MC 229 Duo: Die Sintflut – Dekonstruktion eines grausamen Gottesbildes (Urgeschichte #5)

In dieser Episode setzen die beiden Martins ihre Reise durch die Urgeschichte fort und widmen sich einem der schwierigsten Themen der Bibel: der Sintflut. Sie diskutieren, warum ein historisches Verständnis der Erzählung zu einem theologischen Albtraum führt und wie die Geschichte stattdessen als „narrative Dekonstruktion“ eines gewalttätigen Gottesbildes verstanden werden kann.

Kernpunkte der Folge

  • Historie vs. Mythos: Die Unmöglichkeit einer weltweiten Flut aus geophysikalischer Sicht und die Einordnung in den altorientalischen Kontext von Flutmythen.
  • Die Widersprüche des Textes: Warum Noah mehrmals in die Arche geht und warum die Anzahl der Tiere (2 oder 7 Paare) variiert – ein Hinweis auf verschiedene Autorenschulen.
  • Gottes Reue und Schmerz: Gott wird nicht als kühler Richter, sondern als schmerzlich bekümmerte Mutter dargestellt, der die Bosheit der Welt das Herz bricht.
  • Der Regenbogen-Bund: Gott errichtet einen einseitigen, ewigen Bund (Berit Olam), der nicht auf menschlichem Wohlverhalten basiert, sondern allein in Gottes Treue gründet.
  • Theologische Pointe: Die Fluterzählung dient dazu, ein gewalttätiges Gottesbild zu überwinden und die unerschütterliche Treue des Schöpfers zu seiner Schöpfung zu betonen.

 

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Transskript

Transkript: Movecast Duo – Urgeschichte Teil 5 (Sintflut)

Martin Thoms: Herzlich willkommen zur neuen Folge von Movecast Duo. Wir haben uns jetzt schon vier Folgen lang  in diese Urgeschichte hineinvertieft. Haben uns angeschaut, wie müssen wir sie grundsätzlich verstehen – als Mythos – und was heißt das,  und was heißt es eben nicht. Es ist eine grundsätzliche Deutung der gesamten Lebenswirklichkeit vor dem Horizont Gottes, die nicht historisch gemeint ist, sondern grundlegend alle Zeiten betrifft. Dann haben wir uns angeschaut Genesis 1, die ersten Schöpfungserzählungen, den Schöpfungsgesang, was da drin steckt. Genesis 2, die Schöpfung des Menschen, rangezoomt an die Anthropologie. Und jetzt in der letzten Folge, Genesis 3: der sogenannte Sündenfall, der vielleicht gar nicht mal so ein Sündenfall ist, wie man das immer denkt. Jetzt haben wir natürlich ein paar Kapitel übersprungen. Genau hier lohnt es sich natürlich dann auch, in das Buch reinzulesen oder den Onlinekurs zu besuchen – alle Infos dazu auf der Website www.martinthoms.de, wo wir zehn Wochen lang uns das zwanzig Stunden lang anschauen.

Martin Benz: Und jetzt?

Martin Thoms: Ja, das ist so: Die Leute kriegen da zwei Stunden am Abend, und davon sind meistens so 90 Minuten Frontalunterricht. Und dann machen wir auch nur eine Minute Pause, und dann kommen Rückfragen. Also das geht wie am laufenden Band und die Leute – ich liebe das so – ja, also die finden Theologie  anscheinend spannend genug, um das zu machen, statt ins Kino zu gehen. Genau das zu machen. Oder man kann ja auch beides gleichzeitig, also nacheinander machen. Gleichzeitig geht schlecht. Gleichzeitig ist schlecht.

Ja, und genau jetzt sind wir bei einer weiteren Geschichte angelangt, die natürlich, je nachdem, wie man  auch sozialisiert ist, natürlich auch große Fragen aufwirft und vielleicht auch einen großen, großen Schatten auf das Gottesbild wirft: Es geht um die sogenannte Sintflut.

Martin Benz: Gott bringt eine Flut über die Welt und vernichtet dabei alle Menschen, auch alle Babys. Übrigens auch alle Tiere, die gar nicht gesündigt haben. Also alles Lebende wird vernichtet von Gott, und man denkt sich schon: Was ist das für ein Gott, der so wahnsinnig universell alles vernichtet, also eben wie gesagt auch die ganze Schöpfung, die Pflanzen, die Tiere, obwohl – wenn schon – nur der Mensch derjenige war, der gegen Gott rebelliert hat? Also das sind so die typischen Gedanken. Martin, wie können wir die Sintfluterzählung noch mal ganz anders deuten?

Martin Thoms: Ja, bevor wir gleich zu dieser Deutung kommen, müssen wir vielleicht auch noch mal deutlich machen, was wir alles mit „einkaufen“, wenn wir jetzt diese Geschichte nicht als Mythos, sondern wirklich als historischen Tatsachenbericht lesen. Dann kaufen wir uns nämlich sehr viele Probleme ein, und über die müssen wir dann alle hinweggehen. Wir müssen uns blind verbarrikadieren vor all diesen Argumenten, die dagegen sprechen, einfach nur aus einer angeblichen Scheinbibeltreue. Also das erste ist noch – sag ich mal – das Harmloseste, weil es existenziell nicht so aufwühlend ist: Das erste ist, dass wir hier jegliche geophysikalischen Prinzipien übergehen müssten. Ja, normalerweise ist ja der Niederschlag ein Kreislauf. Das Wasser ist da, das verdunstet und dann wird’s wieder ausgeregnet, verdunstet, wird ausgeregnet. Also das Wasser kommt nicht einfach aus dem Nichts und verschwindet nicht einfach in das Nichts, es ist ein Kreislauf. So, jetzt wird hier aber – wenn man sagt, das sei historisch – behauptet, dass es eine neun Kilometer hohe Schicht Wasser auf der gesamten Erde gab, die aus dem Nichts kommt – die Schleusen des Himmels öffnen sich. Wir erinnern uns an das Weltbild, das wir schon in Genesis 1 kennenlernten: dass tatsächlich Wasser jenseits der Kuppel ist, deswegen ist der Himmel blau. Diese Schleusen öffnen sich, das ganze Wasser kommt, bis neun Kilometer über den Mount Everest. Die Frage ist: Kennen eigentlich die Israeliten den Mount Everest? Na gut, falsche Frage. Und dann, und dann, wo geht das Wasser hin? Versickert das? Wohin das Ganze? Dann ist ja die ganze Erde einfach nur ein riesengroßes Moor.

Martin Benz: Also die Erde… aber kennst du die Theorie nicht, dass dadurch die Berge sich hoben, und die Täler senkten sich? Also früher waren die Berge gar nicht so hoch, und dadurch, dass das hoch und runter geht, entstehen tiefe Gräben, und dahin verschwindet das ganze Wasser, so wurde mir das damals erklärt. Aber natürlich ist  allein schon die Aussage „die Fenster des Himmels öffneten sich“, das ist ja eine ganz antike Vorstellung, dass es da wirklich Öffnungen gibt, wo das das ganze Wasser hereinfällt. Aber eben alleine an dieser Sprache, an diesem Bild merkt man doch schon: Das ist ein Bild, das ist ein Mythos und keine naturwissenschaftliche Aussage über den Zustand des Kosmos und des Wassers.

Martin Thoms: Genau. Und das, was man eben sagen kann, sind jetzt zwei Dinge. Das eine ist: Damals gab es überall, in jeder Kultur gab es genau zwei Dinge: Es gab Schöpfungsmythen und es gab Flutmythen. Überall gab es Schöpfungsmythen und Flutmythen. Also das ist jetzt  weder besonders christlich noch besonders jüdisch, an eine Sintflut zu glauben, genauso wie es nicht besonders christlich ist, an Dämonen zu glauben – das ist auch einfach altorientalisch, ist ganz normales Weltbild damals. Die Frage ist, inwiefern man jetzt dieses Weltbild übernehmen muss, um diese Pointen zu verstehen. Also Flutmythen gab es überall. Das ist das altorientalische Genre, um etwas über Gott und die Welt auszusagen. Genauso wie schon Schöpfungsmythen. Schöpfungsmythen wollen narrativ etwas über Gott und die Welt paradigmatisch zum Ausdruck bringen, das sind keine abstrakten Dogmatikbücher, sondern eben Geschichten, die wir so erzählen. Also das Genre der Theologie ist Mythos und genau das auch hier: Flutmythos. Das bedeutet, es ist überhaupt nichts Verwunderliches, dass wir das jetzt hier auch haben. Das Zweite, was man sagen muss, ist, dass wahrscheinlich regionale Flutkatastrophen dazu veranlasst haben, diesen Mythos überhaupt dann auch so auszuschmücken. Also wenn ich jetzt in einer Welt lebe ohne Google Maps, wo ich auch überhaupt gar nicht weiß, was Amerika sein soll und was Indien ist und was Sri Lanka und Japan sein soll…

Martin Benz: Und wie weit die Welt überhaupt reicht…

Martin Thoms: …wie weit die Welt reicht… dann würde es mir vorkommen, wenn jetzt hier das Ruhrgebiet unter Wasser gelegt wird, dann würde ich – ohne Google Maps sagen: Die ganze Welt ist unter Wasser. Ja, ist ja klar. Also, ich weiß doch überhaupt gar nicht, was Sachsen sein soll. Also ne, diese ganzen globalen Horizonte hat man doch überhaupt gar nicht. Und das wiederum ist womöglich ein historischer Ausgangspunkt, der dann zu dieser allumfassenden Flutmythologie geführt hat, die wir in allen Kulturen finden. Aber natürlich hier geht es jetzt wieder paradigmatisch um Aussagen über Gott und den Menschen.

Und jetzt nur mal vorangestellt meine große These, die ich vertrete im Anschluss an verschiedene Alttestamentler, lautet deswegen, dass wir hier eine narrative Dekonstruktion eines grausamen Gottesbildes finden, die uns hier narrativ ausgebreitet im Genre Flutmythologie vorliegt.

Martin Benz: Und das wäre ja genau das Gegenteil dessen, was die meisten Leute empfinden. Die finden nämlich, dass das ein ganz grausames Gottesbild ist, das da durch den Flutmythos oder durch die Flutgeschichte aufgebaut wird. Und du sagst, dass das Gegenteil der Fall ist, das wird dekonstruiert, also auseinandergenommen. Es ist gerade kein grausames Gottesbild.

Martin Thoms: Ja, das ist das, was ich sagen möchte. Und das führt mich jetzt auch noch mal dazu, kurz zu betonen: Wir „kaufen“ uns nicht nur geophysikalische Probleme ein, wenn wir das historisch verstehen, sondern natürlich auch theologische. Also es vergeht kaum eine Woche, wo ich nicht irgendwie auf Instagram oder wo auch immer Leute sehe, die immer irgendwie so Bilder posten von – keine Ahnung – irgendwas so ganz, ganz, ganz Gottlosem, ja. Keine Ahnung, manchmal ist es eine Disko, manchmal ist es ein Taylor-Swift-Song und manchmal ist es irgendwie eine homosexuelle Trauung. Was auch immer, irgendwas Gottloses, und dann kommt immer: „Gott lässt sich nicht spotten. Gott lässt sich nicht spotten.“ Und dann wird die Titanic eingeblendet, und dann wird auf die Sintflut angespielt. Also das, was hier praktisch gemacht wird, ist: Das, was hier passiert, diese Gottlosigkeit, wird sich Gott nicht gefallen lassen. Nein, bei der Titanic war es doch auch schon so. „Dieses Schiff kann nicht einmal Gott versenken“, sollen einzelne Matrosen gesagt haben, und dann – so lautet jetzt diese Hermeneutik, die auf dieses Unglück schaut – dann hat Gott gezeigt, dass er den Größeren hat, dass er der Krassere ist und hat einfach mal die gesamte Titanic mit allen Leuten einfach getötet, weil da fünf Matrosen gesagt haben „dieses Schiff kann nicht mal Gott versenken“. Und genau darin wird jetzt analog die Pointe der Flutgeschichte gesehen: Ja, es gibt Leute, die tun Böses. Und was tut Gott? Gott ist letzten Endes der schlimmste, der grausamste Mörder von allen. Er schmeißt nicht nur eine Atombombe ab, er schmeißt nicht nur zwei Atombomben ab und nimmt unfassbare Kollateralschäden in Kauf, nein, er ersäuft die gesamte Welt, er nimmt alle Schäden in Kauf, die es nur gibt. Und das – ja warum? Weil einzelne was Böses getan haben, weil die Welt böse ist, weil Mensch was Böses getan hat. Wie kann denn so ein Gott irgendwas mit Liebe zu tun haben? Und dann versucht man sich das alles geradezubiegen: Ja, der Normalzustand Gottes ist genau der: Gott ist böse, Gott ist gewalttätig, aber in Jesus Christus verändert er sich. Dann ändert es trotzdem nichts daran, dass Gottes Normalzustand am Ende des Tages ein schlimmer ist, ein sehr schlimmer.

Martin Benz: Ja, und vor allem machen die Leute sich zu wenig bewusst, dass – oder die würden sagen: „Ja ja, die haben das alle verdient. Es waren einfach alle Menschen böse, die haben’s alle verdient gehabt. Das ist nicht so, dass da Kollateralschäden waren, die hatten’s alle verdient.“ Dann denk ich: Hörst du, was du gerade sagst? Das stellt natürlich dem Schöpfer ein ganz schlechtes Zeugnis aus. Also wenn das alles historisch so geschehen ist, muss man sich sagen, dann ist bereits beim ersten Menschen schon etwas schiefgegangen. Also wenn’s jetzt beim tausendsten Menschen schiefgeht… aber wenn der erste Mensch schon von Gott abfällt, dann denk ich: „Also Gott, das war Pfuscharbeit. Das muss ich mal so sagen. Hast es nicht besser hingekriegt, dass es wenigstens mal fünf Generationen dauert, bis die Menschen anfangen zu sündigen?“  Beim ersten Menschen sündigen sie schon. Und wenn dann Gott diese Menschen zu seinem Bild macht und irgendwann sind alle außer einem einzigen bösartig, des Umbringens würdig, dann denk ich: „Gott, was bist’n du für ein Schöpfer?“ Also wenn man all seine gesamten Tongefäße zerschlagen muss, weil kein einziges gelungen ist, dann ist das ein ganz negatives Urteil eigentlich, das man über den Schöpfer fällt, wenn man die Sintflutgeschichte und auch die Sündenfallgeschichte so historisch deutet.

Martin Thoms: Ja, das ist das nächste Problem. Und man kann eben sagen: Gott selbst hat keine anderen Mittel als die Mittel einer sündigen Welt. Ja, es ist ja gerade das Mittel der Sünders, dass sie sich gegenseitig umbringen. Das ist ja gerade die erste dokumentierte Sünde in Genesis 4, dass Kain Abel tötet. Und jetzt wird gesagt: Ja, Gott begegnet dem sündhaften Treiben des Sünders, indem er selbst sündhaft vorgeht, indem er tötet. Also Gott selbst ist eigentlich der ultimative Riesensünder. Eigentlich müsste Gott sich dann selber auslöschen, weil er  sich gegen den Sünder richtet, und dann müsste er sich ja gegen sich selber richten. Also wir merken, dass das alles dann letzten Endes nur mit sehr vielen Hilfshypothesen „funktioniert“.

So, jetzt ist aber der entscheidende Punkt: Hier wird jetzt besonders deutlich, warum wir es nicht historisch verstehen dürfen. Wenn wir sagen, es ist historisch – also ganz davon abgesehen, dass Mythen sowieso nicht historisch gemeint sind und die Urgeschichte nicht so zu lesen ist, das haben wir jetzt ja ausführlich schon gezeigt in den letzten vier Folgen –  wenn wir das jetzt hier historisch verstehen würden, dann müssten wir ja sagen: Selbst wenn ich jetzt sage, die Pointe ist die narrative Dekonstruktion eines grausamen Gottesbildes – narrativ heißt ja eben schon mal nicht, dass es in Raum und Zeit historisch geschehen ist – dann kann ich das aber nicht sagen, wenn es historisch ist. Also ich kann nicht sagen: „Gott wurde vom Bösen zum guten Gott, indem er mal eben die ganze Welt getötet hat.“ Also sobald ich das historisch verankere, bleibt Gott am Ende des Tages wirklich ein Böser. Oder zumindest war er mal böse, und jetzt hat er sich geändert. Also ich kann so eine Gottesbilder-Dekonstruktion nur dann vornehmen, wenn ich das narrativ denke, also sozusagen als eine Geschichte sehe, die – notwendigerweise – aus einem Vorher und Nachher besteht, sonst wäre es keine Geschichte mehr. Eine Geschichte hat einen Handlungsverlauf, und das wird jetzt hier genommen natürlich mit Elementen, die aufgegriffen werden und auch mit Abgrenzungen aus anderen Flutmythen.

Martin Benz: So, und wie kommst du jetzt auf diese These? Kannst du uns mal da mitnehmen auf diese Reise? Ich glaube, die Begründung der ganzen Sintflut ist ja auch nicht so eindeutig wie man denkt, sondern da hat’s eigentlich in der Genesis drei verschiedene Ansätze, warum Gott eigentlich die Welt vernichten muss. Da scheinen sich die Schreiber auch nicht ganz so einig zu sein.

Martin Thoms: Ja, also wenn man in der alttestamentlichen Vorlesung sitzt, dann ist das Paradebeispiel, um zu lernen, warum es unterschiedliche Autorenschaften gibt, die unterschiedliche Texte geschrieben haben – das Paradebeispiel dafür ist die Flutgeschichte. Weil man hier ziemlich genau auch zeigen kann: Diese Geschichte ist gewachsen. Also es ist nicht einfach so, dass es eine grundsätzliche Unterscheidung zwischen altem und neuen Testament gibt. Beim neuen Testament ist sich jeder einig, der Römerbrief wurde von Paulus geschrieben. Aber im Alten Testament ist das nicht so. Die Texte sind erst mal über teilweise sehr lange Zeit mündlich gewachsen, und dann hat man immer, wenn man das weiter tradiert hat, natürlich auch aktuelle Erkenntnisse über Gott und die Wirklichkeit mit reingeschrieben. Zum Beispiel ist es ganz auffällig – man muss das mal in Ruhe lesen – Genesis 6, 7, 8 und 9. Da geht Noah mehrmals in die Arche rein. Da steht: „Und er ging in die Arche.“ Ja, der ist doch schon vor zehn Versen in die Arche gegangen!? Da merkt man, wie da unterschiedliche Schichten sozusagen nebeneinandergestellt werden.

Oder was auch auffällig ist – das ist immer eine Sache, wie man’s sehr gut deutlich machen kann -: Zuerst sagt Gott: „Nimm von jedem Tier zwei.“ Und dann gibt es aber eine andere Autorenschule, die möchte jetzt bereits das Opferwesen deutlich machen – das begründen wir bereits hier mythologisch, also in der grundsätzlichen Wirklichkeit, die uns hier vorliegt bei Noah – und deswegen opfert Noah ein Opfer zum Schluss. Und dann merken sie (die Autoren): „Ja aber wenn der Noah jetzt hier Tiere opfert zum Schluss, dann dürfen’s doch nicht nur zwei gewesen sein von jeder Art, weil dann hätte Noah jetzt einfach mal eine ganze Tierart ausgerottet, sobald er ein Tier opfert.“ Und dann haben die gleichen Schreiber, die das mit dem Opfern reingebracht haben, gesagt: „Gut, okay, wir müssen jetzt ergänzen: ‚Und er nimmt noch sieben weitere von den reinen Tieren‘, denn das sind auch die, die ja dann geopfert werden.“

Martin Benz: Und vor allem: Also „reine Tiere“ war zu der Zeit noch gar nicht definiert. Das kommt ja erst viel später, dass definiert wird, welche Tiere sich als Opfer eignen, aber das wird da schon total vorausgesetzt, dass Noah genau wusste, was die „reinen Tiere“ sind, und von denen nimmt er halt dann sieben mit. Also da merkt man, das haut ja gar nicht hin, wenn die Reinheit der Tiere erst viel später festgelegt wird, nämlich nach der Sintflut, dann kann man ja nicht schon vor der Sintflut wissen, welche rein sind.

Martin Thoms: Genau. Und daran sieht man eben, dass es keine Historie ist im Sinne von: Da wird jetzt etwas Vergangenes beschrieben. Sondern nein, diese Texte werden geschrieben im Angesicht dessen, dass es schon längst Opferwesen gibt. Wo schon alle das dritte Buch Mose in diesen Grundvollzügen praktizieren. Und jetzt wird das aber versucht, theologisch so zu beschreiben, dass es jetzt nicht einfach nur jetzt unser ausgedachtes Zeug ist, sondern wir wollen festlegen, das ist etwas Grundsätzliches über die Wirklichkeit, deswegen verorten wir es im Rahmen eines Mythos, eines Flutmythos.

So, also das ist jetzt nur schon mal, um’s deutlich zu machen. Und dann gibt es eben eigentlich genau drei Einleitungen für die Flutgeschichte und alle drei Einleitungen haben jeweils eine andere Pointe. Und ich weiß nicht, wie ausführlich wir auf jede einzelne eingehen können, aber es gibt ja die erste Einleitung, zu der du dir ja auch schon viele Gedanken gemacht hast in deiner älteren Reihe dazu.

Martin Benz: Genau. Da ist die Geschichte Genesis 6 gleich der Anfang, wo Gottessöhne, also irgendwelche Götter im Hofstaat Gottes sich in die Menschentöchter verlieben, Sex mit ihnen haben, und dann werden Riesen geboren – Gibborim, also die Riesen der Urzeit. Das ist also eine Geschichte… also wirklich, das klingt ja schon allein von der Geschichte her nach absoluter Sage, nach absolutem Märchen: Wer glaubt denn sowas, dass Götter mit Menschentöchtern Sex haben, und die Kinder sind dann Riesen? Aber das steht so in der Bibel, das hab ich jetzt nicht irgendwo erfunden, das steht nicht irgendwo, das steht in der Bibel. Und dann sagt Gott: „Also jetzt kann ich nicht zulassen, dass mein Geist in den Menschen für ewig bleibt. Also wenn sie solche Sachen machen, wenn solche Dinge entstehen, dann muss ich dem ein Ende bereiten.“ Das ist die erste Einleitung.

Martin Thoms: Das ist die erste Einleitung. Und da gab’s schon immer verschiedene Deutungen. Ja, das ist ein rätselhafter Text. Diese ganzen Tyrannen, die dann daraus entstehen und so weiter. Sind das alles böse Könige, hat man gesagt? Oder … vielleicht geht es hier auch um irgendeine Grenzüberschreitung von Engelwesen, ne, halt die ganzen Götter. Oder es gibt auch in der neueren Exegese eben, dass gesagt wird: Es handelt sich eigentlich um diese Göttersöhne, das sind Leute, das sind prophetisch begeisterte Personen, die einen Gottesstandpunkt einnehmen und sich letzten Endes erheben und anmaßen, über den Dingen zu stehen, und genau deswegen werden sie Gefallene – Nephilim – genannt. Also eigentlich ist das Gegenteil, ne: Sie erheben sich zu Gott, aber eigentlich macht der Text und nennt sie eigentlich Gefallene. Also sie sind nicht nur nicht besonders weit oben, sondern sie sind besonders weit unten. Aber der Punkt ist jetzt hier, wie auch immer das zu verstehen ist: Laut dieser Einleitung wäre die Sintflut die Strafe für die Taten einzelner. Es geht hier noch nicht um die ganze Welt. Also hier sind es Taten einzelner Tyrannen, wer auch immer das jetzt genau ist, die dieses Urteil auf sich gezogen haben.

Die zweite Einleitung, die haben wir dann Genesis 6 ab Vers 5. Dort ist es jetzt ganz anders. Da heißt es: „Der Herr sah, dass die Bosheit des Menschen auf der Erde groß war und alles Sinnen der Gedanken seines Herzens böse den ganzen Tag.“ Also hier geht es darum, dass die Menschheit als solche böse genannt wird. Und  die Reaktion jetzt aber ist eben entscheidend, dass Gott nicht sagt: „Oh, die Menschheit ist böse, und deswegen töte ich alle.“ Nein, das, was als erstes kommt, ist, dass er schmerzlich bekümmert ist. „Es schmerzte ihn in sein Herz hinein“, heißt es dann. Es bekümmerte ihn, schmerzte ihn in sein Herz hinein. Es gibt noch ein weiteres Mal, wo dieses Wort Schmerz – Zawa… nee, Zara. Zara noch einmal kommt es in der Urgeschichte vor und zwar in Genesis 3, wo von den Geburtsschmerzen der Frau die Rede ist. Also Gott wird hier fast schon als eine mitleidige Mutter vorgestellt, der es wehtut, dieses böse Trachten der Menschen zu sehen. Also erstmal ist hier die Reaktion nicht: „Ich bin eiskalt und bestrafe, weil ich lass mich nicht spotten“. Nein, die Reaktion ist: „Es bekümmert mich.“ Und noch gibt es auch keine Sintflut.

Und dann gibt es die dritte Einleitung, und die kommt dann ab Vers 9, und die ist jetzt aus anderen Gründen spannend, weil hier heißt es dann: „Gott sprach zu Noah: ‚Das Ende alles Fleisches ist vor mich gekommen.’“ – das Ende alles Fleisches! Also hier ist schon mal entscheidend: Jetzt sind’s nicht nur einzelne Tyrannen und auch nicht nur alle Menschen, sondern plötzlich das ganze Fleisch! Also das Ende auch von den Grashalmen und Zebras. Also kann man sich fragen: Was haben die jetzt falsch gemacht? Was würde man jetzt sagen, wenn man’s historisch liest, was haben die falsch gemacht? Aber das viel Interessantere ist, dass es hier heißt: Das Ende allen Fleisches selbst ist vor Gott gekommen. Also Subjekt des Ganzen, des Endes, ist hier das Fleisch. Also nicht Gott ist derjenige, der hier etwas straft, sondern das Ende selbst tritt vor Gott. Also dieses Gericht, das, was dann im Folgenden kommt, ist eigentlich nichts anderes als das Zur-Vollendung-kommen-Lassen einer fatalen Dynamik. Gott spricht hier nicht das Urteil in einem aktiven Akt des Zorns, sondern er erkennt, dass die Welt selbst in den Abgrund geht. Subjekt der Vernichtung ist hier alles Fleisch. Also interessant, ne: In dem Moment, wo es ausgeweitet wird auf das Ganze, wird gleichzeitig gesagt: Irgendwie ist das selbst auf dem Weg zum Abgrund. Also natürlich kann man sich jetzt fragen, wenn man das historisch liest: Also … wenn jetzt das Fleisch auf dem Weg zum Abgrund ist, wieso kommt dann eine Flut dabei heraus? Das hat ja erstmal keinen Zusammenhang. Da merkt man, da stockt es, ja. Diese Geschichte – wie die ganzen anderen Erzählungen auch – lässt sich nicht festtrimmen auf eine einzelne Deutung, deswegen gibt’s auch schon drei Einleitungen, weil mindestens drei Autorenschulen da unterschiedliche Dinge mit reingelegt haben. Aber hier wird sozusagen ganz Subjekt dieser Vernichtung das Fleisch selbst, was vor Gott getreten ist, das Ende allen Fleisches.

So, das sind sozusagen jetzt mal die unterschiedlichen Einleitungen.

Martin Benz: Und jetzt muss es zur Dekonstruktion des Gottesbildes kommen. Inwiefern erst mal ist Gott derjenige, der die Flut schickt.

Martin Thoms: Genau. Jetzt kommen die Flut und Noah und so weiter, und interessant ist, dass dann die Flut genau 355 Tage währt, und nach 355 Tagen beginnt die Flut dann zu sinken. Wie beginnt sie dann zu sinken? Durch die Ruach, ja, wieder der Geist Gottes: Genesis 8 Vers 1. Der Geist Gottes, der ja auch schon in Genesis 1 über dem Wasser brodelte, der ist hier wiederum derjenige, der das Ganze wieder bewohnbar macht. Und  genau das, die Erde ist dann wieder trocken. Ausgerechnet dann, wenn es Neujahr ist. Also es beginnt ein neues Jahr und dadurch wird sozusagen mythologisch ausgedrückt: Okay, jetzt jetzt fängt etwas Neues an. Übrigens ist auch ganz interessant in den Stammbäumen, die danach kommen, dass, wenn ich mich richtig erinnere, Noah der allererste ist: Der Noah repräsentiert praktisch in dieser ganzen mythologischen Erzählweise so etwas wie die zweite Menschheit. Gut, aber das ist jetzt nicht die entscheidende Pointe. Jetzt ist die Frage: Wie kommt es zu dieser narrativen Wende im Gottesbild? Und hier offenbart sich dann die Pointe der ganzen Geschichte. Und zwar müssen wir uns noch mal anschauen Genesis 6 Vers 5. Da sagt Gott: „Der Mensch ist böse den ganzen Tag, sein Herz ist böse.“ Und das wird irgendwie indirekt zu einer Legitimation für die Flut. Also der Mensch ist böse, Genesis 6 Vers 5. So, und jetzt schauen wir mal an Genesis 8 Vers 21, nach der Flut. Und dort sagt Gott – der Herr sprach in seinem Herzen: „Nicht noch einmal will ich den Erdboden verfluchen wegen des Menschen.“ Warum? Warum will ich das nicht noch mal machen? „Weil das Sinnen seines Herzens böse ist von Jugend an.“ Hä? Also zuerst heißt es: „Der Mensch ist böse von Grund auf, deswegen Flut.“ Und jetzt heißt es: „Ich werde ihn nie wieder vernichten, weil er ist böse  von Anfang an.“ Also jetzt muss man sich doch mal fragen: Soll jetzt hier die Aussage wirklich lauten, dass  innerhalb von 355 Tagen – dass Gott 355 mal 24 Stunden gebraucht hat, um zu merken, dass er mit Atombombenabwürfen auf die ganze Erde nicht weiterkommt und stattdessen jetzt mit Regenbogen reagiert? Also zuerst reagiert Gott mit Flut und Vernichtung und dann reagiert er auf den gleichen Tatbestand mit Regenbogen. Also hat sich Gott jetzt wirklich ontologisch in seinem Sein als derjenige, der der Gleiche ist gestern, heute und in Ewigkeit – hat er sich jetzt in seinem Sein innerhalb von 355 Tagen nicht nur leicht, sondern um 180 Grad geändert? Wollen wir das theologisch so sehen?

Und da sehen wir schon: Jetzt wird etwas narrativ auseinandergeklappt, was zusammengehört. Weil am Ende nimmt einen großen Raum ein der Bund Gottes mit allen Menschen, allen Tieren, der ganzen Erde. Genesis 9 Vers 9 und 10. Dort heißt es: Gott schließt einen Bund, und der wird in Genesis 9 Vers 16 auch noch ewiger Bund – Berit Olam – genannt. Also Gott schließt einen ewigen Bund, dessen Zeichen der Regenbogen ist, der deutlich macht: Nicht einen Grashalm… also er schließt den Bund nicht nur mit Noah und auch nicht nur mit Noah und den Nachkommen, sondern mit jedem lebendigen Wesen und der ganzen Erde, heißt es explizit. Um deutlich zu machen: Diese Treue des Schöpfers ist in seine Schöpfung eingraviert. Der jüdische Exeget Benno Jacob sagt: Der Regenbogen ist wie der letzte zarte Pinselstrich seiner Schöpfung. Also der Regenbogen ist sozusagen der Gedanke, der symbolisiert, der graviert in die Schöpfung die Treue Gottes mit ein. Und jetzt wird natürlich…

Martin Benz: … klar, dass er sie nie mehr vernichten wird. Nie mehr vernichten wird, obwohl sie so böse sind.

 

Martin Thoms: Ja, und deswegen ist ja ganz entscheidend, denn dieser Bund wird nicht geschnitten – normalerweise werden Bünde geschnitten, das bedeutet ein wechselseitiges Abhängigkeitsverhältnis, das spielt auf einen altorientalischen Brauch an, den wir auch in Genesis 15 finden, dass man Tierhälften teilt, und dann geht man durch diese Tierhälften durch, gibt sich die Hand und macht deutlich, wenn ich meinen Teil nicht einhalten sollte, soll ich enden wie diese Tierhälften, also das ist „Bund schneiden“, wegen den geschnittenen Tierhälften. Der Bund wird nicht geschnitten, der wird aufgerichtet, kum steht hier, nicht karat, kum heißt aufrichten, karat heißt schneiden. Dieser Bund wird aufgerichtet, und das bedeutet, allein Gott, egal, was der Mensch tut, deswegen sehe ich hierin ja auch die Allversöhnung. Der Mensch kann dazu nichts beitragen, es ist alles in der Treue Gottes festgelegt. Gerade wenn wir bedenken, dass gerade das im babylonischen Exil auf dem Spiel stand: ist Gott noch da? Dann ist das eine ganz wichtige Aussage. Da sind ja die Texte entstanden in dieser Gestalt, dass gesagt wurde, die Treue Gottes ist in seine Schöpfung eingraviert. Der Mensch kann daran nichts ändern, weil es aufgerichtet und nicht geschnitten ist.

Martin Benz: Also erklär das noch mal: Was ist denn jetzt in den 355 Tagen passiert? Natürlich ist da gar nichts passiert. Aber warum heißt’s am Anfang: Gott sieht die Bosheit und vernichtet? Und jetzt: Gott sieht die Bosheit und macht einen ewigen Bund, der nur von ihm ausgeht? Also was will jetzt dieser Text korrigieren? Warum steht das einmal so und einmal so? Lass uns das noch mal erklären.

Martin Thoms: Das ist die Eigenart von Narrationen, von Geschichten. Also ich kann etwas in einem Vorher und Nachher ausdrücken, was eigentlich zusammengehört, wenn ich einen abstrakten Satz formulieren wollte. Das hatten wir ja schon bei Genesis 2 und 3. In Genesis 2   es: „Nein, du sollst das Gebot nicht übertreten.“ Ja, aber ein Empfinden für Richtig und Falsch kann ich erst dann haben, wenn ich eine Erkenntnis von Gut und Böse habe. Also ich muss vom Baum schon gegessen haben, um zu erkennen, dass ich davon nicht essen soll. Und genau in dieser Dynamik, in dieser Beschreibung drückt sich ja das Ganze schon aus, diese Ambivalenz. Und genau das wird hier gemacht. Also wenn es nicht historisch ist, sondern mythologisch – das bedeutet, hier werden grundsätzliche Dinge im Rahmen des vorfindlichen Genres Flutmythos über Gott ausgesagt – hier wird zuerst das mesopotamische Gottesbild, wo die Götter tatsächlich zum Beispiel im mesopotamischen Flutmythos Atrahasis – eine Flut schicken, weil sie sich beim Mittagsschlaf gestört fühlen, weil die Menschen so laut sind. Also die Götter sind wirklich launisch. So, jetzt ist ja der Punkt, dass ja diese Fluterzählung als Mythos nicht einen uranfänglichen Zustand im Sinne einer historisch sequenziell begrenzten Zeitspanne beschreibt – tatsächliche 355 Tage – sondern ein Mythos, eine Geschichte, ein Gleichnis – wie Jesus – erzählt. Um deutlich zu machen: Für die für die Menschheit ist ein solches Handeln Gottes ausgeschlossen, weil er doch einen Bund errichtet. Also man muss die gesamte Geschichte vom Ende her lesen. Also alles andere ist im Grunde genommen der Vorspann, um, so sagte es der Alttestamentler Andreas Schüle, letzten Endes diesen Bund Gottes in Szene zu setzen. Und das ist die theologische Aussage.

Martin Benz: Also letztlich kann man sagen: Diese Geschichte funktioniert ähnlich wie die Akedah – also die Opferung Isaaks. Am Anfang wird erzählt: Gott sagt, opfere Isaak. Und dann im entscheidenden Moment wird gesagt: Halt, halt, halt, opfere ihn nicht, und ich möchte keinesfalls, dass Menschen geopfert werden. Und hinterher fließt das in ein Gebot ein, wo Gott konkret in der Tora gebietet: „Niemals will ich Menschenopfer.“ Und so haben wir hier eine Geschichte, sie fängt an wie die anderen Mythen auch: Gott sieht die Bosheit der Menschen, will sie vernichten. Aber sie endet damit, dass deutlich wird: Ja, in Wirklichkeit ist unser Gott einer, der die Bosheit sieht und trotzdem einen ewigen Bund mit ihnen aufrichtet. Seine Güte ist eben nicht zerstörbar durch die Bosheit der Menschen.

Martin Thoms: Ja, das ist ein sehr guter Vergleich. Und auch hier gilt ja: Wenn ich jetzt diese Opferung Isaaks als rein historischen Tatsachenbericht lese, dann komm ich wieder in gefährliche Dinge, weil dann muss ich ja wieder sagen: Gott will zuerst das und dann doch das Gegenteil. Aber der Punkt ist, dass diese ganzen Texte, gerade auch mythologische Texte – bei der Urgeschichte ist es noch mal klarer, dass es mythologische Texte sind – da muss man das immer letzten Endes vom Ende her sehen. Gerade jetzt die Flutgeschichte. Und vom Ende her, dadurch dass es eine Narration ist, sind dem Ende natürlich auch andere Sequenzen in der Erzählung vorausgegangen, die aber notwendig sind, um dieses Ende in Form einer Geschichte aussagen zu können, weil wir eben gerade nicht abstrakte Sätze hier vor uns finden, sondern eben einen Erzählverlauf, der letzten Endes aber darauf abzielt. Also die Aussage über die Wirklichkeit ist letzten Endes die, die sich hier vom Ende her zeigt, die aber alles davor brauchte, damit diese Aussage überhaupt entstehen kann.

Martin Benz: Ja, und ich mein, die Geschichte ist deswegen so wichtig, mit beiden Seiten, weil sie auch aufzeigt, dass der ewige Bund Gottes trotz der Bosheit der Menschen die Bosheit der Menschen aber nicht verharmlosen möchte. Die Bosheit der Menschen ist etwas Schlimmes, die hat ganz viele Kollateralschäden, guck dir mal unsere Welt an, wie viele Menschen leiden, vor die Hunde gehen wegen der Bosheit der Menschheit, wegen ihrer Gier und ihrer Gewalttätigkeit. Wenn Gott, auch bei der Allversöhnung dann, alle Menschen rettet, heißt das nicht, Sünde ist harmlos, Sünde ist kein Problem. Nein, die Güte Gottes ist so groß, und seine Kraft zur Verwandlung so groß, dass er mit dem ganzen Bösen fertig wird. Und wenn jetzt Gott gleich einen Bund gemacht hätte mit einem Regenbogen angesichts der Bosheit der Menschen, würden alle sagen, das ist ja alles nicht so schlimm. Dass wir erst eine Fluterfahrung machen, heißt jetzt, um es mal ganz platt zu sagen, die Menschheit hat eigentlich durch ihre  Bosheit die Vernichtung verdient.  Aber mit unserem Gott an der Seite schließt er einen Bund, und mit seinem Geist ist  er in der Lage, uns zu verwandeln, wenn man in eine Beziehung zu diesem Gott eintritt.

Martin Thoms: Ja, und das Interessante ist ja eben gerade, dass genau hierin sozusagen auch die Provokation liegt, dass gesagt wird: Obwohl es hier in dieser Welt auch nicht nur gut zugeht, sondern es auch Böses gibt, dass trotzdem die Treue Gottes unerschütterlich bestehen bleibt, ohne das zu verharmlosen. Das war natürlich für die Leute im Exil eine ganz wichtige  Aussage: Gott ist treu. Und deswegen hat auch Jürgen Molter, der Theologe, gesagt, Allversöhnung ist letzten Endes nichts anderes als ein Nach-Denken der  Treue Gottes, mehr ist es gar nicht, es ist ein Nach-Denken der Treue Gottes. Weil – ist es vorstellbar, dass Gott zwar niemanden den Wassern der Flut, aber fast alle den Flammen der Hölle anheimfallen lässt ? Ja, natürlich nicht!

Martin Benz: Ja

Martin Thoms: Ja, und deswegen geht es um diese Treue Gottes, die ja verankert ist in einem ewigen Bund, Genesis 9 Vers 16, und aufgerichtet allein durch Gott. Und um das auszusagen, wird natürlich das vorfindliche Genre namens Flutmythologie verwendet, um dahin zu führen.

Martin Benz: Okay, jetzt haben wir auch wieder ganz dicht die Sintfluterzählung miteinander behandelt. Wir sind am Ende dieser Staffel über die Urgeschichte. Das war wirklich intensiv und vielleicht müsst ihr die eine oder andere Folge auch noch zweimal hören oder noch öfters. Und an der Stelle noch mal: Das Buch von Martin Thoms ist wunderbar aufgebaut, also da kann man das auch noch mal nachlesen, auch ein bisschen langsam mal lesen, noch mal lesen, wenn man das eine oder andere nicht versteht. Und wenn man dann immer noch Fragen hat, dann kann man sich anmelden zu seinem Webinar, wo das noch mal vertieft wird und miteinander auch ein bisschen diskutiert werden kann. Also herzlichen Dank, Martin, dass du wieder dabei warst bei Movecast Duo. Uns wird’s wieder geben in diesem Jahr zu anderen Themen. Wir machen das, wie gesagt, immer wieder mal, dass wir beide im Gespräch miteinander sind. Mal bist du mehr der Akteur, manchmal bin ich mehr der Akteur. Ich hoffe, euch hat es inspiriert. Insofern, Martin, dir alles Gute. Danke, dass du dabei warst.

Martin Thoms: Danke Martin, es war wieder schön mit dir zu reden. Bis später.

Martin Benz: Macht’s gut. Bye bye.

(Outro-Musik setzt ein und blendet aus)

 

 

 

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GEMA-freie Musik von www.frametraxx.de

Musik: Craig Riley – Mountain Morning
Label: Audio Hero
Album: Good Beginnings
Alternate Versions: 4
License: Music Track