MC 228: Der „Sündenfall“ – Von Gottesvergiftung und der Angst vor der Erkenntnis (Urgeschichte #4)
In dieser Folge von Movecast Duo tauchen Martin Benz und Martin Thoms tief in eines der bekanntesten, aber auch am meisten missverstandenen Kapitel der Bibel ein: Genesis 3. Vielleicht geht es bei diesem Text gar nicht um die klassische Erzählung von der bösen Schlange und dem moralischen Versagen – die beiden Theologen legen vielmehr Schichten frei, die ein völlig neues Licht auf das menschliche Bewusstsein und unser Gottesbild werfen.
Kernpunkte der Episode:
- Die Schlange als „Gottesvergifter“: Die Schlange wird hier nicht als der personifizierte Teufel (der in der Tora so nicht vorkommt), sondern als Metapher für den schleichenden Zweifel an der Güte Gottes gedeutet. Sie setzt ein „Aber“ hinter die Liebe Gottes und verwandelt den befreienden Gott Jahwe in einen namenlosen, fordernden Elohim.
- Sünde als Angstreaktion: Der „Sündenfall“ beginnt nicht mit Rebellion (Hybris), sondern mit einem vergifteten Gottesbild. Die daraus resultierende Angst treibt den Menschen dazu, sich vor Gott zu verstecken, anstatt die Gemeinschaft zu suchen.
- Erkenntnis von Gut und Böse: Entgegen der verbreiteten Meinung, der Mensch wolle hier selbst definieren, was richtig ist, geht es um die Erlangung von Einsicht (Haskil). Diese Erkenntnis ist die notwendige Bedingung für menschliche Verantwortungsfähigkeit.
- Die Ambivalenz der Wirklichkeit: Genesis 3 beschreibt den Übergang vom „unmündigen Baby-Zustand“ im Garten Eden hin zum verantwortungsvollen Menschsein. Erst jenseits von Eden entfalten sich Handwerk, Kultur und das Lebensgeheimnis, doch alles ist nun untrennbar mit Mühe und Schmerz (Ambivalenz) verbunden.
- Was ist Sünde wirklich?: Martin Benz definiert Sünde als Entmenschlichung. Die Geschichte im Garten Eden schildert nicht den ersten Sündenfall, sondern schafft die „Bedingung der Möglichkeit“, dass der Mensch sich bewusst für das Gute oder das Böse entscheiden kann.
Kapitelübersicht:
- 00:00 Begrüßung und Einführung in Genesis 3.
- 04:30 Warum die Schlange im AT nicht der Teufel ist.
- 07:15 Die dreifache Verdrehung: Wie die Schlange das Gottesbild vergiftet.
- 12:00 Erste Deutung: Sünde als Folge eines falschen Gottesbildes.
- 15:50 Zweite Deutung: Die Ambivalenz der Wirklichkeit und das Erwachsenwerden.
- 20:10 Erkenntnis als Ziel der biblischen Weisheit.
- 26:40 Die Erbsünde: Ein Verhängnis, das der persönlichen Schuld vorausgeht.
- 31:20 Fazit: Verantwortung und moralisches Bewusstsein.
Weiterführende Informationen: Das neue Buch von Martin Thoms zur Urgeschichte erscheint im April 2026. Weitere Infos und Webinare finden Sie unter www.martinthoms.de.
Haben Sie Fragen zur Folge oder eigene Gedanken zum Thema Gottesbild? Schreiben Sie uns oder besuchen Sie movecast.de für weitere Ressourcen.
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Transkript
Martin Benz: Willkommen zu Movecast Duo, dem Podcast, der etwas bewegen möchte. Mein Name ist Martin Benz.
Martin Thoms: Und ich bin Martin Thoms. Und jetzt geht’s los.
Martin Benz: Martin Thoms ist wieder mein Gast, und ich würde gerne vorausschicken: Mir war es wichtig bei dieser Podcast-Reihe, wirklich auf das Buch von Martin einzugehen, dass er das vorstellen kann. Denn ich habe selber schon vor längerer Zeit – ist sogar schon ein paar Jahre her – eine ganze Podcast-Reihe gemacht zu dieser Urgeschichte, und das findet ihr auf meiner Webseite https://movecast.de/schoepfungserzaehlung . Dort habe ich sechs Folgen zur Urgeschichte schon einmal gemacht, ein bisschen mehr mein Take auf das Ganze, aber das ist ja parallel zu dem, was auch der Martin gemacht hat. Einfach das vorausgeschickt, aber jetzt steigen wir ein. Martin, dein neues Buch, das im April rauskommt, geht über die Urgeschichte. Und nachdem wir jetzt schon einige Kapitel Genesis 1 und 2 abgearbeitet haben, kommen wir jetzt zu Genesis 3, allgemein bekannt unter dem Sündenfall. Was es damit auf sich hat, da hast du gleich zwei Deutungen für uns mitgebracht, und ich bin sehr gespannt darauf.
Martin Thoms: Ja, das ist tatsächlich eine der Geschichten, die für mich am aller-allermeisten jetzt einen Bedeutungsumschwung bekommen hat durch die intensive Auseinandersetzung mit diesen Texten. Übrigens, wenn man mal wissen will, wie es überhaupt dazu kam: Ich habe mit meinem Alttestamentler – mein alttestamentlicher Lehrer und Freund – mehrere Jahre lang, also es waren genau zwei, intensivst immer Wanderungen gemacht, und wir haben die ganze Zeit über die Urgeschichte gesprochen und haben Wort für Wort das Ganze übersetzt und durchgenommen und haben Entdeckungen geteilt. Und aus der jüdischen Tradition, aus der aktuellen Exegese und so weiter, so kam das dann alles zustande.
Und das, was man jetzt eben in Genesis 3 sehen kann – die Geschichte, die traditionellerweise als Sündenfall interpretiert wird –, was man hier jetzt am besten sehen kann, auch in der Art und Weise, wie ich das in dem Buch beschreibe, ist, wie wir schon in der ersten oder zweiten Folge sagten, dass mythologische Texte, also Erzählungen, immer einen Bedeutungsüberschuss haben, einen Sinnüberschuss. Also niemals sich auf eine einlinige Deutung festnageln lassen, nie. Das geht nun mal nicht, weil es keine abstrakten Sätze sind, die einander komplett nicht widersprechen dürfen, sondern nein, die Welt eines Textes ist immer pluraler. Also es ist, wie ich gesagt habe, wie ein Teppich, und es gibt verschiedene Fäden, denen man jetzt nachgehen kann. Weil diese Texte ja selbst, das muss man entstehungsgeschichtlich einfach mal so sagen, diese Texte selbst, mit denen wir es jetzt zu tun haben, sind ja selbst über längere Zeit gewachsen. Das heißt, hier haben auch unterschiedliche Autorenschaften unterschiedliche Aussagen über die Wirklichkeit als Ganze reingearbeitet.
Martin Benz: Man muss ja auch schauen, die jüdische Art und Weise der Bibelauslegung im Talmud funktioniert ganz genau so: dass verschiedene Stränge zusammenfinden; man hat nichts einfach so weggelassen und gesagt „Ah, diese Auslegung brauchen wir nicht“. Nein, man wollte die unterschiedliche Weisheit in der Deutung bewahren, und deswegen haben wir zum Teil sehr unterschiedliche Deutungen im Talmud zu alttestamentlichen Geschichten.
Martin Thoms: Ja, und deswegen sieht man dann bei mir im Buch: Essay 6 ist die eine Deutung und Essay 7 ist die andere Deutung. Aber beide Deutungen haben nichts oder fast gar nichts mit dem zu tun, wie ich das damals gedacht habe. Also für mich war das damals so: Gott hat die Welt gut geschaffen, historischer Anfang, ne? Haben wir jetzt ja schon gesagt, das ist nicht der Sinn dieser ganzen Sache. Und dann historischer Anfang, vor 6000 Jahren oder was auch immer – habe ich nicht drüber nachgedacht, wie lange das her sei –, sind da zwei Menschen, Adam und Eva, die jetzt in einem Garten sitzen, den man auf dieser Welt verorten kann, also archäologisch ausgraben könnte. Und dort kommt jetzt eine Schlange, und diese Schlange ist Symbol für den Teufel und versucht die Leute jetzt abzubringen.
Und dann wurde gesagt: Die Sünde kommt in die Welt, weil Adam und Eva sich gegen Gott entscheiden. Sie lehnen sich auf gegen Gott, es ist ein Akt der Hybris, sie wollen ihr Leben selbst in die Hand nehmen, wollen selbst Herr ihres eigenen Lebens sein, sind nicht demütig, ordnen sich nicht Gott unter. Also die Sünde besteht in einem Akt der Rebellion, der daran deutlich wird, dass man selbst entscheiden möchte, was gut und böse ist. Und so wurde dann auch gesagt: Erkenntnis von Gut und Böse heißt, der Mensch möchte jetzt selbst definieren, was gut und böse ist, und nicht mehr, was Gott sagt, was gut und böse ist. Das ist so die Deutung…
Martin Benz: Wunderbar zusammengefasst, genau, das ist die klassisch evangelikale Deutung vom Sündenfall.
Martin Thoms: Richtig. Das war Genesis 3. Und jetzt ist natürlich die erste interessante Beobachtung, dass es erst einmal in der gesamten Tora – das sind die fünf Bücher Mose – nirgendwo einen Teufel gibt. Also die Schlange kann schon mal nicht der Teufel sein. In der ganzen Tora gibt’s keinen Teufel. Überhaupt gibt es im Alten Testament nur an drei Stellen so etwas wie einen Teufel, wo er aber auch teilweise etwas anderes meint. Also es ist niemals eine autonom handelnde Macht.
Und die Schlange ist erst recht nicht der Teufel, weil – wenn diese Schlange der Teufel wäre und wenn Genesis 3 ein Sündenfall wäre, ja wie es bei uns auf dem The Four-Armband ist, ja? Erster Punkt: Gott schafft. Zweiter Punkt: Die Sünde kommt, und dann kommt ganz lange nichts, dann kannst du die ganze Bibel wegschmeißen, und dann kommt das Kreuz erst wieder. Und dieser zweite Punkt der Sünde, der Sündenfall, der taucht schlichtweg im ganzen Alten Testament nicht auf. Also nirgendwo im Alten Testament findet man den Verweis: „Übrigens Leute, wir sind ja in der Sünde gefangen, erinnert ihr euch damals, war Adam das doch“. Das gibt’s nicht! Aber wenn das jetzt einer der entscheidendsten, der zweite von vier Punkten wäre, dann müsste man doch irgendwo mal Bezug darauf nehmen. Paulus nimmt dann Bezug darauf, aber er macht das anders, im Sinne einer Adam-Christus-Typologie, wo er es versucht: ja, die Menschheit ist eine gebrochene in Adam und in Christus eine gerechtfertigte. Aber da geht er auch nicht davon aus, dass das jetzt alles historische Einzelpersönlichkeiten seien, sondern es ist eine Typologie, ein Modell. Das ist was anderes.
Martin Benz: Da gibt es das Wort „Typos“, das steht im Römerbrief Kapitel 5 bei dieser Typologie. Es geht um einen Typus und nicht um eine historische Geschichte, die Paulus da aufgreift.
Martin Thoms: Ja, das ist jetzt nur mal ganz kurz vorweggegriffen. So, und dann wird man eben feststellen, jetzt kommt da diese Schlange. Und Schlange, eine neue Figur, tritt auf den Plan. Genesis 2 und 3 hängen auch ganz eng zusammen. Genesis 1 und 2 hängen nicht miteinander zusammen, die sind unterschiedlich entstanden. Genesis 2 und 3, also die Geschichte vom Garten, und jetzt sind Mann und Frau da, und jetzt Genesis 3 eben das mit der Schlange, das hängt ganz dicht zusammen.
Jjetzt taucht diese Schlange auf, und Schlangen waren natürlich in der damaligen Welt was ganz Faszinierendes, was Unheimliches, weil es zwar Lebewesen sind, die trotzdem aber kalt sind. Normalerweise sind Lebewesen ja warm, aber die Schlangenhaut ist kalt. Und sie tötet nicht durch Gewalt, sondern durch Gift. Also irgendwie ist das noch mal was Perfides. Irgendwie hat die Schlange was Geheimnisvolles, und deswegen ist sie besonders listig, besonders schlau. Ja, sie muss da nicht verprügeln, sondern sie macht das irgendwie anders.
Und interessant ist jetzt, was diese Schlange sagt. Diese Schlange sagt: „Hat Gott wirklich gesagt, von allen Bäumen des Gartens dürft ihr nicht essen?“ Hat Gott wirklich gesagt, von allen Bäumen des Gartens dürft ihr nicht essen? Und jetzt liest man das so und denkt sich: „Ja nun, gut“. Aber hier in diesem einen Satz „Hat Gott wirklich gesagt, von allen Bäumen des Gartens dürft ihr nicht essen?“ steckt bereits eine dreifache Verdrehung drin. Eine dreifache Verdrehung dessen…
Martin Benz: Okay, dreimal lügt die Schlange sozusagen bereits.
Martin Thoms: Ja, in diesem einen Satz dreimal. Da steht in Genesis 2 Vers 16, ein Kapitel vorher heißt es: „Und Gott der Herr…“ Herr ist immer Jahwe. Also hier steht der Gottesname. Und wir haben ja gehört, der Gottesname ist der exklusive Gott Israels, der sich als Befreier dem Mose am Dornbusch offenbart. Also es geht um einen bestimmten Gott, nicht um irgendeinen Elohim, nicht um irgendeinen Gott, sondern es geht hier um den einen Gott, der durch sein befreiendes, wohlwollendes Handeln qualifiziert ist. Und hier steht: „Gott der Herr gebot dem Menschen und sprach: Von jedem Baum des Gartens darfst du essen. Aber vom Baum der Erkenntnis darfst du nicht essen.“ Darauf kommen wir gleich.
Aber hier steht, also die Schlange macht den gleichen Satz. Die Schlange sagt: „Hat Gott nicht gesagt…“ Nur Elohim, nicht Jahwe! Ja, sie lässt einfach Jahwe weg. Also jetzt ist schon mal nicht mehr klar, mit welchem Gott haben wir es zu tun? Elohim ist einfach nur jeder Gott. Ja, Allah ist auch einfach nur eine andere Sprache für Gott, ist Elohim, das ist das Gleiche. Gott ist einfach irgendein Gott. Jeder Philosoph, die alten Philosophen sprachen auch über Gott, aber nicht über Jahwe. Also bei der Schlange geht es jetzt plötzlich um irgendeinen Gott. Also jetzt ist „Gott“ einfach erst mal nur irgend so eine Hintergrundfolie, die aber noch nicht qualitativ bestimmt ist.
„Gott hat…“ Und jetzt heißt es: „Hat Gott nicht gesagt?“ Nein, aber Gott hat geboten! Da steht das Wort Sawa, gebieten. Und „gebieten“ in Genesis 2 Vers 16 hat natürlich eine ganz andere Intensität als nur „gesagt“, ja? Nein, Gott hat nicht gesagt, und es hat auch nicht Gott gesagt, sondern Jahwe. Nein, Jahwe hat nicht gesagt, sondern Jahwe hat geboten! Und gebieten ist ein Dringlichkeit, davon leitet sich auch das Wort Gebot ab, aber es ist natürlich ein Irrtum zu glauben, dass Gebot jetzt immer gleich bedeutet, jetzt kommen strenge Regeln, sondern Gebot kann zum Beispiel auch heißen, Josua 1 Vers 9: „Gott der Herr gebietet Josua: Hab keine Angst“. Ne, das ist ja jetzt kein… Also Gebot hat einfach ein noch viel größeres Gewicht.
Und dann sagt die Schlange: „Von allen Bäumen des Gartens dürft ihr nicht essen.“ Aber Gott hat was ganz anderes gesagt. Gott hat zuerst gesagt: „Von jedem Baum des Gartens darfst du essen.“
Martin Benz: Jawohl, also positiv formuliert.
Martin Thoms: Positiv. Die Schlange rückt das Verbotene ins Zentrum. Sie setzt einfach das „nicht“ ein, und dann plötzlich erscheint alles andere. Plötzlich geht es nicht mehr um Gott, den qualifizierten Gott als Jahwe, der es gut meint, der befreit, und es ist auch nicht mehr ein Gebot, eine Eindringlichkeit, auch gleichzeitig eine Verheißung, und es ist eben nicht mehr die große Freigabe: „Von allen Bäumen darfst du essen“, sondern direkt nur das Verbotene rückt ins Zentrum.
Und was passiert hier? Was ist jetzt hier die Aussage über die grundsätzliche Wirklichkeit? Was steckt da drin? Wir haben gesagt, einen Teufel gibt’s doch gar nicht in der Tora. Im ganzen Judentum gibt’s keinen Teufel als Gegenspieler Gottes, sie würden sagen, ihr Christen macht‘s euch zu leicht, alles auf den Teufel zu schieben. Aber was dann? Es ist doch genial, was hier steht. Das wird jeder Atheist sofort nachvollziehen können. Die Aussage ist: Wie das Gift einer Schlange, schleichend breitet sich der Zweifel an der Güte und Liebe Gottes im Herzen des Menschen aus. Es beginnt nicht mit einer Hybris des Menschen, nicht mit einer Entscheidung gegen Gott, sondern mit einem vergifteten Gottesbild, was mir Gott als jemanden erscheinen lässt, der mir das Gute vorenthält, der nicht mehr der Jahwe ist, sondern irgendein nebulöser Schattengott, irgendein Elohim, einer, vor dem ich mich eigentlich schützen muss. Ich muss mich vor ihm verstecken – das kommt ja dann. Sie verstecken sich dann später und so weiter. Also vor diesem Gott… Wie das Gift einer Schlange… Man könnte sagen, die Schlange ist eine Metapher, ist eine Personifikation in gewisser Weise, eine Metapher eben für genau dieses schleichende Vorgehen, was sich im Herzen des Menschen breit macht. Und damit ist es nichts Moralisches, keine Hybris. Man könnte sagen, die Angst, die Angst vor einem Gott, der aber letzten Endes nur ein falsches Gottesbild ist, das ist der Ursprung der Sünde. Und nicht eine moralische Hybris. Und genau das können wir doch jeden einzelnen Tag beobachten. Ja, wir sitzen da und „Gott liebt dich, Gott ist gütig“ und so weiter, und dann: „Aber, aber er muss dreinschlagen, aber er braucht Blut, aber er muss sogaar noch Menschenopfer sehen, aber, aber, aber“. Und sofort wird die Güte Gottes so sanktioniert. Und warum fallen dann so viele Leute vom Glauben ab? Ja, weil sie sich sozusagen vor diesem monströsen Gottesbild zu Recht abwenden. Und da sehen wir: Die Schlange, die Schlange ist nicht der Satan. Die Schlange ist die fromme Predigt auf der Kanzel, die ein großes „Aber“ hinter die Liebe Gottes setzt!
Martin Benz: Okay. Okay, das ist eine ganz spannende Deutung.
Martin Thoms: Und interessant ist eben, dass jetzt die Frau den Sprachgebrauch der Schlange zunächst einmal übernimmt und sagt: „Von den Früchten der Bäume des Gartens essen wir, aber von den Früchten des Baumes, der in der Mitte steht, hat Gott gesagt: Ihr sollt nicht davon essen, sollt ihn nicht einmal berühren“.
Martin Benz: Hat er auch nicht gesagt, ja. Das hat Gott gar nicht gesagt, ne.
Martin Thoms: Also Gott wird immer weiter… Und übrigens übernimmt Eva… – die Frau noch gibt’s auch keine Eva. Eva heißt sie erst, nachdem sie aus dem Garten raus ist, ist auch ein wichtiger Punkt, kommen wir noch zu. Also die Frau übernimmt jetzt den Sprachgebrauch und spricht auch nur noch von einem Gott, nicht mehr von einem Jahwe. Nur noch von einem Elohim.
Martin Thoms: Also die Schlange hat ja Gift in sich, und deswegen redest du in dem Buch auch letztlich von der Schlange als einer Art Gottesvergiftung. Das heißt, das Gottesbild, die Gottesvorstellung vergiftet sich, und diese Verdrehung von Gottesvorstellungen, die treffen wir eben bis heute an. Und dort wird einfach geschildert: Das ist ein Stück weit etwas, das zum Menschsein hier auf dieser Welt dazugehört, dass wir immer wieder bei falschen Gottesvorstellungen landen, die dann bestimmte Resultate zeigen, nämlich hier, dass ich mich eben vor Gott in Sicherheit bringe und eben gerade nicht mehr auf ihn zugehe.
Martin Thoms: Ja. Und was man eben sehen kann im Alten Testament – und auch im Neuen Testament –, es gibt ja nie einen inneren Monolog. Wenn wir heutzutage Bücher und Erzählungen lesen, dann gibt es ganz oft innere Monologe. Ja, und dann taucht man in die Gedanken ein, in das, was in den Menschen vorgeht. Warum gibt’s keine inneren Monologe im Alten Testament und hier? Weil das natürlich auch abstrakt ist. Das, was bei uns innerer Monolog ist, wird hier eben zum Beispiel deutlich, indem jemand mit Schlangen spricht. Oder mit Eseln. Oder was auch immer. Ne, also dieses Stilmittel „innerer Monolog“ wird hier ganz anders gefasst. Und deswegen ist die Schlange der passende Begriff, um diesen inneren Monolog, diese Zweifel, die sich ausbreiten wie Gift, letzten Endes zu beschreiben. Und deswegen ist dieser Sündenfall hier erst einmal keine moralische Qualität und kein Verschulden des Menschen und auch keine Erklärung für den Ursprung des Bösen. Die Erklärung für den Ursprung des Bösen könnte die Geschichte ja sowieso nicht sein, wenn man sie nicht historisch versteht, sondern mythologisch. Weil sie eben beschreiben möchte, wie zu allen Zeiten immer wieder genau das in die Welt kommt: Dieser Zweifel an der Güte Gottes, an der großen Freigabe Gottes, eben wie das Gift einer Schlange breitet er sich aus. Ja.
Martin Benz: Okay. Ist das schon das Ende der ersten Deutung? Können wir zur zweiten kommen oder hast du da noch…?
Martin Thoms: Wir können zur zweiten.
Martin Benz: Okay, dann… Aber fass es noch mal zusammen für uns. Die Leute denken, Adam und Eva haben etwas falsch gemacht, sie entscheiden sich gegen Gott. Aber was ist denn in Wirklichkeit passiert? Die Geschichte möchte nicht von einem Fall, einer Sünde der Menschheit berichten, sondern davon, dass Menschen sich von einem falschen Gottesbild, einer falschen Gottesvorstellung, nämlich einer negativen, einschränkenden Gottesvorstellung, prägen lassen. Dann wäre aber die Frage: Warum werden sie dann bestraft dafür?
Martin Thoms: Und jetzt sind wir schon bei der zweiten Deutung. Weil das, was ich gerade gesagt habe – und übrigens jede Deutung von Genesis 3, man möge mir eine vorlegen, bei der das nicht zutrifft –, jede Deutung von Genesis 3 muss immer bestimmte Aspekte betonen und bestimmte Aspekte hinten runterfallen lassen, weil es einfach nicht einlinig gedeutet werden kann. Das werden wir nämlich jetzt gleich sehen, denn jetzt kommt meine zweite Deutung. Und die zweite Deutung ist jetzt noch herausfordernder, würde ich sagen – zumindest ist sie das für mich gewesen –, und das ist aber die, die man in alttestamentlichen Kommentaren und so weiter ganz häufig eben finden wird, in dieser oder ähnlicher Weise. Und zwar ist die zweite Deutung noch mal anders.
Da geht es jetzt gar nicht um die Schlange so sehr und um die Wortverdrehung, darauf habe ich gerade den Wert gelegt, sondern jetzt geht es darum, zu sagen: Diese Geschichte, Genesis 3, versucht mythologisch die vorfindliche Wirklichkeit zu deuten. Und wie erleben wir die Wirklichkeit? Als zutiefst ambivalent. Die Wirklichkeit ist ambivalent. Das… Die Urgeschichte, Mythos, ist die Grundlage, die aller Zeiten Grundlage ist. Und insofern… Ja, wieso ist alles so ambivalent? Warum ist Arbeit Erfüllung und zugleich Last? Warum ist Kinderkriegen Erfüllung und zugleich Schmerz? Warum ist…
Martin Benz: Beziehung zur Frau oder zum Mann? Ja, warum ist Beziehung gleichzeitig Freude, Genuss und Konflikt?
Martin Thoms: Ja, und diese Ambivalenz macht unsere Wirklichkeit aus.
Und zum Beispiel modern könnte man sagen: Ohne die Atomphysik würden, glaube ich, die ganzen Handys und so weiter, würde ganz vieles gar nicht gehen. Aber es gäbe auch keine Atombombe. Oder um es mal noch weiter runterzubrechen: Wenn ich nicht lesen und schreiben kann, dann kann ich auch keine Hassnachrichten schreiben. Aber ich kann auch keine Liebesbriefe schreiben. Ja, das ist die Ambivalenz der Wirklichkeit. Und das versucht jetzt Genesis 3 zu beschreiben.
Wie versucht Genesis 3 das zu beschreiben? Und zwar, indem hier gesagt wird, dass der Mensch – Mann und Frau – vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse essen. Davon haben sie vorher noch nicht gegessen. Genesis 2 endet damit, sie sind nackt und schämen sich nicht. Man kann sich das vorstellen wie einen unreifen Zustand eines Babys. Nackt – das Baby ist nackt, schämt sich nicht, es ist für nichts verantwortlich, es kann jetzt aber auch nicht viel Gutes tun, aber auch nicht viel Böses. Ja, also ein Baby ist weder für das Gute noch für das Böse groß verantwortlich, ist einfach ein unmündiges Kind. Und jetzt geht es aber darum, zu beschreiben: Nein, der Mensch ist nicht nur ein Wesen, das auf Gemeinschaft angelegt ist wie in Genesis 2, nein, der Mensch ist auch ein Wesen, was auf Erkenntnis angelegt ist.
Und jetzt müssen wir uns einfach mal in einem ersten Schritt anschauen: Was meint denn Erkenntnis von Gut und Böse? Weil die evangelikale Deutung ist ja: „Ja, ja, der Mensch meint jetzt selber die Zügel in die Hand zu nehmen und definiert, was gut und böse ist. Ja, der Mensch erhebt sich über Gott und definiert, was gut und böse ist“. Dafür steht der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. Aber das steht ja hier nicht. Hier geht’s nicht darum, ich esse vom Baum und dann definiere ich Gut und Böse. Nein, es geht darum, ich esse vom Baum und dann erkenne ich, was gut und böse ist. Ich erkenne das, was Gott in diese Welt hineingelegt hat, was gut und böse ist.
Und was heißt Gut und Böse? Das sind nicht rein moralische Kategorien. Gut, Tow, und böse, Ra. Das sind im Hebräischen Kategorien, die beschreiben, ob das Leben gefördert wird, ob das Leben, wie du es immer sagst, zum Blühen kommt oder eben nicht. Also gut ist alles das, was das Leben zur Fülle bringt, und böse ist alles das, was das Leben einschränkt. Und das sehen wir auch im Sprachgebrauch. Also es gibt zum Beispiel böses Wasser, wenn es modrig und abgestanden ist in 2. Könige 2. Es gibt eine böse Landschaft, und zwar die Wüste, Numeri 20 Vers 5. Ein Tier kann böse sein, das ist ja nicht moralisch böse, nein, es bedroht mein Leben. Die Kühe aus dem Traum von Josef, die sieben mageren Kühe, sind sieben böse Kühe. Ja warum? Weil die für eine Hungersnot stehen und eine Hungersnot nicht unbedingt lebensförderlich ist. Also das Böse ist das, was dem Leben schadet, wohingegen das Gute genau das Gegenteil ist, das, was das Leben zur Fülle bringt, ja, zur Fülle bringt, zum Blühen bringt.
Und das zu erkennen ist doch das gesamte Ziel der Weisheitsliteratur in der Bibel. Und das ist ein zweiter Ansatzpunkt. Es heißt dann nämlich: „Und die Frau sah, dass der Baum gut zur Nahrung war, dass er eine Lust für die Augen war und…“ Jetzt kommt das Entscheidende: „…und dass der Baum begehrenswert war, Einsicht zu geben.“ Einsicht. Also die Frau will von dem Baum essen, nicht, weil sie sagt „Ich nehme mein Leben selbst in die Hand und ich will jetzt – Hybris – mich gegen Gott auflehnen“, nein, dieser Baum gibt Einsicht. Haskil steht hier. Haskil ist in der gesamten Bibel ein so positives Wort. Haskil ist genau das Ziel eines Weisen. Also die ganze Weisheitsliteratur will dich zu Haskil, zur Einsicht führen.
Martin Benz: Die Sprüche sind voll davon: Suche Erkenntnis mehr als alles andere und suche Weisheit. Also da steht genau dieses Wort.
Martin Thoms: Genau. Und das ist der Punkt. Also hier geht es nicht darum, ich definiere Gut und Böse, sondern ich bekomme Einsicht, tiefgreifende Erkenntnis. Also hier steht ja auch Erkenntnis yada, da ist ja nicht nur gemeint, ich verstehe es kognitiv, sondern ich mache es mir ganz zu eigen. Später heißt es: „Adam erkannte Eva“, das gleiche Wort, also ein tiefgreifendes Sich-Hingeben und Anteilnehmen. Also Erkenntnis von Gut und Böse ist im Grunde genommen das, was wir „Heiligung“ nennen. Ja, dass wir tiefgreifend eintauchen in genau das, es uns zu eigen machen und genau darum Bescheid wissen, was dem Leben dient und was es eben zerstört. Und genau das sieht die Frau und genau das ist das Ziel der gesamten Weisheitsliteratur.
Martin Benz: Ja, und es ist ja wirklich seltsam, dass im Rest der Bibel ausdrücklich wir aufgefordert werden zu erkennen, was gut und böse ist, zu unterscheiden und danach zu trachten. Und hier im Garten Eden wird’s verboten. Das ist irgendwie nicht schlüssig. Ich glaube, das ist schon manchem Leser aufgefallen, dass hier Erkenntnis scheinbar so schlecht wegkommt, während im Rest der Bibel Erkenntnis so zentral ist. Paulus kann sogar davon sprechen, dass Gott uns den Geist der Weisheit und der Erkenntnis schenkt. Ja, wenn das so schlimm wäre, wenn wir Erkenntnis hätten, warum schenkt uns dann der Gott seinen Geist gerade dazu?
Martin Thoms: Also um es erst noch mal festzuhalten, also der Punkt ist: Es geht hier irgendwie um die Ambivalenz des Erwachsenwerdens, darum, zu erkennen, was gut und böse ist. Und interessant ist ja auch, dass am Ende von Genesis 3 dann eben Gott selber sagt: „Ja, siehe, der Mensch ist geworden wie einer von uns, zu erkennen Gutes und Böses“. Genesis 3 Vers 22. Also Gott selbst bezeichnet im Grunde genommen den Menschen erst im Stande der Erkenntnis als sein Abbild.
Martin Benz: Jetzt ist er geworden wie wir, genau.
Martin Thoms: Jetzt ist er geworden wie wir. Also die Erkenntnis von Gut und Böse ist hier zumindest ambivalent, wenn nicht bisher erst mal positiv konnotiert. Bisher ist es ja alles, was ich gesagt habe, positiv. So, und jetzt stellt sich aber eben die Frage – und das ist natürlich eine… das kann man nur narrativ in einer Geschichte, in einer Erzählung so ausdrücken –, jetzt stellt sich die Frage: Warum aber verbietet Gott dann in Genesis 2 ein Kapitel vorher, von diesem Baum zu essen?
Martin Benz: Genau, das wäre jetzt die spannende Frage.
Martin Thoms: Das ist die Frage. Weil die gesamte Zeit geht’s darum, Einsicht zu bekommen, Erkenntnis von Gut und Böse zu bekommen. Es geht ja nicht darum, dass der Mensch etwas definiert nach seinem Gutdünken, sondern dass er Einsicht bekommt. Und jetzt verbietet Gott das. Und jetzt, wenn man das so sieht, bleibt einem nichts anderes übrig zunächst, als zu sagen: Ja gut, Gott möchte einfach, dass wir unmündige erkenntnislose Babys bleiben. Nackt im Garten, nichts Gutes erkennen, nichts Böses erkennen. Also Gott hat Interesse daran, dass wir unmündig werden. Ja, also lieber gar nicht schreiben lernen, anstatt dass du auch Hasskommentare schreiben kannst. Aber Liebeskommentare kannst du auch nicht schreiben. Also bleib ruhig im Stande der träumenden Unschuld, so nannte man das.
Und jetzt muss man natürlich sagen, Genesis 2 und 3 – und wir werden das gleich in der Flutgeschichte noch mal sehen, die gleiche Logik – in Genesis 2 und 3 wird etwas narrativ auseinandergeklappt, was eigentlich zusammengehört. Und das geht nur in einer Geschichte, in einer Narration. Wie ist eine Geschichte aufgebaut? Eine Geschichte lebt von einem Vorher und Nachher. Sie ist zeitlich sequenziell, es gibt einen Erzählfluss. Wenn ich jetzt einen abstrakten Satz formuliere, gibt es in einem abstrakten Satz keinen Erzählfluss. Also mein abstrakter Satz ist jetzt: Die Wirklichkeit ist ambivalent. Das ist ja kein Erzählfluss. So, in einer Geschichte kann ich diese Aussage – weil wir haben gesagt, diese mythologische Erzählweise ist nun mal die Art und Weise, wie man in dieser Zeit Aussagen trifft und auch denkt und auch Inhalte rüberbringt und transportiert, das Genre ist Mythos –, dass hier eben es jetzt narrativ ausgestaltet wird.
So, und jetzt wird gesagt, dass es verboten ist. Und aber in Genesis 3 wird erst deutlich: Ja, Erkenntnis von Gut und Böse, von dem, was richtig und auch falsch ist, das kann ich ja erst haben, wenn ich von dem Baum esse. Also mein alttestamentlicher Lehrer und Freund hat das so deutlich gemacht. Er hat gesagt zu uns: „Macht mal alle die Augen zu“. Und dann hat er groß an die Tafel geschrieben: „Du sollst nicht lesen“. Und er hat gesagt: „Macht bitte die Augen auf“. Und dann haben wir diesen Satz gelesen, und erst nachdem wir ihn gelesen haben, konnten wir erkennen, dass wir ihn nicht lesen sollten. Also… das ist ja die Pointe …
Martin Benz: Das ist paradox, ja genau.
Martin Thoms: Es gibt keine andere Möglichkeit zu erkennen, dass wir nicht lesen sollen, als diesen Satz zu lesen. Und analog dazu entfalten Genesis 2 und 3 erzählerisch, was sich nicht in einem einzelnen Lehrsatz fassen lässt. Ich lese gerade aus dem Buch: Die Möglichkeit der Erkenntnis ist immer schon durchzogen von der Möglichkeit des Scheiterns. Denn der entscheidende Punkt ist: Es braucht die Erkenntnis von Gut und Böse, um ein Gebot zu übertreten oder nicht zu übertreten. Ohne diese Erkenntnis kann ein Gebot weder übertreten noch eingehalten werden, weil es gar nicht erkannt und verstanden werden kann. Und in der analytischen Handlungstheorie gehört Absichtlichkeit zur notwendigen Bedingung des Handelns, das ist nur noch ein Einschub. Also die paradoxe Pointe lautet: Es braucht die Übertretung des Gebotes, um die Erkenntnis von Gut und Böse zu erlangen, aufgrund derer erst deutlich wird, dass es ein Gebot gab, das übertreten wurde. Und damit verdichtet Genesis 2 bis 3 das Dilemma menschlicher Verantwortungsfähigkeit. Wer erkennt, kann sich nicht mehr unschuldig stellen. Und das wird hier natürlich narrativ, mythologisch und natürlich immer im Horizont Gottes ausbuchstabiert. Ist ja ganz klar, dass das die Art und Weise ist, wie man jetzt hier das rüberbringt.
Martin Benz: Jetzt würden vielleicht Leute sagen: „Ah, Martin, das ist spannend. Aber wenn ich jetzt eine Diskussion mit jemandem habe und der sagt: ‚Hey, das war doch der Sündenfall‘ und so weiter, und ich will jetzt sagen: ‚Ja, aber der Sündenfall war ganz anders‘, kann man das irgendwie noch mal knapper, kürzer beschreiben? Weil das kann wahrscheinlich niemand so nachsprechen, wie du es jetzt gerade vorgetragen hast. Gäbe es da noch eine ganz einfachere Methode, das irgendwie deutlich zu machen, was diese zweite beinhaltet?“ Man könnte sagen… die erste Geschichte ist sozusagen eine Geschichte der Angstentwicklung, Angst vor Gott, und die zweite Geschichte ist eigentlich mehr das Entstehen von Verantwortungsbewusstsein.
Martin Thoms: Ja, genau. Also die Kernpointe, das, was ich gerade gesagt habe, muss man nur dann sagen, wenn man auf diese Differenz hinweist: „Da wird’s verboten, vom Baum zu essen, aber sonst ist es eigentlich immer positiv, Erkenntnis und Einsicht zu haben“. Dann muss man irgendwie dieses Paradox so, wie ich’s gerade gesagt habe, vielleicht auch sagen. Aber die Kernpointe ist dann von dieser Leseweise: Es geht um die Ambivalenz des Erwachsenwerdens und Gut und Böse. Also die Möglichkeit zum Guten und die Möglichkeit, daran zu scheitern, gehen immer schon Hand in Hand. Also das können wir direkt anschaulich machen durch die angeblichen Fluch- und Strafworte. Diese Fluch- und Strafworte am Ende werden eben auch ambivalent beschrieben. Weil erstens sind das hier keine Strafen von Gott, weil das hier alles im Partizip steht. Also hier steht nicht: Gott macht es jetzt, dass man in Mühe lebt, und Gott macht es jetzt, dass man Schmerzen bei der Geburt hat. Nein, Gott stellt einfach fest, Partizip: Du wirst in Mühe leben, du wirst Schmerzen bei der Geburt haben. Also es ist kein Imperativ „Ich mache das jetzt“, sondern es ist eine Feststellung. Also die Ambivalenz der Wirklichkeit wird schlichtweg festgestellt, und natürlich aus dem Munde Gottes, weil wir immer schon das Wesen des Menschen von Gott her definieren.
Und dann wird man eben sagen, dass das, was jetzt beschrieben wird, auch zutiefst ambivalent ist. Erst jenseits von Eden erfüllt der Mensch seine Berufung, sich zu vermehren, die Erde zu bebauen und zu bewahren. Das hat er in Eden nicht gemacht. Dann die Handwerksfähigkeiten, die werden alle erst in Genesis 3 und 4 beschrieben. Und genau das ist aber das Produkt von Weisheit. Die Geburt… Eva heißt erst jenseits von Eden Eva, und das ist sozusagen die… Eva hängt mit dem Leben zusammen.
Martin Benz: Chawa – Leben.
Martin Thoms: Ja, das Leben. Weil – das hat auch etwas mit Weisheit zu tun –, die Frau ist ganz besonders nah an dem Lebensgeheimnis, weil aus ihr das Leben hervortritt. Also diese ganzen Aspekte von Weisheit, die mit der Handwerkskunst, aber auch mit dem Lebensgeheimnis der Frau eng verbunden ist, zusammenhängen, erfüllt sich all das erst jenseits von Eden. Erst nach Erkenntnis von Gut und Böse ist all das Positive möglich. Aber all das Positive ist immer auch ambivalent. Und die erste wirkliche Sünde lesen wir dann ja in Genesis 4. Die erste wirkliche Sünde, wo das Wort auch auftaucht, ist, dass ein Bruder einen anderen Bruder tötet.
Martin Benz: Und da sind wir ganz beim Kern: Sünde als Gewalttätigkeit und Entmenschlichung. Also ein Mensch, der getötet wird, das ist zutiefst Entmenschlichung. Für mich ist das die wichtigste Definition von Sünde überhaupt: Sünde geschieht überall dort, wo Menschen entmenschlicht werden. Und das haben wir eben bei Abel und bei Kain, und letztlich bedeutet ja der Sündenfall nicht wirklich, der Mensch fängt an zu sündigen, sondern – man könnte sagen – sein Bewusstsein verändert sich. Er ist plötzlich im Besitz der Fähigkeit, Gutes und Böses wahrzunehmen. Aber mit dieser Erkenntnis kommt auch eine Verantwortung. Ich bin jetzt auch zu beidem sozusagen ermächtigt. Ich kann das Gute tun, ich kann aber auch das Böse tun. Aber nur das macht uns wirklich zum Menschen und holt uns raus aus dem traumartigen Zustand des Babys, den man vorher hatte.
Martin Thoms: Ja, so hast du es super zusammengefasst. Und wenn man das anschaulich macht, könnte man eben sagen: Es wäre jetzt nicht hilfreich, dass wir fordern, wir alle müssen wieder in irgendeinen utopischen Eden-Zustand, weil das bedeuten würde, wie wenn wir sagen: Die Hasskommentare gehen uns so auf den Geist, wir müssen einfach mal wieder uns für die Analphabetisierung einsetzen. Nein, dann gibt es auch keine Lyrik mehr, dann gibt es auch keinen Austausch mehr, dann gibt es keine Sprache mehr. Also diese Ambivalenz wird hier ganz stark ausgedrückt. Und deswegen sagt man auch: Genesis 3 ist kein Sündenfall, sondern es ist die Bedingung der Möglichkeit zu sündigen. Also die Voraussetzung dafür, dass man sündigen kann, setzt eine bestimmte Erkenntnis und Verantwortungsfähigkeit voraus. Weil eine Handlung Absichtlichkeit voraussetzt, auch in der ganz normalen analytischen Handlungstheorie. Und deswegen kann erst mit dieser Bedingung der Möglichkeit, zu sündigen, dann aber auch die Bedingung der Möglichkeit, Gutes zu tun, zeitgleich einhergehen. Also es bedeutet, Genesis 3 ist die Voraussetzung für alles wirklich Gute, aber auch für alles wirklich Böse. Und in Genesis 4 sehen wir sozusagen, dass es sich dann auch gleich zum Bösen hin entfaltet, wenn dann der eine Bruder den anderen tötet aufgrund einer gewissen Entmenschlichung.
Martin Benz: Und jetzt wird ja in Genesis 3 nicht nur klassisch gesehen der Sündenfall hineingedeutet, sondern auch die Erbsünde. Also seither haben alle Menschen sozusagen die Erbsünde. Was hat es denn damit auf sich? Wie kommt man denn da drauf? Ist die Erbsünde eher eine weitere Steigerung der Falschdeutung, oder hat die Erbsünde in einem gewissen Sinne auch ihre Berechtigung, nämlich seither sind alle Menschen in der Verantwortung und in der Fähigkeit zu sündigen?
Martin Thoms: Ja. Also die Erbsünde ist natürlich deswegen problematisch, oftmals die Erbsündenlehre damit einhergeht, dass behauptet wird, es gäbe einen historischen utopischen Anfangszustand, in dem alles sehr gut geschaffen wurde, wie Gott es sagt. Aber das gilt für niemanden von uns, weil seither ja zeitlich historisch der Sündenfall geschah und seither alle verdorben, gottlos und böse sind. Deswegen sind wir alle qua Geburt schuldig. Also die Erbsündelehre, wie wir sie oft kennen in unseren Kreisen, ist ja ganz oft etwas Moralisches: Ich bin schuldig, weil ich geboren bin, und deswegen muss die Schuld gesühnt werden von jemand anderem. Aber das hat natürlich alles nichts mit dem zu tun, was wir hier gesagt haben, sowohl mit meiner ersten als auch mit der zweiten Deutung nicht. Weil es eben hier nicht um etwas Moralisches geht, um eine Schuld, sondern entweder um eine Angst vor Gott, die mich wegtreibt aus dem Garten, oder eben um eine Beschreibung der Ambivalenz der erfahrenen Wirklichkeit. Der Grund, warum man unabhängig von der Urgeschichte, unabhängig von Genesis 3, natürlich trotzdem von Sünde und auch von Erbsünde in gewisser Weise reden kann, ist schlichtweg deswegen, um zu beschreiben, dass die Welt schon gebrochen ist, bevor wir schuldig werden. Das ist der Gedanke. Das wird aber im Alten Testament nicht mit Genesis 3 begründet, sondern anders. Zum Beispiel heißt es in Psalm 51: „In Sünde bin ich geboren, in Schuld bin ich verfangen“. Ja, man ist verfangen. Also die Erbsünde ist sozusagen eine Chiffre für die Erfahrung, für die handfeste Erfahrung, dass diese Welt schon gebrochen ist, bevor wir laufen lernten, dass unserer individuellen Schuld letztlich ein Verhängnis vorausgeht. Und das ist aber was ganz anderes als jetzt zu sagen, jeder Mensch ist schuldig qua Geburt. Nein, die Erbsündenlehre entlastet eigentlich so gesehen eher die persönliche Schuld, weil sie sagt, bevor du persönlich schuldig wirst, bist du schon verstrickt. Aber das hat jetzt nichts direkt mit Genesis 3 zu tun in diesem strengeren exegetischen Sinn.
Martin Benz: Also in den Podcasts, die ich schon vor Jahren gemacht habe, spreche ich davon, dass die Urgeschichte verschiedene Bewusstseinsebenen des Menschen sozusagen wachküsst. Man könnte sagen: Die allererste Geschichte entsteht in meinem Gottesbewusstsein. Also ich glaube, wenn wir jetzt mal davon ausgehen, dass alle Kreaturen entstanden sind, sich entwickelt haben, dann merken wir ja: Tiere haben kein Gottesbewusstsein. Aber der Mensch hat ein Gottesbewusstsein. Der guckt in den Himmel und sieht da nicht nur irgendwie blau, sondern der sieht da Gottheiten, dass da oben die Götter sind. Und das ist ein großer Unterschied zwischen Mensch und Tier, und letztlich beschreibt die Geschichte Genesis 1: Wir sind von Gott geschaffen, und irgendwann entsteht eben dieses Gottesbewusstsein. Das haben wir allen Tieren und selbst den Menschenaffen voraus.
Und irgendwann entsteht dann moralisches Bewusstsein. Für mich ist Genesis 3 die Geschichte, wie moralisches Bewusstsein entsteht im Sinne von: Menschen haben plötzlich Verantwortung für ihr Leben, für diese Welt. Wir können nicht einfach so dahinleben, sondern plötzlich gibt es ein Richtig und ein Falsch. Es gibt gute Handlungen und es gibt schlechte Handlungen. Es gibt Handlungen, die zum Segen führen und welche, die Kollateralschäden erzeugen. Und Genesis 3 erzählt, dass beim Mensch irgendwann moralisches Bewusstsein entsteht. Wenn der Löwe eine Gazelle reißt, dann wird er ja nicht schuldig. Und dann sagt man nicht „Oh, der Löwe ist ein Mörder“. Das würden wir nie denken beim Tier, aber wenn wir jemanden umbringen, dann werden wir schuldig. Das heißt, es entsteht moralisches Bewusstsein.
Und dann geht’s so weiter, und dann entsteht irgendwann Gottesverehrung. Bei Kain und Abel bringen sie zum ersten Mal Opfer. Man merkt: Aha, Gottesbewusstsein fördert auch Gottesverehrung. So erkläre ich das ein wenig. Ich glaube, das geht in eine ähnliche Richtung, wie du es jetzt gerade beschreibst. Jetzt… ja, ich glaube, jetzt haben wir das Wichtigste zum Thema Sündenfall in einer halben Stunde. Zwei große Theorien, das muss man vielleicht gerade noch mal anhören, damit man das versteht. Oder dein Buch lesen oder deinen Online-Kurs besuchen, Martin. Du machst nämlich das Ganze auch als Webinar. Wann findet das statt?
Martin Thoms: Das findet auch statt, ab Ende April. Alle Infos auf meiner Website https://martinthoms.de. Und hier kann ich an dieser Stelle wahrscheinlich auch ein bisschen zur Entlastung sagen: Diese Deutung von Genesis 3 war für mich persönlich in meiner Biografie das Krasseste. Also weil das einfach so anders ist. Damit brach erst mal so vieles zusammen: Sündenfall, darauf baut ja alles auf, die ganze Erlösung baut auf dieser bestimmten Deutung von Genesis 3 auf. Und deswegen ändert das natürlich ganz, ganz viel. Und deswegen lohnt es sich besonders, jetzt hier das auch im Buch nachzulesen oder auch im Online-Kurs. Wir werden zwei ganze Abende, also insgesamt vier Stunden, uns das noch mal anschauen, was jetzt hier in einer halben Stunde war.
Martin Benz: Ja, und wichtig ist noch: Wir wollen durch den Podcast auch nicht sagen, es gäbe keine Sünde oder Sünde wäre kein Problem. Nicht…
Martin Thoms: Nicht.
Martin Benz: Die Sünde ist ein Problem, weil wir Entmenschlichung Tag für Tag erleben. Wir entmenschlichen andere, wir werden entmenschlicht, die Sünde spielt natürlich eine große Rolle in der menschlichen Existenz und auf dieser Welt. Und deswegen brauchen wir diesen Christus, der uns durch sein Vorbild und durch seine Erlösung und durch seinen Geist befreit von jeder Entmenschlichung und uns befähigt, als Menschen zu leben und zu handeln. Natürlich bleibt die Sünde ein Problem. Wir sagen nur, die Sünde nimmt nicht im Garten Eden ihren Anfang. Da gibt es keinen historischen Sündenfall, und seither sind wir alle Sünder. Sünde ist eine Realität dieser unserer menschlichen Existenz, die gibt es einfach, und die Bibel erklärt gerade nicht wirklich, woher es kommt, sondern sagt nur: Wir sind alle damit konfrontiert, das ist eine Realität. Wir können uns entscheiden, wir haben Verantwortung. Und gleichzeitig im Sündenfall eben nicht nur das Element „Wir sündigen alle“, sondern: „Ihr müsst euch bewusst machen, ihr habt eine Verantwortung, ihr seid eben gerade keine Unmündigen wie die Affen, die um euch herumrennen, oder wie das Pferd, auf dem ihr reitet, sondern ihr habt Verantwortung!“. Das will diese Geschichte uns schildern.
Martin Thoms: Ja, das will die Geschichte sagen, ja.
Martin Benz: Und somit verabschieden wir uns von euch und wir hören uns das nächste Mal.
Martin Thoms: Bis dahin!
Outro-Musik
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Musik: Craig Riley – Mountain Morning
Label: Audio Hero
Album: Good Beginnings
Alternate Versions: 4
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