MC 198: Das Leben zum Blühen bringen (Teil 1) – Kirche der Zukunft

Zusammenfassung:

In dieser Episode von Movecast erklärt Martin Benz, dass die Mission Gottes, die Missio Dei, darauf abzielt, das Leben zum Blühen zu bringen. Dies wird sowohl aus einer schöpfungstheologischen als auch erlösungstheologischen Perspektive betrachtet. Der Begriff Schalom wird als hebräische Entsprechung für blühendes Leben eingeführt, während das Neue Testament das Reich Gottes als das blühende Leben beschreibt. Bei der Missio Dei, also dem Reich Gottes, geht es nicht einfach um Bekehrung und Gemeindewachstum, sondern um die aktive Beteiligung eines jeden Einzelnen und der gesamten Kirche an Gottes Ziel, die Welt zum Blühen zu bringen.

Chapters:

00:00 Die Mission Gottes und die Nachfolge Jesu
03:22 Das blühende Leben als Gottes Absicht
10:06 Erlösung und die Störungen des Lebens
13:00 Schalom: Der hebräische Begriff für blühendes Leben
16:45 Das Reich Gottes im Neuen Testament
22:57 Die Teilnahme an der Mission Gottes

Takeaways:

Die Mission Gottes ist die Grundlage unseres Glaubens.
Gott hat einen Plan, das Leben zum Blühen zu bringen.
Die Missio Dei wird durch unsere Nachfolge zu unserer eigenen Mission.
Schalom beschreibt den Zustand des blühenden Lebens.
Das Reich Gottes bringt blühendes Leben in die Welt.
Nachfolge Jesu bedeutet, sich der Mission Gottes anzuschließen.
Wo Leben blüht, verwirklicht sich das Reich Gottes.

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Transkript:

Willkommen zu Movecast, dem Podcast, der etwas bewegen möchte. Mein Name ist Martin Benz, und jetzt geht’s los.

Ja, herzlich willkommen zu Movecast, heute mit einer Podcast-Folge, die mir sehr am Herzen liegt. Einerseits betrifft das das Thema Kirche der Zukunft, aber gleichzeitig geht es nicht nur um Kirche der Zukunft. Es geht für mich um die Grundfrage, um was geht es eigentlich bei der Nachfolge Jesu? Also für uns ganz persönlich: Ich als Mensch, als Nachfolger Jesu, was ist eigentlich der Kern meines Glaubens? Um was geht es eigentlich?

Und natürlich bestimmt das am Ende auch die ganze Frage von Kirche, denn die Kirche ist ja nichts anderes als eine Gemeinschaft all derer, die Jesus nachfolgen, und deswegen kann sich die Mission, die Aufgabe der Kirche am Ende nicht so sehr unterscheiden von dem, was uns als Einzelnen bedeutsam und wichtig ist in unserem Glauben. Also deswegen ist die entscheidende Frage, mit der ich anfangen möchte, die: Um was geht es eigentlich bei der Nachfolge Jesu?

Und ich stürze da gleich mitten rein und würde sagen, die entscheidende Grundlage unseres Glaubens ist, dass Gott auf einer Mission ist. Gott hat einen Plan, ein Ziel, eine Absicht mit seiner Schöpfung. In der Theologie spricht man hier von der sogenannten missio dei, also dem Auftrag der Mission Gottes. Und dass Gott eine gute Absicht und ein großes Ziel mit seiner Schöpfung hat, das ist für mich eine ganz große Hoffnungsperspektive. Das ist das, was mich ermutigt, was meine Sehnsucht weckt, was mich trägt und initiativ werden lässt. Und diese Mission Gottes, die wird durch meinen Glauben an Gott und meine Nachfolge Jesu zu meiner persönlichen Mission, zu meiner eigenen Berufung. Also die Mission Gottes, die missio dei, wird durch meine Nachfolge zu meiner eigenen Mission.

Der anglikanische Bischof Rowan Williams sagte einmal „Mission ist finding out what God is doing and joining in“. Also Mission bedeutet, herauszufinden, was Gott am Tun ist und sich daran beteiligen. Also Mission ist zunächst einmal das, was Gott selbst auf dem Herzen hat und verwirklichen wird und nicht ein menschliches Projekt, für das wir uns dann den Segen und den Beistand Gottes erbitten.

Das ist ja ganz oft der Fall, dass man als Gemeinde so eine Mission hat, ein vision statement, und jetzt versucht man durch die entsprechenden Gebete und Handlungen Gott dazu zu bewegen, diese Mission zu segnen. Und ich will sagen, es funktioniert eigentlich anders herum. Gott selbst hat eine Mission. Gott hat einen Plan im Kopf. Gott will etwas erreichen und er sagt, wer möchte mithelfen? Gott ist an der Arbeit auf dieser Welt. Gott ist dabei etwas zu tun auf dieser Welt, und die Frage ist, wollen wir uns daran beteiligen?

So. Und wenn ich persönlich diese Mission Gottes in meinen eigenen Worten beschreiben wollte, und zwar ausgehend von allem, was ich bisher durch die Bibel und das Leben mit Gott gelernt habe, dann würde ich diese Mission Gottes folgendermaßen beschreiben – und wie gesagt, meine Worte, nicht ein theologischer biblischer Satz oder Vers, sondern meine Worte: Die Mission Gottes, die missio dei ist, Gott will das Leben zum Blühen bringen.

Gott will das Leben zum Blühen bringen. Viel zu viele Jahre habe ich die Absicht Gottes mit dieser Welt sehr eng, wie durch einen Tunnelblick verstanden. Die missio dei fand in der klassischen Mission und Evangelisation ihren Ausdruck. Und in dieser Sichtweise war es Gottes großes Ziel mit dieser Welt, dass Menschen, die verloren sind, abgeschnitten vom ewigen Heil und verdammt in die ewige Hölle, dass diese Menschen errettet und erlöst werden und ewiges Leben bekommen. Und darum war dann der zentrale Inhalt aller Mission und aller Evangelisation die Bekehrung, also die Umkehr von Menschen. Und inzwischen hat es sich natürlich auch immer mehr durchgesetzt, dass Theologen und Theologinnen wahrnehmen, dass wir eben nicht nur eine Schuldproblematik haben, sondern auch eine Schamproblematik, eine Angstproblematik und eine Überforderungsproblematik, was die großen Störungen der Menschheit anbetrifft. Und darum ist es so wichtig, dass wir die missio dei wieder breiter, ganzheitlicher, und grundsätzlicher wahrnehmen, als wir das gemacht haben.

Und jetzt würde ich gerne im Folgenden mal herleiten, wie ich eigentlich darauf komme, dass die missio dei gleichzusetzen ist mit der Absicht Gottes, das Leben zum Blühen zu bringen. Und zwar lässt sich das Ganze schöpfungstheologisch, aber auch erlösungstheologisch herleiten: Die Geschichte der Menschheit, die beginnt mit der Schöpfungserzählung. In Genesis 1 und 2 wird geschildert, wie Gott diese Welt geschaffen und was er in sie hineingelegt hat. Und durch seinen Geist, der über dem gesamten Schöpfungsprozess steht, legt er seine ganze Schöpfungskraft und Kreativität in die Schöpfung hinein, macht den Menschen sogar zu seinem Ebenbild und haucht ihm göttlichen Atem, Atem des Lebens ein. Der Mensch ist also erdacht mit ungeheuer viel Potenzial, mit Möglichkeiten, mit Gestaltungskraft und der Fähigkeit zu heilsamer Beziehung.

Und am Ende fasst Gott alles, was er gemacht hat und den Zustand dieser Welt in einem Satz zusammen (Genesis 1, 31): Danach betrachtete Gott alles, was er geschaffen hatte. Und er sah, dass es sehr gut war.  – Also die Absicht Gottes mit dieser Welt war, dass sie sehr gut ist. Eine sehr gute Welt. Eine Welt voller Schönheit, voll von Gutem, voll Frieden, voll Harmonie.

Und im Zentrum dieser neuen Welt ist ein blühender Garten. Und dieser Garten ist ein Bild für den Lebensraum des Menschen. In diesem Garten spielt sich das Leben der Menschen ab. Und im Zentrum dieses Lebensraums, dieses Gartens, steht der Baum des Lebens. Da heißt es, in Genesis 2,9: Aus dem Erdboden hatte er verschiedenartige Bäume wachsen lassen. Sie sahen prachtvoll aus und trugen wohlschmeckende Früchte. Mitten im Garten stand der Baum des Lebens und der Baum, der Gut und Böse erkennen lässt. Und während der Baum der Erkenntnis verboten war, ist dieser Baum des Lebens frei zugänglich und Sinnbild eben für das Leben, für ein Leben in Fülle, ein blühendes Leben, ein gelingendes Leben, ein glückliches Leben, ein friedliches Leben, ein Leben im Einklang mit dem Schöpfer und seiner Schöpfung. Ja, er ist sogar Sinnbild für ewiges Leben. Also das Leben beginnt in einem blühenden Lebensraum, einem sehr guten, wundervollen und harmonischen Zustand. Da gibt es keine Feindschaft, keine Gewalt, keinen Hass, Schmerz, kein Fressen und Gefressenwerden und keinen Tod. Das ist die große Erzählung, die ich nicht für historisch halte, das sage ich ja immer wieder. Aber es ist eine großartige, inspirierte Erzählung von Gott, die uns zeigt, woher wir kommen, was in diese Welt hineingelegt ist, was sozusagen der genetische Code dieser Welt ist. Und nun ist es spannend, dass die Geschichte der Menschheit wiederum in einem blühenden Lebensraum endet.

Wenn wir also vom ersten Buch der Bibel und dem ersten Kapitel ins letzte Buch der Bibel gehen und ins letzte Kapitel, dann heißt es dort: Der Engel zeigte mir auch einen kristallklaren Strom, der aus dem Thron von Gott und dem Lamm hervorkam, es war der Strom mit dem Wasser des Lebens, der in der Mitte der Hauptstraße durch die Stadt floss. An seinen beiden Ufern wuchs der Baum des Lebens, der zwölfmal im Jahr Früchte trägt, jeden Monat einmal, und dessen Blätter zur Gesundheit der Völker dienen. Dort wird es nichts mehr geben, was unter dem Fluch Gottes steht. Der Thron von Gott und dem Lamm wird in der Stadt sein und ihre Bewohner werden ihm als Priester dienen. (Offenbarung 22, 1 und folgende). Und dann ein paar Verse zuvor wird dieses blühende Leben folgendermaßen beschrieben (Offenbarung 21, ab Vers 3): Seht, die Wohnung Gottes ist jetzt bei den Menschen. Gott wird in ihrer Mitte wohnen, sie werden sein Volk sein, ein Volk aus vielen Völkern. Und er selbst, ihr Gott, wird immer bei ihnen sein. Er wird alle ihre Tränen abwischen. Es wird keinen Tod mehr geben, kein Leid und keine Schmerzen. Und es werden keine Angstschreie mehr zu hören sein, denn was früher war, ist vergangen. – Also auch am Ende der Welt geht es wieder um den Lebensraum des Menschen, diesmal kein blühender Garten, sondern eine blühende Stadt. Und im Zentrum dieses Lebensraums steht wiederum der Baum des Lebens, der immer wieder blüht und immer wieder Früchte trägt. Und auch in diesem Lebensraum geht es um blühendes Leben, um gesundes und geheiltes Leben. Dort gibt es eben auch keinen Schmerz, kein Leid, keine Tränen, keine Feindschaft, keine Angst und keinen Tod. Also die Beschreibung der Welt, der Schöpfung ist eingerahmt von der Idee eines Baumes des Lebens, von der Idee eines blühenden Lebens, von der Idee eines Lebens, das heil ist, erfüllt ist, voller Frieden und Glück. Das steckt tief in der Schöpfung drin. Das ist ihr genetischer Code.

Diese Rahmenerzählung, diese Vorstellung, dass die Schöpfung beim blühenden Leben beginnt und beim blühenden Leben endet, das ist meine Heilsperspektive, meine Hoffnungsperspektive. Das trägt mich im Leben, das hält mich im Leben, das gibt mir Hoffnung für das Leben. Und darum sage ich eben ganz kühn, die missio dei, das, wozu diese ganze Schöpfung eigentlich gedacht ist und da ist, ist, dass darauf blühendes Leben stattfindet. Und Gott hat nicht aufgehört, an diese Mission zu glauben und diese Mission zu verwirklichen, nämlich das Leben zum Blühen zu bringen. Und gleichzeitig lässt sich das Ganze auch erlösungstheologisch herleiten. Also nicht nur die Schöpfung erzählt davon, dass Gott das Leben zum Blühen bringen möchte, sondern wenn wir das jetzt mal erlösungstheologisch nehmen, also von der Erlösung her denken, an das, wovon Jesus uns erlösen möchte, dann geht es ebenfalls um blühendes Lebens. Denn Jesus will uns erlösen von diesen vier Grundstörungen der Menschheit, die habe ich ja vorhin schon aufgezählt: Schuldproblem, Schamproblem, Angstproblem, Überforderungsproblem. Davon will Christus uns befreien. Und eben nicht nur vom Schuldproblem, sondern von einer ganzheitlichen Störung der Menschheit. Und dort wo wir von Angst, von Schuld, von Scham und von Überforderung befreit werden, blüht das Leben eben wieder auf. Weil Schuld, Angst, Scham und Überforderung die großen Gegner, die großen Gegenkräfte sind eines blühenden Lebens. Blühendes Leben wird eben dadurch zerstört, geschwächt, zum Verblühen gebracht, wo Menschen in Schuld verstrickt sind, in Scham verstrickt sind, in Ängste verstrickt sind oder unter großer Überforderung leiden. Und deswegen ist auch die Erlösung nichts anderes als Gottes Weg, Gottes Lösung für ein verblühtes Leben, damit es wieder zum Blühen kommt.

Aber neben dieser Geschichte des Guten, des blühenden Lebens gibt es auch die Geschichte des Bösen. Natürlich nehmen die Menschen wahr, dass dieses blühende Leben gefährdet ist. Dass Leben ganz oft auch eben verblüht, dass wir störanfällig sind, dass Glück und Frieden zerbrechlich sind, dass wir auch zum Bösen und zum Destruktiven neigen. Und darum erzählt die Bibel auch eine Geschichte des Bösen. In der Erzählung vom Sündenfall und in weiteren Geschichten wird diese Neigung des Menschen zum Bösen und zum Destruktiven beschrieben. Und so haben wir dann in Genesis in den nächsten zehn Kapiteln lauter solche Geschichten, die auch eine Geschichte des Bösen sind und aufzeigen, dass der Mensch zwar zum Blühen bestimmt ist, aber zum Bösen und zum Destruktiven neigt. Sie erklärt nicht, warum, da habe ich auch keine wirkliche Erklärung dafür. Es beschreibt zunächst mal, wie wir die Menschheit vorfinden. Gedacht zum Blühen, aber ganz stark geneigt zum Bösen. Und wir alle stellen ja natürlich täglich fest, dass es neben dem blühenden Leben auch ganz viel leidvolles Leben gibt. Da müssen wir nur die Augen aufmachen. Und umso wichtiger ist eben diese Hoffnungsperspektive, dass Gott nicht aufgehört hat, blühendes Leben auf dieser Welt zu verwirklichen und dass er an seiner Mission des blühenden Lebens festhalten wird bis zum Ende, bis zur Vollendung.

Und das, was ich jetzt so blumig beschreibe mit blühendem Leben, dafür gibt es im Alten Testament und im Neuen Testament jeweils spezielle Begriffe. Es gibt im Alten Testament natürlich durch all die Bücher hindurch die Idee des blühenden Lebens. Aber das Alte Testament hat einen eigenen Begriff für dieses blühende Leben. Die Idee vom blühenden Leben ist zusammengefasst im hebräischen Begriff shalom. Schalom ist der Lebensraum, in dem das Leben aufblüht, in dem das Gute das letzte Wort hat, in dem das Böse überwunden wird. Shalom in der Übersetzung „Friede“ greift deutlich zu kurz, denn es geht um viel mehr als die Abwesenheit von Krieg. Es geht bei Schalom darum, dass Gott einen Lebensraum schafft, einen Lebensraum ermöglicht und aufspannt, in dem das Leben wieder aufblühen kann. Der Theologe Bernhard Ott definiert shalom in seinem Buch „Schalom – das Projekt Gottes“ folgendermaßen: „Schalom ist der Zustand des umfassenden Heils und des ganzheitlichen Wohlbefindens, der Gerechtigkeit und des Friedens, der richtigen Ordnung aller Beziehungen, wie Gott ihn für seine Schöpfung vorgesehen hat.“  Und er schreibt, Schalom ist Gottes ursprüngliche Absicht für die Schöpfung. Die Bibel beginnt mit Schalom im Garten Eden und endet mit Schalom im neuen Himmel und der neuen Erde. Soweit Bernhard Ott.

Schalom ist deswegen, so wie es beschrieben wird, nichts anderes wie die Idee des blühenden Lebens. Und wunderschön beschrieben wird das zum Beispiel im Prophetenbuch Jesaja, dort heißt es in Jesaja 11, Vers 6, dort wird dieses blühende Leben, diese Idee von Schalom beschrieben, wenn es heißt, dann werden Wolf und Lamm friedlich beieinander wohnen. Der Leopard wird beim Ziegenböcklein liegen. Kälber, Rinder und junge Löwen weiden zusammen. Ein kleiner Junge kann sie hüten. Kuh und Bärin teilen die gleiche Weide. Und ihre Jungen liegen beieinander. Der Löwe frisst Heu wie ein Rind. Ein Säugling spielt beim Schlupfluch der Viper, ein Kind greift in die Höhle der Otter. Auf dem ganzen heiligen Berg wird niemand etwas Böses tun und Schaden anrichten. Alle Menschen kennen den Herrn. Das Wissen um ihn erfüllt das Land wie Wasser das Meer. Das ist ein unglaublich schönes Bild von diesem friedlichen, blühenden Leben, wo Harmonie da ist, wo großes Glück da ist, wo Menschen dort sind, wo sie sein wollen, wo die ganze Schöpfung dort ist, wo sie sein sollen, wo alle Beziehungen wieder geordnet und friedfertig und liebevoll und gut sind. Das ist das Bild des blühenden Lebens im Alten Testament, für das das Alte Testament diesen Begriff shalom verwendet.

Und nun ist es so, dass natürlich auch das Neue Testament auf seinen Seiten von diesem blühenden Leben erzählt. Und auch das Neue Testament hat einen Begriff für dieses blühende Leben. Wichtig ist, dass wir verstehen, wenn die Bibel von shalom redet, dann meint sie blühendes Leben. Und wenn das Neue Testament diesen speziellen griechischen Begriff gebraucht, dann meint sie damit ebenfalls das blühende Leben. Und der Begriff, den das Neue Testament für dieses blühende Leben verwendet, ist das Evangelium vom Reich Gottes. Also was im Alten Testament shalom war, also der Lebensraum des Heils, das wird im Neuen Testament als Reich Gottes bezeichnet. Beim Reich Gottes geht es um Gottes gute, liebevolle, barmherzige, rettende, erlösende, befreiende, gerechte, segnende und zum Guten transformierende Kraft und Energie, die in der Welt am Wirken ist. Die Juden erleben ja nun seit Jahrhunderten Fremdherrschaft, Unterdrückung und Leid – erst von den Babyloniern, dann den Persern, den Griechen und jetzt den Römern. Und sie fragen sich: Wo bleibt denn dieses blühende Leben? Wo bleibt denn der Schalom? Und nun kommt Jesus und verkündigt die frohe Botschaft von diesem Reich Gottes. Also das Evangelium vom Reich Gottes. Dass es nicht nur den Juden, sondern der ganzen Welt blühendes Leben bringt. Und mit Jesus kommt dieses Reich Gottes der Welt auch ganz nahe. Es ist in den Startlöchern, es bricht jetzt an. Es kann in Lukas 4 heißen: Er aber sprach zu ihnen, ich muss auch den anderen Städten das Evangelium vom Reich Gottes verkündigen, denn dazu bin ich gesandt worden. Oder in Lukas 8, Vers 1: In den folgenden Zeiten zog Jesus durch viele Städte und Dörfer und verkündigte überall die gute Botschaft, das Evangelium vom Reich Gottes. Und Jesus bestätigt die Mission Gottes als seine Absicht, das Leben zum Blühen zu bringen.

In seiner Antrittsrede in Nazareth sagt Jesus in Lukas 4: „Der Geist des Herrn ruht auf mir, weil er mich gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Armen gute Botschaft zu bringen, den Gefangenen ihre Freilassung zu verkündigen, den Blinden zu sagen, dass sie sehend werden, den Unterdrückten die Freiheit zu bringen und ein Jahr der Gnade des Herrn auszurufen.“ Und an anderer Stelle kann Jesus sagen (Matthäus 11): „Geht zu Johannes und berichtet ihm, was ihr hört und seht. Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden geheilt, Taube hören, Tote werden auferweckt und den Armen wird Gottes gute Botschaft verkündigt.“ Diese Texte beschreiben blühendes Leben, und gleichzeitig beschreiben sie den großen Sendungsauftrag Jesu. Wenn Armen gute Botschaft verkündigt wird, wenn Blinde sehen, Taube hören und Lahme gehen, wenn Unterdrückte wieder frei werden und diejenigen, die Ungerechtigkeit erleben, nun Gerechtigkeit erfahren, dann wird überall dort das Leben zum Blühen gebracht.

Versteht ihr? Reich Gottes meint blühendes Leben. Und in meiner christlichen Sozialisierung, gerade in dem Gemeindeverband, in dem ich viele Jahre war, da war ganz viel vom Reich Gottes die Rede. Aber das Reich Gottes, das hatte immer so den Touch von Evangelisation, Menschen zu Jesus führen und Gemeindebau – also Gemeindewachstum. Irgendwie war Reich-Gottes-Bau das gleiche wie Gemeinde bauen. Und Reich Gottes vergrößern heißt, mehr Menschen kommen zum Glauben. Und das ist ja richtig, das ist gar nicht falsch, aber es greift viel zu kurz. Das Reich Gottes ist mehr als Gemeinde bauen und Menschen zu Jesus führen. Das Reich Gottes bedeutet, das Leben zum Blühen bringen. Und das ist die Mission Gottes, der wir uns anschließen sollen. Im Markus-Evangelium sagt Jesus einen ganz spannenden Satz. Er sagt in Markus 1,15:“ die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist herbeigekommen“. Und es heißt: „Tut Buße und glaubt an das Evangelium (μετανοεῖτε καὶ πιστεύετε ἐν τῷ εὐαγγελίῳ im Griechischen). Wenn wir diesen Satz hören „Tut Buße und glaubt an das Evangelium“, dann denken wir sofort an eben Buße tun, also unsere Sünden bekennen, und dann an Jesus glauben.

Aber könnte es sein, dass wir diesen Satz doch irgendwie falsch verstehen? Bei dem Theologen N. T.  Wright kann man nachlesen, dass wir diesen Ausdruck, „metanoiete, kai pistoiete“, auch außerhalb der Bibel finden, in jüdischen Schriften. Dort hat er eine viel konkretere Bedeutung. Es gibt ein interessantes Dokument von einem Buch von Flavius Josephus, einem Juden und Oberbefehlshaber der jüdischen Armee. Josephus, als Hebräisch sprechender Jude, hat einige Bücher in griechischer Sprache verfasst, ungefähr zur gleichen Zeit, als Markus sein Evangelium verfasst hat. Und in seinen Schriften kommt ebenfalls genau dieser Satz vor. Kehrt um und glaubt, metanoiete, kai pistoiete. Als Oberbefehlshaber der jüdischen Armee hatte Josephus zunächst die Aufgabe, gegen die Römer Krieg zu führen. Aber relativ bald merkt er, dass diese Strategie zum Scheitern verurteilt ist und es für die gesamte jüdische Armee besser wäre, mit den Römern zusammenzuarbeiten, als gegen sie zu revoltieren. Sie standen kurz vor dem Besiegtwerden, vor der völligen Vernichtung, und deswegen ändert Josephus seine Strategie und sagt, wir müssen jetzt mit ihnen zusammenarbeiten, sonst werden wir gänzlich vernichtet. Mit dieser neuen Strategie und Überzeugung musste er nun als Oberbefehlshaber seine militärischen Anführer davon überzeugen, ihre eigenen Pläne der Revolte des Krieges fallen zu lassen und sich seinem Plan der Zusammenarbeit mit den Römern anzuschließen. Und als er diesen Anführern schrieb „Lasst eure eigenen Pläne fallen und vertraut meinem Vorhaben“, da tat er es mit diesen genau gleichen griechischen Worten, metanoiete, kai pistoiete, die wir auch bei Jesus lesen und die wir da im Markus Evangelium vorfinden und die wir üblicherweise mit dem „Tut Buße und glaubt“ übersetzen. Aber als Josephus schrieb, metanoiete, kai pistoiete, da wollte er diesen Anführer nicht sagen, „Bereut eure Sünden und werdet religiös“, sondern vielmehr, „Gebt eure eigenen Vorhaben und Zielsetzungen auf und schließt euch meiner Mission an, meinen Überzeugungen an“. Und damit bekommen wir einen ganz wichtigen Hinweis darauf, wie wir diese Worte im Markus-Evangelium und im Neuen Testament verstehen müssen. Als Jesus sagte „Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist herbeigekommen, tut Buße und glaubt ans Evangelium“, da ging es um mehr als Sünden bereuen und gläubig werden. Sondern Glaube an Gott und Nachfolge Jesu meint eben, dass wir unsere eigenen Vorhaben und Absichten hintenanstellen und uns der Mission Gottes anschließen. Nachfolger Jesu heißt, sich zum Teil der Mission Gottes zu machen, nämlich das Leben zum Blühen zu bringen. Und wenn wir in Zukunft als Christen vom Reich Gottes sprechen, dann habt bitte einen größeren Fokus als Gemeinde bauen und Menschen zu Jesus führen. Christ werden, ein Nachfolger Jesu werden heißt zunächst einmal, ich schließe mich der missio dei, der Mission Gottes an, nämlich das Leben zum Blühen zu bringen.

Also machen wir hier mal eine erste Zwischenbilanz: Gottes Absicht mit dieser Welt ist von Anfang an, das Leben zum Blühen zu bringen. Und an dieser Absicht, an dieser Mission hält er fest bis zu ihrer Vollendung. Das Alte Testament nennt diese Idee vom blühenden Leben shalom. Das Neue Testament nennt diese Idee vom blühenden Leben das Evangelium vom Reich Gottes.

So, das ist mal der erste wichtige Punkt, mit dem ich diesen Movecast auch beenden möchte. In der nächsten Folge arbeiten wir das noch ein bisschen stärker aus, vor allem, was die Mittel, die Instrumente sind, um das Leben zum Blühen zu bringen. Aber jetzt zunächst einmal halten wir fest, Gott will das Leben zum Blühen bringen. Gott will dein Leben zum Blühen bringen. Und Gott will mein Leben zum Blühen bringen. Und Gott will diese Welt zum Blühen bringen. Und wir dürfen uns daran beteiligen. Und ich würde jetzt einfach mal deutlich sagen, wo immer das Leben zum Blühen gebracht wird, verwirklicht sich das Reich Gottes. Ob im Großen oder im Kleinen. Wo immer Leben zum Blühen gebracht wird, verwirklicht sich das Reich Gottes und geschieht etwas zutiefst Göttliches.

Und das war Movecast für heute. Vielen Dank fürs Dabeisein. Ich freue mich, wenn ihr Movecast unterstützt, indem ihr für Movecast betet, für unsere Familie betet. Aber ihr könnt auch Movecast ganz konkret finanziell unterstützen mit einer regelmäßigen Spende auf Movecast oder mit einer einmaligen Spende für Movecast. Oder eben indem ihr Movecast auch bekannt macht, Freunden und Bekannten und Kollegen davon erzählt und sagt, hey, hör doch mal in Movecast rein, vielleicht inspiriert dich das. Das würde mich sehr freuen.

Ansonsten freue ich mich aufs nächste Mal, wenn es bei diesem Thema weitergeht. Ansonsten macht‘s gut, seid gesegnet, bis bald, bye bye.

 

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