MC 211: Wie der Glaube seine volle Kraft entfaltet

Angeregt durch einen dreiwöchigen Besuch in Uganda beleuchtet Martin Benz in dieser Episode drei ganz wichtige Aspekte des christlichen Glaubens und eines geisterfüllten Lebens. Wenn Gott Menschen inspiriert, dann erzeugt das einen Glauben, der zur Stabilisation, zur Stimulation und zur Transformation fähig ist. Es wird deutlich, was diese drei Aspekte des Glaubens bedeuten, welche Relevanz sie haben und warum sie unbedingt zusammengehören. In anderen Worten geht es um die passive, die aktive und die reflexive Seite des christlichen Lebens. Es geht um Anker, Motor und Kompass.
Die Vorliebe progressiver Christen für den stimulierenden Aspekt des Glaubens mag vielleicht erklären, warum sich so mancher Evangelikale sorgen um ihren Glauben macht. Aber auch ein Glaube, der sich vor allem auf die stabilisierende und fundamentale Wirkung des Glaubens beschränkt, steht in der Gefahr einseitig zu werden.

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Transkript MC 211

Willkommen zu Movecast, dem Podcast, der etwas bewegen möchte. Mein Name ist Martin Benz, und jetzt geht’s los.

Als Familie waren wir im Sommer drei Wochen in Uganda, in Afrika, und haben dort das Schulprojekt einer guten Freundin besucht, die hier in Deutschland lebt, aber dort mit Hilfe von Einheimischen eine Schule gegründet hat. Wir haben diese Schule besucht, haben dort ein bisschen mitgeholfen, die Schüler kennengelernt, den Betrieb kennengelernt. Das war total spannend. Wir haben einen Community Walk gemacht, wo wir die Familien dieser Schüler besucht haben und dann wirklich nicht in  der Stadt, sondern draußen in der Pampa auf den Dörfern waren und unglaubliche Armut kennengelernt haben: einfachstes Leben, einfachste Lehmhütten, ein Raum, in dem die ganze Familie lebt, so gut wie kein Mobiliar. Das waren unglaublich beeindruckende Tage und Begegnungen, die wir dort hatten. Und die haben natürlich vieles bei mir ausgelöst, angeregt. Ich habe mir Gedanken gemacht über das Wesen der Nachfolge, das Wesen des christlichen Lebens, und was mir da alles die letzten Wochen wichtig geworden ist, das würde ich euch gerne hier weitergeben. Es geht mir um ganz wichtige Begriffe, nämlich Inspiration, Stabilisation, Stimulation und Transformation. Die hängen alle zusammen und sind alle sehr bedeutungsvoll für unsere christliche Nachfolge.

Ich glaube, die Grundlage, der Anfang aller christlichen Nachfolge unseres christlichen Lebens ist die Inspiration Gottes. Ich glaube, dass Gott ein Gott ist, der ununterbrochen dabei ist, die Menschheit, seine Schöpfung zu inspirieren, und das auf ganz vielfältige Art und Weise. Er inspiriert uns durch die Natur, durch seine Schöpfung, durch die Bibel, durch andere Menschen, durch Erlebnisse, durch Erfahrungen. Entscheidend ist es, wahrzunehmen, dass Gott uns inspirieren möchte, also etwas in uns hineinhauchen möchte. Etwas von sich soll in uns übergehen. Etwas von ihm soll in uns Wirkung entfalten oder etwas in uns hervorbringen, etwas gebären, etwas ins Leben rufen. Ich glaube, das ist das, was Gott am Tun ist seit Anbeginn der Schöpfung. Er inspiriert Menschen, er haucht etwas von seinem Leben, von seiner Weisheit, von seiner Liebe, von seiner Energie in uns hinein. Und das stellt die Grundlage dar für unser christliches Leben. Und ich glaube, es sind im Wesentlichen drei Wirkungen, die diese Inspiration bei uns erzielt. Nämlich Stabilisation, Stimulation und Transformation.

Diese Dinge hängen eng zusammen, sie bauen aufeinander auf. Keines davon darf fehlen. Und in Uganda ist mir einfach folgendes aufgefallen: Ich bin einerseits ungeheurer Armut begegnet –  also ich bin da durch die Straßen gelaufen, durch dieses Land gefahren, und ich hatte nicht nur den Eindruck, das ist eine andere Welt, ich dachte, das ist ein anderer Planet. Das ist so unendlich weit weg von meiner Lebensrealität, von allem, was ich bisher erlebt habe, wie die Menschen dort leben: einfachster Lebensstil, von der Hand in den Mund leben, immer zu wenig Geld haben. Was die Felder hergeben, was sie vielleicht irgendwie auf dem Markt verkaufen können, das dient zu ihrem Überleben. Und so leben sie, und so leben ihre Kinder. Das ist das Leben, dem ich dort begegnet bin. Und gleichzeitig bin ich einer tiefen Frömmigkeit begegnet. Die Gottesdienste, die Kirchen sind an jeder Ecke, ob jetzt katholisch oder reformiert protestantisch oder ganz viele Freikirchen, ganz viele Pentecostal Churches, und wir waren in mehreren Gottesdiensten. Da wird gelobt und gepriesen und gesungen und getanzt, und da ist ein riesiger Chor – also eine ganz leidenschaftliche Frömmigkeit. Überall auf den Taxis, auf Geschäften, da steht irgendwas Frommes. Da gibt es die  Lamb of God Pottery oder das Grace Taxi, oder in jedem Taxi steht God is Love oder God wins oder God is great oder wie auch immer. Also das ist allgegenwärtig, das Geistliche, das Fromme, das Christliche und gleichzeitig diese große Armut. Und dort ist mir in ganz besonderer Weise aufgefallen, dass die Nachfolge, das christliche Leben, eine stabilisierende Wirkung hat. Die stabilisierende Wirkung kommt dadurch zustande, dass Menschen darauf vertrauen, dass Gott sie liebt, dass Gott sie trägt, dass er sie tröstet. Da verleihen der Glaube und das christliche Leben Sicherheit, vermitteln Hoffnung. Gott wird als liebevoller Vater wahrgenommen, er ist der Versorger, eben der Friedefürst, der Heiland und so weiter. Mein Bürgerrecht ist im Himmel, Jesus geht mir voran, und er bereitet mir eine Wohnung zu, ich bin erlöst, mir ist vergeben, ich bin gewollt, geliebt,  bin kostbar und so weiter. Das hat eine ganz stabilisierende Wirkung auf unser Leben.

Viele von euch werden die sogenannten Maslow-Pyramide kennen. Das ist so eine Bedürfnispyramide, wo auf der untersten Ebene die physiologischen Bedürfnisse stehen, also die, wo es ums unmittelbare Überleben geht: Essen, Trinken, Schlafen, Sexualität, Nahrung. Und dann kommen die Sicherheitsbedürfnisse auf der zweiten Ebene: Stabilität, Sicherheit der Existenz, Schutz vor Bedrohung und so weiter. Und dann kommen soziale Bedürfnisse: Beziehungen, Zugehörigkeit. Dann kommen individuelle Bedürfnisse: Anerkennung, Wertschätzung, Selbstwirksamkeit, Erfolge. Und dann kommt die Selbstverwirklichung:  das eigene Potenzial entfalten und den Sinn des Lebens entdecken.

Und die stabilisierende Wirkung des Glaubens ist eine Antwort auf diese ersten beiden Bedürfnisebenen. Die Grundbedürfnisse des Menschen und die Sicherheitsbedürfnisse. Eben da ist Gott mein Schutz, er ist mein Friede. Ich bete ganz konkret um Versorgung, dass Gott meine Kinder schützt. Gott ist derjenige, der mich gesund macht oder gesund erhält, der für die Ernte sorgt, der fürs Überleben sorgt. Also diese elementaren Grundbedürfnisse, die wir ja alle haben, die finden ihre Antwort in diesem Aspekt des christlichen Lebens, nämlich im stabilisierenden Aspekt des Christseins. Bei diesem Aspekt geht es nicht um hohe Theologie, darum, alles zu durchdenken und alles zu reflektieren, sondern es ist ganz grundlegend: Da ist ein Gott, der liebt mich, ich bin sein Kind, der sorgt für mich, der achtet auf mich, jedes Haar auf meinem Haupt ist gezählt, ich lebe von seinen Verheißungen, das gibt mir Hoffnung für jetzt und für die Zukunft und für die Ewigkeit. Die menschlichen Grundbedürfnisse werden hier von Gott her erfüllt und befriedigt. Der Glaube macht mich dadurch zuversichtlich, dankbar und hoffnungsvoll. Die stabilisierende Wirkung des christlichen Lebens ist eher ein passiver Aspekt des Christseins oder des Glaubens. Es ist die attraktivste Variante des Glaubens, weil ich hier vor allem der Beschenkte bin. Gott ist der Aktive, der Handelnde, der Beschützende, der Versorgende. Mit diesem Glaubensaspekt der Stabilisierung kann man echt die Massen bewegen. Bei diesem Aspekt hat Gott einen Plan für mein Leben. Er hat gute Absichten. Da führt mich Gott, da bewahrt mich Gott, da hält mich Gott. So wie bei diesen „Spuren im Sand“: Ich habe gar nicht gewusst, was passiert, aber ich glaube, dass Gott mich in all dem durchträgt oder durchgetragen hat. Bei diesem stabilisierenden Aspekt geht es ganz klassisch um die Vergewisserung durch den Glauben, um Entlastung, um Sicherheit und Geborgenheit. Das wird oft auch kritisiert als die Entlastungsfunktion des Glaubens. Ich werde entlastet, weil Gott der Handelnde, der Aktive ist, der Aufpasser ist, der Herr ist, der König ist und so weiter.

Wenn man aber nur bei diesem stabilisierenden Aspekt des christlichen Lebens bleibt, dann kann diese Art von Glauben auch echt passiv machen. Man ergibt sich am Ende ins Schicksal. Es braucht eben unbedingt auch den nächsten Aspekt des Glaubens. Sonst kann es sein, dass ich mich da auch vertrösten lasse auf das, was mir Hoffnung macht, aufs Jenseits, auf bessere Zeiten, auf die Erweckung. Dann kann Religion auch Opium für das Volk werden. Dann hat es so eine entlastende, beruhigende Wirkung.

Da muss jetzt unbedingt noch ein weiterer Aspekt dazukommen. Und das zweite ist jetzt eben die stimulierende Kraft des christlichen Lebens, die stimulierende Auswirkung von Gottes Inspiration. Also Gott regt etwas an in meinem Leben, er bewegt etwas, er bringt etwas in Gang, er ermutigt mich, er drängt mich zu etwas, er leitet mich zu etwas an. Stimulation heißt ja Anregung. Also da wird etwas angeregt in mir. Es gibt die wunderbare Stelle von dem Simon, der in den Tempel kommt, um Jesus zu treffen, als Jesus noch ein Baby war bei seiner Beschneidung. Und es hieß, er kam auf Anregen des Geistes in den Tempel. Paulus kann davon sprechen, die Liebe Christi drängt uns, zu den Menschen zu gehen. Also das meine ich mit stimulierender Wirkung. Gott regt etwas an in uns. Gott veranlasst etwas in uns. Also das ist jetzt der aktive Aspekt des christlichen Lebens.

Das Stabilisierende ist mehr der passive Aspekt, da ist Gott der Handelnde, der Aktive, und wir sind die Empfangenden. Jetzt beim stimulierenden Aspekt, da werden wir zu den Handelnden. Da wird bei uns etwas angeregt, etwas stimuliert, und es bringt etwas bei uns hervor, und zwar in zwei Bereichen.

Die Stimulation erlebe ich auf zwei Ebenen. Es geht einerseits die Stimulation unseres Denkens. Der Glaube will gedacht werden. Er hilft uns, Dinge zu verstehen, zu durchschauen, die größeren Zusammenhänge zu sehen. Der Glaube macht mich wissbegierig. Er erschließt mir Dinge. Er macht mich neugierig. Er ist der Anfang meiner Suche. Er ist die Weisheit. Er hilft mir, Verständnis zu erlangen. Wir wollen die großen Rätsel des Lebens vom Glauben her deuten und verstehen. Und ich liebe es, mir Gedanken zu machen – nicht nur Milch, sondern feste Speise zu verdauen, Dinge weiter zu denken, weiter zu glauben, zu Ende zu denken, Antworten zu finden. Hier spielt also Theologie, Philosophie eine ganz wichtige Rolle. Ich sage immer, Theologie ist, Gott mit dem Verstand lieben. Der Glaube stimuliert unser Denken, er stimuliert unsere Erkenntnis. Der Glaube wird deutlich komplexer und vielschichtiger.

Der stabilisierende Glaube, der ist relativ naiv, noch unreflektiert, ganz grundlegend. Und jetzt der stimulierende Glaube, der wird deutlich komplexer, vielschichtiger. Im Korintherbrief kann Paulus sagen: Im Verstehen seid nicht wie kleine Kinder, sondern seid vollkommen. Also bemüht euch, die Sachen richtig zu durchschauen, und bleibt nicht auf dem Niveau eines Kindes, das noch wenig Verständnis hat. – Und denkt an all die wichtigen Stellen, gerade im Alten Testament, wo es um die Bedeutung von Weisheit und von Erkenntnis geht, in Psalm 119 und den Sprüchen. Da ist die Erkenntnis ein ganz entscheidender Bestandteil der Gottesfurcht.

Das ist also das eine, die Stimulation unseres Denkens. Und ich glaube, gerade viele progressive Christen erleben gerade dadurch ein ganz besonderes Maß an spiritueller Erfahrung, dass sie plötzlich Dinge weiterdenken, nicht an Denkblockaden stehen bleiben, Dinge hinterfragen dürfen, neue Antworten finden. Es hat gerade für postevangelikale Christen etwas ganz Attraktives an sich.

Aber es ist nun nicht nur unser Denken, das stimuliert wird, Gott stimuliert auch unsere Taten. Wenn Jesus sagt: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit“, dann geht es darum, dass der Geist Gottes uns inspiriert, nach etwas zu trachten, eine Sehnsucht zu entwickeln, etwas erreichen zu wollen, etwas bewirken zu wollen, Frucht bringen zu wollen, das Reich Gottes bauen zu wollen, das Leben zum Blühen bringen zu wollen. Wir wollen uns einsetzen für andere, wir wollen die Verhältnisse ändern, wir wollen Gottes Willen tun, gute Werke tun, den Dingen Sinn und Bedeutung verleihen, mit einer Vision, mit einer Bestimmung leben. Wir wollen Teil der Missio Dei werden.

Der Glaube stimuliert uns, Teil der Lösung sein zu wollen und nicht Teil des Problems. Und wie gesagt, diese stimulierende Wirkung des Glaubens ist eher der aktive Aspekt unseres christlichen Lebens. Dieser Aspekt des Glaubens ist deutlich anspruchsvoller und anstrengender, weil ich nicht nur der Beschenkte bin, sondern auch Schenkender, nicht nur Gesegneter, sondern auch Segnender werden soll. Paulus kann sagen: „Die der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“ Es gibt also ein Getriebenwerden, ein Angetriebenwerden vom Heiligen Geist. Das ist diese stimulierende Wirkung der christlichen Nachfolge. Dieser Geist Gottes treibt uns an, der treibt uns voran, der lässt uns aufstehen, aktiv werden, weiter denken und weiter gehen.

Und dann gibt es den dritten Aspekt christlicher Nachfolge. Nach Stabilisation, nach Stimulation kommt jetzt die Transformation. Ich glaube, das ist vielleicht die höchste Kunst. Dort wird es nämlich ganz persönlich. Hier geht es darum, dass die christliche Nachfolge, unser Christsein uns tatsächlich verändert, verwandelt. Und zwar nicht nur in den äußeren Taten und in der Erkenntnis, sondern im Herzen. Es geht um die tiefe charakterliche Herzensveränderung, Wesensveränderung, damit wir wirklich ins Bild Jesu verwandelt werden. Hier geht es um Selbstwahrnehmung, Selbstbetrachtung, darum, innere Umkehr- und Verwandlungsprozesse – auch die schmerzhaften – zuzulassen.

Bei der Stabilisation geht es eher um den passiven Aspekt unserer Nachfolge. Bei der Stimulation geht es um den aktiven Aspekt unserer Nachfolge. Und bei der Transformation geht es um den reflexiven Aspekt unserer Nachfolge.

Passiv – aktiv – reflexiv. Und man könnte die stabilisierende Wirkung des Glaubens auch mit dem Vater, dem Schöpfer in Verbindung bringen, die stimulierende Wirkung mit dem Sohn, bei dem es ganz stark ums Evangelium und das Reich Gottes geht, und die transformierende Wirkung des Glaubens mit dem Heiligen Geist. Und gleichzeitig ist alles drei Auswirkung der Inspiration Gottes.

Und die Bibel spricht an ganz unterschiedlichen Stellen von allen drei Aspekten christlicher Nachfolge. Paulus kann in seinen Briefen alle drei Dinge erwähnen: Bibelstellen, die die stabilisierende Wirkung deutlich machen. Bibelstellen, die die stimulierende Wirkung deutlich machen. Und Bibelstellen, die die transformierende Wirkung deutlich machen.

Ich will euch nur ein Beispiel aus dem Römerbrief bringen. Im Römerbrief kann Paulus sagen, in Römer 8: Wenn Gott für uns ist, wer könnte dann gegen uns sein? Was könnte uns noch von Christus und seiner Liebe trennen? Bedrängnis, Angst, Verfolgung, Hunger, Kälte, Lebensgefahr oder ein gewaltsamer Tod? (Alles Bedürfnisse der ersten beiden Maslow-Ebenen). Durch den, der uns geliebt hat, sind wir in all diesen Dingen überlegene Sieger. Denn ich bin jetzt überzeugt, weder Tod noch Leben, weder Engel noch Teufel, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder hohe Kräfte noch tiefe Gewalt. Nichts in der ganzen Schöpfung kann uns von der Liebe Gottes trennen, die uns verbürgt ist in Christus Jesus, unserem Herrn.

Also das ist ein ungeheuer stabilisierender Text. Gott ist für dich. Gott steht auf deiner Seite. Nichts kann dich von ihm trennen. Nicht der Hunger und nicht Bedrängnis und nicht Verfolgung und nicht Kälte, sondern er sorgt für dich. Er ist für dich. Keine Kraft ist groß genug, die diesem Gott widerstehen könnte. Von dieser Verheißung leben Menschen, gerade auch in Uganda. Das ist für die die große Verheißung und Zuversicht. Darauf gründet sich ihre Nachfolge, ihr Glaube. Das ist ihre Hoffnung angesichts dieser Grundbedürfnisse, die sie jeden Tag empfinden.

Wenn es aber um die Stimulation meines Denkens anbetrifft, kann Paulus in Römer 11 schreiben: Wie unermesslich reich ist Gottes Weisheit, wie abgrundtief seine Erkenntnis, wie unergründlich sind seine Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege. Denn wer hat jemals die Gedanken des Herrn erkannt? Wer ist je sein Berater gewesen? Wer hat ihm je etwas gegeben, das Gott ihm zurückgeben müsste? Denn von ihm kommt alles, durch ihn steht alles, in ihm geht alles, ihm gebührt die Ehre für immer und ewig.- Da merkt man die Faszination des Paulus. In den Kapiteln davor hat er gerade entdeckt, dass ganz Israel errettet wird und dass die Heilszeit für Israel noch kommt. Das begeistert ihn so und er denkt, Wahnsinn, diese Erkenntnis ist so unergründlich, und es macht mir so viel Freude, dem nachzugehen und nachzuforschen, euch davon zu schreiben.

Und wie sehr Paulus die Liebe Christi gedrängt und stimuliert hat, merkt man ja auf allen drei Missionsreisen, die uns in der Apostelschichte übermittelt sind. Und wenn es dann um Transformation geht, kann Paulus in Römer 12 schreiben: Passt euch nicht den Maßstäben dieser Welt an, sondern lasst euch von Gott verändern, damit euer ganzes Denken neu ausgerichtet wird. Nur dann könnt ihr beurteilen, was Gottes Wille ist, was gut und vollkommen ist und was ihm gefällt.  – Also hier schreibt er von dieser Transformation unseres ganzen Wesens, unseres ganzen Denkens, damit wir wirklich synchronisiert werden mit dem Willen Gottes, mit dem Guten und mit dem Vollkommenen. Alle drei Aspekte der Nachfolge sind wichtig und notwendig.

Wenn ich unser geistiges Leben mit einem Schiff vergleichen würde, dann wäre der stabilisierende Aspekt der Anker des Schiffes. Dieser Anker gibt Halt, gibt Stabilität, hält fest, bewahrt mich davor, wegzudriften, mitgerissen zu werden von den Wellen, der gibt Halt und Stabilität. Der stimulierende Aspekt wäre der Motor des Schiffes, das, was  das Schiff antreibt, was es voranbringt, was das Schiff weiterbringt. Dieser Motor verhindert, dass ich bei der Flaute einfach auf der Stelle trete. Dieser Motor bringt das Schiff voran, macht das Schiff aktiv, bringt es in Bewegung, bewegt eben etwas. Und der transformierende Aspekt des Glaubens wäre der Kompass des Schiffes. Dieser Kompass zeigt die Richtung an, der zeigt mir, ob ich auf Kurs bin mit meinem Leben, mit meinem Charakter, ob der Weg stimmt, ob die Richtung stimmt, die ich eingeschlagen habe – welche Richtung nimmt gerade mein Leben, welche Richtung nimmt gerade mein Charakter, wie entwickelt er sich, wird er besser oder schlechter, heiliger oder unheiliger, hilfsbereiter oder egozentrischer? Dieser Kompass zeigt mir, wie sich mein Leben gerade entwickelt.

Ich denke an die ältere Dame, die seit 70 Jahren gläubig ist, sich nie tiefe Gedanken über Theologie gemacht hat, aber ein Urvertrauen in Jesus hat, zutiefst dankbar ist, weiß, dass ihr Leben in Gottes Hand ist, zuversichtlich auf die Ewigkeit schaut, regelmäßig für ihre Kinder betet, für ihre Enkel betet und den Herrn Jesus einfach liebt. Das ist diese stabilisierende Wirkung der Nachfolge. Das ist etwas ganz Kostbares. Dieser stabilisierende Aspekt der Nachfolge hat auch etwas Naives an sich. Das ist nicht so durchdacht. Da sagen Leute ja: „Jetzt betest du für deine Kinder, dass sie bewahrt sind und dabei sind dir schon zwei Kinder weggestorben. Oder du betest um Versorgung und musst dann Ende doch irgendwie aufs Arbeitsamt gehen oder aufs Sozialamt. Ich meine, was bringt denn das ganze Beten?“ Also, gerade da gibt es für viele Menschen Widersprüchlichkeiten. Gott hilft ja doch nicht, was nützt Gebet und so weiter. Und dann wendet man sich ein bisschen von dem ab. Vor allem, wenn man das Denken ganz stark betont und die Dinge durchschauen und ergründen und erklären möchte.

Ich nehme wahr, dass sich viele progressive und postevangelikale Christen schwer tun mit der stabilisierenden Wirkung des christlichen Lebens. Sie fühlen sich pudelwohl vor allem bei der Stimulation des Denkens. Das ist Spaß, das ist die neue Spielwiese, das ist eine neue Art von Spiritualität: Dinge weiterdenken, Dinge zu Ende denken, Dinge auseinanderdenken und wieder zusammensetzen, dekonstruieren und rekonstruieren. Auf dieser Ebene, das ist Spielwiese, ist aber auch der Luxus derer, deren Grundbedürfnisse alle gestillt sind. Man kann diese ganzen gedanklichen Spielereien, wie ich sie dauernd mache und mit Movecast natürlich mache, die kann man sich eigentlich nur erlauben, wenn man krankenversichert ist, einen Job hat, ein Einkommen hat, das Krankenhaus in der Nähe hat, seinen Hausarzt hat, versorgt ist, die Grundbedürfnisse der ersten und zweiten Ebene einfach gestillt sind. Um die mache ich mir gar keine Gedanken, da verschwende ich keine Sorge dran. Das ist einfach bei uns gegeben, da kann ich gar nicht so tief fallen, bei unserem sozialen Netz. Dann hat man den Luxus, sich natürlich vor allem um die Stimulation zu kümmern.

Und ich glaube ehrlich gesagt, das ist auch die große Angst der Evangelikalen und der Fundamentalisten den Progressiven gegenüber: nämlich, dass der progressive Glaube den ersten Aspekt der Nachfolge verliert, dass dieses Grundvertrauen verloren geht und dass dieser Glaube zu sehr zur Kopfsache wird. Dass der am Ende zu wenig Wurzeln hat, zu wenig Fundament, zu oberflächlich wird. Dass der nicht trägt, nicht mehr hält. Dass ihm irgendwie die Verankerung verloren gegangen ist. Und dass darum dieser Glaube Schiffbruch erleiden kann in der Not, dass man schlapp macht, weil man nicht mehr so richtig kindlich vertrauen kann.

Und ich glaube, an dieser Sorge ist etwas berechtigt. Also ich möchte den Evangelikalen, den Fundamentalisten gar nicht unterstellen, dass die immer nur Angst um die Bibel haben und so weiter. Ich glaube, die haben echt Angst um Christen, die diesen ersten Aspekt des Glaubens irgendwie nicht mehr richtig glauben können und wo dann diese stabilisierende Wirkung verloren geht.

Und ich selber, ich liebe ja das Theologisieren, das Philosophieren, Movecast lebt davon, aber ich habe mir auch gesagt, ich möchte eben, dass mir diese stabilisierende Wirkung des Glaubens nicht verloren geht. Ich möchte die nicht aus dem Blick verlieren, bloß weil meine Grundbedürfnisse so gut abgedeckt sind. Wenn eines meiner Kinder mit einer schweren Krankheit ins Krankenhaus eingeliefert wird, dann möchte ich an seinem Bett sitzen können und Gott anflehen können, dass er mein Kind rettet, bewahrt, schützt und heilt. Ich möchte, dass mir in solchen Momenten diese Gebete nicht absurd vorkommen. Mir ist pudelwohl im stimulierenden Aspekt des Glaubens. Movecast lebt davon, dass ich Glaube weiter denken möchte. Die ganze Idee vom blühenden Leben ist natürlich die Stimulation im Bereich der Taten des Lebens. Und ich bemühe mich sehr um Transformation. Ich möchte mich verändern. Ich möchte Jesus ähnlicher werden. In diesen beiden Bereichen fühle ich mich pudelwohl. Aber die Reise nach Uganda hat mir gezeigt, dass die stabilisierende Wirkung des Glaubens auch ein ganz großer Schatz ist. Den möchte ich nicht abwerten. Den möchte ich mir wieder zurückerobern. Ich glaube, der würde uns allen gut tun.

Gott inspiriert uns Menschen. Und diese Inspiration, die löst bei uns aus, dass das Leben mit Gott, die Beziehung mit Gott, unser Leben zutiefst stabilisiert. Diese Inspiration löst aber auch aus, dass Gott unser Leben stimuliert, dass wir in unseren Gedanken und in unserem Handeln angeregt werden, fruchtbar zu sein, wirksam zu sein. Und diese Inspiration Gottes löst aus, dass unser Glaube uns transformiert, damit wir wirklich verwandelt und verändert werden.

Wenn ich das jetzt alles reduzieren müsste auf drei christliche Begriffe, dann würde ich Folgendes sagen. Die stabilisierende Wirkung hat ganz viel mit Vertrauen zu tun. Es ist dieses Gottvertrauen, das mein Leben stabilisiert. Die stimulierende Wirkung hat ganz viel mit Hoffnung zu tun. Ich bin angeregt, ich bin motiviert, weil ich eben Erwartungen habe, eine Hoffnung habe, dass sich wirklich etwas ändert durch mein Tun, dass die Welt zum Blühen gebracht wird und dass es noch Antworten gibt und noch Sinn hinter den Dingen. Stabilisation hat mit Vertrauen zu tun, Stimulation mit Hoffnung und Transformation hat ganz viel mit Liebe zu tun. Ich glaube, es gibt nichts, das uns mehr verändert, als die Begegnung mit Liebe, mit der Liebe von Menschen und mit der Liebe Gottes.

Und deswegen gehört zur Stabilisation das Vertrauen, zur Stimulation die Hoffnung und zur Transformation die Liebe. Vertrauen, Hoffnung, Liebe. Diese drei. Denkt an den Korintherbrief, wo Paulus das als die entscheidenden drei Aspekte des christlichen Lebens definiert. Ich bin dankbar für die Begegnung mit den Menschen in Uganda mit ihrem sehr stabilen Glauben, der sie durch so viele Schwierigkeiten hindurchträgt – Kriegswirren, Diktatur, Idi Amin, Armut, Kriege um sie herum, ganz viele Flüchtlinge im Land. Ich habe gestaunt über die Stabilität dieser Menschen. Die war mir manches Mal ein Vorbild in den persönlichen Schicksalen, die ich dort erlebt habe.

Soweit für heute, das war Movecast. Ich hoffe, es hat euch wieder inspiriert. Ich freue mich, wenn ihr auch das nächste Mal dabei seid, und besonders freue ich mich über alle, die Movecast finanziell unterstützen. Diese Arbeit trägt sich alleine durch Spenden. Insofern bin ich dankbar für alle, die da etwas überweisen, die da etwas spenden -ob einmalig oder als Dauerauftrag. Alle Informationen dazu findet ihr unter movecast.de. Bis dann macht’s gut, bye-bye.

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