Wer Kindern Ärgernis bereitet soll mit einem Mühlstein um den Hals ersäuft werden und wenn eine Hand sündigt wird sie abgehakt? In dieser Episode von Movecast erklärt Martin Benz, dass viele Aussagen Jesu bewusst übertrieben sind und nicht wörtlich genommen werden sollten. Er beleuchtet die Bedeutung hyperbolischer Sprache und die Dramaturgie in Jesu Reden, um die Dringlichkeit und Ernsthaftigkeit seiner Botschaften zu verdeutlichen. Die Übertreibungen stellen nicht den Charakter Jesu in Frage , sondern sollen vielmehr die Wichtigkeit der Inhalte unterstreichen.

Takeaways

Movecast und Lovecast finanzieren sich ausschließlich von Spenden. Wenn du Movecast unterstützen möchtest, findest du alle Informationen hier: https://movecast.de/spenden-givio/. Vielen Dank!

Das Transskript zur Folge findet sich auf www.movecast.de unter der jeweiligen Episode.

GEMA-freie Musik von www.frametraxx.de

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Transskript zu MC 190:

Willkommen zu Movecast, dem Podcast, der etwas bewegen möchte. Mein Name ist Martin Benz, und jetzt geht’s los.

Gleich zu Beginn zwei Informationen: Zum einen habe ich einen neuen Podcast gestartet mit dem Namen Lovecast. Bei Lovecast geht es ums Thema Beziehungen, Liebe, Sexualität. Es wird um Themen gehen wie Erziehung oder auch Scheidung, Versöhnung. Dieses ganze Themenfeld decke ich ab, und dieser Lovecast erscheint auf dem gleichen Feed wie Movecast. Also dort, wo ihr bisher Movecast angehört hat, dort erscheint jetzt zwischendurch immer wieder ein Lovecast. Der beginnt mit der Zählung bei 1, jetzt ist gerade diese Woche Lovecast 1 erschienen, und Lovecast wird wahrscheinlich nicht so oft erscheinen wie Movecast, etwas unregelmäßiger, aber ihr findet das auf dem gleichen Feed. Zusätzlich findet ihr das Ganze auch im Internet auf meiner Seite movecast.de, oder es gibt einen eigenen Link für Lovecast; wenn ihr auf lovecast.info geht, dann landet ihr direkt bei den Podcasts auf meiner Webseite, wo ihr die auch anhören könnt oder die Shownotes lesen könnt.

Ansonsten bin ich nach wie vor dankbar für all eure Unterstützung. Ich bin jetzt seit etwas mehr als einem Jahr selbstständig als Theologe, als Podcaster und als Autor, und eine ganze Reihe Leute hat sich verpflichtet, mich das erste Jahr zu unterstützen. Dieses Jahr ist nun zu Ende. Insofern haben einige jetzt diese Unterstützung eingestellt oder haben ihre monatlichen Beiträge reduziert. Insofern bin ich nach wie vor dankbar, wenn sich dankbare Hörer von Movecast oder auch Leute, die mein Buch lesen und davon profitieren und deren Glaube sich dadurch weiterentwickeln durfte, wenn die diese Arbeit finanziell unterstützen. Man kann das tun. Auf meiner Webseite gibt es alle Informationen dazu, die Kontoangaben –  am hilfreichsten ist natürlich, wenn jemand einen Dauerauftrag einrichtet und sagt,  ich unterstütze dich für eine gewisse Zeit monatlich mit diesem oder jenem Betrag. Das sichert diese Arbeit, das sichert mein Einkommen. Herzlichen Dank für alle, die da einen Beitrag leisten, das schon lange tun, das weiterhin tun und danke allen, die da neu dazu kommen. Das als Informationen, und jetzt legen wir los mit der heutigen Episode.

Heute geht es wieder um den scheinbar unfreundlichen Jesus. Da gibt es bereits zwei Episoden, Movecast 179 und 183,  und jetzt also eine weitere zu diesem Themenfeld. Ich möchte heute der Frage nachgehen, wie wir mit Aussagen Jesu umgehen, die ziemlich radikal oder vehement wirken. Und wie können wir mit denen umgehen, wenn wir auf die stoßen? Ich kann da gar nicht alle erwähnen, aber ein paar davon. Es gibt auch nicht ganz so viele davon. Also Jesus tut nicht andauernd rumrennen und brutal harte und radikale Dinge sagen. Aber dort, wo wir drauf stoßen, möchte ich gerne Hilfe liefern, diese Stellen einzuordnen.

Ich fange mal an und lese euch ein paar vor, damit ihr wisst, von was ich rede. Jesus sagt zum Beispiel in Matthäus 18, Vers 6 „ … wer aber einen von diesen gering Geachteten, die an mich glauben, zu Fall bringt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals ins tiefe Meer geworfen würde.“  Oder in Lukas 14, Vers 26 sagt Jesus:  „Wenn jemand zu mir kommt und nicht seinen Vater und die Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern hasst, dazu aber auch seine eigene Seele, der kann nicht mein Jünger sein.“ Oder in Matthäus 11, ab Vers 23, sagt Jesus: „Und du, Kapernaum, die du bis zum Himmel erhoben bist, du wirst bis zur Hölle hinabgeworfen werden. Denn wenn zu Sodom die Taten geschehen wären, die bei dir geschehen sind, es stünde noch heutzutage. Doch ich sage euch, es wird dem Lande Sodom erträglicher gehen am Tage des Gerichts als dir.“ Und eine weitere, letzte, sehr bekannte Stelle, Matthäus 5, ab Vers 29: „Wenn du aber durch dein rechtes Auge verführt wirst, dann reiß es aus und wirf es weg. Es ist besser für dich, du verlierst eines deiner Glieder, als dass du mit unversehrtem Körper in die Hölle kommst. Und wenn dich deine rechte Hand zur Sünde verführt, dann hau sie ab und wirf sie weg. Es ist besser für dich, du verlierst eines deiner Glieder, als dass du mit unversehrtem Körper in die Hölle kommst.“

Jetzt stellt sich natürlich die Frage, meint das Jesus wirklich so? Sagt er wirklich völlig undifferenziert, wenn jemand einem gering Geachteten Ärgernis bereitet, den zu Fall bringt, dann soll man diesem Menschen einen Mühlstein um den Hals hängen und ihn ins tiefe Meer werfen – also ersäufen. Das ist nicht differenziert, das ist nicht irgendwie nuanciert, sondern da gibt es eigentlich nur eine Möglichkeit: Mit einem Mühlstein um den Hals ersäufst du elendig, wenn du ins Meer geworfen wirst!

Und will Jesus wirklich, dass seine Jünger die Menschen um sich herum hassen – Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern? Sollen wir als Jünger Jesu wirklich andere Menschen hassen? Und meint Jesus wirklich, dass Kapernaum bis in die tiefsten Tiefen der Hölle hinabgeworfen wird und dass das Land Sodom sogar besser ist als Kapernaum zur Zeit von Jesus?

Was wir hier vorfinden, ist sogenannte hyperbolische Sprache. Das sind Sprachbilder. Es geht um Übertreibung, um eine gewisse polemische Sprache, die wir hier vorfinden. Und es ist jetzt wichtig, dass wir hyperbolische Sprache, Übertreibung oder polemische rhetorische Sprache nicht abwerten als „ungöttlich“ oder „dann kann es nicht inspiriert sein“. Nein, Jesus bedient sich der Übertreibung, um bestimmte Punkte deutlich zu machen, Sachen auf den Punkt zu bringen. Hyperbolische Sprache vermittelt dem, was man sagen will, eine gewisse Dringlichkeit, eine Wichtigkeit, eine hohe Bedeutung. Man fokussiert sich ganz stark auf den Punkt, den man hier machen möchte. Jesus hat eine gewisse Dramaturgie in seinen Reden. Er sagt gewisse Sätze oder erzählt Geschichten, die eine gewisse Dramaturgie haben. Da wird etwas dramatisch, höchst deutlich, ja sogar radikal ausgedrückt. Aber es geht nicht darum, das, was Jesus hier sagt, wörtlich so zu nehmen, sondern es geht darum, die Ernsthaftigkeit, die Dringlichkeit hinter diesen Worten zu erkennen. Am allerdeutlichsten merkt man das bei der Stelle, die ich vorhin vorgelesen habe, von „Hand abschlagen“ und „Auge ausreißen“. Da redet Jesus davon, dass einen ja die rechte Hand oder das rechte Auge zur Sünde verführt. Und da merkt man schon, das ist ja völlig absurd. Man sündigt ja nicht einfach nur mit der rechten Hand, und die linke Hand weiß nichts davon. Ich sehe ja nicht begehrlich mit dem rechten Auge auf irgendetwas, und das linke Auge kriegt nichts davon mit. Das ist ja organisch gar nicht möglich. Es sind immer beide Augen, die etwas sehen. Und wenn ich sündige, dann sind normalerweise beide Hände involviert. Es gibt ja nicht eine Hand, mit der ich sündige, und die andere halte ich immer hinterm Rücken, und die sündigt nicht. Also ich kann ja gar nicht sagen, war das mit der rechten oder mit linken Hand.

Natürlich, wenn ich sündige, wenn ich etwas Böses tue, wenn ich jemanden schlage oder wenn ich etwas raube oder stehle, dann mache ich das normalerweise mit beiden Händen und habe mir nicht eine Hand auf den Rücken gebunden, um zu sagen: „Halt, also meine linke Hand, die ist aber ganz unschuldig“. Es geht also nicht darum, dass Jesus hier wörtlich verstanden werden darf, als würde es etwas bringen, sich tatsächlich die rechte Hand abzuschlagen oder das rechte Auge auszureißen, dann hätte man das Problem mit der Verführung gelöst. Sondern Jesus erzählt das mit dem Abschlagen und dem Ausreißen so, dass man merkt, es ist hier also ganz, ganz ernst, das ist dringend, das ist drängend, es ist wichtig, dass wir dem Kampf gegen die Sünde etwas entgegenstellen, dass wir uns nicht überall verführen lassen. Wir müssen das ernst nehmen. Verführung ist ein großes Problem. Dagegen müssen wir vorgehen, dagegen müssen wir in den Kampf ziehen. Wir dürfen uns nicht zur Sünde verführen lassen. Aber es geht natürlich überhaupt nicht darum, dass wir uns tatsächlich die eine Hand abschlagen sollen oder das eine Auge ausreißen sollen. Das ist hyperbolische Sprache, das ist Übertreibung, das ist die Sache auf die Spitze getrieben. Aber wenn Jesus das so erzählt, dann ergibt es eben eine gewisse Dramaturgie. Diese Übertreibung, die malt uns mit voller Wucht vor Augen, wie ernst und konsequent unser Vorgehen gegen das sein muss, was uns zur Sünde verleitet. Bei Übertreibungen oder hyperbolischer Sprache, da werden keine Nuancen erwähnt, da wird nicht abgestuft oder differenziert. Hier würde jede Differenzierung den Punkt, den Jesus machen möchte, abschwächen. Es geht also nicht darum, dass jemand wirklich einen Mühlstein um den Hals bekommt oder jemand wirklich seine Hand abschlagen muss oder jemand wirklich seine Eltern hassen muss, um ein Jünger Jesu zu sein. Sondern diese polemische, übertriebene Sprache erzeugt eine Wucht, eine Schwere, ein Gewicht, eine Dringlichkeit. Die Hörer sollen getroffen werden, überführt werden, betroffen sein. Und das hat seine absolute Berechtigung. Wer einfach nur prosaisch daherredet, der wird es vielleicht verpassen, Menschen wirklich ins Herz zu treffen, sie zu bewegen, sie zu motivieren, sie zu schockieren. Aber das macht man mit hyperbolischer Sprache. Dort schockiert man Menschen oder macht Menschen betroffen oder erzeugt eine Reaktion oder Emotionen bei den Menschen. Jesus will bei seinen Zuhörern etwas auslösen. Er will nicht einfach neutral, ausgewogen, so kühl dahersprechen. Nein, er möchte begeistern oder eben auch schockieren, er möchte betroffen machen durch seine Worte. Und wir machen das bis heute. Ein Prediger macht das, Autoren machen das, Redner machen das. Wir machen das, wenn wir drastische Bilder gebrauchen oder wenn wir durch ein drastisches Bild veranschaulichen, was wir wirklich meinen und um was es uns geht, oder wenn ein Film eine Storyline so aufbaut, dass wir am Ende als Zuschauer emotional voll erwischt werden, voll mitgenommen werden oder voll abgeholt werden.

Letztlich geht es hier um biblische oder jesuanische Dramaturgie, um einen Punkt zu machen, der uns emotional oder in unserem Gewissen oder tief in unserem Herzen voll erwischt und uns dadurch befähigt, wichtige Lebensentscheidungen oder Umkehrentscheidungen zu treffen. Aber es wäre falsch, diese Stelle wörtlich zu nehmen und darin einen unfreundlichen Jesus zu entdecken. Ein Thema, bei dem Jesus immer wieder starke Emotionen hervorrief und einen klaren Punkt setzen wollte, war das Thema Reichtum. Aber auch hier bedient sich Jesus hyperbolischer Sprache, Übertreibung. Er kann z.B. sagen (Lukasevangelium): „Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher in das Reich Gottes eingeht“. Und zu einem reichen jungen Mann hat Jesus gesagt: „Eins fehlt dir noch, verkaufe alles, was du hast, und gib den Erlös den Armen, dann wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm, folge mir nach“. Dieser junge Mann fragte danach, wie er das ewige Leben bekommt, und das war die Antwort Jesu: „Verkaufe alles, was du hast, und folge mir nach“. Und das hat Emotionen ausgelöst: Der junge Mann ging traurig weg, weil er so  viel Besitz hatte. Wenn wir das genauso nehmen, wie es dasteht, dann ist es unmöglich, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr eingeht, und die Jünger reagieren ja auch emotional darauf und sagen: „Wer kann dann gerettet werden?“. Also das löst Emotionen aus, aber das ist hyperbolisch gemeint , genau wie der Satz, alles zu verkaufen. Also ich wüsste jetzt keinen Christen in meinem Umfeld, dessen Bekehrung so ablief, dass er alles verkauft hat, was er hat und dann besitzlos blieb und alles den Armen gegeben hat. Also da kenne ich niemanden, der das so gemacht hat. Also offensichtlich hat Jesus selber das nicht so gemacht, denn wir lesen an anderer Stelle, dass Jesus eine Kasse hatte – Judas hat die Kasse verwaltet, also Jesus hatte Geld dabei, sie mussten ja auch Mahlzeiten kaufen, Unterkünfte bezahlen usw. Also Jesus war nicht völlig besitzlos, d.h. diese Sätze sagt er und meint es nicht wörtlich, „jeder Christ muss besitzlos sein“, oder „es ist unmöglich, dass ein Reicher ins Himmelreich kommt“, das ist drastisch ausgedrückt, dramatisch ausgedrückt, das löst Emotionen aus. Aber am Ende will Jesus diesen einen Punkt machen: Reichtum und das Himmelreich, das ist eine große Konkurrenz. Man kann nicht beidem dienen. Es wird schwierig sein, Nachfolger Jesu zu sein, sich für das Reich Gottes einzusetzen und sich gleichzeitig um Wohlstand und Reichtum zu kümmern. Diese beiden Dinge gehen nicht zusammen, und an anderen Stellen macht er dann deutlich die Gefahren von Reichtum, was der Reichtum mit unserem Charakter macht, mit unserem Herzen macht, mit unserer Seele macht. Also hier möchte Jesus einen ganz klaren Punkt machen: Reichtum ist höchst gefährlich und höchst problematisch. Aber das ist nicht wörtlich gemeint, das ist übertrieben, hyperbolisch gemeint.

Diese hyperbolische Sprache, diese übertriebenen Bilder, die sagen nichts über den Charakter Jesu aus, als wäre er radikal, rücksichtslos oder gefühllos, sondern sie sagen etwas aus über die Dringlichkeit der Inhalte, die Jesus hier vermittelt. Und wir finden diese hyperbolische Sprache in ganz vielen antiken Texten. Ja, wir finden sie bis heute in Büchern oder bei großen Autoren. Das ist überhaupt nichts Ungewöhnliches. Das wertet die Texte nicht auf – nein, es ist ein wichtiges Stilmittel für diese Texte, um tatsächlich ihren Punkt zu machen. Und gerade im Judentum war das üblich, dass man durch diese hyperbolische Sprache einer Sache, einer Aussage, einem Inhalt besonderes Gewicht verliehen hat, besondere Bedeutung verliehen hat. Jesus war also nicht der einzige Rabbiner oder der einzige Gelehrte, der sich dieses Stilmittels bedient hat. Das haben viele Rabbiner vor ihm und nach ihm genauso getan. Wir finden viele solcher hyperbolischen Sätze im Talmud. Ich möchte euch ein paar als Beispiel vorlesen. Da heißt es zum Beispiel im Talmud in Barachot 32b: Rabbi Elieser sagte, seit dem Tag, an dem der Tempel zerstört wurde, wurde der Geschmack von Brot wie Sand. Ja, heißt das jetzt wirklich, dass seit 70 nach Christus, als der Tempel zerstört wurde, Brot plötzlich nach Sand schmeckt? Nein, das ist natürlich nicht wörtlich so gemeint, so ist es nicht wirklich. Diese hyperbolische Aussage drückt die tiefe Trauer und den Verlust aus, die die Zerstörung des Tempels für das jüdische Volk bedeutete. Der Vergleich mit Sand verdeutlicht, dass selbst die grundlegendsten Dinge im Leben ihren Geschmack und ihre Freude verloren haben. So wichtig ist der Tempel für uns. Ohne den Tempel hat das ganze Leben seine Freude, seinen Geschmack und seine Bedeutung verloren.

Oder es heißt in Sota 11b, auch ein Teil des Talmuds: Rabbi Elieser sagte, wer die Thora öffentlich lernt, ist wie einer, der 1000 Opfer darbringt. Ist das öffentliche Thora-Studium wirklich wie 1000 Opfer? Nein, diese Übertreibung unterstreicht den hohen Wert des öffentlichen Thora-Studiums. Es wird mit einem enormen Opfer verglichen, um seine Bedeutung hervorzuheben. Also eine klare Übertreibung: 1000 Opfer, wenn man öffentlich die Thora lernt. Dieser Vergleich, der übertrieben ist, soll aber deutlich machen, wie wichtig das Thora-Studium ist.

Oder so eine Aussage, die könnte jetzt auch von Jesus sein, die klingt ganz nach ihm: Da heißt es in Chagiga 9b, Talmud, wenn jemand die Worte der Thora vergisst, ist es, als hätte er sich selbst lebendig begraben. Also diese drastische übertriebene Aussage unterstreicht die enorme Bedeutung des Thora-Studiums und die Erinnerung an das Gelernte. Das Vergessen der Thora wird mit dem Tod gleichgesetzt, um seine Schwere zu verdeutlichen.

Oder in Sanhedrin 97a steht, wer einen Gelehrten beleidigt, ist schlimmer, als wenn er die Sonne beleidigt hätte. Auch das natürlich eine ungeheure Übertreibung, einen Gelehrten mit der Sonne zu vergleichen. Aber die Beleidigung eines Gelehrten mit der der Sonne zu vergleichen, macht deutlich, welche Ehrfurcht und Respekt man vor Gelehrten haben sollte. Es ist also eine Übertreibung, die auf den Punkt bringt, wie viel Respekt der Gelehrte im Judentum verdient hat.

Und ein letztes: In Taanit 24b heißt es, Rabbi Jochanan sagte, Jerusalems Luft macht weise. Ja, macht die Luft von Jerusalem weise? Ist da irgendetwas Besonderes in der Luft? Hat es da irgendwelche Stoffe in der Atmosphäre, die weise machen? Nein, auch das eine übertriebene, eine übersteigerte Aussage, die deutlich machen soll, dass in Jerusalem eine ganz besondere Atmosphäre herrscht und dass sie eine ganz besonders positive Wirkung auf die intellektuellen Fähigkeiten hat. Diese Hyperbel verdeutlicht die Bedeutung Jerusalems als Zentrum jüdischen Lebens und Lernens.

Also ihr merkt, Hyperbeln und Übertreibungen sind im Talmud weit verbreitet. Sie dienen dazu, komplexe Konzepte zu veranschaulichen, moralische Lehren zu betonen und emotionale Reaktionen hervorzurufen. Wenn wir also in Zukunft im Neuen Testament solche Aussagen Jesu lesen, wie ich sie am Anfang vorgelesen habe, dann bitte nicht wörtlich nehmen. Nicht dahinter etwas charakterlich

 

Komisches bei Jesus sehen, den unfreundlichen Jesus identifizieren, sondern sich bewusst machen: Das ist hyperbolische Sprache, das sind Hyperbeln, Übertreibungen, durch die Jesus einen wichtigen Punkt machen möchte oder bei seinen Zuhörern emotionale Reaktionen hervorrufen möchte.

Jetzt könnte natürlich jemand sagen: „Ja, du machst dir es einfach. Überall wo dir etwas nicht passt, führst du das Argument der Hyperbel oder der Übertreibung ins Feld, und schon sind wir die Stelle los.“ Das ist natürlich Quatsch. Das Gegenteil ist der Fall! Ich möchte mich nicht der Dringlichkeit oder dem Anliegen dieser Aussagen entziehen. Ich möchte weiterhin daran festhalten, zum Beispiel einen ernsten Kampf gegen die Sünde zu führen oder den Kleinen, den Geringsten, kein Ärgernis zu bereiten oder sonst alles zu beherzigen, was Jesus in diesen Stellen aussagen will.

Dass Jesus die Übertreibung wählt, macht ja gerade deutlich, wie dringend diese Themen sind und wie wichtig diese Inhalte sind. Es wäre also völlig falsch, diese Inhalte irgendwie jetzt zur Seite zu schieben. Mir hilft das Ganze jetzt nur zu verstehen, warum Jesus hier so scheinbar unfreundlich oder intensiv rüberkommt. Ich möchte verstehen, warum er diese Sprachbilder oder diese Wucht gebraucht. Aber ich möchte keine Rückschlüsse auf seinen Charakter ziehen durch seine Dramaturgie, sondern vielmehr einen Rückschluss auf die Dringlichkeit der Inhalte ziehen. Diese Stellen machen für mich Jesus nicht zu einem unfreundlichen Jesus, sondern sie zeigen mir, dass Jesus hier ganz bewusst Polemik und Dramatik einsetzt, um entscheidende Inhalte seines Denkens und seiner Werte deutlich zu machen.

Und dieses Prinzip, das kann man jetzt für ganz viele Stellen durchbuchstabieren, wo wir auf radikale, einseitige oder übertriebene Aussagen Jesu stoßen. Wir ziehen keinen Rückschluss auf seinen Charakter. Wir nehmen die Sachen nicht wörtlich, aber wir nehmen die Intention dieser Aussage ernst. Wenn Jesus von der Hölle spricht, dann geht es nicht wirklich um die Hölle, sondern die Dringlichkeit oder die Ernsthaftigkeit der Sünde, die hier gerade begangen wird.

Und wenn Jesus von Abschlagen, Abschneiden oder so oder Rauswerfen und Zähneklappern redet, dann meint er das nicht wörtlich, dass da jemand rausgeschmissen wird, dass etwas abgehackt wird, dass da Zähneklappern ist, sondern das sind Hyperbeln, übertriebene Aussagen, um einen Punkt rüberzubringen, nämlich wie ernst, wie dringend und wie wichtig diese Aussage ist, die ich hier gerade mache. Wir streichen also nichts an der Dringlichkeit des Inhalts weg, aber wir nehmen etwas von der Massivität oder von diesem Bild weg, das hier übertrieben oder extrem rüberkommt.

Und das war Movecast für heute. Vielen Dank fürs Dabeisein. Wenn du weitere Fragen hast, dann kann man mich erreichen unter info@movecast.de. Neben Spenden kannst du Movecast auch dadurch unterstützen, dass du diesen Podcast weiter bekannt machst. Du kannst ihn an Freunde oder Bekannte weiterleiten oder die einzelnen Episoden auf den sozialen Medien teilen. Das würde mich sehr freuen.

Gerne mache ich dich auch auf meine Bücher aufmerksam, die im Neukirchner Verlag erschienen sind. Mein erstes Buch lautet „Wenn der Glaube nicht mehr passt, ein Umzugshelfer“ und mein neuestes Buch heißt „Wenn der Glaube keine Kraft hat, ein Aufbauhelfer“. Ansonsten war es das für heute, vielen Dank fürs Zuhören und ich freue mich, wenn du auch das nächste Mal wieder dabei bist. Macht’s gut, bye bye, seid gesegnet.