MC 202: Das Leben zum Blühen bringen (Teil 3) – Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.
Dietrich Bonhoeffer schrieb: Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist. …. Kirche muß an den weltlichen Aufgaben des menschlichen Gemeinschaftslebens teilnehmen, nicht herrschend, sondern helfend und dienend. Sie muß den Menschen aller Berufe sagen, was ein Leben mit Christus ist, was es heißt, „für andere dazu sein“.
Dieser Movecast macht deutlich, dass es von Anfang an die DNA der christlichen Gemeinde war, sich an den Aufgaben der menschlichen Gemeinschaft zu beteiligen und um sich herum das Leben zum Blühen zu bringen. Martin Benz zeigt anhand biblischer und kirchengeschichtlicher Texte, wie sehr die ersten Christen die Mission des blühenden Lebens ernst genommen haben.
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Transcript zu MC 202
Willkommen zu Movecast, dem Podcast, der etwas bewegen möchte. Mein Name ist Martin Benz, und jetzt geht’s los.
An der Stelle möchte ich mich ganz herzlich bedanken für all das Feedback und die Rückmeldungen, die ich immer wieder bekomme. Fast täglich kommen Mails rein, wo sich Leute bedanken, die mir schreiben, wie der Podcast ihr Leben oder ihren Glauben tiefgehend verändert, bereichert hat oder sie vielleicht ohne diese Botschaft schon gar nicht mehr gläubig werden. Das berührt mich immer wieder total. Herzlichen Dank dafür. Und es ist ja tatsächlich so, dass ich nach meiner letzten Pastorenstelle entschieden habe, nicht wieder eine Pastorenstelle anzunehmen, sondern diese Botschaft der Glaubensveränderung einem größeren Publikum zugänglich zu machen als bloß einer lokalen Gemeinde und deswegen diese Podcast-Arbeit und auch meine Autorenarbeit weiter auszubauen. In der Zwischenzeit lebe ich zum Großteil davon, und herzlichen Dank für alle Spenden, die da mithelfen, dass ich diesen Dienst tun kann.
In den letzten Monaten ging die Spenden ein bisschen zurück, weil einige Leute, die sich so für die ersten zwei Jahre als Starthilfe verpflichtet hatten, jetzt ihre Daueraufträge beendet haben. Und ich bin deswegen nach wie vor dankbar für alle, die diese Arbeit mittragen, mitfinanzieren und vielleicht auch mit einem neuen Dauerauftrag dann über eine gewisse Zeit hin ermöglichen. Herzlichen Dank allen, die sich an dieser Arbeit beteiligen. Und ich bin total dankbar, dass sie nach wie vor an vielen Orten einfach ein Segen sein darf.
Ich habe jetzt schon ein paar Podcast-Folgen zur Frage gemacht, wie sieht die Kirche der Zukunft aus? An dieser Frage möchte ich ein wenig weiterarbeiten, und ein zentraler Gedanke, den ich versucht habe in einigen der letzten Movecasts zu schildern, ist die Idee der Missio Dei. Ich glaube zutiefst, dass Gott eine ganz bestimmte Absicht mit seiner Schöpfung hat, mit dieser Welt hat. Nämlich: Gott möchte durch seine Liebe, durch seine Agape, das Leben und die Seele der Menschen zum Blühen bringen. Das ist die Missio Dei, das ist die große Zielsetzung Gottes mit dieser Welt. Das Alte Testament nennt diese Missio Dei „Shalom“, und das Neue Testament nennt diese große Aufgabe das „Evangelium vom Reich Gottes“. Aber bei alledem geht es letztlich um diesen einfachen Gedanken: Gott möchte durch seine Liebe das Leben und die Seele der Menschen und dieser Welt zum Blühen bringen.
Und eines der Instrumente, deren sich Gott bedient, um das Leben zum Blühen zu bringen, ist sein Segen. Er hat Abraham berufen und letztlich dazu bestimmt, einerseits seinen Segen zu empfangen und gleichzeitig durch sein Leben ein Segen für andere zu sein. Und ich glaube, diese Berufung Abrahams, die gilt allen Nachfolgerinnen und Nachfolgern Jesu.
Wir sollen gesegnet werden, wir dürfen gesegnet werden und gleichzeitig sollen wir und dürfen wir ein Segen für die Menschen und das Leben um uns herum sein – also Segen als entscheidendes Instrument, um das Leben zum Blühen zu bringen. In diesem Movecast möchte ich jetzt aufzeigen, dass die Kirche von Anfang an von diesem Gedanken erfüllt war, das Leben zum Blühen zu bringen. Ich glaube, blühendes Leben war von Anfang an die DNA, der frühen Christenheit.
Als in den 1930er Jahren die Kirche in Deutschland angesichts der nationalsozialistischen Bedrohung schon einmal vor ungeheuren Herausforderungen stand und ihr gesamtes Schicksal ungewiss war, da entwickelte Dietrich Bonhoeffer ein Kirchenverständnis, von dem ich finde, dass es bis heute nicht aktueller sein könnte. Bonhoeffer schreibt: „Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist. Um einen Anfang zu machen, muss sie alles Eigentum den Notleidenden schenken. Die Pfarrer müssen ausschließlich von den freiwilligen Gaben der Gemeinde leben. Kirche muss an den weltlichen Aufgaben des menschlichen Gemeinschaftslebens teilnehmen, nicht herrschend, sondern helfend und dienend. Sie muss den Menschen aller Berufe sagen, was ein Leben mit Christus ist, was es heißt, für andere da zu sein. Speziell wird unsere Kirche den Lastern des Stolzes, der Anbetung der Kraft und des Neides als den Wurzeln allen Übels entgegentreten müssen. Sie wird von Maß, Echtheit, Vertrauen, Treue, Stetigkeit, Geduld, Zucht, Demut, Genügsamkeit, Bescheidenheit sprechen müssen. Sie wird die Bedeutung des menschlichen Vorbilds, das im Menschsein Jesu seinen Ursprung hat, nicht unterschätzen dürfen. Nicht durch Begriffe, sondern durch Vorbild bekommt ihr Wort Nachdruck und Kraft.“ Soweit Dietrich Bonhoeffer. Egal, ob wir vom Reich Gottes sprechen, vom Evangelium, von Schalom oder von Segen, alles lässt sich auf den Punkt bringen mit der Idee vom blühenden Leben. Und genau das haben die ersten Christen verstanden.
Das war ihr Auftrag als Nachfolger Jesu und als Leib Jesu. Das war Teil ihrer geistigen DNA. Die frühe Kirche hatte verstanden, dass Kirche nur Kirche ist, wenn sie für andere da ist. Dass Kirche ihren Auftrag nur erfüllt, wenn sie das Leben um sich herum zum Blühen bringt. Und wir haben ja zum Glück einige Beschreibungen, wie es dann zugegangen ist in der allerersten Kirche in der Apostelgeschichte. Dort wird beschrieben, wie sie versucht haben, einander das Leben zum Blühen zu bringen, wie sie eine Kirche sein wollten, die für andere da ist. Wir lesen zum Beispiel in Apostelgeschichte 2, ab Vers 44, „alle die an Jesus glaubten, hielten fest zusammen und teilten alles miteinander, was sie besaßen. Sie verkauften sogar Grundstücke und sonstigen Besitz und verteilten den Erlös entsprechend den jeweiligen Bedürfnissen an alle, die in Not waren.“ Oder in Apostelgeschichte 4, lesen wir ab Vers 32 „Die gesamte Schar derer, die an Jesus glaubten, hielt fest zusammen. Alle waren ein Herz und eine Seele. Nicht ein einziger betrachtete irgendetwas von dem, was ihm gehörte, als sein persönliches Eigentum. Vielmehr teilten sie alles miteinander, was sie besaßen. Es gab unter ihnen auch niemand, der Not leiden musste. Denn wenn die Bedürfnisse es erforderten, verkauften diejenigen, die ein Grundstück oder ein Haus besaßen, ihren Besitz und stellten den Erlös der Gemeinde zur Verfügung, indem sie das Geld vor den Aposteln niederlegten. Davon wurde dann jedem das zugeteilt, was er nötig hatte.“ Die ersten Christen in der Apostelgeschichte haben Not erkannt, Not gesehen und sich überlegt: Da können wir nicht einfach tatenlos zuschauen. Hier müssen wir einen Beitrag leisten. Da ist jemandes Leben am Verkümmern, am Verwelken. Da leidet jemand Not, da leidet jemand Hunger. Da müssen wir eingreifen.
Wir sind nur Kirche, wenn wir füreinander da sind. Und darum haben sie alles miteinander, brüderlich, geschwisterlich, geteilt. Und es hat dann gar nicht lange gedauert, bis diese Sorge um das Wohlergehen des Lebens anderer über die Gemeindegrenzen hinausging und sie angefangen haben, die Menschen sich herum und ihre Gesellschaft zum Blühen zu bringen. Und dieses Zeugnis vom blühenden Leben und von diesem Engagement der ersten Kirche finden wir dann ganz oft in den Texten der Kirchenväter. Und da möchte ich euch einfach auch paar Zitate vorlesen oder paar Beschreibungen, die wir von den Kirchenvätern kennen, die eben beschreiben, dass die DNA der frühen Christenheit nichts anderes war als die Idee, das Leben zum Blühen zu bringen, Kirche zu sein, die für andere da ist.
Clemens von Rom schreibt am Ende des ersten Jahrhunderts im ersten Clemensbrief: „Lasst uns also festhalten an denen, die der Gnade Gottes nach heilig sind, indem wir mit den Armen Mitleid haben, indem wir uns für die Schwachen einsetzen, indem wir den Armen helfen, indem wir den Leidenden Trost bringen“. Oder Ignatius von Antiochien schreibt circa im Jahr 110 im Brief an Polycarp: „Gott achtet das Herz des Gebers mehr als das Geschenk, und er wird euch lohnen für eure Werke der Nächstenliebe“. Und Tertullian – von 160 bis 220 hat er ungefähr gelebt – schreibt im Apologetikum: „Unser Hauptanliegen ist es, nicht nur unsere eigenen Leute zu nähren, sondern auch die Bedürftigen unter den Heiden.“ Oder Kirchenvater Zyprian von Karthago im dritten Jahrhundert schreibt dann Folgendes: „Wie könnte jemand von uns das Brot des Herrn essen, wenn er seinen Bruder hungern sieht und es ihm nicht gibt.“ Und er schreibt: „Es gehört zu unserer Religion, Waisen, Witwen und alle Armen zu unterstützen.“ Und Johannes Chrysostomus, der am Ende des dritten Jahrhunderts lebte, schreibt: „Wenn ihr die Altäre des Herrn mit Gold bedeckt, aber einen Bruder seht, der in Armut leidet, dann verachtet ihr den, der der wahre Tempel Gottes ist.“ Also wir merken hier bei den Texten der Kirchenväter, wie sehr sie Nächstenliebe, den Armen dienen, sich um Witwen und Waisen kümmern, wie sie das betonen. Sie können nicht mit anschauen, wie dort Leben verwelkt, Leben verdirbt, sondern sie fordern die Christen auf: Das ist unser Job, das ist unsere Aufgabe, das Leben dieser Menschen, dieser Kranken, dieser Armen, dieser Leidenden zum Blühen zu bringen. Bischof Hippolyt erwähnt einen festen Besuchsdienst für Alte, Schwache und Kranke in seiner Gemeinde. Arbeitslose und Durchreisende werden versorgt, bis ihnen eine neue Tätigkeit vermittelt werden kann. Gefangene und Zwangsarbeiter in den römischen Bergwerken wurden von Christen selbst unter größten Entbehrungen besucht, versorgt und – wenn möglich – freigekauft. Und während der großen Pestepidemien in den ersten Jahrhunderten ließen die Heiden selbst ihre noch lebenden Angehörigen im Stich und warfen sie auf die Straßen, wohingegen sich die Christen unter Aufopferung ihres eigenen Lebens um die Kranken und Sterbenden kümmern.
Dionysius berichtet: „Die meisten unserer Brüder schonten aus übergroßer Nächsten- und Bruderliebe sich selbst nicht und hielten zusammen, besuchten unbesorgt vor Ansteckung die Kranken, leisteten ihnen ausgezeichnete Dienste und pflegten sie.“ Der Kirchenvater Eusebius erwähnt, dass im Jahr 250 allein die römische Gemeinde rund 1500 Hilfsbedürftige versorgte.
Schon bald werden christliche Sozialstationen eingerichtet, die dann Kaiser Julian später nachahmt, um den Zulauf zu christlichen Gemeinden einzudämmen. Und genau dieser heidnische Kaiser musste dann später bezeugen, dass, Zitat: „die Christen außer ihren eigenen Armen auch die unsrigen ernähren, die unsren sich aber nicht um die eigenen Armen kümmern.“ Soweit Kaiser Julian.
Der Kirchenvater Basilius der Große – er lebte von 330 bis 379 – schreibt: „Lasst uns Krankenhäuser errichten, denn der Mensch ist das Bild Gottes und wir sollten ihm dienen, als dienten wir Christus selbst.“ Und Basilius errichtete in Kappadokien eine große Spitalstadt, die Basileas, die als eines der ersten Krankenhäuser der Welt gilt. Oder der Philosoph Aristides von Athen schreibt in einem Brief an Kaiser Antonius Pius aus dem Jahr 140 nach Christus: „Die Christen lieben andere. Die Witwen missachten sie nicht. Die Waisen befreien sie von dem, der sie misshandelt. Wer hat, gibt neidlos dem, der nicht hat. Wenn Sie einen Fremdling erblicken, führen Sie ihn unter ihr Dach und freuen sich über ihn wie über einen Bruder.“
Über wen freuen sie sich wie über einen Bruder? Wenn sie einen Fremden erblicken, dann nehmen sie ihn auf, behandeln ihn wie einen Bruder. Bemerkenswert. Und Lucian von Samusata schreibt in einem Brief Ende des ersten Jahrhunderts, äh zweiten Jahrhundert: „Die Christen haben unter sich eine außerordentliche Brüderlichkeit. Sie geben sich selbst für ihre Glaubensgenossen auf. Ihr erster Gesetzgeber, also Jesus, hat ihnen beigebracht, dass sie alle Brüder sind.“
Diese frühen Christen haben die Welt um sich herum zum Blühen gebracht. Seht ihr, Kirche ist nur Kirche. Kirche wird nur als Kirche wahrgenommen, wenn sie für andere da ist. Ich finde, Kirche hat zu leichtfertig diesen Dienst am Nächsten ausgelagert in die Diakonie, in die Sozialstationen und in die christlichen Krankenhäuser. Und ich bin dankbar für all diese Organisationen, die sind großartig. Aber die Kirche hat das zu sehr delegiert und sich vor allem um das Seelenheil, das Geistliche gekümmert und die eigentliche DNA, das Leben zum Blühen zu bringen, in der Not da zu sein, für andere da zu sein, das zu sehr vernachlässigt. Und so passiert es, dass man Kirche eben nicht mehr automatisch zusammenbringt mit diesem Auftrag und diesem Anliegen, das Leben der Menschen zum Blühen zu bringen. Und natürlich geht’s beim blühenden Leben nicht nur um Diakonie und Armenpflege, sondern grundsätzlich um einen Lebensstil von Christen, deren Beziehung zu Gott, deren Beziehung zum Heiligen Geist, der erst mal ihr eigenes Leben zum Blühen bringt und darüber hinaus in ihrem Umfeld dann dazu führt, das Leben in allen Facetten zum Blühen zu bringen. Es geht auch darum, die Seele der Menschen zum Blühen zu bringen. Jesus sagt nicht umsonst „Was nützt es, wenn wir die ganze Welt gewinnen und doch Schaden nehmen an unserer Seele.“
Also zum blühenden Leben gehören auch geistliche Aufgaben, dass Menschen Vergebung, Versöhnung, Heilung, Wiederherstellung erleben, damit ihre Seele wieder aufblühen kann. Für mich definiert sich eine Kirche der Zukunft durch und durch von ihrem Auftrag her. Eine christliche Gemeinschaft der Zukunft muss aus jeder Pore ausstrahlen, dass sie einen Zweck hat, nämlich das Leben um sich herum zum Blühen zu bringen. Damit verwirklicht sie die Missio Dei. Damit lebt sie das Reich Gottes, damit verwirklicht sie Shalom.
Und lasst mich am Schluss noch ein paar Takte sagen, wie wir versucht haben, das damals in der Gemeinde zu verwirklichen. Ich habe ja die Vineyard Basel in den 90er Jahren gegründet, war dann 25 Jahre lang Pastor der Vineyard Basel, die letzten Jahre zusammen mit Michel Fischer, der heute die Gemeinde immer noch leitet, auch nachdem ich dort weggegangen bin nach Bayern. Und wir haben uns irgendwann mal gefragt als Gemeinde: Würde es irgendjemand merken außerhalb vom christlichen Kuchen, also außer Christen, würde es irgendjemand merken, wenn es die Vineyard Basel nicht mehr gäbe? Den Christen wird es auffallen, denn dann gibt es kein Gottesdienst mehr, wo sie sonntags hingehen könnten. Aber würde es sonst irgendjemand bemerken, wenn es diese Gemeinde nicht mehr gäbe, würde da irgendjemandem was fehlen, würde es irgendwie auffallen? Die Frage hat uns ziemlich umgetrieben, eben ausgelöst durch diesen Satz von Bonhoeffer, Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.
Und wir als Kirche waren vor allem für Christen da. Wir haben Christen am Sonntag gut unterhalten, versucht einen möglichst guten Worship hinzubringen, gute Predigten zu halten, dass Leute am Sonntag wachsen, gedeihen oder eben auch gut unterhalten sind. Aber würde es darüber hinaus irgendjemanden auffallen, wenn es die Vineyard Basel nicht mehr gegeben hätte? Und wir haben uns dann überlegt, wie könnten wir der Stadt Bestes suchen? Wie könnten wir irgendwie in Verbindung mit den Menschen dieser Stadt treten, mit den Anliegen unserer Stadt, damit wir da einen Beitrag leisten können und nicht nur innerkirchlich im christlichen Kuchen irgendetwas bewegen. Und dann lasen wir eines Tages in der Zeitung, dass die Basler Regierung sich überlegt, abends und nachts das Rheinufer abzusperren, weil es über Nacht, also an den Abenden von den Leuten, die dort sitzen und feiern und Party machen, zu sehr verdreckt wird und man kommt nicht mehr nach, das Rheinufer zu putzen. Und dann haben wir uns überlegt: Wie wäre es, wenn wir die Stadtreinigung, die Basler Stadtreinigung, kontaktieren und sagen, wir wären bereit mitzuhelfen das Rheinufer zu putzen, und dann fanden die die Idee super gut, und neben unserer Kirche war zufällig gerade das Hauptlager der Stadtreinigung, und wir hatten damals abends Gottesdienst 17.30 bis 19 Uhr, und dann sind wir sozusagen als verlängerten Teil unseres Gottesdienstes als Gemeinde ein paar Schritte gelaufen runter zum Lager, haben von denen den Schlüssel bekommen für das Lager – wir konnten selbstständig in dieses Lager gehen -, dann haben wir dort solche Zangen uns nehmen können, Säcke, Handschuhe, Gefäße und sind dann nach dem Gottesdienst das Rheinufer entlang gelaufen und haben dort Müll aufgesammelt. Und das war für uns ein Teil des Gottesdienstes. Und Leute haben gesagt, das hat doch mit Kirche nichts zu tun, ist doch nichts Geistliches. Und wir haben uns gesagt, nein, Gutes zu tun, der Stadt Bestes zu suchen, das ist zutiefst spirituell, zutiefst geistig. Das ist nicht nur ein nettes Anhängsel für die besonders Eifrigen, sondern das ist für uns tatsächlich ein Gottesdienst. Und dann sind wir in Kontakt mit der Stadtgärtnerei gekommen, also mit denen, die das Rheinufer mähen. Dort wächst viel Unkraut im Laufe des Jahres, und dann hat immer so ein kleiner Trupp von zwei, drei Männern, die haben da über Wochen hinweg das Rheinufer gemäht, und dann haben wir gesagt, hey, wir würden von unserer Gemeinde her mit 20, 30 Leuten kommen und würden das Rheinufer mähen. Und dann haben die uns wirklich so einen Container hingestellt mit Elektro- oder Benzinsensen, mit Helmen, mit allen möglichen Materialien. Da konnten wir selbständig das Rheinufer mähen, haben riesige Berge an Unkraut aufgetürmt, auf die Gehwege gelegt, und die kamen am nächsten Tag, haben alles eingesammelt, das Zeug wieder mitgenommen, und wir wurden ein Stück weit ein Teil des Geschehens der Anliegen dieser Stadt Basel.
Dann hat es nicht lang gedauert, bis die Stadt sich bei uns gemeldet hat und dann gesagt hat hey, hättet ihr Kapazität, Kinder im Kinderspital, im Kinderkrankenhaus zu besuchen, die nicht besucht werden? Das kann man sich gar nicht vorstellen. Es gibt Kinder, die liegen im Krankenhaus und die werden nie von irgendjemandem besucht, weil die Eltern vielleicht in Drogen stecken oder im Gefängnis sind oder sonst etwas. Und dann hat man uns angefragt, ob wir das machen würden. Und dann ruft die Stadt an und sagt, hättet ihr Lust im Gefängnis einen Ostergottesdienst zu gestalten? Plötzlich bekommt man den Ruf, dass wir interessiert sind am Wohlergehen, am Blühen unserer Stadt. Und wir werden plötzlich eingebunden. Und es hat nicht lange gedauert, bis wir dann irgendwann auch einen Preis der Stadt Basel gewonnen haben für unser soziales und diakonisches Engagement.
Und irgendwann haben wir wahrgenommen, dass es in unserer eigenen Gemeinde Leute gibt, die am Ende des Monats nicht mehr genug Geld haben, um sich genügend Lebensmittel zu kaufen. Und dann haben wir als Gemeinde Lebensmittel gesammelt, haltbare Lebensmittel, und haben dann vier Familien aus der Gemeinde immer am Ende der Woche einen Sack mit Lebensmitteln gebracht. Und wir haben den Sack dann den Heilandsack genannt, also den Sack, in dem der Heiland steckt sozusagen, und den bringen wir euch. Und am Anfang haben wir, wie gesagt, so einen Sack gesammelt und diesen Familien gebracht. Und dann wurden es immer mehr Familien, auch außerhalb unserer Gemeinde, wo wir wahrgenommen haben, die haben nicht mehr genug. Selbst in dem reichen Basel, in der reichen Schweiz gibt es eine Menge Familien, auch gerade Flüchtlingsfamilien oder Familien, die irgendwie in der Arbeitslosigkeit gelandet sind und die dringend auf Unterstützung angewiesen waren.
Und es war dann vor allem dem Michel Fischer und seinem Team zu verdanken, eine unglaublich tolle Arbeit aufzubauen, die wir heute Dienst am Nächsten (DaN) nennen. Und irgendwann hat man dann eben den Familien die Säcke nicht mehr gebracht, sondern hat gesagt, kommt ins Gemeindezentrum und holt die Säcke ab, weil es jetzt so viele Leute waren, dass man gar nicht mehr nachkam, zu jedem persönlich hinzufahren. Und dann hat die Schweizer Tafel, die die Lebensmittel rettet aus den Läden, aus den Supermärkten, die hat uns dann jede Woche Lebensmittel gebracht. Wir haben aus diesen Lebensmitteln eben Säcke gepackt, und die Leute kamen, die mussten einen Caritas-Ausweis vorzeigen, also ihre Bedürftigkeit nachweisen, und dann konnten die ein bis zwei solche Säcke gefüllt mit Lebensmitteln – haltbaren und zum Teil auch frischen Lebensmitteln – mitnehmen und damit wieder über die Runden kommen bis zur nächsten Woche. Und diese Arbeit ist dank dem großartigen Herz und Engagement von Michel Fischer und seinem Team weitergewachsen, und ich nenne euch jetzt mal einfach ein paar Zahlen wie diese Arbeit heute aussieht im Jahr 2025. In der Broschüre von DaN Basel kann man lesen, „angefangen haben wir im August 2008 mit fünf Säcken prall gefüllt mit selbst gespendeten Lebensmitteln und Alltagsprodukten. Heute verteilen wir bis zu 680 Säcke pro Woche, noch immer prall gefüllt dank der Unterstützung vieler privater Spenden und Organisationen wie der Schweizer Tafel und des Tischlein Deck Dich. Zudem haben wir 1000 registrierte Familien. Dadurch sind wir inzwischen das größte Einzelprojekt dieser Art in der ganzen Region. DaN Basel verteilt wöchentlich über 9 Tonnen Lebensmittel. Wie gesagt an 680 bedürftige Familien. Davon profitieren mehr als 2100 Menschen von diesen verteilten Säcken jede Woche. Im Monat sind das 36 Tonnen, 2.700 Säcke und über 8.000 Menschen, die davon profitieren. Und jährlich sind das über 450 Tonnen Lebensmittel, bis zu 32.000 Säcke und über 100.000 Menschen, die von den verteilten Säcken und deren Inhalten profitieren.“
Das macht eine einzige Gemeinde in Basel bzw. dieses DaN Basel, das natürlich in der Zwischenzeit über die Gemeinde hinausgewachsen ist. Aber es ist entstanden ursprünglich als Anliegen einer Kirchengemeinde, die sich gesagt hat, Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist. Wir wollen das Leben unserer Mitmenschen zum Blühen bringen. Wir wollen, dass es jemand merkt, wenn es uns nicht mehr gäbe. Und heute würden es im Jahr 100.000 Menschen in Basel merken, wenn es die Vineyard Basel bzw. DaN Basel nicht mehr geben würde.
Und ich finde, das Beispiel sollte Schule machen. Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist. Und es lohnt sich, nicht nur in der eigenen Suppe zu kochen, sich nicht nur um die eigenen spirituell-geistlichen Anliegen zu kümmern, sondern sich zu überlegen, wir als Kirche hier vor Ort, in diesem Quartier, in diesem Viertel, das Leben der Menschen uns herum zum Blühen bringen? Und vielleicht sind es bei euch keine Lebensmittel in Säcken, vielleicht ist es bei euch eine Mithilfe im Kindergarten, ich weiß von anderen Gemeinden, die Spielplätze in der Stadt renoviert haben. Oder man hilft mit beim Altersheim. Oder man macht Besuchsdienste. Oder man bietet Sprachkurse an oder Hausaufgabenbetreuung. Es gibt so viele Beispiele, was man machen kann. Aber ich glaube mehr denn je, Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist. Und Kirche muss sich an der Missio Dei beteiligen. Nämlich das Leben der Menschen zum Blühen zu bringen.
Und das war Movecast für heute. Vielen Dank fürs Dabeisein. Wenn du weitere Fragen hast, dann kann man mich erreichen unter info@movecast.de. Neben Spenden kannst du Movecast auch dadurch unterstützen, dass du diesen Podcast weiter bekannt machst. Du kannst ihn an Freunde oder Bekannte weiterleiten oder die einzelnen Episoden auf den sozialen Medien teilen. Das würde mich sehr freuen.
Gerne mache ich dich auch auf meine Bücher aufmerksam, die im Neukirchner Verlag erschienen sind. Mein erstes Buch lautet „Wenn der Glaube nicht mehr passt, ein Umzugshelfer“ . Und mein neuestes Buch heißt „Wenn der Glaube keine Kraft hat, ein Aufbauhelfer“.
Ansonsten war es das für heute. Vielen Dank fürs Zuhören, und ich freue mich, wenn du auch das nächste Mal wieder dabei bist. Macht’s gut, bye-bye, sei gesegnet.
GEMA-freie Musik von www.frametraxx.de
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