MC 216: Die Schönheit eines nicht notwendigen Glaubens

In diesem Movecast argumentiert Martin Benz beherzt für die Idee eines „nicht notwendigen Glaubens“. Er kritisiert, dass der traditionelle Glaube die Liebe zu Gott erzwingt, indem er mit der Drohung einer Hölle arbeitet, was wahre Liebe und eine freie Entscheidung unmöglich macht. Stattdessen plädiert er dafür, Gott freiwillig um seines Wesens willen zu lieben, da dies die einzige Grundlage für eine ehrliche und aufrichtige Beziehung ist.

Kernargumente:

  • Abschaffung des Droh-Szenarios: Die Allversöhnung nimmt die ewige Verdammnis und die Hölle als ultimatives Droh-Szenario vom Tisch.
  • Wahre Freiheit der Entscheidung: Eine Entscheidung für Gott ist nur dann wirklich freiwillig, wenn die Alternative (die Entscheidung gegen Gott) keine schlimmsten aller vorstellbaren Konsequenzen (wie die Hölle) nach sich zieht.
  • Liebe um Gottes willen: Wenn der Glaube nicht notwendig ist, um die Hölle zu vermeiden, sind Menschen befreit, Gott wirklich um seiner selbst willen zu lieben.
  • Ablehnung der „erpressten“ Liebe: Der traditionelle Glaube erpresst die Liebe der Menschen, da sie Gott immer auf der „Hintergrundfolie einer ewigen Verdammnis“ gehorchen, was der Grundlage einer aufrichtigen Beziehung widerspricht.
  • Fokus auf göttliche Attribute: Wahre Liebe entsteht durch die Faszination von Gottes Wesen und den in Jesus Christus geoffenbarten Attributen (Erbarmen, Güte, Zuwendung, Demut) – nicht durch die Angst vor Strafe.
  • Glaube ist Vertrauen, nicht Zustimmung: Glaube ist in erster Linie Vertrauen und nicht nur die gedankliche Zustimmung zu Dogmen. Dieses Vertrauen kann nicht entstehen, wenn die Basis der Beziehung ein Droh-Szenario ist.

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Transkript zur Folge

Willkommen zu Movecast, dem Podcast, der etwas bewegen möchte. Mein Name ist Martin Benz, und jetzt geht’s los.

Heute möchte ich einen für mich ganz entscheidenden Grund schildern, warum ich die Idee einer Allversöhnung so wichtig und so plausibel finde. Und zwar ist es die Idee eines nicht notwendigen Glaubens, die mich enorm fasziniert. Wenn Glaube nicht notwendig ist, dann kann man Gott um seiner selbst willen lieben. Das Problem ist ja, beim christlichen Glauben, dass Gott mit einer drohenden ewigen Hölle eigentlich unsere Liebe erpresst. Natürlich kann man sagen, dass der Glaube freiwillig ist und dass wir einen freien Willen haben, aber das ist natürlich insofern absurd, weil eine Entscheidung gegen Gott ewige, grausame Konsequenzen hat. Ein freier Wille ist ja nur dann frei und eine Entscheidung für Gott ist ja nur dann eine freie Entscheidung, wenn beide Entscheidungen ohne negative Konsequenzen bleiben. Wenn aber ein Weg oder eine Entscheidung mit der schlimmsten aller vorstellbaren Konsequenzen verbunden ist, nämlich einer ewigen Verdammnis, dann ist in Wirklichkeit gar keine Freiwilligkeit gegeben.

Am Ende lieben wir Gott immer auf der Hintergrundfolie einer ewigen Verdammnis. Wir dienen ihm, wir sind ihm gehorsam, weil wir um die ultimative Konsequenz von Ungehorsam und Abfall von Gott wissen. Also, solange der Zorn Gottes Triebfeder für Bekehrung und Glaube ist, und solange Gott mit der Hölle die Liebe der Menschen erpresst, da stimmt doch etwas mit diesem Glauben und dieser Beziehung nicht. Will Gott seinen Zorn und die drohende Hölle wirklich als Grundlage der Beziehung zu den Menschen? Denn – sind wir doch mal ganz ehrlich – dann ist das nämlich genau die Beziehungsgrundlage, die wir zu Gott haben. Und natürlich haben wir Methoden entwickelt, uns diese ewigen Konsequenzen schönzureden, wie wichtig sie sind und wie gerecht es ist und wie viele Menschen diese ewige Strafe auch verdient haben. Aber wenn wir selbst nicht mitspielen, wenn wir nicht Gottes Willen tun, dann wird diese ultimative Strafe eben auch zu unserer Strafe.

Versteht ihr, nichts an diesem Glauben ist wirklich freiwillig. Denn er ist absolut notwendig, nicht nur für unser Leben, sondern auch für unser ewiges Schicksal. Diese Beziehung ist dann sehr anders als sonstige menschliche Beziehungen, die wir als Ideal empfinden. Der Mensch ist fähig zu tiefer Liebe, z.B. seinem Ehepartner, seinen Eltern oder seinen Kindern gegenüber. Diese Liebe ist einfach da, die wächst in unserem Herzen, manchmal überfällt sie uns. Und wir empfinden eine ganz tiefe Liebe und Verbundenheit zu unseren Kindern oder zu unserem Ehepartner. Und ich weiß noch, als meine Kinder geboren wurden und ich sie das erste Mal auf dem Arm hielt, da hat mich eine Liebe für sie überfallen, die 10 Minuten vorher noch gar nicht da war, als sie noch im Bauch waren. Und darum ist es auch höchst plausibel, dass ich mein Leben für meine Frau oder für meine Kinder lassen würde. Wenn meine Frau in großer Gefahr wäre, wenn ich sie in großer Gefahr sehen würde, sie ist am Ertrinken oder so, dann würde ich doch nicht zuschauen, wie sie ertrinkt, sondern ich würde hineinspringen, ich würde versuchen sie zu retten, selbst wenn ich mein eigenes Leben dafür aufs Spiel setzen würde. Oder wenn wir in der Hand von Terroristen wären und sie sagen, einer von euch wird jetzt erschossen, dann würde ich doch nicht sagen: „Oh ja, nehmt meine Frau“. Dann würde ich sofort sagen: „Nehmt mich, nehmt mich, verschont meine Frau, ich bitte euch, verschont meine Frau“. Es ist eben diese tiefe Liebe, die mich dazu befähigt, mein Leben für meine Frau zu lassen.

Und auch da muss ich sagen: Selbst das christliche Martyrium ist am Ende gar nicht so viel wert, wenn der Märtyrer nur deshalb für seinen Glauben stirbt, um dem noch schlimmeren Martyrium in der Hölle zu entgehen. Also müssen wir uns mal bewusst machen: Der Märtyrer, dem gerade der Tyrann gegenübersteht, also der Christ zur Zeit der Römer, der bekennt sich zu seinem Glauben und lässt sich dafür töten, auf der Hintergrundfolie, dass, wenn er das nicht macht, wenn er Gott verleugnet, er in die Hände eines noch viel schlimmeren Tyrannen gerät, der ihn dann für ewig foltert und in die Hölle schmeißt.

Wenn ich an die Allversöhnung glaube, dass also am Ende Gott alles mit sich versöhnt, dass nach einem Prozess der Reinigung, des „Hergerichtetwerdens“, der tiefen Schulderkenntnis man am Ende der Vergebung und der Liebe und der Versöhnung Gottes begegnet, dann ist das große, ultimative Droh-Szenario vom Tisch. Und damit sind wir auf einen Schlag dazu befreit, Gott wirklich um seiner selbst willen zu lieben. Denn genauso funktionieren wirkliche Beziehungen, dass man jemanden um seiner selbst willen liebt und nicht, weil er mich sonst kaputtmacht oder tötet, oder weil ich sonst ein völliges Mangel-Dasein führe ohne die Person. Dann bin ich immer in so ganz komischen Abhängigkeiten und kann den Menschen nie um seiner selbst willen lieben.

Und wenn ich Gott um seiner selbst willen liebe, dann spielen die göttlichen Attribute, die sich vor allem im Menschsein Jesu geoffenbart haben, eine ganz entscheidende Rolle. Ich liebe Gott nicht auf der Hintergrundfolie, dass ich ohne diese Liebe zu Gott ewig verdammt werde, sondern ich liebe Gott wegen Jesus. Sein Erbarmen, seine Güte, seine Hingabe an die Menschen, seine Zuwendung, seine Demut, seine Lebensfreude, seine Menschenfreundlichkeit, sein Einsatz für die Schwachen und Armen – das fasziniert mich so, dass ich ihn liebe. Jetzt wird Gott um seines Wesens willen geliebt. Jetzt wird Liebe aufrichtig, ehrlich und nicht länger ausgelöst durch eine dahinterstehende Verdammnis oder Hölle. Genauso sind es ja auch die Charaktereigenschaften meiner Frau, ihre Fürsorge, ihre Treue, das Gefühl von Geborgenheit bei ihr, ihre Achtsamkeit mir gegenüber, ihre Zärtlichkeit, die meine Liebe erwecken. Es ist möglich, jemanden zutiefst zu lieben ohne Droh-Szenario. Ich lieb doch meine Frau nicht, weil ständig das Damoklesschwert über mir schwebt, dass sie mich sonst verlässt, dass sie mich sonst betrügt.

Und manch einer wird jetzt vielleicht sagen: „Ja, aber halt mal, Martin, du tust so, als…  als hätten wir den Glauben uns so selber angeeignet, uns einfach so entschieden.“ „Der Glaube ist doch ein Geschenk!“ „Ich glaube doch nicht, weil ich die Hölle im Hintergrund habe, sondern weil der Glaube mir geschenkt wurde“. Dann würde ich sagen: „Na ja, also in evangelikalen Kreisen wird immer und immer und immer wieder die Entscheidung betont.“ „Du musst dich für Jesus entscheiden!“ „Entscheide dich jetzt!“ „Hast du dich schon für Jesus entschieden?“  „Wann hast du dich eigentlich für Jesus entschieden?“ Also das Element der Entscheidung steht ungeheuer im Vordergrund bei den Evangelikalen und gerade nicht der Geschenkcharakter des Glaubens. Und selbst wenn wir vom Geschenkcharakter des Glaubens ausgehen, löst das unser Problem nicht, dann wird das Droh-Szenario einfach nach hinten verschoben. Denn wenn du das Geschenk nicht annimmst, dann droht dir ja trotzdem die Hölle und die ewige Verdammnis. „Ja, ja, der Glaube ist ein Geschenk, Gott zwingt dich zu nichts. Du musst das Geschenk aber annehmen! Wenn du es nicht annimmst, dann kommst du halt doch in die Hölle und bist auf Ewigkeiten verdammt.“ Aber genau diese Logik und diese Argumentation führt ja den Geschenkcharakter wieder ad absurdum.

Und manche würden jetzt vielleicht sagen: „Aber wenn Glaube nicht mehr notwendig ist, dann muss ich ja gar nicht mehr glauben“? Und dann würde ich sagen: „Ja, du kannst es tatsächlich sein lassen, zu glauben.“ Du musst nicht glauben. Wenn du bisher nur geglaubt hast, damit du nicht in die Hölle kommst, dann finde ich das eben eine ganz erbärmliche Grundlage für deine Beziehung zu Gott und zu Jesus. Ich muss nicht glauben. Mein Glaube ist nicht notwendig. Ich glaube freiwillig an Gott, weil ich ihn einfach liebe, weil ich die Offenbarung Gottes in Jesus Christus total liebe. Das ist das Schönste, was mir je begegnet ist. Dieser Mann fasziniert mich so sehr, er weckt meine Zuneigung und meine Liebe und meine Achtung und meine Verehrung so sehr, dass ich an Gott glauben will. Und wir machen uns doch alle etwas vor, wenn wir postulieren, der Glaube sei notwendig für ein glückliches und erfülltes Leben. Wir behaupten so schnell: „Ja, wer nicht an Gott glaubt, kann kein erfülltes Leben haben. Der rennt rum mit einem unglaublichen Loch im Herzen, der kann niemals wirklich glücklich sein“. Aber ich finde, auch das ist Wunschdenken. Von den 8 Milliarden Menschen auf der Welt gibt es ganz, ganz viele Menschen, die zutiefst glücklich, erfüllt und dankbar sind, auch ohne einen Glauben an Gott oder ohne unsere Art des Glaubens an Gott.

Sind wir doch mal ganz ehrlich: Eine Menge Christen glaubt unter anderem wegen zwei konkreten Vorstellungen: zum einen dem Droh-Szenario, dass man ohne diesen Glauben auf ewig bestraft und verdammt wird in einer feurigen Hölle, und (zum anderen) der Illusion, dass man ohne Glauben an Gott ein beschissenes Leben hat. Und beides halte ich für nicht korrekt. Ich kenne in meinem Umfeld genügend Menschen, deren Leben überhaupt nicht beschissen ist, auch wenn sie nicht glauben. Und ich kenne eine Menge Christen, die an Gott glauben und deren Leben beschissen ist. Schon die biblischen Bücher Sprüche, Prediger und die Psalmen schildern bereits, dass auch manch Gottloser glücklich ist, Wohlstand erlebt und ein bewahrtes Leben führt und manch Gerechter leidet und viel Schlimmes durchmacht. Diese simple Logik, dass Glaube mit Glück und Segen verbunden ist und Unglaube immer mit Unglück und Fluch – das ist einfach ein Ammenmärchen, das bereits in der Bibel entlarvt wird. Ich glaube nicht deswegen an Gott, damit mein Leben nicht beschissen ist, und damit ich endlich weiß, wozu ich da bin und Sinn im Leben habe, sondern weil ich Jesus begegnet bin. Ich bin ihm in der Heiligen Schrift begegnet. Zum Glück haben wir gleich vier Evangelien, die uns ausführlich sein Leben beschreiben, und dort begegne ich ihm immer und immer wieder. Und ich bin ihm in meinem Herzen begegnet. Er löst faszinierende Dinge in meinem Herzen aus: Liebe, Erbarmen, Güte, Mitleid, Dankbarkeit, Trost, Reue und Stärke. Und ich begegne ihm immer wieder in meinen Gedanken. Ich erlebe seine Inspiration, Aha-Momente, tiefe Erkenntnisse, neue Perspektiven, spannende Entdeckungen. Ich erlebe ihn als Helfer, als Heiler, als Retter, als Versöhner, als Veränderer in meinem Leben. Ich mache ganz viele großartige Erfahrungen mit ihm, und diese Erfahrungen haben meine Liebe für ihn geweckt. Jesus hat mal gesagt: „Niemand kommt zum Vater, es sei denn, der Sohn zieht ihn“. Und das stimmt. Dieser Jesus hat mich angezogen.

Meine Liebe zu Jesus und zu Gott hat auch ganz viel mit meinem Vaterbild zu tun. Ich habe ein sehr positives Vaterbild, weil ich einen großartigen Vater habe. Ich liebe meinen Vater. Mein Vater hat selbst eine sehr strenge Erziehung erlebt mit vielen Schlägen. Das war üblich in jener Zeit. Aber er hat sich gesagt, dass er das in seiner eigenen Erziehung niemals wiederholen wird. Und so hat mein Vater mich kein einziges Mal geschlagen, nie Hand an mich gelegt, mir nie gedroht. Die Konsequenzen, die ich ab und zu ausbaden musste, waren nicht seine Konsequenzen, sondern diejenigen, die ich mir selbst eingebrockt hatte. Ich habe ihn immer als Fürsorger, als Fürsprecher, als Sicherheit, als Anker, als bedingungslos Liebenden erlebt. Dieses Vaterbild macht’s mir leicht, positiv Gott gegenüber zu stehen und ihn um seiner selbst willen zu lieben.

Und klar, es gibt ganz viele Menschen, die haben kein so positives Vaterbild. Die wurden von ihrem Vater geschlagen, da gab es Gewalt, Zorn, ganz viel Wut, vielleicht sogar Missbrauch. Und das tut mir unendlich leid. Ich bin privilegiert mit einem so positiven Vaterbild. Aber bei Menschen mit einem negativen Vaterbild, da hilft es nun wirklich nicht, Gott als jemanden darzustellen, der dich für die Ewigkeit verdammt, bestraft und in die Hölle wirft, wenn du ihn nicht liebst, ihm nicht gehorchst und eben nicht vertraust und nicht seinen Willen tust. Das holt ja  all die schlimmen menschlichen Vatererinnerungen hoch und stellt Gott mit solch einem tyrannischen Vater auf eine Stufe. Wir haben den großen Fehler gemacht, dass wir die Idee von Glauben pervertiert haben zu einer innerlichen oder gedanklichen Zustimmungsbereitschaft einer bestimmten Dogmatik, einer bestimmte Glaubenslehre oder Glaubensüberzeugungen gegenüber. Ich bin gläubig, wenn ich an die Bibel glaube, wenn ich glaube, dass Jesus der Sohn Gottes und auferstanden ist, wenn ich die Gebote Gottes ernst nehme und so weiter. Aber Glaube bedeutet in Wirklichkeit Vertrauen. Das ist die Währung unserer Gottesbeziehung. Wir vertrauen ihm zutiefst. Wir vertrauen ihm im Leben und im Sterben. Und genau dieses Vertrauen kann erst gar nicht entstehen, wenn die Grundlage der Gottesbeziehung das Droh-Szenario einer ewigen Verdammnis oder die Illusion eines beschissenen Lebens ohne Gott ist.

Und darum behaupte ich so kühn: Glaube ist nicht notwendig. Ich glaube freiwillig an Gott. Ich glaube an Gott um seiner selbst willen, um seines Charakters willen, um Jesu willen.

Und das war Movecast für heute. Vielen Dank fürs Dabeisein. Movecast finanziert sich ausschließlich durch Spenden, und darum freue ich mich über alle, die diese Arbeit finanziell unterstützen, entweder einmalig oder mit einem regelmäßigen Beitrag. Alle Informationen findet man unter movecast.de. Dort findet man auch verschiedene Blogbeiträge von mir und einen Link zu Lovecast, dem anderen Podcast, den ich zusammen mit meiner Frau mache, zum Thema Liebe, Beziehungen, Sexualität. Und jetzt wünsche ich euch eine gesegnete Zeit, bis zum nächsten Mal. Macht’s gut, bye-bye.

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