MC 191: Wenn Gott mir in der Bibel fremd wird

Christen erleben, dass Gott ihnen in der Bibel fremd wird. Sie stoßen auf gewalttätige oder verstörende Texte, in denen Gott Handlungen verlangt oder ein Tun sanktioniert, die im Widerspruch zu dem stehen, wie sie Gott persönlich erlebt haben. Die persönliche Beziehung zu Jesus Christus wird besonders in evangelikalen Kreisen sehr betont. Aber ist sie am Ende tatsächlich etwas wert? Darf die persönliche Beziehung zu Jesus und das jahrelange Leben mit Jesus im Alltag unser Herz formen und unser Gewissen prägen? Was ist, wenn diese Prägung plötzlich im Widerspruch steht zu bestimmten Gottesbildern, die die Bibel vermittelt? Dieser Movecast betont, wie ungeheuer kostbar die persönliche Beziehung zu Jesus ist und wie sehr es sich lohnt, in diese Beziehung zu investieren.

Chapters

00:00 Einführung in den Podcast und neue Projekte
01:25 Die Entfremdung von Gott in der Bibel
03:05 Die persönliche Beziehung zur Bibel
06:14 Die Diskrepanz zwischen Gott und biblischen Texten
10:33 Die Stimme Gottes und persönliche Erfahrungen
12:32 Die Entwicklung von einer Bibel- zu einer Gottesbeziehung
15:54 Der Geist der Schrift und die Mündigkeit im Glauben
20:36 Subjektivität im Glauben und die Bedeutung der Beziehung zu Gott
22:23 Abschluss und Ausblick auf zukünftige Themen

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Transkript zur Folge:

Willkommen zu Movecast, dem Podcast, der etwas bewegen möchte. Mein Name ist Martin Benz, und jetzt geht’s los.

Heute möchte ich gerne ein Thema behandeln, das mir in meinem eigenen Glauben immer wieder begegnet seit einigen Jahren, nämlich, wenn mir Gott in der Bibel fremd wird. Und ich glaube, das ist auch die Erfahrung von immer mehr Christen, dass man wahrnimmt, irgendwie wird mir Gott in der Bibel fremd. Anstatt dass ich Gott in der Bibel entdecke, merke ich, ich mache verstörende Entdeckungen. Ich bin auf viele Stellen gestoßen in den letzten Jahren, wo ich merke, da wird mir Gott fremd. Also diese ganze gewalttätige Seite Gottes, wo Gott den Bann anordnet, wo Gottes Zorn so unkontrolliert wütet, dass Gerechte und Ungerechte von ihm vernichtet werden. Die Idee, dass bereits im sechsten Kapitel der Bibel die ganze Menschheit wieder vernichtet wird, dass also die Idee der Schöpfung sozusagen ad absurdum geführt wird und schon wieder alles schiefgelaufen ist. Ich entdecke Bibelstellen, die eine ganz schwierige, problematische Moral schildern, wo Missbrauchsverhältnisse aufrechterhalten oder sogar unterstützt werden: die Unterordnung der Frau, wo bestimmte Menschengruppen diskriminiert werden, wo Sklaverei legalisiert wird, wo Gewalt instrumentalisiert wird, wo Ängste geschürt werden, Drohszenarien aufgebaut werden und so weiter. Da merke ich, das sind verstörende Stellen, und die entfremden mich von dem Gott, den ich in den letzten 40 Jahren kennengelernt habe. Und ich merke, wie das zu einem veränderten Umgang mit der Bibel geführt hat. Und an dieser Stelle will ich kurz erzählen, wie sich mein Verhältnis zur Bibel entwickelt hat.

Als ich zum Glauben kam, mit 13 Jahren im Kontext von CVJM, habe ich dieses klassische Heftchen vom Bibellesebund geradeaus genommen und versucht, Stille Zeit zu machen. Und die paar Verse, die man dort lesen sollte, jeden Morgen oder jeden Tag, die waren für mich schon eine Zumutung. Ich habe da nichts verstanden. Es hat mir keine Freude bereitet. Das hat mich eher dazu gebracht, morgens nach dem Aufstehen noch mal einzuschlafen. Und dann habe ich einige Zeit später in meinem damaligen charismatischen Jargon eine „Geistestaufe“ erlebt. Ich habe die Gabe des Sprachenredens empfangen, und das fand ich phänomenal. Auch diese ganze Entdeckung des Heiligen Geistes und von Anbetung, das war für mich ein echter Gamechanger in meinem jungen Glauben. Aber was sich vor allem verändert hat, war meine Haltung oder meine Liebe zur Bibel. Ich habe plötzlich diese Bibel geliebt, ich habe sie verschlungen, ich habe diese Bibel verstanden, sie hat plötzlich zu mir gesprochen. Ich habe einen Bezug zu ihr entwickelt. Ich habe mir dann im Selbststudium Griechisch- und Hebräisch-Lesen beigebracht, habe mir ein griechisches und hebräisches Lexikon gekauft, von meinem Taschengeld, um die Bibel noch besser untersuchen zu können. Ich habe mir wie Watchman Nee vorgenommen, hundertmal im Leben die Bibel durchzulesen. Ich habe über viele Jahre zweimal im Jahr die Bibel durchgelesen, jeden Tag drei Stunden Stille Zeit gemacht als Schüler und Student und habe also wirklich intensiv die Bibel durchgearbeitet, nicht einfach durchgelesen, durchgearbeitet. Ich bin jetzt beim 23. Durchgang Durcharbeiten vom Alten Testament und beim 34. Durchgang vom Neuen Testament. Also bis heute ist mir diese Bibel ein ganz liebes Buch. Ich schätze sie. Sie ist ein ganz zentraler Teil meines Glaubens und meines Glaubensalltags. Also da hat sich meine Haltung zur Bibel vollkommen verändert. Seither lese ich die Bibel, und ich verschlinge sie geradezu in gewissen Momenten.

Aber in dieser Anfangszeit war meine Haltung so: Ich habe vor der Bibel gekniet und habe sie sozusagen verehrt. Ich stand unter ihr. Sie hatte das Sagen über mich. Sie war mein Herr, und ich war ihr Schüler. Also für mich hatte die Bibel fast die Rolle Gottes. Die Bibel ist Gottes Wort. Also muss ich die Bibel verehren wie Gott. Ich hatte fast, so wie man es heute sagt, nicht die Trinität sondern ich hatte vier: Gott Vater, Sohn, Heiliger Geist und die Bibel. Und da habe ich die Bibel einfach genommen, was dort steht. Da gab es nichts zu diskutieren, nichts zu verhandeln, nichts in Frage zu stellen. Die Bibel ist Gottes Wort und das, was sie mir sagt, das habe ich zu tun, das habe ich zu glauben, egal wie verstörend das ist. Mein Verstand ist Stückwerk. Ich bin so geprägt vom Zeitgeist und so weiter. Die Bibel ist die Wahrheit und was dort geschildert wird, das muss ich machen. Egal, ob es jetzt irgendwie die Rolle der Frau ist, die Unterordnung der Frau oder die Befürwortung von Gewalt gegenüber den bösen Heiden usw. Ich habe das einfach hingenommen. So ist es. Gott sagt das. Da gibt es nichts dran zu rütteln und nichts damit zu diskutieren. Aber eben plötzlich merkt man, dass mir Gott in der Bibel fremd wird. Ich merke eine Diskrepanz zwischen dem Gott, zu dem ich eine Beziehung habe und dem Gott, der in der Bibel an manchen Stellen beschrieben wird. Da gibt es einen Unterschied zwischen dem Gott, der an manchen Bibelstellen beschrieben wird, und dem Gott, zu dem ich seit 40 Jahren eine Beziehung habe. Und es ist der evangelikalen Bewegung wirklich zu verdanken, dass sie dort sagen, wir brauchen eine persönliche Beziehung zu Gott oder zu Jesus Christus. Es reicht nicht, einfach abstrakt zu glauben. Es reicht nicht, einfach nur akademisch zu glauben oder einfach so den Glauben der Kultur zu übernehmen. Es braucht eine persönliche Beziehung, einen persönlichen Glauben.

Das ist eine ganz entscheidende Errungenschaft des Pietismus und des Evangelikalismus. Und darum habe ich mich mit 13 Jahren auf solch eine persönliche Beziehung zu Jesus eingelassen. Und ich lebe jetzt in dieser Beziehung seit 44 Jahren. Wisst ihr, wie lange das ist? Vielleicht, wenn ihr im ähnlichen Alter wie ich oder auch in der Teenagerzeit oder schon als Kind zum Glauben gekommen seid, dann ist das oftmals die längste Beziehung, die längste persönliche Beziehung, die man hat. Die wird nur getoppt von Leuten, die die Goldene Hochzeit haben oder kurz vor der Goldenen Hochzeit stehen. Mit keinem anderen Menschen hat man normalerweise so eine lange Beziehung. Ich habe zu meinen Eltern nicht so eine lange Beziehung. Meine Mutter starb, als ich 14 war, und wenn man 20, 25 ist, zieht man von zu Hause aus. Jetzt hat man immer noch eine Beziehung zu den Eltern, aber es ist eine andere Beziehung. Man eine eigene Familie gegründet. Man sieht die Eltern noch, man trifft sie, aber man lebt nicht jeden Tag mit ihnen zusammen. Und auch die eigenen Kinder:  Mit denen hat man vielleicht 18, 19, 20 Jahre eine Beziehung. Dann ziehen die aus, gehen zum Studium weg, und man sieht sie, und man feiert Weihnachten zusammen und besucht sich. Aber es ist nicht die gleiche Beziehung wie da, wo sie im eigenen Haus gelebt haben und man jeden Tag mit ihnen gefrühstückt, gegessen hat, sie ins Bett gebracht hat. Meine längste Beziehung in meinem Leben habe ich zu meinem Gott. Mit Gott vergeht für mich kein Tag, wo ich nicht an ihn denke, wo ich nicht in irgendeiner Form mit ihm im Gespräch bin, wo nicht irgendwie mein Glaube an ihn ein Thema wäre. Da vergeht kein Tag. Ich lese jetzt nicht mehr jeden Tag in der Bibel, aber jeden Tag bin ich in irgendeiner Form mit ihm im Gespräch. Und ich kann gar nicht mehr ohne Gott denken. Das ist meine Identität. Ich bin gläubig. Ich glaube an diesen Gott. Ich folge dem nach. Das ist jeden Tag Thema meines Lebens. Nicht Dauerthema, aber es ist jeden Tag irgendwo ein Thema. Irgendwo spielt es eine Rolle in meinem Leben, jeden Tag. Und es ist gerade das Kennzeichen einer Beziehung, dass man im Austausch miteinander steht, dass man aneinander denkt. Gott redet zu mir seit 44 Jahren. Inzwischen habe ich wahrgenommen, wie die Stimme Gottes klingt. Und damit meine ich jetzt nicht eine hörbare Stimme, dass ich so sage, wie ein Prophet „Ich höre Gott“. Nein, wir sollen ja alle eine Beziehung zu Jesus haben. Aber was diese Beziehung mit sich bringt, das ist oftmals gerade in evangelikalen Kreisen dann sehr eingeschränkt. Wir haben am Ende vielmehr eine Beziehung zur Bibel als zu der Person von Gott oder von Jesus Christus oder zum Heiligen Geist. Das sind ja Personen. Ich habe immer noch eine personale Gottesbeziehung. Für mich ist Gott eine Person, mit der ich in Beziehung stehe, mit der ich im Dialog bin, im Austausch bin, im Gespräch. Gott inspiriert mich. Ich habe Kontakt zu ihm. Ich weiß inzwischen, wie Jesus redet. Wenn ich meine Kinder anschreie und dann diese Stimme zu meinem Herzen sagt, was ich gerade der Seele meiner Kinder antue. Oder wenn ich mich von meiner Frau beleidigt zurückziehe nach einer Auseinandersetzung und diese innere Stimme mir sagt, dass ich das Ganze gerade verschlimmere und weitere Verletzungen hinzufüge. Oder wenn ich einem Armen oder einem elenden Menschen begegne und sich mir das Herz umdreht und eine Stimme mir sagt, dass ich mich erbarmen sollte, dass ich etwas an seinem oder ihrem Zustand verändern sollte. Oder wenn mir diese Stimme sagt, dass ich nicht richten soll, und dass mit dem Maß, mit dem ich andere messe, ich gemessen werde. Oder wenn eine Stimme, diese Stimme zu meinem Herzen sagt, ich soll hier nicht verurteilen, ich soll nicht schimpfen, nicht zornig sein, nicht wütend werden. Ich spüre diese Stimme immer wieder in meinem Herzen. Gott kommuniziert ja nicht körperlich mit mir. Meine Kinder, die nehme ich in den Arm, meine Frau nehme ich in den Arm, der gebe ich einen Kuss, aber Gott kommuniziert mit meinem Herzen, mit meiner Seele und das macht er seit 44 Jahren.

Diese Stimme Gottes, diese Kommunikation Gottes in meinem Herzen, die hat meistens eine Stoßrichtung, nämlich, mein Herz weich zu machen. Sie drängt mich in Richtung Liebe, in Richtung Barmherzigkeit, in Richtung Versöhnlichkeit, in Richtung Vergebung, in Richtung Erbarmen, in Richtung Nächstenliebe und so weiter. Ich kenne diese Stimme in der Zwischenzeit. Ich weiß, was Gott zu meinem Herzen redet, und ich spüre auch, wenn ich meine eigene Stimme höre oder die Stimme des Bösen in mir oder von außen, wenn ich denke über jemanden, „Du Arschloch“ oder „Halt die Fresse“ oder „Ist mir doch egal, was du denkst oder wie es dir geht“ oder wenn die Stimme sagt „Das hat er verdient“ oder wenn ich beleidigende Gedanken denke. Wo immer mein Herz weich wird oder mich zum Weichsein auffordert, spüre ich die Stimme Gottes. Und wo immer mich meine Gedanken hart machen, unbarmherzig machen, verurteilend machen, richtend machen, da spüre ich meine eigene Stimme. Diese Beziehung zu Gott seit 44 Jahren, die hat mich doch geprägt.

Also das wäre ja auch absurd, wenn man zu jemand eine 40-jährige Beziehung hat und den dann nicht irgendwie kennen würde. Wenn man nicht mitbekommen würde, wie der tickt, was dem wichtig ist. Also meine Frau nach 14 Jahren, ich kriege doch mit, was der wertvoll ist, was ihre Werte sind, was ihr kostbar ist, wie sie sich geliebt fühlt, wie ihre Gedanken sind, wie sie funktioniert. Also das kriege ich doch mit. Es wäre doch absurd, wenn ich nach 14 Jahren nicht wüsste, wie meine Frau tickt.

Und es wäre genauso absurd, wenn mich der Glaube auffordern würde, zu Gott eine persönliche Beziehung zu haben und mich dann diese Beziehung nicht prägen würde. Wenn es mein Gewissen nicht prägen würde, wenn mich diese Stimme, die Werte Gottes, die Haltung Gottes, das Herz Gottes nicht prägen würden und nicht auf mein Herz abfärben würden. Das wäre doch absolut absurd. Dann wäre doch das ganze Gerede von einer persönlichen Beziehung zu Jesus ad absurdum geführt.

Wenn also der Pietismus, der evangelikale Glaube mir sagt, hab eine persönliche Beziehung zu Jesus, aber am Ende färbt der Jesus gar nicht auf mich ab, sondern nur die Bibel darf zu mir reden. Das ist irgendwie absurd. Wozu brauche ich denn dann die persönliche Beziehung zu Jesus? Da brauche ich ja nur eine persönliche Beziehung zur Bibel. Diese persönliche Beziehung zu Jesus ist mein Glaubensfundament. Und lange Zeit war es die Bibel. Und da hat sich was gewandelt. In der Zwischenzeit kenne ich Gott, das maße ich mir jetzt einfach mal an.

Also vielleicht kann man ihn noch viel viel viel viel besser kennen, als ich ihn kenne. Aber wenn ich ihn nach 44 Jahren nicht kennengelernt habe, dann ist irgendwas schief gelaufen die letzten vier Jahrzehnte. Und früher habe ich mich der Bibel blind untergeordnet. Und heute bin ich mit Gott über diese Bibel im Gespräch. Ich schlucke die Bibel nicht mehr einfach so. Ich knie nicht mehr vor ihr und beuge mich unter ihr, sondern ich bin mit Gott im Gespräch, denn in der Zwischenzeit habe ich ihn intensiv kennengelernt, und ich kenne seine Stimme. Ich meine, nicht umsonst heißt es im Neuen Testament „Meine Schafe hören meine Stimme“, da steht doch nicht einfach nur „Meine Schafe lesen meine Bibel“. Und ich bin mit ihm darüber im Gespräch, wo die Bibel einen anderen Klang hat als die Stimme, die ich von Gott kenne. Ich bin mit ihm im Gespräch darüber, wo die Bibel mir eine andere Moral vermittelt, als ich sie von Jesus kennengelernt habe.

Die Bibel ist für mich nach wie vor das wichtigste Buch meines Lebens, das wichtigste Buch meines Glaubens, die zentrale Grundlage meines Glaubens. Aber es ist zunächst einmal für mich ein religiöses Zeugnis von Menschen über ihre Erfahrung mit Gott. Das Zeugnis eines ganzen Volkes, des Volkes Israels mit ihrem Gott, aber auch das Zeugnis einzelner Menschen und ihrer Reise und ihrer Beziehung mit Gott. Und das spiegelt ganz viel ihres Gottesverständnisses wider, auch ihres Eingebundenen-Seins in ihrer Zeit. Es spiegelt ganz viel Weltbild und antikes Gottesbild wider. Ganz viel antike Prägung spiegelt das wider. Die Bibel ist für mich nicht mehr einfach so das Wort Gottes, und jedes Wort, das dasteht, und jeder Buchstabe ist genau das, was Gott sagen möchte und was er denkt. Nein, es ist zunächst mal das Zeugnis von Menschen über das, was sie über Gott verstanden haben, was sie von Gott gehört haben, wie sie Gott gedeutet haben, wie sie Gott offensichtlich oder scheinbar erlebt haben. Es ist zunächst mal dieses Zeugnis, das sich über 2000 Jahre hinweg angesammelt hat im Alten Testament, im Neuen Testament. Über eine lange Zeitspanne schildern Menschen ihre Erfahrungen mit Gott, ihr Gottesverständnis, ihr Weltbild, ihr Weltverständnis, ihr Menschenbild und so weiter.

Lange Zeit blieb ich am Buchstaben der Bibel hängen. Inzwischen bin ich mit Gott im Gespräch darüber, was der Geist der Schrift sagt. Paulus kann sagen, dass der Buchstabe der Schrift tötet, aber der Geist lebendig macht. Ich bin viele Jahre am Buchstaben gehangen, das war vielleicht auch wichtig und notwendig, aber es wäre eine Schande, wenn ich nach 44 Jahren immer noch am Buchstaben der Schrift hänge. Ich bin mit Gott im Gespräch darüber, was der Geist der Schrift sagt, wie die Flugbahn, die Richtung, das große Ziel der Schrift ist. Und dieser Gedanke macht vielen Christen ganz große Angst. Sie haben ganz große Mühe mit diesem Maß an Mündigkeit, mit diesem Maß an Selbstverantwortung, mit diesem Maß an eigenem Mitdenken. Das ist ihnen suspekt. Aber für mich sind viele Christen stehen geblieben auf der Stufe, wo die Schrift der Zuchtmeister ist.

Paulus kann unterscheiden zwischen dem Gesetz, das ein Zuchtmeister war, und jetzt sind wir frei geworden von diesem Zuchtmeister. Er schreibt in Galater 3 „Bevor aber der Glaube kam, wurden wir unter dem Gesetz verwahrt und verschlossen auf den Glauben hin, der offenbart werden sollte. So ist also das Gesetz unser Zuchtmeister geworden, auf Christus hin, damit wir durch den Glauben gerechtfertigt würden. Nun aber der Glaube gekommen ist, sind wir nicht mehr unter dem Zuchtmeister, denn ihr alle seid Gottes Kinder durch den Glauben in Christus Jesus“.

Also, ich finde, was Paulus beschreibt, ist: Ja, da gab es eine Zeit, da waren wir unter dem Zuchtmeister. Da hat das Gesetz, die Schrift einfach gesagt „mach das“ wie ein Zuchtmeister. „Das ist richtig, das ist falsch, geh dorthin, mach das, lass das sein, tu das“. Wie der Zuchtmeister. Und jetzt sind wir Kinder Gottes geworden. Wir sind durch den Glauben in einer Beziehung zu diesem Gott und nicht mehr unter dem Zuchtmeister.

Aber ganz viele Christen sind immer noch in ihrem Denken unter dem Zuchtmeister. Die Bibel sagt, die Bibel sagt, die Bibel sagt, hier steht das Gebot, ist jenes Gebot, ich mach nur was die Bibel sagt. Das ist das Zuchtmeisterdenken. Da ist jetzt nicht mehr nur das Gesetz Zuchtmeister, die ganze Bibel ist zum Zuchtmeister geworden. Aber wir sind frei geworden vom Zuchtmeister. Wir sind nicht mehr unter dem Zuchtmeister, sagt Paulus, sondern wir sind Gottes Kinder durch den Glauben. Das betont ja die Beziehung. Die Beziehung Kind-Vater. Wir sind Kinder Gottes und nicht mehr unter dem Zuchtmeister. Das bringt ganz viel Mündigkeit und Verantwortung mit sich. Und es wäre doch eine Schande, wenn ich nach 40 Jahren im Glauben nicht in diese Mündigkeit und Verantwortung hineingewachsen wäre. Die Bibel ist für mich nicht mehr der Dominator, der Zuchtmeister, sondern ich bin mit Gott in einem mündigen Gespräch über dieses Buch. Und ich sage Gott in meinen Gebetszeiten, in meinen Gesprächen mit ihm, auf meinem Gebetspaziergang, dass mir hier ein ungeheuer gewalttätiger Gott entgegenkommt und ich sage: „So kenne ich dich nicht – diese Härte, diese Unbarmherzigkeit, diese Gnadenlosigkeit, die dieser Text hier vermittelt. Die kenne ich nicht von dir. Du ermutigst mich seit 40 Jahren, ein weiches, erbarmungsvolles, gnädiges, großzügiges Herz zu haben. Das bist nicht du in diesen Texten. Was muss ich also mit dem Text machen? Was steht hinter den Buchstaben dieses Textes? Was kann ich trotzdem lernen? Gibt es da trotzdem eine Weisheit in dem Text? Eine Warnung? Einen Hinweis? Etwas Wichtiges?“ Darüber bin ich mit Gott im Gespräch.

Aber ich sag nicht: „Oh, da steht’s, da darf ich nix dran rütteln, muss ich einfach akzeptieren. Ja, Gott ist auch anders, Gott kann auch anders.“ Nein, der kann nicht anders, als er seit 40 Jahren zu meinem Herzen redet. Die Stimme Gottes in meinem Herzen hat mich seit 40 Jahren noch nie dazu aufgefordert, gewalttätig zu sein oder rachsüchtig zu sein oder Vergeltung zu üben oder unbarmherzig oder gnadenlos zu sein, noch nie. Wieso soll ich es dann von diesen Bibelstellen schlucken? Was ist denn sonst die Beziehung zu Gott wert, das Kind-Gottes-Sein?

Und jetzt würden wahrscheinlich viele sagen: „Ja – jetzt Augenblick, jetzt ist er ganz subjektiv. Jetzt entscheidest du einfach, was Gott ist und was nicht Gott ist. Das ist ja völlig subjektiv!“ Und dann sage ich: „Stimmt, es ist subjektiv. Aber ich kenne niemanden, der nicht subjektiv ist. Selbst der Bibeltreueste der Bibeltreuen ist subjektiv. Denn ich kenne keinen, der die ganze Schrift wörtlich vom Anfang bis zum Ende einhält. Der alle 613 Gebote der Thora einhält. Der alles, was im Neuen Testament steht, einhält. Bist du ein Christ, der alles verkauft hat, seinen ganzen Besitz den Armen gegeben hat, um Christus nachzufolgen. Machst du das? Schon wenn du das nicht machst, bist du schon an der Stelle subjektiv und hast entschieden, dass diese Stelle für dich nicht bindend ist, wie du deinen Glauben lebst, sondern dass die vielleicht nur diesem einen Mann hier galt oder dass es nur ein guter Ratschlag ist. Also ganz viele Stellen halten wir nicht, haben wir nicht integriert in unsere Glaubenspraxis, in unsere Nachfolge. Ja, das sind völlig subjektive Entscheidungen, die je nach Denomination oder nach Herkunft und nach Sozialisierung – christlicher Sozialisierung – anders getroffen werden. Also wir sind alle subjektiv. Deswegen zieht der Vorwurf des subjektiven Glaubens einfach überhaupt nicht. Aber natürlich füge ich hinzu, das Ganze mit der Unterscheidung zwischen „was sagt Gott meinem Herzen“ und „was sagt hier die Schrift“, das funktioniert nur, wenn man wirklich eine Beziehung zu Gott hat und diese Beziehung pflegt, und es funktioniert nur, wenn man die Schrift wirklich kennt.

Eben, ich kenne die Schrift, mir kann keiner vorwerfen „Ja, du kennst ja die Bibel gar nicht richtig!“ oder „Du weißt ja gar nicht, was da steht!“ Ich weiß es wirklich gut nach diesen vielmaligen Durcharbeiten, und ich bin fast jeden Tag im Gespräch mit Gott und versuche von Montag bis Freitag jeden Morgen meinen einstündigen Gebetsspaziergang zu machen. Also ich pflege diese Beziehung zu Gott. Ich gebe Gott Raum, zu meinem Herzen zu sprechen. Ich suche genug Stille und Ruhe, dass ich seine Stimme hören kann im Trubel des Alltags.

Aber ich halte es auch für schwierig, wenn ein junger Christ, der erst wenig Beziehungserfahrung zu Gott hat und der kaum betet und der die Bibel noch nie wirklich durchgelesen hat, geschweige denn durchgearbeitet, sich anmaßt, mit Gott im Gespräch zu sein über die Schrift. Ich finde, da braucht es tatsächlich oftmals noch „Milch“ im Glauben. Ja, in der Anfangsphase ist die Schrift vielleicht noch eher Zuchtmeister. Aber nach 44 Jahren muss man doch eine gewisse Mündigkeit entwickelt haben. Da muss man doch feste Speise vertragen. Da hat sich doch der Umgang mit der Schrift verändert.

Und ich sage nach wie vor, auch diese schwierigen Schriftstellen, diese verstörenden Schriftstellen, die sind absichtlich in der Bibel. Irgendeine Absicht haben die. Gott verfolgt damit irgendeine Absicht. Aber sie sind lange nicht alle Ansicht Gottes. Vieles von dem, was da in der Bibel steht, ist nicht Ansicht Gottes. Das entspricht nicht seinem Wesen, seiner Moral, seinem Charakter.

Aber es ist trotzdem absichtlich in der Schrift. Irgendetwas hat Gott damit vor. Irgendetwas kann er trotzdem damit bewirken. Irgendwelche Wirkung erzielt es doch. Und wenn es mich nur abschreckt, wenn es mir nur ein schlechtes Beispiel ist und ich sage, „Nee, so will ich sicher nicht sein“, hat es auch seine Wirkung. Also das Zeug hat seine Wirkung, und ich möchte die Wirkung herausfinden. Ich möchte die Weisheit dahinter wahrnehmen. Aber es ist für mich lange nicht alles Ansicht Gottes, was in dieser Schrift steht. Und wie ich das unterscheiden kann, das ist eben diese persönliche Beziehung zu meinem Gott, zu Jesus Christus, mit dem ich täglich im Austausch, im Gespräch, im Dialog bin und dem ich erlaube, in mein Herz hinein zu sprechen. Ich hoffe, das macht euch ein wenig verständlich, wenn ich auf Bibelstellen stoße, in denen mir Gott fremd wird, das ist meine Art, damit umzugehen. Und ich bin dankbar für diese über 40 Jahre, die ich mit Jesus zusammensein darf.

Und das war Movecast für heute. Vielen Dank fürs Dabeisein. Wenn du weitere Fragen hast, dann kann man mich erreichen unter info@movecast.de. Neben Spenden kannst du Movecast auch dadurch unterstützen, dass du diesen Podcast weiter bekannt machst. Du kannst ihn an Freunde oder Bekannte weiterleiten oder die einzelnen Episoden auf den sozialen Medien teilen. Das würde mich sehr freuen.

Gerne mache ich dich auch auf meine Bücher aufmerksam, die im Neukirchner Verlag erschienen sind. Mein erstes Buch lautet „Wenn der Glaube nicht mehr passt, ein Umzugshelfer“. Und mein neuestes Buch heißt „Wenn der Glaube keine Kraft hat, ein Aufbauhelfer“. Ansonsten war es das für heute. Vielen Dank fürs Zuhören und ich freue mich, wenn du auch das nächste Mal wieder dabei bist. Mach’s gut, bye-bye, sei gesegnet.

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