MC 221: Was ist mit Menschen, die sich nicht für Jesus entscheiden können?
Ein Erlebnis mit einem schwerbehinderten Mädchen führt zu einer tiefen theologischen Auseinandersetzung mit der Erbsündenlehre, dem Schicksal unevangelisierter Menschen und der Hoffnung auf eine wundervolle Wiederherstellung.
Zeitstempel
- 00:00 – Intro
- 01:00 – Seminarankündigungen „Bibelverständnis“
- 04:10 – Begegnung mit dem schwerbehinderten Mädchen
- 06:50 – Die Hoffnung auf Wiederherstellung (Lazarus-Motiv)
- 10:15 – Die Grausamkeit der klassischen evangelikalen Dogmatik
- 15:15 – Das Problem der Mündigkeit und des IQ-Schwellenwerts
- 18:00 – Provokation: Abtreibung als „Rettungsweg“?
- 20:40 – Allversöhnung als würdige Lösung Gottes
- 28:30 – Persönliche Reflektion & Outro
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Transkript zur Folge:
Vor einigen Tagen habe ich ein interessantes Erlebnis gehabt. Ich war auf einer Feier eingeladen in der Schule unserer Kinder, und bei dieser Feier waren Eltern da, die hatten ihre schwerbehinderte Tochter dabei. Diese Tochter, ich vermute, sie war vielleicht so Teenageralter, junges Teenageralter, saß im Rollstuhl und war wirklich schwerstbehindert. Der Vater hat sie am Abend gefüttert, indem er über eine Sonde ihr einen Speisebrei mit einer Spritze über die Sonde irgendwo wahrscheinlich direkt in den Magen oder irgendwo reingegeben hat, weil sie nicht in der Lage war, selbst zu essen.
Sie saß ganz verkrümmt auf diesem Rollstuhl, hat einen nicht wirklich fokussieren können mit den Augen, konnte nicht reden, kann sich nicht wirklich selbst bewegen, kann nicht aufstehen, muss gewickelt werden, hat also Windeln an. Und sie produziert ganz viel Speichel, und der sammelt sich im Mund an, und dann musste der Vater immer wieder ihren Kopf nach vorne beugen, dass dann der Speichel rausläuft und auf ihren Latz läuft, weil sie sonst an ihrem eigenen Speichel ersticken könnte.
Und als ich sie so sah, da habe ich ganz viel Mitgefühl empfunden – zum einen für das Kind selbst, wie das eingeschränkt ist, eben schwerstbehindert ist. Die anderen Kinder, die dabei waren, die sind rumgesprungen, haben draußen Fußball gespielt, haben Quatsch gemacht miteinander, und die saß einfach den ganzen Abend in diesem Rollstuhl, hat vor sich hin gesabbert, konnte nicht Anteil nehmen. Man hat schon gemerkt, wenn man sie irgendwie angesprochen hat, hat sie irgendwie reagiert, vielleicht auch ein bisschen gelächelt, aber ich bin nicht sicher, ob die überhaupt was versteht, wie sie kommunizieren kann.
Und die wird jetzt in diesem Rollstuhl sitzen den Rest ihres Lebens, wie lang das auch immer geht, ist vollkommen angewiesen auf äußere Hilfe, würde keinen Tag ohne Hilfe überleben. Und ich habe zum anderen die Eltern sehr bewundert, die sich so aufopferungsvoll um dieses Mädchen jetzt seit wahrscheinlich über zehn, 15 Jahren kümmern, für sie da sind, natürlich auch Unterstützung haben, aber für dieses Kind da zu sein, mit dem Interaktion möglich ist, aber natürlich ganz anders wie mit den anderen Kindern, die sie eben auch noch haben.
Und im Lauf des Abends und im weiteren Verlauf dann des nächsten Tages habe ich mir immer wieder Gedanken gemacht über dieses Mädchen und ich habe mir die Frage gestellt: Wenn dieses Mädchen stirbt, was wird mit ihr sein? Und von meinem Gottesverständnis, von meinem Bibelverständnis und von meinem geistlichen Verständnis war für mich sonnenklar: Wenn dieses Mädchen stirbt, dann wird alles gut sein für sie. Dann wird sie wiederhergestellt sein. Sie wird die Person sein, als die sie ursprünglich gedacht war. Ihre Gene oder was auch immer da im Mutterleib schiefgelaufen ist – keine Ahnung, was die Ursache war, vielleicht hat sie auch mal einen Unfall gehabt oder bei der Geburt irgendwas – das weiß ich nicht, ich kenne die Geschichte nicht von dem Mädchen. Aber irgendwas ist vorgefallen, dass dieses Mädchen eben nicht gesund ist, sondern schwerstbehindert.
Und ich glaube, wenn sie stirbt, dann wird sie von Gott vollkommen hergestellt, vollkommen geheilt. Und sie wird das erste Mal im Rahmen ihrer Existenz der Mensch sein, als der sie gedacht war – vollkommen perfekt. Und sie hat mich erinnert an die Geschichte vom reichen Mann und vom armen Lazarus, der auch ganz schweres Leid erlitten hat. Der als Bettler, als armer und dann auch noch als kranker Mann vor der Tür des Reichen lag, dem die Hunde die Wunden geleckt haben, der zu wenig hatte, um zu leben, und zu viel, um zu sterben, und der dann irgendwann doch stirbt. Und dann war vollkommen klar: Dieser Mann, der wird jetzt von den Engeln Gottes in den Schoß Abrahams getragen und dort wird alles gut werden für ihn. Alles Leid ist vorbei, aller Schmerz, alle Tränen werden abgewischt, alles wird gut für ihn.
Solche Geschichten finde ich ungeheuer hoffnungsvoll, es sind Hoffnungsgeschichten. Sie geben mir eine Hoffnungsperspektive, vor allem für all die Menschen, die eben ganz Schlimmes erleiden oder die eben schwerstbehindert und schwerstkrank sind.
Und dann habe ich aber gleichzeitig so eine Art inneren Dialog mit mir selbst geführt oder mit meiner evangelikalen Vergangenheit oder mit all den Menschen, die eben sehr evangelikal und fundamentalistisch unterwegs sind. Denn in diesen Kreisen ist klar: Man wird nicht einfach gerettet, bloß weil man gelitten hat, bloß weil man krank war. Man wird gerettet, weil man an Jesus Christus glaubt, weil man seine Erlösung annimmt, weil man sich bekehrt und dadurch Versöhnung und Erlösung von seinen Sünden erfährt.
Ich glaube, die meisten evangelikalen Christen würden sagen, dass sie sich von Herzen wünschen würden, dass dieses Mädchen im Himmel von Gott wiederhergestellt, getröstet und geheilt wird. Und bitte versteht mich richtig: Ich will überhaupt nicht sagen, dass ihr Leben nicht lebenswert wäre. Die wird geliebt, die wird umsorgt, die erfährt Zuwendung und Zuneigung und – also auch behinderte Menschen, auch schwerstbehinderte Menschen sind lebenswertes Leben. Niemand hat das Recht, denen das Leben abzusprechen. Und die sind in ihrem Bereich, in ihrem Horizont vielleicht auch irgendwie glücklich. Die kennen es ja auch nicht anders als das, was sie sind. Und also ich möchte ihnen auf keinen Fall ihr Glück absprechen. Ich bin natürlich unglaublich dankbar, dass meine Kinder nicht schwerstbehindert sind, und ich bewundere eben alle Eltern, die sich ihrer Kinder annehmen trotz schwerer Behinderung. Aber natürlich wären auch die sehr dankbar, wenn ihre Kinder gesund wären, wenn sie wie alle anderen Kinder spielen, wenn sie kommunizieren könnten, reden könnten, zur Schule gehen könnten und so weiter. Sie machen das Beste aus der Situation, aber es ist natürlich Ausdruck unserer sehr zerbrochenen Welt.
Und man muss geistlich schon ziemlich abgebrüht sein, wenn man jetzt sagen würde: „Ja, es tut mir leid, wenn dieses Mädchen jetzt stirbt, dann kommt sie in die Hölle und dann ist das, was sie hier zu Lebzeiten als Schwerstbehinderte erlebt hat, ja noch Gold gegen das, was sie in der Hölle, in der ewigen Strafhölle erleben wird, getrennt von Gott.“
So, aber jetzt haben wir theologisch tatsächlich ein Problem: Aus welchem Grund sollte dieses Mädchen in den Himmel kommen? Denn für die meisten evangelikalen Christen sind alle Menschen per se auf der falschen Seite geboren. Jeder Mensch, der geboren ist, ist von vorneherein ein verlorener Mensch, der Errettung und Erlösung braucht. Und vielleicht haben nicht alle Evangelikalen eine ausgeprägte Erbsündenlehre, wie sie von einem Augustinus vertreten wurde und dann auch lange Zeit von der Kirche und zum Teil bis heute noch vertreten wird: dass also jeder Mensch in Schuld, in Sünde geboren wird, von vorneherein getrennt von Gott und ab dem Moment der Geburt ist man ein verlorener Mensch und ist des ewigen Lebens nicht würdig, sondern man ist auf der falschen Seite der Schlucht geboren.
Ihr kennt alle dieses Bild von den vier geistlichen Gesetzen, die tiefe Schlucht der Sünde, der Verlorenheit, der Gefallenheit unserer Schöpfung, und sobald du geboren bist, stehst du auf der falschen Seite und du kommst nur zu Gott, wenn du dich bekehrst und Christus annimmst und dann kannst du errettet werden. Also sobald ein Mensch in Existenz kommt, ist er auf der falschen Seite geboren und wird er verloren gehen, wenn er nicht errettet wird. Und wenn man diese theologische Voraussetzung hat – und die haben ganz viele evangelikale Christen, vielleicht sind sie sich dessen nicht bewusst, aber das ist ihre theologische Grundlage –, dann wird jeder Mensch, egal wie sein Leben verläuft, in die Hölle kommen, es sei denn, er bekehrt sich irgendwann.
Und dann stirbt ein Kind fünf Tage nach der Geburt und dann ist es den Rest seiner ewigen Existenz in der Hölle. Oder ein vierjähriges Kind wird bei einem Autounfall getötet – ganz schrecklich, aber jetzt fängt sein Leid erst an, denn es wird für alle Ewigkeit in der Hölle schmoren. Oder ein Kind in Afrika stirbt, nachdem es über Wochen und Monate unterernährt ist, Hunger hat, die Mutter keine Milch mehr geben kann, es keine Nahrung gibt – und jetzt verreckt es elendig an Hunger und wird den Rest seiner Existenz für immer in der Hölle schmoren.
Oder eben dieses Mädchen ist seit 15 Jahren schwerstbehindert, nicht in der Lage, wirklich am Leben teilzunehmen, muss Tag und Nacht gepflegt werden, hat wahrscheinlich Schmerzen, ist verkrampft – ich habe ja gesehen, wie sie ganz verkrampft in ihrem Rollstuhl saß –, und jetzt stirbt sie, und dann ist sie den Rest ihrer Existenz für eine Ewigkeit in der Hölle. Wenn das die theologische Grundlage ist, dann gibt es einfach keine Ausnahmen. Und gerade in der katholischen Kirche, wo diese Erbsündenlehre ganz stark vertreten wird und verbreitet ist, hat man dann die Kinder nach ihrer Geburt möglichst schnell getauft oder eine Nottaufe vollzogen, denn ohne diese Taufe wäre dieses Kind in die Hölle gekommen. Sobald ein Mensch geboren ist, kommt er in die Hölle, ob Säugling oder Greis, ob gesund oder krank, ob Mordopfer oder ob Mörder. Wer sich nicht bekehrt und das Erlösungswerk von Jesus Christus am Kreuz für sich annimmt, wer sich nicht entscheidet mit seinem Willen für Jesus, der geht verloren.
Das ist gängige evangelikale Theologie, wie sie landauf, landab in tausenden Gottesdiensten gepredigt wird. Und die wenigsten Leute machen sich Gedanken, was das heißt. Dass es eben heißt, dass jeder in die Hölle kommt, auch der kleine Säugling nach der Geburt oder eben der Ungläubige, der grausam gefoltert wird und dann von seinem Serienkiller umgebracht wird – auch der kommt danach in die Hölle. Auch das NS-Opfer, das im Holocaust von Dr. Mengele bei lebendigem Leibe auseinandergenommen wird, ohne Schmerzmittel und bis zum Verrecken leidet – das stirbt und dann kommt es in die Hände eines anderen Dr. Mengele, der es eine Ewigkeit lang foltert. All das ist der Fall, auch das Holocaust-Opfer landet nach seinem erlösenden Tod aus den Händen des Dr. Mengele direkt in der Hölle, wo es weitergequält wird.
Also für mich ist das, wenn man das zu Ende denkt, eine unglaublich grausame Theologie, die Opfer und Täter in einen Topf wirft und die erbarmungslos ist mit Menschen. Eben, für die gibt es keinen Grund, den Lazarus in den Himmel zu holen, der war doch gar nicht bekehrt. Da muss man in die Lazarus-Geschichte irgendwie was einbauen, dass der sich zwischendurch mal bekehrt hat, sonst macht die ganze Geschichte gar keinen Sinn.
Und nun merken einige Christen, dass das ziemlich verrückt ist, was man da glaubt, und dann werden andere Konstrukte entwickelt. Und dieses Konstrukt lautet jetzt so: Man ist zwar auf der falschen Seite geboren, aber durch die eigene Sünde wird diese Verlorenheit aktiviert. Also die Erbsünde bewirkt nicht, dass ich von vorneherein verloren bin, sondern sie ist sozusagen der Ausgangsstoff in meinem Herzen, diese Erbsünde, und bringt jetzt jeden Menschen dazu, selbst zum Sünder zu werden. Wir sind also von Geburt an dazu veranlagt – man könnte fast sagen: dazu verdammt – selbst zu Sündern zu werden, und es dauert nicht lange, bis wir selbst durch unsere Willensentscheidungen, durch unsere moralischen Entscheidungen zu Sündern werden, und dann haben wir die Verlorenheit tatsächlich verdient.
Und mit diesem Konstrukt kann man dann eben sagen, sind die Kinder bis zu einem bestimmten Alter eben unschuldig, weil sie noch nicht selbst gesündigt haben, weil sie noch kein moralisches Bewusstsein haben, und dann sind sie eben, wenn sie sterben, auf der sicheren Seite, weil sie die Sünde noch nicht aktiviert haben oder den Zustand des Sünderseins noch nicht aktiviert haben. Und das würde man jetzt vielleicht auch für solch ein behindertes Mädchen in Anspruch nehmen, sagen: Ja, die ist in dem Sinn willenlos, die kann gar keine eigenen Entscheidungen treffen, da ist gar nicht genug Willensfähigkeit da und Entscheidungsmöglichkeit, das Gehirn ist viel zu wenig entwickelt, deswegen kann die selbst gar keine Entscheidungen treffen, die sie zu einer Sünderin machen würden, und deswegen kann auch solch ein Mädchen errettet werden, wenn es stirbt.
Damit sind also alle Säuglinge und kleinen Kinder aus dem Schneider, und damit sind auch alle Schwerstbehinderten aus dem Schneider. Wir haben für die einen Ausweg gefunden, dass sie nicht direkt in die Hölle wandern. Aber auch diese Sichtweise lässt ja unglaublich viel offen. Denn wer legt denn fest, ab wann ein Kind in der Lage ist, sich selbst oder die Sünde in sich zu aktivieren? Ist das mit drei Jahren, mit fünf Jahren, mit sechs Jahren, mit zwölf Jahren? Ab wann hat denn ein Kind genug Mündigkeit, dass Gott ihm seine Sünden anrechnet? Oder wie niedrig muss der IQ bei einer Behinderung sein, dass Gott mir die Sünden nicht anrechnet? Ab einem IQ von 80 bin ich verantwortlich und ab einem IQ unter 70 bin ich nicht verantwortlich? Das ist ja unglaublich subjektiv, und wir werden nie sicher sein, ob vielleicht nicht doch mein Kind schon Verantwortung hatte, weil es genug reif war und genug mündig war.
Und diese Sichtweise birgt noch ein ganz extremes Phänomen. Und ich weiß, das ist jetzt ganz irre, was ich gerade sagen werde, aber wenn man das zu Ende denkt, landet man dort. Eigentlich, wenn das wirklich so ist, dass Menschen so lange in den Himmel kommen, bis sie mündig sind und Verantwortung für ihr Leben übernehmen können, dann müssten wir uns eigentlich als evangelikale Christen über jede Abtreibung freuen. Denn dieser Mensch, der abgetrieben wird, der hatte nie die Chance, Verantwortung zu übernehmen, mündig zu werden und daher in die Situation zu kommen, wo er dann sündigt und dann ewig in der Hölle landet. Also wenn wir wollen, dass ein Mensch für ewig in den Himmel kommt und nicht in die Hölle, dann ist Abtreibung eigentlich das beste Mittel der Wahl, denn dann würden die Menschen niemals geboren werden und könnten niemals sich gegen Gott entscheiden.
Und da merkt man schon, wie unglaublich absurd und pervers so ein Gedanke wäre. So kann es nicht funktionieren. Am Ende hätte Herodes mit dem Kindermord in Bethlehem allen einen Gefallen getan, weil die Kinder wären direkt in den Himmel gegangen. Und wenn sie noch zehn Jahre länger gelebt hätten, wären sie vielleicht schlimme Sünder geworden, wären neidisch gewesen, egoistisch gewesen und so weiter, und dann wären sie Kandidaten für die Hölle gewesen. Leute, so kann das nicht funktionieren!
Wenn wir an die Erbsünde glauben und jeder Mensch von Anfang an verloren ist, dann ist das unglaublich grausam all denen gegenüber, die schwer leiden oder die als Baby sterben oder die ein unglaubliches Schicksal erleben, die Opfer wurden. Dann ist das alles vollkommen wurst, dein irdisches Leben, dein Leid, dein Schicksal ist vollkommen egal. Es kommen alle in die Hölle ohne Bekehrung. Und dann macht auch so eine Geschichte vom armen Lazarus null Sinn. Oder wir glauben an die Verantwortung des Menschen, an seine Mündigkeit, und dass man ab einem bestimmten Alter eben dann zur Rechenschaft gezogen wird für sein Leben, und dann wäre es am allerbesten, man würde gar nicht geboren werden. Auch das wäre ja vollkommen absurd.
Und deswegen komme ich zurück zum Thema Allversöhnung. Als ich von diesem Fest nach Hause ging, habe ich eben dieses ganz starke Erbarmen mit diesem Mädchen empfunden, habe gedacht: Ich wünsche mir so, wenn ich könnte, würde ich sie auf alle Fälle im Himmel zurechtbringen, dass sie befreit ist von dieser Erkrankung und glücklich und frei und hergestellt, wiederhergestellt leben kann. Ich hatte so ein Erbarmen für dieses Mädchen.
Und dann habe ich mir überlegt: Könnte es sein, dass Gott dieses Erbarmen, das ich gerade für dieses schwerbehinderte Mädchen empfinde, dass Gott dieses Erbarmen für die ganze Welt empfindet? Vielleicht schaut er uns an und sieht uns, wie verkrümmt wir sind, wie unfähig wir zum Leben sind, wie viel Hilfe wir brauchen, um irgendwie anständig leben zu können. Wie vielleicht nicht unser Körper schwerstbehindert ist, sondern unsere Herzen und unsere Seelen schwerstbehindert sind.Und Gott sieht diese Zerbrochenheit des menschlichen Lebens. Und für viele Christen empfindet Gott dabei Zorn und Wut, und er muss die alle bestrafen.
Könnte es sein, dass Gott uns anschaut und Erbarmen empfindet und Mitleid empfindet? „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen Sohn in die Welt gesandt hat“ und mit seinem Sohn und durch seinen Sohn am Kreuz die Erlösung vollbracht hat, damit er jetzt alle zu sich holen kann und wiederherstellen kann. Und dann kommt der zwei Tage alte Säugling zu Gott. Und von Gott wird dann sein Leben entfaltet und zum Blühen gebracht, und der Mensch, der nur zwei Tage auf der Erde war, wird zu dem werden, als der er gedacht war. Und es kommt dieses schwerstbehinderte Mädchen in den Himmel und Gott wird sie wiederherstellen, herrichten, und sie wird das sein, wozu sie schon immer gedacht war. Und es kommt das Holocaust-Opfer, das Opfer von Dr. Mengele nach seinem Tod direkt zu , und Gott wird diesen Menschen wiederherstellen, er wird den Schmerz aus seinem Leben verbannen, er wird seine Tränen abwischen, ihn trösten, ihn von seinen Traumata befreien und seine Seele komplett heilen und heiligen.
Und er wird den Dr. Mengele zu sich in den Himmel lassen. Und der Dr. Mengele, ja, der wird ein Stück weit durch die Hölle gehen. Er wird erkennen, zu welcher Boshaftigkeit und Grausamkeit er fähig war, wie sehr seine Seele und sein Denken verdreht waren. Und er wird durch eine Zeit tiefer Reue und Umkehr gehen, wo er begreift, was er getan hat. Und dann geht er ein in die Vergebung und Versöhnung Gottes, nachdem er den Schmerz empfunden hat, selbst empfunden hat, den er anderen beigebracht hat, sein Tätersein zutiefst erlebt hat – und dann wird auch er mit Gott versöhnt und zu dem werden, der er immer hätte sein sollen.
Für mich ist die Allversöhnung die einzige Möglichkeit, mit all dem klarzukommen, was an Grausamem auf dieser Welt geschieht. Das macht die Erlösung nicht klein, es macht die Erlösung nicht unnötig. Nein, das alles kann nur geschehen, weil Gott die Erlösung vollbracht hat. Am Kreuz sagt Jesus: „Es ist vollbracht.“ Jesus hat die Erlösung der Menschheit vollbracht. Dazu war das Kreuz notwendig bzw. die Liebe Gottes, die sich am Kreuz zeigt, war dazu der ausschlaggebende Faktor.
Gott sagt nicht: „Sünde, Grausamkeit, alles halb so wild, alles kein Problem, kommt alle in den Himmel.“ Nein, es gibt nur eine Lösung für die Grausamkeit und die Schuldhaftigkeit der Menschen, das ist die Er-Lösung. Und diese Erlösung wird das große Gnadengeschenk Gottes an die ganze Menschheit. Und wer’s jetzt noch nicht gecheckt hat, dass er Erlösung braucht, der wird es danach checken und der wird danach sozusagen durch die Hölle gehen, indem er seine Schuld erkennt. Und ich sag’s noch mal: Auch ich werde irgendwie noch mal durch die Hölle gehen, weil ich ganz viel meiner Schuld auch noch nicht wahrgenommen habe und wahrscheinlich bis zu meinem letzten Atemzug nicht wahrnehmen werde und so vieles meiner Fehler, meiner Egozentrik, meiner Ungerechtigkeit gar nicht wahrnehme, weil ich so viele blinde Flecken habe in meinem Leben. Und ich möchte ins Gericht Gottes, ich möchte diese Dinge erkennen, damit Gott mich vollständig heilen und wiederherstellen und zu dem machen kann, als der ich eigentlich gedacht war. Und darauf freue ich mich.
Wenn das nicht Evangelium ist, wenn das nicht eine gute Botschaft ist, dann weiß ich auch nicht! Und nur diese Idee der Erlösung und der Versöhnung und der Wiederherstellung aller Menschen ist unseres Gottes würdig. Überlegt doch mal, was das für eine Erlösung wäre, wenn Gott seinen einzigen Sohn nicht , und am Ende ist es nur ein Bruchteil der Menschen, die bei Gott sein werden, die errettet sein werden, und der Großteil kommt in die Hölle. Das wäre so ein Fehlschlag, das wäre so eine misslungene Erlösung, das ist doch unseres Gottes, unseres allmächtigen Gottes, nicht würdig. Das ist das Werk eines Stümpers – einer der keine Ahnung hat, einer der nicht weiß, wie es funktioniert -, aber doch nicht die Idee des Schöpfers dieser Welt, der uns bis in die tiefsten Tiefen kennt, jeden von uns gemacht hat. Der kriegt nur eine Erlösung zustande, wo am Schluss nur ein Bruchteil in den Himmel kommt? Das wäre doch lächerlich, das ist unseres Gottes nicht würdig. Unseres Gottes ist nur eine Erlösung würdig, die mit jedem von uns zurechtkommt, mit jedem Sünder zurechtkommt, mit jedem Bösewicht zurechtkommt, mit jedem Täter zurechtkommt und die Kraft in sich trägt, all diese Menschen heil und gesund zu machen, zur Reue zu führen, zur Umkehr zu bringen und in sein Reich zu holen. Nur diese Erlösung ist unseres Gottes würdig.
Zum Schluss noch eine ganz persönliche Bemerkung. Ich habe es im Nachgang zu diesem Fest bedauert, dass ich nicht den Mut hatte, die Eltern anzusprechen auf ihr Kind und darauf, wie sie mit der Situation umgehen und was sie mit ihrer Tochter erleben. Und ich habe es versäumt, das Mädchen selber irgendwie anzusprechen, mit ihm in Kontakt zu treten. Ich glaube, ich hatte da die ganz typischen Hemmungen, wie man sie oft behinderten Menschen gegenüber hat und wo man nicht weiß: Ist man da übergriffig, wollen die das überhaupt, geht ihnen das zu nahe, ist das zu neugierig? Aber so im Nachhinein denke ich, das wäre wahrscheinlich der richtige Weg gewesen, auch den Eltern meine Bewunderung auszusprechen, wie sie damit zurechtkommen und eben bewusst auch den Kontakt zu so einem behinderten Menschen zu suchen. Das habe ich versäumt, das tut mir auch echt leid. Vielleicht habt ihr da auch Rückmeldung, wenn ihr betroffen seid, wenn ihr Eltern seid von einem schwerbehinderten Kind. Ist man froh, wenn man angesprochen wird? Ist man ganz froh, wenn man in Ruhe gelassen wird? Da habe ich einfach auch zu wenig Erfahrung, da bin ich vielleicht ganz froh über die eine oder andere Rückmeldung.
Und das war Movecast für heute. Vielen Dank fürs Dabeisein. Wenn du weitere Fragen hast, dann kann man mich erreichen unter info@movecast.de. Neben Spenden kannst du Movecast auch dadurch unterstützen, dass du diesen Podcast weiter bekannt machst. Du kannst ihn an Freunde oder Bekannte weiterleiten oder die einzelnen Episoden auf den sozialen Medien teilen. Das würde mich sehr freuen. Gerne mache ich dich auch auf meine Bücher aufmerksam, die im Neukirchener Verlag erschienen sind. Mein erstes Buch lautet „Wenn der Glaube nicht mehr passt – Ein Umzugshelfer“, und mein neuestes Buch heißt „Wenn der Glaube keine Kraft hat – Ein Aufbauhelfer“. Ansonsten war es das für heute. Vielen Dank fürs Zuhören und ich freue mich, wenn du auch das nächste Mal wieder dabei bist. Macht’s gut, bye bye, sei gesegnet.
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Credits: Craig Riley – Mountain Morning
Label: Audio Hero
Album: Good Beginnings
Alternate Versions: 4
License: Music Track
