MC 201: Allversöhnung 2 – Lehrt die Bibel das überhaupt klar?

Lehrt die Bibel wirklich die Allversöhnung? Es gibt doch so viele Bibelstellen, die scheinbar glasklar und eindeutig von einer ewigen Verdammnis und der Hölle sprechen. Wie passt das alles zusammen?

Dieser Movecast zeigt auf, dass wir uns ein für alle Mal davon verabschieden sollten, glasklare und eindeutige Lehren aus der Bibel ableiten zu wollen. Dazu ist die Bibel (und vor allem ihre Auslegung) zu vielstimmig und mehrdeutig. Das fundamentalistische Christentum hat eine Haltung geprägt, die alles in der Bibel harmonisieren möchte, um glauben zu können. Gerade vom Judentum lerne ich aber, dass die Mehrdeutigkeit der biblischen Texte sogar eine Bereicherung für den Glauben ist und ihm nicht im Wege steht. Wer nur das glauben kann, was die Bibel eindeutig sagt, für den bleibt wenig zum Glauben übrig. Darum ist die entscheidende Frage nicht, ob die Bibel etwas eindeutig lehrt, sondern ob eine (unser Stückwerk ausdrückende) Lehre den Charakter Gottes, der sich in Jesus Christus geoffenbart hat, zum Ausdruck bringt.

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Transkript zur Folge:

Menschen mit oftmals evangelikalem oder fundamentalistischem Hintergrund, die haben so innerlich ein ganz starkes Bedürfnis, dass das, was sie glauben, 100 % biblisch wasserdicht ist.

Man muss sich endgültig davon verabschieden, in der Bibel ein eindeutiges und einstimmiges Lehrbuch vor sich zu haben.

Es wird nicht gelingen, das Thema Allversöhnung als eindeutig klares Thema der Bibel herauszuarbeiten.

 

Willkommen zu Movecast, dem Podcast, etwas bewegen möchte. Mein Name ist Martin Benz und jetzt geht’s los.

Ich habe sehr viele positive Reaktionen auf meinen Podcast mit Martin Thoms zum Thema Allversöhnung bekommen. Für viele Menschen scheint das ein Ausdruck ihrer ganz tiefen Herzensüberzeugung. Und es hat vielen gut getan, dass das jemand mal ausspricht und auch Argumente dafür liefert. Gleichzeitig bleiben da natürlich noch ganz viele Fragen offen. Und einige dieser Fragen, die als Reaktion auf diesen Podcast gekommen sind, denen möchte ich  in diesem Nachschlag zum Thema Allversöhnung mal noch bisschen nachgehen. Und ein Punkt, der immer wieder kam, ist: „Ich wünschte mir, man könnte das Ganze so eindeutig und klar biblisch herleiten. Da gibt es doch auch ganz andere Bibelstellen. Da gibt es doch Bibelstellen, die eindeutig von einer ewigen Hölle reden oder einer Verdammnis usw. Wie kriege ich denn diese Bibelstellen zusammen mit der Allversöhnung?“

Da wird auf Matthäus 25 hingewiesen – das Weltgericht, Schafe, Böcke oder die törichten Jungfrauen, die kein Öl mitgenommen haben. Oder ich lese euch mal eine Stelle aus dem zweiten Thessalonicherbrief vor: Kapitel 1, ab Vers 7,  heißt es „Er wird eure Not beenden und auch wir werden nicht länger leiden müssen, wenn Jesus, der Herr, für alle sichtbar erscheinen wird. Er wird mit seinen mächtigen Engeln vom Himmel kommen, umgeben von loderndem Feuer. Dann wird sein Urteil alle treffen, die von Gott nichts wissen wollen und die rettende Botschaft von Jesus, unserem Herrn, ablehnen. In seiner Macht und Herrlichkeit wird der Herr sie bestrafen und dem ewigen Verderben ausliefern.“  Wenn man solche Stellen liest, denkt man sich: Aber da steht es doch ganz klar, ewiges Verderben, wer nicht glaubt, wer das Evangelium nicht glaubt, der wird gestraft und ewig ins Verderben gehen.

Ich meine, da hat doch Allversöhnung gar keinen Platz. Aber genauso kann ich im Römerbrief Kapitel 5 Folgendes lesen. Dort heißt es ab Vers 10 und dann weiter bei Vers 18  „Als wir Gott noch als Feinde gegenüberstanden, hat er uns durch den Tod seines Sohnes mit sich versöhnt.“ Wann? Als wir noch Feinde waren, nicht als wir gläubig wurden, als wir noch Feinde waren, hat er uns durch den Tod seines Sohnes mit sich versöhnt. Dann werden wir als mit Gott Versöhnte durch das Leben seines Sohnes vor dem Verderben gerettet. Es steht also fest: Durch die Sünde eines einzigen Menschen, nämlich Adam, sind alle Menschen in Tod und Verderben geraten. Aber durch die Erlösungstat eines einzigen Menschen, nämlich Jesus, sind alle mit Gott versöhnt und bekommen neues Leben. Oder anders gesagt, durch Adams Ungehorsam wurden alle Menschen vor Gott schuldig. Aber weil Jesus Christus gehorsam war, werden sie von Gott freigesprochen.

Also so eindeutig, wie der Thessalonischerbrief davon spricht, dass alle, die nicht ans Evangelium glauben, für ewig verdammt werden, wird hier im Römerbrief in bestechender Logik das Gegenteil gesagt: dass Gott alle Menschen mit sich versöhnt hat, selbst als sie noch Feinde waren, also Gott feindselig gegenüberstanden. Und dann wird ganz logisch geschlussfolgert, so wie durch Adam, durch die Sünde des einen, die Verdammnis über alle Menschen kam, ob sie es wollten oder nicht, ob sie es geglaubt haben oder nicht, ob sie selbst was dazu beigetragen hat oder nicht, einfach weil Adam gesündigt hat, wurden alle ins Verderben geschickt. Genauso werden durch den Gehorsam des einen, durch die Erlösungstat des einen Menschen, nämlich Jesus, alle mit Gott versöhnt. Das ist die genau gleiche Logik. Also die eine Stelle sagt glasklar ewige Verdammnis aus, und die andere Stelle sagt glasklar die Versöhnung und Erlösung aller Menschen durch Jesus aus. Und genau da sind wir am entscheidenden Punkt. Was wir verstehen müssen, ein für alle Mal, ist, dass die Bibel kein eindeutiges Lehrbuch ist.

Die Bibel ist kein Buch, in dem es eindeutige, glasklare Lehre gibt. Ich kann nicht einfach die Bibel lesen und komme dadurch zu glasklaren, eindeutigen Lehraussagen. Man muss sich endgültig davon verabschieden, mit der Bibel ein eindeutiges und einstimmiges Lehrbuch vor sich zu haben. Dass ich, wenn ich es nur genug erforsche und studiere und lese, so zu eindeutiger Überzeugung gelange, ja, zur eindeutigen Wahrheit – von diesem Gedanken muss man sich einfach ein für alle Mal verabschieden. In der Bibel kommen ganz unterschiedliche Stimmen zusammen und unterschiedliche Deutungen von Gottes Willen, von Gottes Absicht und so weiter. Die Bibel ist vielstimmig und mehrdeutig. Und jeder, behauptet, dass sie das nicht wäre, dass sie eindeutig wäre, der kann das nur behaupten, weil er einen Teil der Bibel für seine Überzeugung nicht in Betracht zieht oder in irgendeiner Form abwertet.

Und das Ganze kann man jetzt an x Themen veranschaulichen. Die Theologiegeschichte bis heute ist voll von ganz unterschiedlichen Lehrmeinungen, die sich alle miteinander aus der Bibel selbst ableiten lassen.

Ich kann aus ein und derselben Bibel einen Lebensstil der Armut und der Besitzlosigkeit ableiten. Da habe ich genügend Bibelstellen auf meiner Seite: Wehe euch Reichen! Es ist einfacher, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher ins Himmelreich kommt. Also da kann man eine ganze Liste mit Bibelstellen aufzählen, die deutlich machen, dass Reichtum ein Ding der Unmöglichkeit ist für einen Nachfolger Jesu und dass Armut und Besitzlosigkeit der Lebensstil für Nachfolger Jesu ist…

Und auf der anderen Seite kann ich genauso aus derselben Bibel ein Wohlstands-Evangelium ableiten, dass Reichtum, Wohlstand, Überfluss Ausdruck vom Segen Gottes sind. Wir haben eine ganze Bewegung, gerade in den USA, von der Prosperity Gospel, wo Theologen und Theologinnen, Christen und Christinnen einen Bibelvers nach dem anderen zitieren, die ein Wohlstands-Evangelium rechtfertigen.

Und ich kann mit derselben Bibel die Unterordnung und die Zweitrangigkeit der Frau ableiten. Auch da habe ich im Alten und im Neuen Testament genügend Bibelstellen dazu. Aber aus derselben Bibel kann ich die Gleichberechtigung der Frau ableiten, ihre Begabungen ableiten und ihre wichtige Rolle in Kirche und Gesellschaft.

In derselben Bibel kann ich lesen, dass Frauen schweigen sollen in der Gemeinde und im Gottesdienst. Und in derselben Bibel kann ich lesen, dass Frauen durchaus berechtigt sind, prophetisch zu reden in der Gemeinde.

Ja – Reden oder Schweigen. Was gilt denn jetzt? Tausende von Christen können aus der Bibel eine pazifistische Lebenshaltung ableiten. Schwerter zu Pflugscharen, Friedfertigkeit, Gewaltlosigkeit als Lebensstil, der Jesus nachahmt und imitiert. Und genauso können bis heute Tausende Christen Gewalt und Krieg aus dieser selben Bibel rechtfertigen, dass dem Staat das Schwert gegeben ist und dass er das Recht hat, Gewalt auszuüben. Andere würden sagen, nein, Gewalt ist niemals eine Option. Ja, die ganzen Kreuzzüge wurden aus der Bibel heraus gerechtfertigt, dass Gewalt legitim ist, um das Heilige Land von den Ungläubigen zu befreien. Also aus derselben Bibel wird Pazifismus und Gewalt abgeleitet. Und ich kann aus derselben Bibel einen konsequenten Tun-Ergehen-Zusammenhang lehren, dass also mein Tun und mein Ergehen in einem engen Zusammenhang stehen: Was der Mensch sät, das wird er ernten. Wer gerecht ist, dem geht es gut. Wer ungerecht ist, dem wird es schlecht gehen. Das kann ich aus ganz vielen Stellen, gerade aus den Sprüchen und so weiter, wunderbar ableiten. Und dann habe ich ganz viele Bibelstellen, die genau mit diesem Tun-Ergehen-Zusammenhang aufräumen, die etwas ganz anderes lehren: dass das Leben unberechenbar ist, unplanbar abläuft, und dass es eben an ganz vielen Stellen der Gerechtigkeit und der Fairness mangelt. Auch diese Lehre kann ich ableiten aus der Bibel.

Und ich habe es zum Beispiel selbst hautnah miterlebt, als ich zum Glauben kam und in charismatische Kreise kam. Da habe ich Bücher gelesen oder auch in der Vineyard-Bewegung, John Wimber usw., die aus der Bibel wunderbar herleiten, dass die Zeit der Wunder immer noch da ist: Ihr werdet die gleichen Werke tun, die ich getan habe und werdet größere Werke tun. Es gibt ganz viele Bibelstellen über Geistesgaben, über die Charismen, über Zungenreden, über Prophetien. Diese Bibelstellen habe ich gelesen, und sie haben mich eingeführt in eine Welt der Charismatik, der Geistesgaben, des Spirituellen, des Heiligen Geistes, der Geistestaufe. Wir haben ganz viele Bibelstellen, die die Charismatik, die Geistesgaben und die Geistestaufe lehren.

Und gleichzeitig gab es die Berliner Erklärung, wo Theologen aus der Bibel heraus abgeleitet haben – das war Anfang des 20. Jahrhunderts -, dass die Pfingstbewegung vom Teufel ist und dass die Wunder aufgehört haben und dass die Geistesgaben aufgehört haben und dass das alles ins apostolische Zeitalter gehört, als die Apostel noch gelebt haben, aber nicht mehr heute. Und die haben das alle wunderbar biblisch begründet. Die Pfingstkirchen, ihre Geistesgaben, den Heiligen Geist und die Anticharismatiker haben das Aufhören von Wundern und Zeichen genauso biblisch hergeleitet.

Und wir könnten das ganze Spiel weiter durchziehen mit großen Themen wie Taufe, Glaubenstaufe oder Kindertaufe. Die Frage vom Abendmahl, über dem sich sogar die Reformation gespalten hat. Die Frage der Auserwählung. Sind wir jetzt, sind alle Dinge vorherbestimmt oder haben wir einen freien Willen? Auch da gibt es in der Theologiegeschichte riesige Unterschiede, die alle biblisch hergeleitet werden. Sogar die Frage der Auferstehung der Toten. Wir haben ganz viele Verse im Alten Testament, die eben gerade eine Auferstehung der Toten leugnen und andere Bibelstellen, die natürlich wie selbstverständlich von einer Auferstehung der Toten ausgehen.

Und das sind ja keine theologischen Nebenthemen. Also Abendmahl, Auserwählung, Auferstehung, Geistestaufe, Taufe, Armut und Reichtum, das sind ja zentrale Themen der Bibel. Und nun ist es doch wirklich bezeichnend, dass wir zu diesen großen Themen völlig unterschiedliche Lehraussagen in der Bibel selbst finden. Ich muss nur die entsprechenden Verse zusammensuchen, und ich kann eine völlig gegenteilige Lehrmeinung entwickeln, wie eben andere das gemacht haben. Diese Mehrstimmigkeit der Bibel lässt sich x-fach nachweisen, die ist immer wieder in der Christenheit deutlich geworden und prägt unsere Ansichten bis heute.

Und je nachdem auf welcher Seite, bei welcher Lehrmeinung du gerade stehst, wirst du jetzt schon beim Zuhören dieser unterschiedlichen Themen innerlich gedacht haben, ja, das ist doch ganz klar. Also je nachdem wo du stehst, wirst du sagen:  „Ist doch ganz klar, die Bibel lehrt doch ganz klar, dass die Frau sich unterordnen soll, dass der Mann das Haupt der Frau ist und dass die Frau schweigen soll in der Gemeinde“. Aber wenn du auf der anderen Seite stehst, wirst du sagen: „Die Bibel lehrt doch ganz klar, da ist nicht mehr Mann und Frau, nicht mehr Sklave und Freier, die Bibel lehrt doch unbedingt die Gleichberechtigung, die Gleichstellung von Mann und Frau, gerade in der Kirche“. Ja, kommt halt drauf an, auf welcher Seite du stehst, dann ist für dich das eine oder andere total einleuchtend biblisch. Und wenn du Franziskanermönch bist, dann wirst du sagen: „Klarer kann die Bibel doch gar nicht sein in Bezug auf Armut und Besitzlosigkeit“. Ja, wenn du zur Glaubensbewegung gehörst, zum Wohlstands-Evangelium, würdest du sagen: „Die Bibel, die strahlt ja aus jeder Pore heraus, dass Gott will, dass es uns gut geht und dass wir Wohlstand haben. Der will uns segnen und überfließen lassen. Also das ist die Bibel ganz eindeutig“.

Und das ist übrigens nicht erst im Christentum so. Genau das haben wir schon im Judentum. Vielleicht hört ihr noch mal den Movecast von mir an über Hillel und Shammai. Also es gab im Judentum immer schon ganz unterschiedliche Lehrmeinungen: die Schule Hillels und die Schule des Shammai, die ganz unterschiedliche Bibelstellen gewichtet haben oder dann die gleichen Bibelstellen ganz unterschiedlich ausgelegt haben und so zu völlig unterschiedlichen Lehrmeinungen gekommen sind.

Menschen mit oftmals evangelikalem oder fundamentalistischem Hintergrund, die haben so innerlich ein ganz starkes Bedürfnis, nämlich, dass das, was sie glauben, 100 Prozent biblisch wasserdicht ist. Dass ich also eine wunderbar schlüssige Lehrmeinung herleiten kann, zu der am Schluss alle Bibelstellen passen. Ich finde all die, die dafür sprechen und ich kann all die, die dagegen sprechen, so auslegen und irgendwie so interpretieren, dass die der ganzen Lehrmeinung nicht länger im Wege stehen. Das ist für uns ein ganz starkes, so grundevangelikales Bedürfnis: Ich kann etwas erst dann wirklich glauben, wenn es in sich völlig stimmig ist und wenn ich die Bibel in Bezug auf dieses Thema harmonisieren kann. Da gibt es vielleicht so paar strittige Themen in der Bibel, aber in den wichtigen Fragen, da muss die Bibel ein einstimmiges, ein eindeutiges Urteil fällen und eine klare Lehraussage machen. Sonst kann ich diese Dinge nicht glauben.  – Aber ist dir bewusst, dass du ganz vieles glaubst im Christentum, ganz viele Themen in einer bestimmten Art und Weise glaubst und lehrst, nicht weil die Bibel da so eindeutig ist, sondern weil du sie dir eindeutig gemacht hast. Du beschäftigst dich einfach nicht mit den Bibelstellen, die etwas anderes aussagen. In deinen Kreisen, in deinem Milieu, in deiner Gemeinde, in deinem Lehrgebäude kommen die Bibelstellen einfach gar nicht vor, die tauchen gar nicht auf, die etwas gegen diese Lehrmeinung sagen würden. Wir haben also ganz oft den Eindruck, ja, das was ich glaube ist total stimmig, ja, da ist die Bibel eindeutig – das liegt aber nicht daran, dass die Bibel wirklich eindeutig ist, sondern nur daran, dass du eben die Bibelstellen, die dagegen sprechen, gar nicht kennst oder gar nicht in Betracht ziehst oder sie in diesen Kreisen gar nicht gelehrt werden.

Und jetzt zurück zum Thema Allversöhnung. Es wird nicht gelingen das Thema Allversöhnung als eindeutig klares Thema der Bibel herauszuarbeiten. Ja, es gibt Bibelstellen, die sprechen eine sehr klare Sprache, von einer ewigen Verdammnis, einer ewigen qualvollen Strafhölle. Diese Bibelstellen, die werde ich finden. Und die werde ich nicht einfach so uminterpretieren können, dass wir alle denken, ach, das wurde ja nie ausgesagt, die habe ich ja immer völlig falsch verstanden. Nein, die gibt es. Es gibt aber genauso klare Bibelstellen, die von der Annihilation sprechen, also der Vernichtung aller Ungläubigen. Die kommen nicht für eine Ewigkeit in eine Hölle, sondern die werden vernichtet, die werden ausgelöscht, die hören auf zu existieren. Auch dafür gibt es klare Bibelstellen. Und es gibt klare Bibelstellen für die Allversöhnung, die diesen Gedanken nach vorne bringen und zum Ausdruck bringen, dass Gott am Ende tatsächlich alles mit sich versöhnt hat und dass dann die Hölle kein Strafgericht ist, wo Menschen für alle Ewigkeiten verurteilt werden, sondern dass die Hölle Ausdruck einer transformativen, transformierenden Gerechtigkeit ist. Also in der Hölle werden Menschen hergerichtet und transformiert, damit am Ende das Böse nicht in der Ewigkeit und im Himmel landet, sondern das Böse, das wird vernichtet, damit der Mensch befreit von all dem Bösen nun ewig mit Gott versöhnt sein kann und mit Gott leben kann.

Die Bibel ist kein eindeutiges und einstimmiges Lehrbuch. Sie ist ein vielstimmiges und mehrdeutiges Zeugnis dessen, was Menschen mit Gott erlebt haben, wie sie Gott verstanden haben im Kontext ihrer Kultur und ihres Horizontes. Und all diese Erfahrungen, die sind von Gott inspiriert, also von Gott gewollt, von Gott ausgelöst, von Gott angetrieben, in dieser Bibliothek gelandet, die wir heute Bibel nennen.

Aber nun haben wir doch eines: Gott offenbart sich in Jesus Christus. Die Eindeutigkeit, die Vereindeutigung, die finden wir nicht in der Bibel, sondern in einer Person, in Jesus Christus. Und natürlich wissen wir von Jesus durch die vier Evangelien. Aber die malen ein Bild. Und für mich ist am Ende die entscheidende Frage, inwieweit stimmt eine Lehrmeinung, man könnte auch sagen, eine Idee – zum Beispiel die Idee der Allversöhnung -, inwieweit stimmt die mit dem Bild von Gott und von Gerechtigkeit und Liebe überein, das sich in Jesus Christus gezeigt und geoffenbart hat? Jesus ist die Vereindeutigung Gottes. Und in der Botschaft Jesu, in der ganzen Gottesoffenbarung Jesu, steht die Liebe – die Gottesliebe und die Nächstenliebe – im eindeutigen Zentrum.

Das ist der Mittelpunkt der ganzen Botschaft Jesu. Es ist der Mittelpunkt des Evangeliums. Es ist der Mittelpunkt Gottes, denn Gott ist die Liebe. Die Liebe ist der Mittelpunkt der ganzen christlichen Botschaften des Lebens Jesu. Und von diesem Mittelpunkt her muss alles gedeutet und interpretiert werden. Und für mich ist es nun mal so, dass die Allversöhnung für mich die zu Ende gedachte Agape Gottes ist. Es entspricht nicht dem Wesen Gottes, der Liebe, dass Gott sich am Ende nicht anders zu helfen weiß, als den Großteil der Menschen für eine Ewigkeit lang zu bestrafen und zu verdammen und von seinem Angesicht wegzustoßen. Wenn Gott sich nicht besser zu helfen weiß als mit dieser Lösung, dann entspricht das für mich nicht dem, was die Liebe Gottes bedeutet und was sie über das Wesen Gottes auszusagen vermag.

Und wir Christen haben ein Wahnsinnsproblem mit dieser Mehrdeutigkeit der Bibel. Das ist für uns ganz, ganz schwierig. Wir brauchen diese Eindeutigkeit, gerade in evangelikalen Kreisen, gerade mit einem bestimmten Bibelverständnis ist uns das ein ungeheurer Dorn im Auge, wenn die Bibel nicht eindeutig ist. Aber dem Judentum ist es im Gegensatz zum Christentum gelungen, mit dieser Mehrdeutigkeit der Bibel umzugehen. Indem sie nämlich die Mehrdeutigkeit, die unterschiedlichen Lehraussagen und Interpretationen der biblischen Texte aufgenommen haben im Talmud und miteinander ins Gespräch gebracht haben. Das Judentum bleibt durch seine Schriften wie den Talmud miteinander im Gespräch, trotz unterschiedlicher Ansichten, unterschiedlicher Lehrmeinungen und Deutungen. Das Christentum hat das über viele Jahrhunderte hinweg verloren und sich immer wieder gespalten oder der Häresie, der Irrlehre, beschuldigt. Das Judentum integriert die unterschiedlichen Lehrmeinungen in seinen Heiligen Schriften im Talmud und ist im Gespräch darüber, auch im Streitgespräch darüber. Und die Christen haben sich gespalten und sich gegenseitig der Irrlehre bezichtigt. Und wir verdanken es ein Stück weit der ökumenischen Bewegung, die wahrgenommen hat, dass es wichtig ist, Gespräch zu bleiben – über die Denominationsgrenzen hinweg im Gespräch zu bleiben und in der gemeinsamen Gottesverehrung zu bleiben. Trotz der Unterschiedlichkeiten. Aber genau diese Ökumene ist ja für diejenigen Christen, die noch im häretischen Denkmuster feststecken, die Verwässerung des ganzen christlichen Glaubens und der ganzen christlichen Botschaft. Ja, wohingegen in der Ökumene im gemeinsamen Gespräch und im Miteinander gerade die Aufrichtung der christlichen Botschaft und des christlichen Glaubens gesehen werden. Und vielleicht schreibst du mir jetzt eine E-Mail mit irgendeiner Bibelstelle, auf die du gestoßen bist und sagst:  „Aber Martin, die stimmt doch jetzt überhaupt nicht überein mit der Idee der Allversöhnung“. Ja, dann würde ich Folgendes sagen: Zum einen würde ich sagen, wir schauen uns gerne diese Bibelstelle mal genauer an. Wie muss man die interpretieren? Was steht denn dort genau? Was ist denn der Kontext dieser Stelle? Ich glaube nämlich auch, dass wir ein Stück weit verdorben sind, weil wir seit Jahrhunderten ganz fest mit der Brille der Hölle, der Strafhölle und der Verdammnis von einem Großteil der Menschheit an die Bibel herangegangen sind. Das ist die Brille, mit der wir alles gelesen haben. Dadurch haben ganz viele Bibelstellen diese Höllenfärbung, diese Verdammnisfärbung im Sinne unseres Verständnisses bekommen. Und wenn man jetzt einen Schritt zurück macht und sagt: „Augenblick mal, wenn das nicht alles jetzt von vornherein gesetzt ist, diese Lehrmeinung nicht in Stein gemeißelt ist, finde ich dann vielleicht auch nochmal einen anderen Zugang zu diesen Bibelstellen? Vielleicht wollen sie mir auch nochmal etwas ganz anderes erzählen, als ich es so als spontanen Reflex immer so empfunden habe, wenn eben die Hölle mein großes Denkmuster ist, das mein ganzes Bibellesen auch bestimmt.“

Ich glaube nach wie vor, dass ganz viele Bibelstellen die wir bisher herangezogen haben, um unsere Höllenlehre zu stützen, eigentlich von etwas ganz anderem reden. Ich glaube, wir haben viel zu viel Bibelstellen missbraucht, um die Lehre der Hölle zu stützen. Und in diesem Zusammenhang hat sich unser Bild von Gott, von seiner Gerechtigkeit, von seinem Erbarmen und von seiner Gnade pervertiert. Und wir haben am Ende einen ganz hilflosen Gott, der sich nicht besser zu helfen weiß –  in seiner Allmacht, in seiner Allgüte, in seiner Liebe -, als den Großteil der Menschen ewig zu bestrafen. Ich finde, diese Lösung ist eines Gottes, so wie ihn Jesus Christus geoffenbart hat, nicht würdig. Und wenn du weiterhin an eine ewige Strafhölle glauben möchtest, dann ist das genauso ein Lehrkonstrukt, zu dem einige Bibelstellen passen und andere nicht passen, wie die Allversöhnung. Aber ich glaube, dass nichts besser zum Wesen Gottes, zu seiner Liebe, zu seiner unbedingten Rettungsabsicht, die sich in Jesus Christus geoffenbart hat, passt als die Idee der Allversöhnung.

Und das war Movecast für heute. Vielen Dank fürs Dabeisein. Wenn du weitere Fragen hast, dann kann man mich erreichen unter info@movecast.de. Neben Spenden kannst du Movecast auch dadurch unterstützen, dass du diesen Podcast weiter bekannt machst. Du kannst ihn an Freunde oder Bekannte weiterleiten oder die einzelnen Episoden auf den sozialen Medien teilen. Das würde mich sehr freuen.

Gerne mache ich dich auch auf meine Bücher aufmerksam, die im Neukirchener Verlag erschienen sind. Mein erstes Buch lautet „Wenn der Glaube nicht mehr passt, ein Umzugshelfer“. Und mein neuestes Buch heißt 2Wenn der Glaube keine Kraft hat, ein Aufbauhelfer2. Ansonsten war es das für heute, vielen Dank fürs Zuhören und ich freue mich, wenn du auch das nächste Mal wieder dabei bist. Machts gut, bye bye, seid gesegnet.

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