berg, der sich dem Gesetz entgegenstellt. Er wird nicht umgangen, sondern durchbohrt. Die Haltung des Bet-Shammai ist daher nicht primär als Ausdruck einer unbedingt und überall anzuwendenden maximalen Strenge anzusehen. Sie bezieht vielmehr ihre Grundsätze aus dem unaufhörlichen Streben nach dem Ideal, nach Vollkommenheit.

Alles hat dem Idealbild, dem Grundriss auf dem Papier zu entsprechen. Es darf keine Abweichung geben. Ansonsten läuft man Gefahr, dass das unter Missachtung dieser oder jener Berechnung aufgestellte Haus irgendwann zusammenbricht. Und dann schreibt er über Hillel: Bet-Hillel hingegen geht von der Erde und ihren Beschränkungen aus. Auch sie hat ein Ideal vor Augen, versteht es jedoch, alle Umstände zu berücksichtigen, die das irdische Dasein mit sich bringt – den grauen Alltag, die vielfältigen Probleme des Menschen sowie seine Gefühle und Gemütsverfassung. Die Einstellung des Bet-Hillel ist mithin in erster Linie pragmatisch und nicht immer nur und unbedingt mild. Soweit das Zitat von Adin Steinsaltz. Und vielleicht habt ihr es beim Zuhören schon gemerkt, da klingt für mich so manches nach evangelikal und postevangelikal. Und mir ist klar, das ist holzschnittartig, und das ist vielleicht auch so vereinfacht, aber die Schule Shammais erinnert mich an evangelikale Theologie, und die Schule Hillels erinnert mich an postevangelikale Theologie. Der evangelikalen Welt, so wie ich sie über Jahrzehnte am eigenen Leib erlebt habe und geglaubt habe, geht es tatsächlich auch im Wesentlichen, im Kern um die Wahrheit. Und diese Wahrheit gilt es aufrechtzuerhalten. Die darf nicht verwässert werden. Die muss sich durchsetzen. Selbst wenn sich ein Berg, die Gesellschaft oder sonst irgendwas in den Weg stellt, dann bohren wir uns da durch und weichen eben nicht aus. Und die Wahrheit wird ganz stark gleichgesetzt mit der Schrift– wie sagt Steinsaltz: dem Grundriss auf dem Papier -, also hier die Buchstaben der Bibel. Das ist die Wahrheit. Und wenn wir das verwässern, dann laufen wir eben Gefahr, dass das Haus irgendwann zusammenbricht. Das Evangelikale fühlt sich ganz stark der Wahrheit und der Heiligen Schrift verpflichtet. Und das ist das Ideal, dem es nachzufolgen, nachzujagen und nachzueifern gilt. Und da sind das persönliche Schicksal eines Menschen, sein Befinden, seine Gefühle, seine Lebenssituation erst mal zweitrangig. Erstrangig ist immer die Wahrheit, und diese Wahrheit aufrechtzuerhalten und ihr Gültigkeit zu verleihen, egal wie die Wirklichkeit ist. Und natürlich sagen wir als Evangelikale die Wahrheit in Liebe, aber wir singen sicher nicht auf der Hochzeit „anmutige und schöne Frau“, wenn sie lahm und blind ist. Wir sind der Wahrheit und der Wahrhaftigkeit verpflichtet. Als Evangelikaler will man nicht streng oder lieblos sein oder unmenschlich, aber eins ist klar: Man ist diesem höheren Ideal verpflichtet, und da sind das einzelne Schicksal, die einzelne Befindlichkeit, die Situation dieses Menschen, die Umstände, erst mal nicht so bedeutend. Die müssen sich hintenanstellen. Das evangelikale Christentum möchte es Menschen nicht zu leicht machen. Da werden Hürden aufgebaut. Man will nicht, dass da Menschen sich einschleichen, die es am Ende nicht ernst meinen. Lauheit wird angeprangert. Man muss richtig motiviert sein. Man muss feurig oder brennend oder leidenschaftlich sein. Mit der Studiengebühr sollen die abgehalten werden, die es nicht ernst meinen –  Hillel schafft die Studiengebühr ab. Und bei postevangelikaler Theologie ist man sich eher bewusst, dass alle Dinge vorläufig sind, dass man sie noch nicht endgültig beurteilen kann und dass die Welt einem ständigen Wandel unterzogen ist und dass wir diesen Wandel mitvollziehen müssen. Für uns spielen die Biografie, die Lebensumstände eine wichtige Rolle, und deswegen kommen wir zu einer differenzierteren Sicht der Wirklichkeit. Bei postevangelikaler Theologie findet die Wirklichkeit, die sehr differenziert gesehen wird, einen bedeutsamen Platz neben der Wahrheit. Da geht es nicht nur um die Ideale, die allzeit gültigen großen Richtlinien und Gesetze, sondern da möchte man hinschauen. Es geht auch um die Einzelheiten. Es geht darum, auf das Besondere einzugehen. Es geht um Ausnahmen, um Verkümmerungen, um Veränderungen, die notwendig sind. Es geht darum, den Menschen in seiner ganzen Individualität wahrzunehmen und ihm gerecht zu werden.

Als evangelikaler Christ hatte ich lange Zeit den Maßstab in der Hand, mit dem ich alles bemessen habe, mit dem ich beurteilt und auch ganz schnell verurteilt habe. Ich habe nach dem Vorsatz gelebt: erst korrekt, dann gnädig. Es muss korrekt sein. Wir dürfen das Ideal – das, was richtig ist, das was die Wahrheit ist – keinesfalls opfern. Erst wenn es korrekt ist, kommt im zweiten Schritt dann die Gnade im Sinne von „okay, wie ist deine Situation? Wie geht es dir? Wie ist deine Verfassung?“ Aber das ist immer erst das Zweite, nachdem wir das Korrekte festgestellt haben.

Für mich wurde das Schicksal des einzelnen Menschen, seine Geschichte, seine Biografie plötzlich relevant. Und das hat natürlich mit meiner eigenen Biografie zu tun. Als meine Biografie sich schlagartig verändert hat durch die Brüche in meinem Leben, musste ich mir überlegen, wie kriege ich diese neue Wirklichkeit zusammen mit der scheinbar unabänderlichen Wahrheit, mit den großen Idealen und der Vollkommenheit. Ich war kategorisch gegen Homosexualität. Das ging gar nicht. Da ist die Wahrheit der Schrift eindeutig … bis ich einen Homosexuellen kennengelernt habe, der sich mit ganz viel Hingabe bemüht, Jesus nachzufolgen, der seit 30 Jahren versucht, frei zu werden. Und plötzlich merke ich, dass ich genau hinschauen muss, dass der Einzelfall bedeutsam ist, dass die Verfasstheit dieses Menschen eine Rolle spielt und dass sie nicht immer hinten runterfallen muss hinter dem, was ich als Wahrheit verstehe. Und ich war überzeugt, dass Frauen nicht lehren und leiten dürfen, bis man hochtalentierte Frauen kennengelernt hat, die für viele zum Segen wurden. Und plötzlich merkt man, dass der Buchstabe, der die Wahrheit zum Ausdruck bringen soll, auch ganz viel töten kann. Ja, der Buchstabe kann töten. Am Ende geht es um die Frage, ob die Wahrheit, ob der Grundriss auf dem Papier, das Idealbild, die Vollkommenheit immer das letzte Wort hat oder ob wir auch die Umstände berücksichtigen dürfen: das irdische Dasein mit seinen vielfältigen Problemen, mit seinen unterschiedlichen Gemütsverfassungen. Darf der Mensch in seiner ganzen Individualität einbezogen werden in unser ethisches Urteil? Ich persönlich sehe jetzt nach vielen Jahrzehnten Bibellesen immer größere Parallelen zwischen Rabbi Hillel und Rabbi Jesus. Der berühmteste Satz von Hillel, eben „Was ihr nicht wollt, dass euch die Leute tun, das tut ihnen auch nicht“, genau das wird wiederholt von Jesus, indem Jesus sagt „Was ihr wollt, dass die Leute euch tun, das tut ihnen auch!“.

 

Rabbi Hillel war bekannt für seine Bescheidenheit, für seine Milde und für seine Demut. Und Jesus selber sagt über sich: „Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig. Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“ Und wenn zu Jesus eine auf frischer Tat ertappte Ehebrecherin geführt wurde, wo die Wahrheit und das Ideal eindeutig sagt: „Steinigen, das ist die Wahrheit, das ist das Gesetz“, dann bezieht Jesus die Umstände, die Situation mit ein – dass der Mann nicht verhaftet wurde, dass das Mädchen erst 13 Jahre alt ist, dass es der letzte Tag eines großen Festes war, wo es zuging wie im Karneval – und er verurteilt diese Frau nicht. Und wenn eine Prostituierte sich ihm naht und ihm die Füße salbt und alle anderen diese Frau verachten und denken, die müsste man wegjagen, dann schenkt ihr Jesus Zuwendung, weil er ihren Schmerz erlebt und ihre Tränen sieht.

Und wenn seine Jünger am Sabbat die Ähren ausreißen, weil sie Hunger haben und sie essen und von den Pharisäern dafür getadelt werden, denn es entsprach nicht der Wahrheit und nicht dem Ideal, was man am Sabbat tun sollte, dann rechtfertigt Jesus seine Jünger und sagt, es geht nicht um Opfer, es geht um Barmherzigkeit. Für mich ist Shammai und die theologische Schule des Shammai ein Bild für evangelikale, fundamentalistische Theologie. Und für mich ist die Schule Hillels und der Rabbi Hillel ein Bild für die postevangelikale oder eher liberalere Theologie.

 

Ich persönlich habe die Schule gewechselt. Viele Jahrzehnte war ich Teil der Schule Shammais, und jetzt bin ich Teil der Schule Hillels. Ich bin dankbar für diesen Schulwechsel. Er tut mir gut. Er tut meiner Seele gut. Und er hat für mich neue Leidenschaft am Lernen und am Studieren und am Sein mit sich gebracht. Und trotzdem ist mir zum Schluss etwas ganz, ganz wichtig. Diese beiden Schulen, die Schule Hillels und die Schule Shammai, sind trotz aller Unterschiede wunderbar miteinander ausgekommen und haben sich in höchstem Maße wertgeschätzt.

Auch hier noch mal ein Zitat von Rabbi Steinsaltz:

Obwohl die beiden Lehrhäuser über viele halachische Fragen miteinander uneinig waren und sich nicht scheuten, ihren Streit in verschiedenen Angelegenheiten aufs Schärfste auszutragen, handelt es sich bei ihnen keineswegs etwa um zwei sich feindlich gesinnte Lager. Der Talmud weiß im Gegenteil von gegenseitigem Respekt und Liebe zu berichten, die zwischen den Gelehrten dieser beiden Lehrhäuser herrschten. Überall gilt der Streit zwischen Bet Shammai und Bet Hillel als das Musterbeispiel eines Streites, eines Streites in reiner Absicht. Als ein Streit in reiner Absicht gilt ein Streit, der ohne persönliche Ambitionen rein um der Sache willen geführt wird. Daher konnte dieser Streit auch lange Jahre währen, ohne dass dies jemals zu persönlichen Feindschaften geführt hätte. Beide Seiten behandelten sich gegenseitig mit dem höchsten Respekt und nahmen sich die Mühe, auch die Position der anderen Seite zu studieren, selbst wenn sie mit ihr nicht übereinstimmen konnten. Genau das wünsche ich mir. Da gibt es zwei Seiten mit ganz unterschiedlichen Welterfassungen, mit ganz unterschiedlichen Betonungen. Aber wir streiten um der Sache willen und verhindern es, dass persönliche Feindschaften entstehen. Sondern wir behandeln uns mit Respekt, mit Achtung und mit Anerkennung. Das wünsche ich mir für die Auseinandersetzung zwischen evangelikalen und postevangelikalen Christen. Die Rabbiner vor 2000 Jahren und ihre Nachfolger haben es uns vorgemacht.

Ich wünsche mir, dass auch uns das gelingen darf.

Das war Movecast für heute. Die wichtigsten Informationen zu diesem Podcast habe ich aus dem Buch „Persönlichkeiten aus dem Talmud“ von Rabinah Adin Steinsaltz, der 1937 in Jerusalem geboren war, der ein ganz großer israelischer Rabbiner, gelehrter Philosoph und Talmud-Kommentator war. Er hat über 60 Bücher geschrieben, und ihm ist es gelungen, den Talmud ins Neu-Hebräische zu übersetzen, mit eigenen Kommentaren zu versehen, sodass sich das Ganze millionenfach verkauft hat.

Und das Time-Magazin bezeichnete Rabbi Steinsaltz im Jahr 1988, als ihm der Israel-Preis, der höchste Preis Israels, verliehen wurde, als Jahrtausend-Gelehrten. Also ein schlauer Kopf.

Ich danke euch fürs Zuhören, fürs Dabeisein, fürs Unterstützen von Movecast. Das kann man tun, indem man Movecast finanziell unterstützt mit einer einmaligen Spende oder einer regelmäßigen Spende. Aber ihr könnt auch gerne Movecast bekannt machen, an Freunde, Bekannte weiterleiten, davon erzählen. Mich würde freuen, wenn die Zuhörerschaft von diesem Podcast noch weiter anwächst. Insofern bis bald, wir hören uns bald wieder. Macht’s gut, seid gesegnet, bye bye.

 

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