MC 222: Evangelisation ohne Druck – wie falsch verstandene Bibelstellen uns von der guten Botschaft entfremden

In dieser Episode setzt sich Martin Benz kritisch mit dem Thema Evangelisation auseinander. Er reflektiert seine eigene Vergangenheit als „leidenschaftlicher“ Missionar und analysiert, wie bestimmte theologische Denkmuster und Bibelstellen die Idee der Evangelisation in etwas Bedrückendes oder sogar Toxisches verwandeln können. Er plädiert für eine „ganzheitliche Evangelisation“, die den Menschen nicht als verdorbenes Missionsobjekt ansieht, sondern Gottes Liebe und die Schönheit des christlichen Lebensentwurfs in den Mittelpunkt stellt.

Inhaltsangabe

  1. Einleitung & Buchprojekt: Martin Benz stellt sein neues Buch „Wenn die Kirche nicht mehr passt“ vor, das Ursachen für Entfremdung von der Kirche untersucht und „Zutaten“ für eine gesunde Kirche der Zukunft liefert.
  2. Persönliche Rückschau: Er berichtet von seinen Anfängen beim Missionswerk „Aktion in jedes Haus“ (AJH) und wie er später als Pastor hohen Evangelisationsdruck auf seine Gemeinde ausübte.
  3. Analyse toxischer Denkmuster:
    • Negatives Menschenbild: Kritik an der isolierten Nutzung von Bibelversen (z. B. Römerbrief), die den Menschen als rein „verdorben“ darstellen.
    • Weltablehnung: Warnung vor einer „Wir gegen die Welt“-Mentalität, die alles außerhalb des christlichen Kosmos als böse abwertet.
    • Moralischer Druck: Die Überforderung durch Sätze wie „Du bist die einzige Bibel, die Menschen lesen“.
    • Angst-Motivation: Kritik an der Vorstellung, man sei für das „Blut“ (die Rettung) anderer verantwortlich.
  4. Theologische Weichenstellung: Benz erklärt den Unterschied zwischen rein erlösungstheologischem Denken (Fokus auf Sünde) und schöpfungstheologischem Denken (Fokus auf die Gottebenbildlichkeit des Menschen).
  5. Alternative Vision: Vorstellung einer Mission als „gewaltlose Werbung für die Schönheit eines Lebenskonzepts“ (nach Fulbert Steffensky).

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Transkript

 

Und heute möchte ich einen Aspekt herausgreifen, nämlich das Thema Evangelisation. Im Buch gibt es ein Kapitel mit dem Titel „Ganzheitliche Evangelisation“. Und ich habe mir darin unter anderem Gedanken gemacht, was denn toxische Evangelisation ist. Ich selbst habe eine lange, lange Vergangenheit was Evangelisation anbetrifft. Bereits als Jugendlicher war ich auf Jugendfreizeiten des Missionswerks AJH, das heißt „Aktion in jedes Haus“, wo wir während dieser Jugendfreizeit in verschiedenen Städten und Orten Traktate verteilt haben und von Haus zu Haus gegangen sind, um Menschen auf Jesus und auf den Glauben aufmerksam zu machen.

Mich hat das so begeistert, ich habe das so gerne gemacht, dass ich sogar in meiner Freizeit als ich hier – also nicht hier, sondern da, wo ich aufgewachsen bin – Schüler war, am Abend, nachdem ich die Hausaufgaben erledigt hatte oder so, bin ich ins Nachbardorf von Haus zu Haus und habe Traktate verteilt, an den Türen geklingelt und die Leute in ein Glaubensgespräch verwickelt.

Und auch später war es mir ganz wichtig, dass Menschen zum Glauben finden, dass sie Jesus kennenlernen, dass die Gemeinde wächst, dass sie zur Gemeinde finden. Und obwohl es mir eine Zeit lang sehr viel Freude gemacht hat, hat es auch enorm viel Druck aufgebaut. Und ich habe als Pastor viele Jahre lang anderen einen ganz großen Evangelisationsdruck auferlegt und ihnen ein schlechtes Gewissen gemacht, indirekt, durch die Predigt, durch die entsprechenden Bibelstellen, wenn sie eben nicht evangelisiert haben.

Und da habe ich schon wahrgenommen, es gibt auch eine toxische Form von Evangelisation, und über die möchte ich ein bisschen genauer sprechen. Und an der Stelle ist es mir auch ganz wichtig zu betonen, dass ich überhaupt nicht gegen Evangelisation bin. Ich wünsche mir von Herzen, dass viele Menschen Jesus kennenlernen, dass sie von Jesus geheilt und verändert werden, dass ihre Werte und Haltungen, ihr Menschenbild und ihr Weltbild von Jesus her geprägt werden. Ich wünsche mir, dass Menschen Teil vom Reich Gottes werden und dadurch mithelfen können, die Welt zu einem besseren Ort zu verwandeln und jetzt schon etwas vom Himmel auf die Erde zu bringen. Also ich bin motiviert und ich freue mich darüber, wenn Menschen Jesus kennenlernen, wenn sie zu seinen Nachfolgern werden und wenn sie seine ungeheure heilende, verändernde und verwandelnde Kraft in ihrem Leben und durch ihr Leben bei anderen kennenlernen.

Aber es geht mir darum, dass es beim Thema Evangelisation Lehrsätze, Glaubenssätze, Haltungen usw. gibt, die ich für gefährlich halte und die Evangelisation zu etwas Toxischem machen können. Zum Teil sind es sogar Bibelverse, die zu etwas Toxischem werden können, weil sie aus dem Zusammenhang herausgerissen werden und dann einfach in den Zusammenhang mit Evangelisation gebracht werden, und isoliert aus dem Kontext herausgerissen sagen die Bibelstellen plötzlich etwas ganz anderes und müssen die Verse letztlich zwangsläufig missverstanden werden. Und daraus kann sich dann eben eine ganz ungesunde oder toxische Wirkung entfalten, obwohl das eigentlich tolle Verse sind. Aber im Kontext von Evangelisation sind sie dann eben doch höchst problematisch.

Problematisch finde ich zum einen das dahinterstehende Menschenbild, das mir oft bei Evangelisation begegnet. Da ist der Mensch per se einfach ein ganz verdorbener, sündiger, pervertierter, verdrehter Mensch, ein Geschöpf, das alle Ehre, alle Achtung des Schöpfers verloren hat. Also man zeichnet ein ganz negatives Bild: Von einem Ungläubigen kann überhaupt nichts Positives kommen, in dessen Herzen wohnt nur Böses, nur Sünde. Und deswegen muss er ja unbedingt erlöst werden. Ganz schnell wird dann der Römerbrief zitiert, wo Paulus das so beschreibt, denn da heißt es: „Da ist keiner, der gerecht ist, auch nicht einer. Da ist keiner, der verständig ist, da ist keiner, der nach Gott fragt. Da sind alle abgewichen, alle sind untüchtig geworden. Da ist keiner, der Gutes tue, auch nicht einer. Ihr Schlund ist ein offenes Grab, und mit ihren Zungen handeln sie trügerisch. Otterngift ist unter ihren Lippen, und ihr Mund ist voll Fluchens und Bitterkeit, ihre Füße sind eilends, um Blut zu vergießen“ und so weiter.

Also Paulus sammelt da aus dem ganzen Alten Testament Stellen heraus, die ein ganz negatives Menschenbild zeichnen und will dadurch deutlich machen, dass die Menschen dringend erlösungsbedürftig sind. Und natürlich stimmt das. Menschen sind erlösungsbedürftig. Wir alle brauchen die Veränderung und die Heilung von Jesus. Aber in diesem Kontext  geht es darum, dass Paulus einfach aufzeigen will, dass alle Menschen vor Gott schuldig sind und dann ohne des Gesetzes Werk rein aus seiner Gnade errettet werden. Also er malt bewusst ein ganz düsteres Bild des Menschen, damit die Erlösung und die Gnade und die Güte Gottes umso heller leuchten.

Aber es wäre natürlich fatal, aus diesen paar Versen sein gesamtes Menschenbild und seine gesamte Anthropologie abzuleiten. Natürlich ist ein Mensch nicht nur böse, und es stimmt einfach nicht, dass da keiner ist, der Gutes tue, auch nicht einer. Der Satz stimmt einfach aus dem Zusammenhang gerissen so nicht. Es gibt eine Menge Menschen, die Gutes tun. Am Ende ist jeder Mensch in der Lage, Gutes und Böses zu tun. Wir haben immer beides in uns. Und selbst der schlimmste Mensch hat irgendwo Gutes, kann vielleicht seinem frisch geborenen Baby oder seinen Eltern gegenüber Gutes tun. Also es wäre viel zu einfach, so ein Schwarz-Weiß-Menschenbild zu malen bloß wegen solchen Bibelstellen.

Und wenn das dann im Hintergrund der Evangelisation steht, dann hat man einfach einen ganz schrägen Blick auf all die Menschen, denen man da begegnet, mit denen man über den Glauben redet: Innerlich schwingt dann immer mit, das ist eigentlich ein ganz, ganz hundsmiserabler Mensch. Und wenn der jetzt nicht Jesus findet, dann ist Chaos vorprogrammiert. Da kann ja gar nichts Gutes von dem kommen.

Das sind einfach so Glaubenssätze, die ein falsches Licht auf die Menschen um uns herum werfen. Das setzt Menschen herab, das macht Menschen klein, das lässt uns als diejenigen, die das Evangelium kennen und erlöst sind, auf die anderen herabblicken, es bringt uns in eine moralische Überlegenheit, wir halten uns grundsätzlich für die Besseren, selbst wenn wir das nicht sagen, weil – innerlich schwingt das mit, und letztlich nehmen wir auch nichts von diesen Menschen an, denn die haben uns eigentlich nichts zu sagen, denn „auf ihren Lippen ist immer nur Fluch und Bitterkeit und Tödliches“. Von denen kann eigentlich nichts Gutes kommen, deswegen muss ich die Menschen auch gar nicht ernst nehmen. Und das halte ich für sehr problematisch.

Dann gibt es einen anderen Satz einen anderen Bibelvers, den ich auch für sehr problematisch halte im Kontext von Evangelisation. Den habe ich auch als junger Christ immer wieder zitiert. Er war für mich wirklich wegweisend in meiner Sicht der Welt und des Lebens. Und dieser Vers hat mit nicht mit unserer Sicht des Menschen zu tun sondern mit der Sicht der ganzen Welt. Da heißt es nämlich im ersten Johannesbrief Kapitel 2, ab Vers 15:  „Habt nicht lieb die Welt, noch was in der Welt ist. So jemand die Welt lieb hat, in dem ist nicht die Liebe des Vaters. Denn alles, was in der Welt ist, des Fleisches Lust und der Augen Lust und hoffärtiges Leben, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt. Und die Welt vergeht mit ihrer Lust. Wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit.“

Auch dieser Satz, dieser Bibelvers, setzt in unsere Köpfe etwas ganz Gefährliches: auch hier wiederum die völlige Verdorbenheit dieser Welt. Wir Christen, wir sind die Erretteten, wir sind Bürger eines neuen Reiches, wir gehören zum Reich Gottes, und da draußen ist einfach alles  böse, alles verdorben, alles voller Lust, Fleischeslust, Augenlust und so weiter. Da geschieht nichts, was Gott gerne hat. Und dann gibt es wieder so diese Abwertung, dieses Zwei-Klassen-Denken, und man entwickelt einfach so eine Abneigung gegen diese Welt und alles, was von der Welt kommt: Nichts davon ist lehrreich, nichts davon ist hilfreich, es ist alles verdorben. Die Bibel sagt es doch ganz klar: Alles, was in der Welt ist, gefällt Gott nicht.

Und dann hat man so eine abwertende Haltung und fühlt sich vollkommen gerechtfertigt von der Bibel her, wenn man sich überlegen, erhaben, besser und heiliger fühlt. Aber derselbe Johannes schreibt in seinem Evangelium in Kapitel 3, Vers 16:  „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt dass er seinen einzigen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern das ewige Leben hat.“ Da steht das gleiche griechische Wort für Welt, nämlich Kosmos. Also auf der einen Seite müssen wir uns bewusst machen, Gott liebt diese Welt so sehr. Der schaut nicht auf diese Welt und empfindet einfach nur Ekel und Abscheu. Er sieht diese Welt, und er empfindet Erbarmen. Er empfindet Gnade und will diese Welt retten. Diese Haltung der Welt gegenüber muss uns prägen: eine ganz große Liebe,  Erbarmen mit dem, was wir um uns herum erleben und nicht dieser Blick von oben herab auf die Verdorbenheit der ganzen Welt.

Zudem ist das natürlich ein ganz erlösungstheologischer Aspekt des Glaubens. Und ich habe das in meinem zweiten Buch in einem ganzen Kapitel beschrieben, den Unterschied zwischen schöpfungstheologischem und erlösungstheologischem Denken. Und beim erlösungstheologischen Denken, das wir an verschiedenen Stellen der Bibel natürlich finden, geht es darum, dass eben die Welt tatsächlich eine gefallene Schöpfung ist, die Erlösung nötig hat. Es gibt aber auch ein schöpfungstheologisches Denken. Das geht nicht von Genesis 3, dem Sündenfall, aus, sondern von Genesis 1 und 2 und macht eben deutlich, dass diese Welt wunderbar gemacht ist, dass alle Menschen Ebenbild Gottes sind, dass Gott ungeheuer viel Gutes und Schönes und Wertvolles in diese Welt, in diesen Kosmos hineingelegt hat.

Und beide Spuren verfolgt die Bibel in ihrer Mehrstimmigkeit, und sich nur auf eine Seite zu schlagen, wird eben dem Ganzen nicht gerecht. In meinem Buch schreibe ich dazu: Wer nur erlösungstheologisch denkt, ist immer wieder verstört, wenn er Gutes, Gerechtes, Barmherzigkeit und tiefe Liebe außerhalb des Christentums entdeckt. Wie kann das sein, wenn das einzige Narrativ darin besteht, in einer gefallenen und verdorbenen Welt zu leben? Und wer nur schöpfungstheologisch denkt, ist immer wieder verstört, wenn er Böses, Ungerechtes Grausames und Hasserfülltes in der Welt sieht. Wie kann das sein, wenn das einzige Narrativ darin besteht, in einer Schöpfung zu leben, deren Menschen im Bilde Gottes geschaffen sind? Evangelisation wird toxisch, wenn man nur erlösungstheologisch denkt und nur solche Bibelverse wie aus dem ersten Johannesbrief heranzieht.

Dann hört man im Kontext von Evangelisation immer wieder den Satz: „Du bist die einzige Bibel, die die Menschen vielleicht jemals lesen werden.“ Dieser Satz, der hat seine Berechtigung. Paulus kann davon sprechen, dass wir ein Brief Christi sind, der von allen Menschen gelesen wird, und gleichzeitig legt es einen ungeheuren moralischen Druck auf unsere Schultern: Die einzige Bibel, die die Menschen je lesen werden, ist mein Leben. Ich muss also total biblisch sein, ich muss gehorsam sein, mir darf kein Fehler unterlaufen, ich darf nicht lauwarm sein, ich muss vollkommen ehrlich sein und aufrichtig sein und liebevoll sein und so weiter. Und man merkt: Das schaffe ich gar nicht, dem Anspruch werde ich gar nicht gerecht. Wenn ich die einzige Bibel bin, die die Menschen je lesen, boah, dann, das packe ich nicht, das schaffe ich gar nicht. So moralisch, so heilig, so anständig bin ich nicht, das halte ich nicht durch. Ich schreie auch mal meine Kinder an, mein Mann und ich oder meine Frau und ich, wir haben auch mal Streit. Mit dem Nachbarn gab es jetzt gerade Ärger, an der Arbeitsstelle verstehe ich mit einem Kollegen oder einer Kollegin nicht. Und wir merken, boah, das dürfte alles nicht sein. Also man kann gar nicht mehr normal leben. Sondern überall hat man über sich dieses Über-Ich. Du bist die einzige Bibel, die je gelesen wird von manchen Menschen. Wenn du die Bibel nicht repräsentierst, dann gehen die Menschen verloren. Am Ende gehen die Menschen verloren, weil ich nicht vorbildlich genug war, weil ich nicht heilig genug gelebt habe, weil ich nicht alles umgesetzt habe, wozu die Bibel mich auffordert und so weiter. Das macht den Leuten wahnsinnig Druck und wird am Ende dadurch auf Dauer eben zu etwas Toxischem.

In eine ähnliche Richtung geht ein weiterer Satz, den ich in meiner Jugend immer wieder gehört habe, im Kontext von Evangelisation, und da wurde nämlich Hesekiel 3, Vers 18 zitiert. Da bekommt Hesekiel den Auftrag, die Gottlosen zu warnen vor dem Gericht, und dann heißt es: „Wenn ich dem Gottlosen sage, du musst des Todes sterben, und du warnst ihn nicht und sagst es ihm nicht, um den Gottlosen von seinem gottlosen Wege zu warnen, damit er am Leben bleibt, so wird der Gottlose um seiner Sünde willen sterben, aber sein Blut will ich von deinen Händen fordern.“  Also Hesekiel wird gesagt, du musst die Gottlosen warnen vor dem Gericht und wenn sie sich nicht warnen lassen, dann ist das ihr Problem. Hauptsache, du hast es gesagt. Wenn du es aber nicht sagst, dann werden die immer noch für ihre Sünden bestraft, aber ihr Blut, das fordere ich von dir, denn du hast es versäumt. Und mit diesem Vers hat man mich damals wahnsinnig unter Druck gesetzt: Wenn du nicht evangelisierst, wenn du die Gottlosen nicht warnst, dann wird Gott ihr Blut von deinen Händen fordern, dann machst du dich mitschuldig, dann geht ihre Verlorenheit auf dein Konto, auf deine Kappe.

Das lädt uns eine ungeheure Last auf. Wir schwache Menschen sind plötzlich verantwortlich für das ewige Schicksal anderer Menschen. Da wird ja jedes Gespräch, das wir führen mit irgendjemandem immer gleich beladen mit dem ewigen Schicksal dieses Menschen. Da kann man gar kein normales Gespräch mehr führen, gar keine normale Freundschaft. Da habe ich im Hinterkopf immer diesen Druck, wenn ich den nicht warne, dann bin ich dran schuld, dann wird Gott von mir sein Blut fordern. Das pervertiert uns ja in unserer ganzen Beziehungsfähigkeit, da kann man ja mit keinem Menschen mehr ein normales Gespräch führen, weil im Hintergrund müssen wir immer die Warnenden sein, die auch den besten Freund und den nettesten Kerl immer auf seine Sünde, auf seine Verlorenheit hinweisen müssen, das müssen wir machen, nur dann sind wir aus dem Schneider.

Und mir wurde das wirklich genau so beigebracht. Das war die Motivation, die wir auf diesen Freizeiten oder in meiner ersten Gemeinde immer wieder gehört haben. Und das ist wirklich etwas Krankmachendes. Und ich habe das später als Pastor auch so gemacht. Und ich muss da wirklich öffentlich sagen, das tut mir leid! Das war ganz furchtbar von mir!

So, ein weiterer Satz, der mir immer wieder mitgegeben wurde beim Thema Evangelisation, das ist eine Anweisung des Paulus an Timotheus im 2. Timotheus 4, Vers 2.: „Predige das Wort, stehe dazu, es sei zur Zeit oder zur Unzeit. Weise zurecht, drohe, ermahne mit aller Geduld und Lehre.“ Das ist mal eine sehr problematische Übersetzung von Luther. Eigentlich geht es darum: Steh zum Wort Gottes, ob es gerade passend ist dort, wo du bist, oder ob es dort eher unpassend ist, weil die Menschen sagen, das ist ein falscher Glaube oder du dafür verfolgt würdest sogar. Steh zum Wort Gottes, egal ob es gerade einfach ist oder schwerfällt. Das ist eigentlich die Idee.

Was wir daraus gemacht haben, ist: Predigt das Wort, evangelisiere, ob es die Leute hören wollen oder nicht. Das ist wieder die Art Rechtfertigung dafür, anderen zu jeder Zeit die Botschaft des Evangeliums, ihre Verlorenheit oder Traktate oder die Bibel um die Ohren zu schlagen, ob sie offen sind dafür oder nicht, ob sie es hören wollen oder nicht, ob sie sagen, nee, danke oder nicht. Das ist so die Rechtfertigung aus der Bibel, du kannst jederzeit auf die Leute losgehen mit dem Evangelium,  du brauchst kein Taktgefühl. Es geht letztlich um die ewige Verlorenheit, da geht es nicht darum, ob die Leute es gerne hören, ob sie dich einladen dazu, ob sie dich freundlich willkommen heißen  – es geht um ihre Ewigkeit. Und das musst du zu jeder Zeit, ob es passt oder nicht, ob sie gerade bereit sind, ob sie offen sind, ob sie es hören wollen oder nicht, du sagst ihnen das Evangelium. Das macht dieser Vers, und auch das finde ich fatal. Das hinterlässt so einen ganz schlechten Ruf von Christen, die Menschen überhaupt nicht wahrnehmen.

Da geht es überhaupt nicht ums Gegenüber. Da wird jeder Mensch zum Missionsopfer. Und ich kann mit ihm machen, was ich will, sozusagen. Es geht nicht darum, ob er es gerade hören will und wie er sich gerade fühlt, in welcher Situation er steht, was er brauchen würde. Nein, ganz egal, Zeit oder Unzeit, ich predige das Evangelium. Das hinterlässt einen ganz schlechten Geschmack bei den Menschen, mit denen wir reden.

Heute glaube ich wirklich, dass kein Mensch die Verantwortung für das Heil eines anderen trägt. Wir sind keine Retter, wir sind Gefährten. Kein liebender Gott würde das ewige Schicksal jemals an fehlbare, ängstliche, unvollkommene Menschen wie uns auslagern. Das Gewicht des Heils, das gehört allein der göttlichen Liebe, die weitaus fähiger, geduldiger mitfühlender und vertrauenswürdiger ist, als wir es jemals sein können!

Und ich glaube wirklich, dass wir nicht Vollkommenheit verkörpern müssen. Ich glaube, dass unsere Präsenz, unser wirkliches Dasein in der Nachbarschaft anderen Menschen gegenüber, sie wertschätzen,  da sein wichtiger ist als unsere moralische Leistung. Menschen begegnen Gott durch authentische menschliche Verbundenheit und nicht durch das Beobachten von moralischer Leistung oder besonders  moralischem Verhalten.

Ich glaube, deswegen macht auch der Alpha-Kurs so Furore und wird ja in vielen Gemeinden gelebt, weil das so eine ganz andere Ebene ist, miteinander ins Gespräch kommen. Die Fragen der Menschen sind wichtig. Man nimmt sich Zeit, man isst zusammen. Also es geht wirklich um Präsenz und nicht nur darum, einfach irgendwo das Evangelium zu verkündigen, auf die Straße zu gehen, eine Evangelisation zu veranstalten und so weiter.

Ich finde, da hat sich durch den Alpha-Kurs ganz vieles verbessert. Problematisch ist es jedoch, wenn der Alpha-Kurs nur zu einem weiteren Mittel, zu einer Methode wird, dahinter aber die gleichen Überzeugungen stehen, dass die Menschen tief verdorben sind, dass wir die Welt hassen sollen und so weiter. Dann haben wir nur die Methode verfeinert. Wir sind eleganter geworden, aber in unserem Herzen finden sich immer noch die gleichen Glaubenssätze über diese Welt und über die Menschen, denen wir begegnen.

Und dann bleibt das eben auch problematisch.

Zu guter Letzt geht es auch darum, dass ich merke, dass ich mich nicht mehr über jede Evangelisationsbemühung und vor allem über jede Bekehrungsbemühung freuen kann. Lange Zeit dachte ich, die Lösung für unsere Welt ist, dass einfach mehr Menschen zum Glauben finden müssen.  Dann wird die Welt automatisch ein besserer Ort. Aber davon bin ich heute eben nicht mehr überzeugt. Nicht jede Art von Christ, und nicht jede Form von Glauben machen Menschen zu besseren Menschen und die Welt zu einem besseren Ort. Also angesichts von Fehlentwicklungen im pharisäischen Judentum muss Jesus sagen in Matthäus 23,15 „Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler, ihr reist über Land und Meer, um einen Menschen zu bekehren, und dann macht ihr aus ihm einen Sohn der Hölle, der doppelt so schlimm ist wie ihr selbst.“

Also je nach Bekehrungsumfeld kann es mit einem Menschen und seinem Charakter durch den neu gefundenen Glauben auch schlimmer werden als zuvor! Das ist offensichtlich keine neue Erkenntnis. Ich entdecke in mancher Ausprägung des evangelikalen oder fundamentalistischen Christentums – gerade aktuell im amerikanischen Evangelikalismus – so viel Liebloses, Hartherziges, Unbarmherziges, Verurteilendes, Richtendes, Demokratiefeindliches, Arrogantes, Fremdenfeindliches, Frauenfeindliches, Nationalistisches und Materialistisches, dass ich mich gar nicht daran freuen kann, wenn Menschen in diese Kreise hineinbekehrt werden. Zu oft verlieren sie infolgedessen ihr kritisches Denken, ihre Menschenfreundlichkeit, ihre Offenheit, ihre Toleranz anderen Lebensentwürfen gegenüber und so weiter. Sie radikalisieren sich, entwickeln Scheuklappen, verurteilen Menschen, grenzen sich ab, befürworten Gewalt, glauben Verschwörungstheorien, werden blind für Ungerechtigkeit und Autoritarismus. Sie entfernen sich im Namen des neugefundenen Glaubens am Ende mehr und mehr von den zentralen Botschaften der Bergpredigt.

Also insofern merke ich, natürlich freue ich mich, wenn Menschen Jesus kennenlernen. Wenn das aber in einem Umfeld geschieht, wo es am Schluss schlimmer mit ihnen wird wie zuvor, wie bei den Pharisäern, dann kann ich mich ehrlich gesagt nicht wirklich darüber freuen. Und diese Art von Glaube, den ich gerade als in den letzten Sätzen beschrieben habe, der beinhaltet ganz oft auch die anderen Sätze über Evangelisation, die ich am Anfang des Podcasts genannt habe und die ich als so problematisch und toxisch empfinde.

So – und jetzt? Evangelisation kritisieren, das kann jeder. Aber wie soll es denn dann gehen? Was wäre denn die Alternative? Das werden jetzt vielleicht manche von euch fragen. Und deswegen würde ich gerne abschließen mit einem kurzen Ausschnitt aus meinem neuen Buch, wo es darum geht, wie könnte man die Evangelisation auch noch anders denken. Und da zitiere ich jetzt aus meinem eigenen Buch:  „In der Aussage des Theologen Fulbert Steffensky entdecke ich eine der schönsten Definitionen von Mission. Er versteht Mission als gewaltlose und ressentimentlose Werbung für die Schönheit eines Lebenskonzepts. Steffensky meint weiter, ich werbe für den Glauben, indem ich ihn lebe und indem ich ihn erkläre. Eine andere Werbung gibt es nicht. Wenn ich etwas liebe, wenn ich an etwas glaube, dann liegt es im Wesen dieser Liebe und dieses Glaubens, dass ich sie öffentlich zeige. Mission heißt nicht, darauf aus sein, dass alle anderen unseren Glaubensweg gehen. Es gibt andere Wege des Geistes und andere Dialekte der Hoffnung als unsere eigenen. Wir Christen haben es nötig dass wir öffentlich werden. Dass dieses Christentum nicht in seinem Winkel bleibt. Ich wünsche uns die Gewissheit des Glaubens und ich wünsche uns, dass wir charmant finden, woran wir glauben Dann werden wir heil und dann werden andere an uns heil. Steffensky plädiert für eine Sichtbarkeit und Sprachfähigkeit der Kirche und des einzelnen Christen. Wir müssen uns des Evangeliums und seiner befreienden Botschaft wirklich nicht schämen. Aber Werbung für die Schönheit eines Lebenskonzeptes liegt mir so viel näher, als eine Drohbotschaft, die mit Hölle und Strafe die Umkehr der Menschen erreichen möchte.“  Soweit der Ausschnitt aus meinem Buch.

Ich glaube, dass in vielen Gemeinden heute wundervolle Modelle gefunden wurden, wie man Menschen mit dem Evangelium erreichen kann. Ich glaube, es gibt nicht mehr viele Orte, wo Evangelisation so abläuft, wie ich es vielleicht selbst in meiner Jugend und meinen ersten Gemeindeerfahrungen erlebt habe. Das ist nicht der Punkt. Ich glaube, heute machen das Gemeinden viel besser. Aber…  inhaltlich, von der Haltung her, glaube ich, begleiten ganz viele Christen diese Sätze und diese Überlegungen, wie ich sie in diesem Podcast geschildert habe, nach wie vor.

Und wenn dieser Podcast dazu beitragen kann, sich mal davon zu befreien und diese schönen Evangelisationsmethoden, die es heute gibt, die kreativen, die einladenden, die wohlwollenden, die wertschätzenden Formen jetzt auch noch mit einer entsprechenden Herzenshaltung zu verbinden und nicht hintendran immer noch dieses Drohszenario und diese Abwertung zu haben, dann stimmt das Gesamtpaket, und ich glaube, dann spüren die Menschen auch nicht nur an der Veranstaltung, sondern auch an uns selbst, an unseren Herzen, wie wir es wirklich meinen.

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