MC 220: Ich bin der Weg die Wahrheit und das Leben – ein neuer Blick auf einen altbekannten Vers

In dieser Folge hinterfragt Martin Benz die oft exklusiv genutzte Bibelstelle „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“. Kaum ein Vers wird öfters zitiert, wenn Menschen auf eine Entscheidung für Jesus aufmerksam gemacht werden sollen. Er analysiert den Kontext des Gesprächs zwischen Jesus und seinen Jüngern und stellt die provokante Frage, ob die Errettung wirklich an einer menschlichen Willensentscheidung hängt oder ob Gott in Jesus bereits die gesamte Menschheit mit sich versöhnt hat. Er plädiert für ein Verständnis, das Jesus nicht als moralischen Wegweiser, sondern als die vollendete Tat Gottes sieht, die über menschliche Anstrengung und Willensstärke hinausgeht.

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Transkript:

Heute beschäftige ich mich mit einer ungeheuer bekannten Bibelstelle, die gerade in evangelikalen Kreisen immer und immer wieder zitiert wird. Das ist die Stelle Johannes 14, Vers 6. Da klingelt’s bei vielen schon, wenn ich das sage. Das ist die Stelle, wo Jesus sagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater als nur durch mich.“

Dieser Vers wird ganz oft im Zusammenhang mit missionarischen Gesprächen, mit Evangelisation zitiert, und damit soll ausgedrückt werden: Nur durch Jesus kommt man in den Himmel. Alle anderen Religionen oder Religionsstifter täuschen sich, sind nicht der Weg zu Gott oder zum ewigen Leben, sondern nur Jesus ist der Weg zu Gott. Man kann nur durch ihn zu Gott kommen. Und wer Jesus nicht hat, der hat das Leben nicht, eben auch das ewige Leben nicht und geht deswegen verloren.

Und was sofort mitklingt, ist auch der Anspruch: Du musst dich jetzt für Jesus entscheiden, denn nur er ist der Weg. Wenn du dich nicht für Jesus entscheidest, dann hast du eben Jesus nicht und dann hast du den Weg zum Leben, zum ewigen Leben nicht. Also dieser Vers ist einerseits ein Exklusivanspruch – nur Jesus – und dieser Gedanke von „Er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben“, der bringt mit sich: Du brauchst Jesus, oder du musst dich vor allem jetzt für ihn entscheiden. Du musst aktiv etwas tun. Es nützt nichts, dass Jesus das so mal gesagt hat, sondern du musst das jetzt bejahen, du musst sagen: „Jawohl, das glaube ich, das will ich“, und stürzt dich sozusagen auf diese Aussage. Nur dann kannst du gerettet werden.

Und vielleicht kennt ihr das in anderen Varianten, aber so wie ich es jetzt ausgedrückt habe, so begegnet mir das immer und immer wieder in Literatur oder in Predigten oder bei Evangelisationen. Und Movecast wäre nicht Movecast, wenn ich mich nicht fragen würde: Habe ich den Satz wirklich richtig verstanden? Ist genau das damit gemeint? Steckt hinter diesem Satz wirklich die Idee, für die der Satz jetzt auch immer wieder benutzt und gebraucht und herangezogen wird?

Und um einen Satz richtig gut zu verstehen, ist es wichtig, ihn einmal im Kontext zu lesen. In welchem Kontext sagt denn Jesus diesen Satz? Denn der Satz stammt nicht aus einem Traktat, oder Jesus hat den nicht einfach bei einer Evangelisation gesagt und gesagt: „Leute, das ist jetzt der entscheidende Satz, gell, der Satz muss dann immer erklingen, wenn ihr irgendwo Menschen zu Jüngern machen wollt“, sondern der findet statt in einem Gespräch mit dem Jünger Thomas.

Und Jesus redet zunächst einmal in Johannes 14 ab Vers 1 zu allen Jüngern und er sagt: „Euer Herz werde nicht bestürzt. Ihr glaubt an Gott, glaubt auch an mich! Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, würde ich euch gesagt haben: Ich gehe hin, euch eine Stätte zu bereiten. Und wenn ich hingehe und euch eine Stätte bereite, so komme ich wieder und werde euch zu mir nehmen, damit auch ihr seid, wo ich bin. Und wohin ich gehe, dahin wisst ihr den Weg.“ Thomas spricht zu ihm: „Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst, und wie können wir den Weg wissen?“ Jesus spricht zu ihm: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater als nur durch mich. Wenn ihr mich erkannt habt, werdet ihr auch meinen Vater erkennen; und von jetzt an erkennt ihr ihn und habt ihn gesehen.“ Und dann fragt Philippus: „Philippus spricht zu ihm: „Herr, zeige uns den Vater, und es genügt uns.“ –  Jesus spricht zu ihm: „So lange bin ich bei euch, und du hast mich noch nicht erkannt, Philippus? Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.“

Soweit einmal diese Einbettung dieses Verses in den Kontext. Dieser Vers gehört zu den sogenannten „Ich-bin-Worten“. Vor allem im Johannesevangelium sagt Jesus immer wieder: „Ich bin das Brot des Lebens“ oder „Ich bin die Auferstehung und das Leben“ oder hier: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Da bezieht Jesus etwas auf sich selbst: Das vermittle ich nicht nur, darauf weise ich nicht nur hin – „Schaut, dort ist der Weg“ oder „Da gibt es das Brot“ – nein, ich bin das Brot, ich bin der Weg, ich bin die Wahrheit oder ich bin die Auferstehung.

Anlass für diesen Vers ist Jesu Gespräch mit den Jüngern. Sie haben gerade Abendmahl miteinander gefeiert, es war gerade die Fußwaschung, und Jesus kündigt an, dass er verraten werden wird und dass er sterben wird. Und das erschreckt die Jünger natürlich total, das lässt sie ganz besorgt, nicht nur besorgt, schockiert sein. Deswegen eben dann in Vers 1: „Euer Herz werde nicht bestürzt. Ihr glaubt an Gott, glaubt auch an mich!“ Besser wäre es eigentlich zu übersetzen: „Ihr vertraut Gott, vertraut auch mir!“ Der ganze Abschnitt soll eigentlich deutlich machen, dass Jesus und Gott dasselbe sind. Wer Gott vertraut, kann auch Jesus vertrauen. Also in diesem ganzen Text will Jesus deutlich machen: Kapiert ihr es? Ich bin Gott, ich bin Gottes Sohn. Und wenn ihr Angst habt, wenn ihr euch bedroht fühlt, wenn ihr erschreckt – ja, dann ist klar, bisher seid ihr es gewohnt, Gott zu vertrauen, und ich möchte euch Mut machen: Vertraut auch mir, denn der Vater und ich sind eins.

In diesem ganzen Gespräch geht es darum, dass Jesus seinen Jüngern deutlich machen will: Ich und der Vater, wir sind eins. Ich bin ganz nah am Vater dran. Er kann sagen in Vers 7: „Wenn ihr mich kennt, dann kennt ihr meinen Vater.“ Oder er kann sagen: „Wer mich sieht, der sieht den Vater.“ Und wer mich kennt, hat auch den Vater gesehen. Und dann sagt Philippus: „Ah, zeig uns den Vater!“ Und dann sagt Jesus: „Glaubt ihr denn immer noch nicht, dass ich im Vater und der Vater in mir ist?“ Und in diesem Kontext, wo Jesus deutlich machen will, dass er im Vater ist, dass wir ihn sehen, wer ihn kennenlernt, den Vater kennenlernt – in dem Sinn macht es eben auch Sinn zu sagen: Nicht der Vater ist der Weg zum Leben oder nicht nur der Vater, nicht nur der Vater ist die Wahrheit, nicht nur der Vater ist das Leben, sondern ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Gerade durch mich kommt man zum Vater. Ich bin dieser Weg.

Und Jesus sagt jetzt, dass er nicht einfach stirbt, sondern dass er zum Vater geht, um ihnen dort eine Wohnung zu bereiten, und dass er wiederkommen wird, um sie zu sich zu nehmen. Und dieses Vorhaben, zum Vater zu gehen und alles für die Jünger vorzubereiten und sie dann zu sich zu holen – diesen Weg, könnte man sagen, diesen Plan, den kennt ihr. Und dann sagt eben Thomas: „Hä? Den Weg? Was meinst du? Welcher Weg ist das? Wir kennen den Weg nicht.“ Und dann sagt Jesus eben, er ist der Weg.

Nun geht man an solche Verse ja oftmals mit einem Vorverständnis heran, mit einer bestimmten Prägung, mit einer Brille, wie man Glauben, wie man Nachfolge, wie man Jüngerschaft, wie man Errettung, wie man Heil versteht. Und das wird oftmals in so einen Vers hineinprojiziert. Und in meiner freikirchlichen Sozialisation war klar: Jesus bietet das Heil an, Gott hat das Heil ermöglicht. Es ist alles bereit, man kann errettet werden. Aber damit man wirklich errettet wird, muss man jetzt eine persönliche Entscheidung treffen. Man wird nicht einfach so gerettet, ohne dass man es mitbekommt oder ohne dass man es will. Errettung ist ermöglicht, aber sozusagen vollzogen, für mich relevant wird sie erst, wenn ich mich persönlich für Jesus entscheide und dann sozusagen von ihm angenommen werde.

Dann schenkt er mir ewiges Leben, und ich werde von Neuem geboren. Also der Vers erzeugt vor allem Aktivität bei uns: Jesus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater als nur durch mich. Das heißt, du musst jetzt was tun, du musst dich entscheiden, du musst diesen Weg gehen, und keinen anderen Weg, den schmalen Weg – du musst den Weg gehen. Jesus ist der Weg und du musst diesen Jesus-Weg gehen.

In dem Sinn ist jetzt Gott ganz passiv: Der Weg ist da, schau, da liegt der Weg vor euch, aber du musst den Weg jetzt gehen. Aber im Kontext dieser Stelle ist ja vor allem von Jesus als dem Aktiven die Rede. Er sagt zu seinen Jüngern: Ich gehe hin, ich bereite euch die Stätte, ich komme wieder, ich nehme euch zu mir. Also der Handelnde in diesem ganzen Abschnitt ist Jesus.

Nun, zunächst einmal teile ich den Exklusivanspruch, den diese Bibelstelle vermittelt: Niemand kommt zum Vater als nur durch Jesus. Ganz ähnlich formuliert es Petrus in der Apostelgeschichte, wenn er sagt (Kapitel 4): „In keinem anderen ist das Heil, ist auch kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, darin sie errettet werden.“ Ja, für mich ist Jesus die vollkommene Offenbarung des Charakters Gottes. In Jesus wird Gott sichtbar. Er ist der Sohn Gottes, der sich uns vorstellt als ganzer Mensch und als ganzer Gott. Also das erlebe ich ja auch immer wieder, seitdem ich Jesus nachfolge, seit 40 Jahren: Ja, Jesus, die Begegnung mit ihm, er selbst ist der Weg zur Wahrheit und zum Leben. Er ist der Weg zur wahrhaftigen Begegnung mit Gott und er ist der Weg zum Leben, und zwar nicht nur zum ewigen Leben, sondern zum Leben an sich. In Jesus blüht das Leben auf. Er ist auch der Weg zum blühenden, zum wahrhaftigen Leben, und er ist der Weg zur wahrhaftigen Gotteserkenntnis.

Für mich ist Jesus nicht einer von vielen, und da könnten wir jetzt auch Buddha oder Krishna oder Mohammed nehmen, egal, die haben alle so ihre eigenen Richtigkeiten und Berechtigungen. Nein, für mich ist wirklich nur Jesus der Weg zum Vater. Aber was heißt das jetzt? In der evangelikalen Auslegung dieses Verses ist Jesus der Weg, aber das Entscheidende ist jetzt, dass du diesen Weg gehst. Also der Weg ist etwas, das dich zum Aktivwerden auffordert. Es nützt eigentlich nichts, dass Jesus der Weg zum Vater ist, sondern das Ganze wird erst dann relevant, wirksam, wenn du dich entscheidest, wenn du diesen Weg gehst.

Aber ich hab’s ja gerade gesagt: Der Handelnde, der Aktive in diesem ganzen Abschnitt ist ja Jesus. Er ist der Handelnde: Er geht, er bereitet, er kommt wieder, er holt. Und plötzlich dreht sich das rum und jetzt müssen wir die Aktiven werden: Du musst den Weg gehen, du musst die Wahrheit erkennen, du musst das Leben wollen – und dann bist du errettet.

Und ich würde jetzt einfach sagen: Nein, so wie Jesus hingeht, uns eine Stätte bereitet, wiederkommt, uns zu sich nimmt, so ist Jesus auch der Weg. Das heißt, er trägt uns auf diesem Weg. Er hat das Heil nicht nur ermöglicht, er hat das Heil wirklich vollbracht. Es ist Heil geschehen, es ist Heil geworden, weil er der Weg ist und nicht, weil wir den Weg erkennen. Also wir haben das sozusagen verdreht: Jesus ist der Weg, aber das ist eigentlich nicht das Entscheidende, sondern entscheidend ist, dass wir erkennen, dass er der Weg ist, und in dieser Erkenntnis liegt unsere Erlösung und unser ewiges Leben.

Das ist eine von vielen Stellen, wo ich empfinde, dass wir die Selbsterlösung über die Hintertür herangeholt haben: Am Kreuz hat Jesus das Heil eigentlich nicht vollbracht, er hat es nur angeboten. Es steht ab jetzt zur Verfügung, aber wirksam wird das Heil erst, wenn ich Ja dazu sage, wenn ich es will. Und am Ende hängt also die gesamte Erlösung davon ab, ob ich es will, vom Willen der Menschen hängt ihre Erlösung ab. Es ist am Ende eine Selbsterlösung. Wenn jemand nicht will, dann wird er auch nicht erlöst, er muss es ja wollen. Da kann Jesus noch so lange es vollbracht haben, noch so lange der Weg sein. Wenn du den Weg nicht gehst, nützt der ganze Weg nichts. Dass Gott die Menschheit mit sich versöhnt hat, das nützt ja leider gar nichts, wenn du’s nicht willst. Also am Ende hängt dein ewiges Schicksal – nicht nur ein kleines Schicksal, dein ewiges Schicksal – von deinem kleinen, schwachen Willen ab.

Also diese gesamte Erlösung, die Gott vollbracht hat, die Jesus das Leben gekostet hat, das gesamte Hingehen ans Kreuz – das schafft erstmal noch keine Erlösung, sondern erst deine Entscheidung, dein Wille. Also Gott sind die Hände gebunden, solange du Menschlein nicht willst. Gott kann die Menschheit noch so lieben – „so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn für sie gab“ – ist alles nutzlos für die Welt, wenn sie nicht will. Wir haben den menschlichen Willen zum entscheidenden Faktor aller Erlösung und Errettung gemacht. Und wenn der Mensch nicht will, kann auch Gott nichts tun.

Und damit sind wir total abhängig, Sklaven, Verdammte unseres Willens. Und was ist, wenn ich nicht wollen kann, weil ich es nicht verstanden habe? Was ist, wenn ich nicht wollen kann, weil ich es noch nie gehört habe? Was ist, wenn ich in einer Lebensphase bin, wo mein Wille total eingeschränkt ist, weil ich nach einem Unfall Schäden im Gehirn habe, neurologische Schäden, oder weil ich Alzheimer habe und gar nicht kapiere, was mir gesagt wird? Was ist, wenn ich ein Kind bin, das es noch gar nicht versteht und nicht wollen kann? Was ist, wenn mir die Botenstoffe oder die Hormone verrücktspielen im Kopf, ich zu wenig Serotonin habe, in einer ganz tiefen Depression liege, wo ich es nicht mal schaffe, aus dem Bett aufzustehen, nicht mal aufstehen will, geschweige denn mein Leben neu ausrichten und Jesus nachfolgen? Also am Ende ist die ganze Erlösung, die Jesus alles gekostet hat, abhängig vom menschlichen Willen!

Gott hat die Erlösung nur angeboten, er hält sie uns vor die Nase, aber wollen musst du es! Und wenn du nicht zugreifst, dann war alles umsonst! Mit genau dieser Logik können viele Christen akzeptieren, dass am Ende 90 % der Menschheit für alle Zeit, für die Ewigkeit verloren gehen, weil sie es nicht wollten. Und sie selber können sich eigentlich auf die Schulter klopfen, dass sie zu den 10 % gehören, die es wollten, weil sie es kapiert haben, weil sie es gehört haben und sich dann auch noch richtig entschieden haben – und denen gilt dann die Erlösung. Und alle anderen schmoren jetzt für eine Ewigkeit in der Hölle, einfach weil ihr Wille nicht ausreichte. Also ist euch das klar? Am Ende muss bei uns Menschen etwas ausreichen, damit wir errettet werden. Das ist nichts anderes als Selbsterlösung. Gott bietet nur etwas an, aber wir müssen es kaufen mit unserem Vermögen, und zwar unserem Vermögen, etwas zu wollen.

Also Gottes Heilsabsicht und seiner Liebe zur ganzen Welt, seiner Liebe zum Sünder wird mir nichts, dir nichts ein Schnippchen geschlagen, und er ist vollkommen ohnmächtig, wenn ein Mensch nicht will. Gott hat sich in dem Sinne vollkommen abhängig gemacht vom menschlichen Willen, also seiner Willensentscheidung, zu glauben und Jesus nachzufolgen. Und jetzt sagen vielleicht ein paar Schlauberger: „Ja, nein, das ist ja eine vorauslaufende Gnade, du willst ja nur, weil Gott dir bereits Gnade schenkt, du willst ja nur, weil er dich bereits erleuchtet hat, weil er den Willen in dir geweckt hat.“ Aber wenn du das zu Ende denkst und sagst: „Ja, jetzt hab ich die Gnade wieder reingeholt, die Gnade ist wieder da, ich will ja nur, weil Gott gnädig ist“, dann bleibt mir die Frage: Ja, warum ist dann wohl Gott 90 % der Menschheit nicht gnädig? Warum schickt er denn dort keine vorausgehende Gnade, dass sie es wollen? Und dann sind wir am Ende bei der Prädestination gelandet, bei der Auserwählung – dann hat Gott eben nur die 10 % auserwählt; er ist zwar für alle gestorben, aber nur für 10 % wird das relevant, weil er nur denen Gnade schenkt, das zu erkennen und es auch zu wollen. Und dann funktioniert das Evangelium nur noch für den Calvinisten, der damit leben kann, dass die Menschen vorherbestimmt sind, auserwählt sind für den Himmel und auch für die Hölle.

Ich verstehe diesen Vers exklusiv  –  und gleichzeitig inklusiv. Exklusiv in dem Sinne, dass das Heil, die Erlösung, die Möglichkeit, ewiges Leben zu haben, allein von Jesus vollbracht wurde. Gott selbst offenbart seine Erlösungsabsicht und vollzieht die Erlösung, die Versöhnung mit der gesamten Menschheit in Jesus Christus. In ihm wird seine ganze Liebe und seine Versöhnungsbereitschaft sichtbar, und er versöhnt sich tatsächlich. Zweiter Korinther 5: Er versöhnt sich mit den Menschen in Jesus Christus. Da heißt es in Vers 19: „Gott war in der Person von Jesus Christus, als er durch ihn die Menschen mit sich versöhnte. Er rechnete ihnen ihre Verfehlungen nicht an und übergab uns die Botschaft der Versöhnung.“

Wir bekamen die Botschaft der Versöhnung, wir sollen diese Versöhnung bekannt machen, dass sie schon geschehen ist, und nicht die Versöhnung ermöglichen, indem wir die Leute mit so guten Argumenten beliefern, dass sie am Schluss sagen: „Ja, das will ich.“ Nein, die Versöhnung ist vollbracht, Gott hat sich versöhnt. Und die wird nicht erst dann aktiviert, wenn du sie auch noch willst, sondern Gott hat versöhnt. Insofern verstehe ich diesen Vers in Johannes 14, Vers 6 nicht als heilsexklusiv, sondern als heilsuniversalistisch.

Es heißt in dem Vers eben nicht: „Niemand kommt zum Vater, es sei denn, jemand entscheidet sich, es sei denn, jemand geht diesen Weg“, sondern: „… außer durch mich, durch das, was ich getan habe.“ Gerade nicht durch das, was du tust, sondern nur durch mich. Zum Vater kommt man nur durch Jesus. Und Evangelikale machen daraus: ja, durch Jesus und durch meine Entscheidung. Also Jesus plus. Es braucht immer ein Add-on. Und das Add-on ist so gravierend, dass ohne das Add-on das, was Jesus getan hat, eigentlich völlig nutzlos ist. Wenn es am Ende von dem einen Prozent deiner Entscheidung, deines Willens abhängt und ohne das sozusagen die Erlösung nicht stattfinden kann, ist alles, was Jesus getan hat, umsonst ohne dein eines Prozent. Dann wird das eine Prozent zugleich zu 100 %.

Ja, Jesus ist der Weg zur Wahrheit, der Weg zum Leben, er ist die Wahrheit, er ist das Leben und er ist der Weg zum Vater. Und niemand kommt zu diesem Vater außer – und jetzt darf nur eines kommen – durch Jesus. Jesus hat die Erlösung aller Menschen bereits am Kreuz vollbracht und vollzogen. Und wer das nun glaubt, wer dem Vertrauen schenkt, der erlebt jetzt schon Gemeinschaft mit diesem Gott, den Heiligen Geist in seinem Herzen, das blühende Leben. Er wird Teil vom Reich Gottes, von der Familie Gottes. Er lebt mit Hoffnung und mit Perspektive. Aber es ändert nichts daran, dass Jesus die Erlösung für alle Menschen vollbracht hat.

Es ist doch gerade das Wesen aller anderen Religionen und Weltanschauungen, dass sie dem Menschen einen Weg vorschlagen und ihre Anhänger auffordern, auf diesem Weg zu gehen. Aber Jesus ist eben kein religiöser oder moralischer Wegweiser. Er ist allen Religionsstiftern und Weltanschauungslehrern eben dadurch absolut überlegen, dass er selbst in Person der Weg und die Wahrheit und das Leben ist – und nicht nur der Wegweiser, der sagt: „Jetzt geh du auch diesen Weg, den ich gegangen bin, ich hab’s doch auch geschafft, mit der Kraft Gottes schaffst du’s auch.“ Nein, er ist der Weg! Er ist nicht der Wegweiser. Das ist der Riesenunterschied.

Und wenn jetzt Leute sagen: „Du musst es nur glauben, das Einzige, was du musst, ist an Jesus glauben“, dann wird aus Glauben doch wieder ein moralischer Anspruch: Du musst es eben wollen, du musst dich hingeben, der Glaube muss irgendwie sich auch zeigen. Und ich würde sagen: Glauben heißt für mich hier nur, ich muss darauf vertrauen, ich darf dem Vertrauen schenken, dass ich schon errettet bin. Ich darf dem mein ganzes Vertrauen, meine ganze Zuversicht schenken, dass Gott in Jesus die ganze Welt mit sich versöhnt und erlöst hat.

Und wenn ich das nicht glaube, ändert das nichts am Zustand meiner Erlösung. Es ändert nur etwas daran, wie ich den Rest meines Lebens hier auf der Welt verbringe, nämlich trotzdem ohne Gottesbeziehung, ohne das Bewusstsein, dass meine Schuld vergeben ist, ohne Sinn, ohne Perspektive, ohne Hoffnung. Das alles habe ich schon, ich bin Teil vom Reich Gottes. Aber für alle ändert sich am Ende nichts an ihrem Erlösungszustand, denn den hat Jesus verändert. Der hat die Erlösung vollbracht.

Und ich missioniere und evangelisiere trotzdem, weil ich Menschen bewusst machen will, die Botschaft verkündigen will, die mir anvertraut ist: Gott hat sich mit euch versöhnt! Gott hat euch erlöst! Nun sucht die Beziehung zu diesem Gott – er hat doch alles für euch da, ihr dürft bereits in dieses Leben eintreten! Ich evangelisiere doch nicht mit dem Argument „sonst kommt ihr alle in die Hölle“! Das glaubt ja heutzutage sowieso in der richtigen Welt keiner mehr, dass es die Hölle gibt! Das ist ein schlechtes Argument. Sondern ich sage: Dieser Jesus hat sich mit euch versöhnt, Gott ist gut mit euch! Und jetzt dürft ihr eine Beziehung zu ihm haben. Es wartet ein großartiges Leben hier auf der Erde auf euch, in Gemeinschaft mit dem Vater, als Teil vom Reich Gottes und der Familie Gottes. Und ihr dürft jetzt schon mit der Perspektive leben, dass am Ende alles gut wird und Gott wirklich Gerechtigkeit schaffen wird und alle Tränen abwischen wird und für eine Gerechtigkeit sorgen wird, nach der wir uns alle von Herzen sehnen.

Mir ist vollkommen klar, dass das Fragen aufwirft, aber egal, welche Versöhnungstheorie ihr anwendet, am Ende bleiben immer offene Fragen und findet ihr immer Bibelstellen, die auch in eine andere Richtung gehen. Ich habe mich gefragt, in der Vielstimmigkeit der Bibel, wo unterschiedliche Bibelstellen etwas Unterschiedliches aussagen, lässt sich alles in allem die Idee des Universalismus, also der Allversöhnung, am ehesten mit allen Bibelstellen vereinbaren und harmonisieren, und es entspricht am allermeisten dem Wesen Gottes, das sich in Jesus Christus geoffenbart habe.

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