MC 233: Martin ringt mit der Bibel – weil manches darin echt irritierend ist!

In dieser Folge von Movecast startet Martin Benz eine neue Reihe: „Martin ringt mit der Bibel“. Er spricht offen darüber, warum er Bibeltexte nicht nur bewundern, sondern auch kritisch, ehrlich und manchmal irritiert lesen möchte. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob man mit Gott und Gottes Wort ringen darf. Martin zeigt anhand von Jakob am Jabok und einer talmudischen Geschichte, dass Ringen, Fragen und Widerspruch zur biblischen und jüdischen Tradition gehören können.

Außerdem geht es um den Umgang mit schwierigen Bibelstellen, um seelische Gesundheit im Glauben und um die Freiheit, Texte nicht vorschnell zu glätten. Martin plädiert dafür, Bibeltexte ehrlich auszuhalten und gleichzeitig offen im Gespräch zu bleiben.

Themen dieser Folge

  • Überzeugung vs. Wahrheit

  • Warum Ringen mit der Bibel erlaubt sein muss

  • Jakob und der Kampf am Jabok

  • Der Talmud und die Frage nach Auslegung

  • Ehrlichkeit im Glauben

  • Seelische Gesundheit und schädliche Glaubensmuster

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Transkript:

Willkommen zum Movecast, dem Podcast, der etwas bewegen möchte. Mein Name ist Martin Benz und jetzt geht’s los.

Zu Beginn dieses Podcasts ist mir es wieder mal ein Anliegen zum Ausdruck zu bringen, dass ich einen deutlichen Unterschied mache zwischen der Wahrheit und zwischen meinen persönlichen Überzeugungen.

Ich erlebe viel Orientierungslosigkeit um mich herum, in unserer Gesellschaft und in dieser Welt. Und darum halte ich es für ganz wichtig, dass wir Überzeugungen entwickeln, Haltungen entwickeln, Werte entwickeln, die uns Orientierung geben, Leitplanken, eine Perspektive vermitteln. Überzeugungen sind wichtig.

Aber wir müssen immer wieder unsere Überzeugungen, unsere Haltungen unterscheiden von der eigentlichen Wahrheit. Sobald wir für uns in Anspruch nehmen, wir haben die Wahrheit, sind wir eigentlich nicht mehr gesprächsfähig, denn dann kann man uns nicht mehr korrigieren, dann sind wir auch keine Lernende mehr, dann haben wir es in der Tasche und dann geht’s nur noch darum, andere zu überzeugen von unserer Wahrheit.

Überzeugungen laden zum Gespräch ein, Wahrheit grenzt aus.

Es gibt die Wahrheit, Gott ist im Besitz der Wahrheit, aber wir reden immer auf der Ebene unserer Überzeugungen.

Und es ist mir wichtig zu betonen, dass ich mich in meinen Überzeugungen vielleicht auch irre, vielleicht auch täusche, übers Ziel hinausschieße, vielleicht denke ich in ein paar Monaten oder Jahren über das ein oder andere auch anders. Hoffentlich entwickle ich mich weiter und revidiere das eine vielleicht noch mal, was ich gesagt habe oder korrigiere es oder ergänze es, denn Entwicklung geht weiter und auch ich möchte ein Lernender bleiben.

Und gerade beim Movecast Duo, wenn ich zusammen mit Martin Thoms einen Movecast mache, da treffen zwei begeisterte und zwei überzeugte aufeinander, das verstärkt manchmal noch die Begeisterung. Ich möchte aber trotz aller Begeisterung für diese Überzeugungen, die wir da auch gemeinsam schildern, immer wieder betonen, ich möchte auch ein Brückenbauer sein, ich möchte weiter im Gespräch bleiben, ich möchte nicht die Tür zuschlagen oder den Kontakt abbrechen mit Menschen, die es auch anders empfinden. Und es ist so, es kann alles auch anders sein, als ich es sage, aber ich halte es trotzdem für wichtig, Überzeugungen zu haben und diese Überzeugungen zu kommunizieren, aber das soll nicht heißen, man ist nicht länger gesprächsbereit. Und ich habe sehr viel profitiert, auch aus meiner evangelikalen Vergangenheit, ich habe da vieles mitgenommen in meinem geistlichen Umzug, auch wenn ich mich heute eher als postevangelikal oder progressiv bezeichnen würde.

Nun, mit diesem Vorspann würde ich gerne ankündigen, dass es eine neue Art von Podcast Staffel gibt, also nicht an einem Stück, fünf Podcasts aneinander, sondern immer wieder möchte ich einen Movecast machen mit dem Titel Martin ringt mit Punkt Punkt Punkt.

Ich möchte also immer wieder in verschiedenen Movecasts ringen mit verschiedenen Bibeltexten, Bibelversen oder Bibelabschnitten. Ringen mit diesen Versen. Was heißt das und wie komme ich da drauf?

Vor kurzem las ich wieder mal einen Bibeltext, den ich schon oft gelesen habe und ihr wisst, ich bin immer noch ein großer Liebhaber der Bibel. Ich liebe diese Bibel, ich lese sie regelmäßig und ich arbeite sie durch. Ich bin jetzt zum Xten Mal dabei, das Neue Testament und das Alte Testament durchzuarbeiten. Und mit durcharbeiten meine ich, ich lese es gründlich, ich lese Parallelstellen dazu, ich untersuche den ein oder anderen Vers im griechischen Urtext, im hebräischen Urtext, ich lese Kommentare dazu, ich mache Wortstudien, wo ich mache mir Notizen dazu, ich unterstreiche etwas. Ich bin immer noch dabei, die Bibel zum Xten Mal durchzuarbeiten.

Und als ich das letzte Mal so einen Text gelesen habe, ist mir aufgefallen, dass ich, wenn ich ganz ehrlich bin, an diesem Text ganz vieles schwierig finde. Ich fand der Text hat viel ungesundes an sich. Der hat sogar krankmachendes an sich, ganz viel überforderndes an sich. Und ich dachte, warum sind wir nicht auch mal ehrlich und sagen neben allem Schönen, was ein Text oder die biblischen Texte mit sich bringen, bringen sie zum Teil auch sehr viel irritierendes mit sich, verstörendes mit sich, ja manchmal regelrecht krankmachendes mit sich, wenn man sich da dran halten würde oder wenn man es befolgen würde. Und ich habe mir gesagt, wie wäre es, wenn ich anfange mit euch, meinen Zuhörern, mal ganz ehrlich, immer wieder mal ganz ehrlich über verschiedene Bibeltexte zu sprechen, was sie bei mir auslösen, inwiefern, inwiefern sie mich irritieren. Und vielleicht sagt ihr euch, wenn ich ganz ehrlich bin, mich irritiert dieser Text auch. Ich habe mich bisher nur nicht getraut, es auszusprechen oder alle sagen auch, was für ein toller Bibelabschnitt oder was für ein toller Vers und ich finde den gar nicht toll. Ich finde den wirklich irritierend. Und jetzt jemanden zu haben, der mich sozusagen begleitet in dieser Irritation und mir vielleicht auch helfen kann in dieser Irritation, das ist die Idee von diesem Podcast Format Martin ringt mit….

Und da stellt sich natürlich sofort die Frage, darf man das überhaupt? Darf man mit Gott oder mit Gottes Wort ringen?

Nun, ich finde, man darf nicht nur mit Gott und seinem Wort ringen, ja, man muss es geradezu.

In der Bibel gibt es eine namensgebende Geschichte für das Volk Israel. Da gab es ein Ereignis, bei dem dieser Name entstanden ist.

Und dieses Ereignis steht in Genesis 32, ich lese es mal vor. Doch mitten in der Nacht stand er auf, da ist von Jakob die Rede, stand Jakob auf, nahm seine beiden Frauen, die beiden Sklavinnen und seine elf Söhne und überquerte mit ihnen die Furt des Jabok. Auch alle seine Herden und sein Besitz brachte er über den Fluss. Nur Jakob selbst blieb zurück. Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte heraufzog. Als jener merkte, dass Jakob sich nicht niederringen ließ, schlug er auf dessen Hüftgelenk, sodass es sich ausrenkte. Dann sagt er: „Lass mich los, die Morgenröte zieht schon herauf.“ Doch Jakob erwiderte: „Ich lasse dich erst los, wenn du mich vorher segnest.“

„Wie heißt du?“, fragte der Mann. „Jakob“, erwiderte er. Da sagt er: „Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel, Gotteskämpfer, denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gesiegt.“ Da bat Jakob: „Sag mir doch, wie du heißt.“ Doch er erwiderte nur: „Warum fragst du?“ Und er segnete ihn.

„Ich habe Gott ins Gesicht gesehen“, sagte Jakob, „und ich lebe noch.“ Darum nannte er jenen Ort Pnuel, Gottes Gesicht. Als Jakob Pnuel verließ, ging die Sonne über ihm auf. Er hinkte über seiner Hüfte, deshalb lehnen es die Israeliten bis heute ab, den Muskel zu essen, der über dem Hüftgelenk liegt, weil Jakob an dieser Stelle von Gott geschlagen worden war.

Also hier wird erzählt, wie Jakob mit Gott selbst ringt. Es ist ein kleiner Ringkampf zwischen Gott und Jakob und Jakob ringt so sehr, so intensiv, dass er sich nicht niederringen lässt und Gott hinterher ganz schön fies aufs Hüftgelenk schlagen muss, um sozusagen loszukommen. Ist natürlich sehr anthropomorph, sehr menschlich erzählt, aber die Pointe der Geschichte ist, das Volk Israel bekommt seinen Namen in dem Moment, wo Jakob, einer der Erzväter, mit Gott ringt, um die Zukunft ringt, um seine Sicherheit ringt, um seine Vision ringt. Er ringt mit diesem Gott und dieses Ringen, dieses Kämpfen mit Gott wird zur namensgebenden Geschichte, zum namensgebenden Ereignis für dieses ganze Volk. Wann immer wir Israel sagen oder wann immer das Volk sich als Volk Israel bezeichnet hat, dann klang für ihre Ohren nicht Israel, das klingt nur für uns Israel, wir sprechen ja kein Hebräisch, für sie klang immer Gotteskämpfer. Wann immer wir sagen Volk Israel, heißt es eigentlich Volk der Gotteskämpfer, das Volk derer, die mit Gott ringen.

Die Geschichte wird ja nicht erzählt, um deutlich zu machen, wehe, ihr ringt jemals wieder mit Gott. Nein, sie ist so bemerkenswert, so Identitätsstiftend, dass das Volk sogar den Namen bekommt, der dieses Ringen mit Gott zum Ausdruck bringt.

Man kann sagen, seit dieser Geschichte ist das Verhältnis von Israel zu Gott geprägt von diesem Ringen mit Gott, ins Gespräch gehen mit Gott, Gott nicht in Ruhe lassen, bis man Antwort, Segen und Klarheit bekommt. Und bis heute prägt dieses Ringen mit Gott die jüdische Theologie und das jüdische Lernen….   Ich habe das schon mal vorgelesen und erzählt, ich möchte es an dieser Stelle nochmals tun. Es gibt eine wunderbare Geschichte im Talmud, bekannt unter dem Titel der Schlangenofen, der dieses jüdische Ringen mit Gott und auch das dadurch das jüdische Schriftverständnis, das Ringen mit dem Wort Gottes zum Ausdruck bringt. Die Geschichte steht, wie gesagt, im Talmud, ich lese sie mal vor, wie sie von Daniel Neumann nacherzählt wird. Daniel Neumann ist ein jüdischer Gelehrter. Also, im Talmud liest man folgende Geschichte: Einst bereiteten Juden ihr Essen vorwiegend unter freiem Himmel zu. Dafür benötigten sie koschere Kochutensilien. Getöpfte Behälter oder Öfen konnte man im Gegensatz zum heutigen Glasgeschirr allerdings nicht mehr koscher machen, wenn sie erst einmal unrein geworden waren. Stattdessen mussten sie komplett zerschlagen werden. Doch eines Tages kam ein findiger Kopf auf die Idee, einen Ofen zu entwickeln, der bereits vor der Benutzung zerschlagen worden war. Also eine so sozusagen eine recyclebare Backstation. Diese kam in einzelnen Stücken, wurde mit Lehm an den Bruchstellen aufgefüllt, gebrannt und so funktionsfähig gemacht. Wenn dieser Ofen nun unrein wurde, nahm man ihn mit wenig Aufwand auseinander, setzte ihn anschließend mit Hilfe von Lehm wieder zusammen, brannte ihn erneut und schon hatte man einen neuen, rituell reinen Ofen hergestellt. Rabbi Elieser ben Hyrkanos fand diese Idee wunderbar, während die anderen Weisen dem Vorschlag eine Absage erteilten, weil man es sich damit viel zu einfach mache. Im Laufe einer heftigen Debatte im örtlichen Lehrhaus deutete Rabbi Elieser auf einen Baum und rief: „Wenn ich Recht habe, dann wird es dieser Baum bezeugen.“ In diesem Moment hob sich der Baum, der im Vorgarten des Lehrhauses stand, wie von Geisterhand aus der Erde heraus und schoss 100 Fuß gen Himmel. Woraufhin die Weisen antworteten: „Wir diskutieren hier über Kochgegenstände, Behältnisse und Unreinheit. Was hat denn der Baum mit unserer Diskussion zu tun?“ Daraufhin meinte Elieser: „Sollte ich Recht haben, dann wird der Fluss dies beweisen.“ Und mit einem Mal änderte der Fluss die Laufrichtung des herabströmenden Wassers. Plötzlich floss es bergauf und nicht mehr bergab, woraufhin die Weisen sagten: „Du kannst mit Hilfe eines Flusses keinen Beweis für die Richtigkeit deiner Meinung erbringen.“ Elieser rief daraufhin: „Wenn ich Recht habe, dann sollen die Wände dieses Lehrhauses es beweisen.“ Und in dem Moment begannen sich die Wände kräftig nach innen zu neigen. Da stand Rabbi Jehoshua auf und rief: „Ihr Wände, was geht es euch an, wenn wir Rabbiner uns streiten?“ Und aus Respekt vor ihm stürzten sie nicht vollständig ein. Schließlich erklärte Rabbi Elieser: „Wenn ich Recht habe, dann wird es eine himmlische Stimme beweisen.“ Da erschallte die Stimme Gottes und rief: „Was habt ihr gegen Rabbi Elieser? Ihr wisst doch bestimmt, dass er in jedem einzelnen Fall Recht hat und das Gesetz sich stets nach seiner Ansicht richtet.“ Woraufhin Rabbi Jehoshua aufstand, zum Himmel blickte und erwiderte: „Die Tora ist nicht im Himmel. Du hast uns die Tora schon gegeben, ewiger, und in eben dieser Tora steht geschrieben, dass sie nicht mehr im Himmel ist, sondern auf Erden. Hier wird durch die demokratische Mehrheit entschieden.“ Und die Mehrheit hat sich gegen Rabbi Eliesers Meinung gewandt. Gott und Rabbi Elieser wurden damit von einem halben Dutzend anderer Rabbiner glatt überstimmt. Die demokratische Mehrheit hat gewonnen.

Doch damit ist die Erzählung noch nicht zu Ende. Der Talmud berichtet im Anschluss an dieses Ereignis von einer Begegnung zwischen einem der beteiligten Rabbis und dem Propheten Elia. Der Rabbi fragte Elia, wie Gott denn reagiert habe, nachdem er von seinen Kindern überstimmt worden war. Woraufhin Eliahu antwortete: „Er hat fröhlich gelacht und gesagt, meine Kinder haben mich besiegt, meine Kinder haben mich besiegt.“

Ich finde diese Geschichte aus dem Talmud macht deutlich, wie sehr Gott mit seinen Kindern über die Heilige Schrift ins Gespräch kommen möchte. Er schätzt ihre geistliche und intellektuelle Kühnheit und wie ein stolzer Vater erkennt er an, dass seine Kinder zu eigenständigen, mutigen und kritischen Geistern gereift sind. Kraftvoll für diese Geschichte laut Daniel Neumann vor Augen, dass es Gott aus jüdischer Perspektive nicht darum geht, unterwürfige, abhängige und geistig verarmte Wesen zu erschaffen, die ihm wie Schafe folgen, sondern selbstbewusste und emanzipierte Partner, die ihm bei der Vervollkommnung der Welt zur Seite stehen….   Aus diesem Grund halte ich es für völlig okay, mit Bibelstellen, mit Bibeltexten zu ringen, sich über sie zu beschweren, ihre Schattenseiten zu beleuchten, um dann von Gott inspiriert, erleuchtet, geheilt oder getröstet zu werden. Ich finde, wir müssen aufhören uns zu schämen, wenn wir biblische Texte nicht verstehen oder nicht einverstanden sind mit ihnen. Das hat nicht einfach was mit unserer sündigen Natur zu tun oder unserem Hochmut, unserer Hybris, unserer Verstocktheit oder Hartherzigkeit. Ich finde, es ist okay zu formulieren, wo uns Bibeltexte irritieren oder wo wir sie als einengend oder sogar krankmachend erleben.

Es geht am Ende ja nur um einen persönlichen Befund, auch um ein mein persönliches Empfinden und nicht um eine objektive Beurteilung des Textes. Aber versteht ihr, nur wenn wir unser Unwohlsein mit bestimmten Bibeltexten ausdrücken dürfen, kann sich auch etwas verändern und kann der Text vielleicht auch in neuer Weise zu uns reden oder können wir uns frei machen von bestimmten biblischen Auslegungen, die uns tatsächlich krank machen.

Es ist gut möglich, dass wir bei unserem Ringen mit biblischen Texten am Ende tatsächlich mehr über uns selbst sagen als über diese Texte. Wenn ich jetzt in dieser Podcast Reihe mich auch vielleicht kritisch zu Bibeltexten äußere, dann ist es gut möglich, dass ich mehr über mich rede als über die Bibeltexte. Aber was soll’s?

Wie wir Bibeltexte empfinden, hat ja auch immer was mit unserer Biografie zu tun, mit unserer Prägung, mit unserer Sozialisierung, auch mit unseren Verletzungen, da, wo wir Opfer geworden sind von bestimmten Systemen oder Lehren.

Und mir geht’s nicht darum, am Schluss einfach nur beim Negativen und Destruktiven zu landen, sondern sich zu überlegen, was mache ich jetzt mit dem Text? Wie gehe ich mit dem Text um? Was darf mir der Text noch sagen? Was muss ich jetzt auch aushalten oder was muss Gott aushalten, weil ich den Text nicht so akzeptieren möchte?

Es muss möglich sein, sich Gedanken über einen Bibeltext zu machen und zum Schluss zu kommen, dass das irgendwie keinen Sinn macht. Dass ein Gebot keinen Sinn macht oder eine bestimmte Aussage für mich keinen Sinn macht.

Es kommt dann sehr schnell das Gegenargument, dass man eben mit unserem Verstand die Dinge nicht immer erfassen kann. Gottes Gedanken sind höher als unsere Gedanken. Und ich habe doch kein Recht mit meinem beschränkten Verstand die Weisheit und die Größe Gottes oder der Bibel zu hinterfragen. Aber hey, entweder sollen wir jetzt Bibel lesen und sie verstehen und wenn man dann was nicht versteht und was ein was irritiert, da muss man plötzlich den Verstand an der Garderobe abgeben. Nein, ich finde, dann darf man das auch zum Ausdruck bringen.

Ich finde, wir müssen endlich aufhören mit der Entmündigung der Bibelleser. Sobald jemand irritiert ist oder was anzweifelt und nicht glauben kann, dann ist es sofort ein Zweifler, ein Sünder und nimmt seinen Verstand zu wichtig. Als ich in meiner ersten Gemeinde, wo ich war, als Teenager angefangen habe, so manches zu hinterfragen, wie der Pastor die Bibel ausgelegt hat oder auch Dinge schwierig fand an der Bibel, haben mir sofort gesagt, du musst ja Sprüche 3 Vers 5 durchlesen, verlass dich nicht auf deinen Verstand, sondern verlass dich auf den Herrn von ganzem Herzen, im Sinne von misstraue immer deinem Verstand, misstraue immer deinem Verstand, weil denn die Bibel, die ist immer völlig okay, da ist immer alles gut und richtig und wichtig und passt und ist gesund. Und ich würde heute sagen, nee, da hat diese Texte, mit denen darf man ins Gespräch kommen, über die darf man diskutieren, die darf man hinterfragen, mit denen darf man ringen….

Ich habe vor langer Zeit mal zwei Podcasts gemacht über die Geschichte von Ananias und Saphira, Movecast 76 und 77, wer das noch mal nachhören will. Und ich habe in diesen beiden Podcasts zugegeben, dass ich diese Geschichte, dass zwei Menschen im Neuen Testament tot umfallen, weil sie die Apostel belogen haben, eine der schwierigsten Stellen in der ganzen Bibel finde. Ehrlich gesagt, ich finde die Offenbarung viel weniger verstörend als die Geschichte von Ananias und Saphira. Die Offenbarung ist für mich wirklich ein absolut rein symbolisches Buch, eine symbolische Erzählung, wo antike Symbole verwendet werden, die am Ende nur eines aussagen wollen: Jesus wird am Ende der große Sieger sein und es ist eine Trostgeschichte für euch Christen, die ihr mitten in der Verfolgung steckt. Aber wirklich verstörend finde ich die Geschichte von Ananias und Saphira. Und ich habe mir damals gesagt, das Einzige, was ich aus dieser Geschichte mitnehmen kann, weil es mir ganz schwer fällt zu glauben, dass im Neuen Testament Jesus Menschen tötet, weil sie ihn in irgendeiner Weise gesündigt haben, das Einzige, was ich mitnehmen kann aus der Geschichte ist, dass sie mir eines vermitteln will, dass es nichts Ernsteres gibt als unehrlich zu sein, Gott und der Gemeinschaft gegenüber.

An irgendeinem Punkt haben Ananias und Saphira aufgehört, ehrlich zu sein. Sie haben sich selbst und anderen etwas vorgemacht. Und ich glaube, es ist der Tod des geistlichen Lebens, der Tod der Jesusnachfolge, wenn wir aufhören, ehrlich zu sein und wenn wir uns und anderen etwas vormachen. Aus dem Grund müssen wir wieder anfangen, ehrlich zu glauben und ehrlich die Bibel zu lesen. Das ist die große Lektion, die ich von Ananias und Saphira mitnehme. Es wird so drastisch geschildert, dass uns für alle Zeit eigentlich klar sein müsste, mach dir und mach anderen nichts vor, sondern sei zutiefst ehrlich.

Und darum halte ich es für wichtig, auch mit der Bibel ehrlich umzugehen und zu sagen, mit diesem Text ringe ich wirklich, den finde ich ganz schwierig, den finde ich abscheulich, den finde ich blutrünstig, den finde ich verstörend oder irritierend. Und wenn ich ganz ehrlich bin, so möchte ich nicht sein, wie es in diesem Vers oder in diesem Kapitel beschrieben wird. Ja, ich finde, wir müssen ehrlich werden mit der Bibel, nicht mit der Haltung, ich habe Recht, die Bibel hat ganz sicher falsch hier, sondern ich bringe erstmal meine Irritation zum Ausdruck und vielleicht habe ich dann die Chance, noch mal anders über den Text nachzudenken. Vielleicht öffnet sich dann doch irgendwo eine Tür, wo ich merke, auf diese Art und Weise kann ich mich mit dem Text versöhnen, aber vielleicht bleibt es auch eine Spannung und ich finde keinen Weg, mich mit diesem Text zu versöhnen, zumindest nicht im Augenblick, vielleicht in 10 Jahren, vielleicht aber auch nie.

Und ein abschließender Gedanke dazu. Ich glaube, dass es im Neuen Testament Jesus ganz stark um unsere seelische Gesundheit geht. Die ist ihm enorm wichtig. Und aus diesem Grund kann Jesus sagen, was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt und nimmt doch Schaden an seiner Seele. Jesus will nicht, dass unsere Seele Schaden nimmt, sondern dass sie heil wird, dass sie gesund ist. Ich glaube, es ist Gottes große Absicht, dass wir durch den Glauben, durch die Beziehung zu ihm, seelische Gesundheit erlangen. Und keinesfalls möchte er, dass wir durch den Glauben seelisch krank gemacht werden.

In der Recherche zu meinem neuen Buch, wenn die Kirche nicht mehr passt, ist mir wieder aufgefallen, wie sehr Glaube auch krank machen kann. Der Buchmarkt ist voll von Büchern, die über krankmachendem Glauben berichten oder über ekklesiogene Neurosen. Da hat es immer wieder Menschen, die sagen, dieser Glaube hat mich auch krank gemacht, der hat mir ungeheuer viel Angst, Verunsicherung mitgebracht. Ich bin bei einer Neurose gelandet, bei einer gewissen Zwangsstörung, weil ich mein ganzes Leben lang mit Ängsten, mit Angst vor der Hölle, mit Angst vor Gott und vor seinem Zorn aufgewachsen bin. Ich glaube, Jesus möchte seelische Gesundheit.

Die Art und Weise, wie Jesus auf Menschen zugeht, wie er mit zerbrochenen und kranken und ausgegrenzten Menschen spricht und wie er sie behandelt, das ist ein Ausdruck davon, wie sehr er daran interessiert ist, die Seele der Menschen, die Würde der Menschen, die Integrität der Menschen, ihre Hoffnung wiederherzustellen.

Und in den kommenden Wochen und Monaten werde ich immer wieder einzelne Bibelstellen aufgreifen, Abschnitte euch vorlesen und euch einfach mal schildern, was mich an diesem Text stört, verstört, irritiert, was ich krankmachend empfinde und miteinander überlegen, gibt’s dafür eine Erklärung oder was machen wir jetzt mit diesem Text? Und vielleicht muss man den Text einfach mal stehen lassen, sinken lassen und eine Woche später oder ein Jahr später lesen wir den Text wieder und merken, er hat seine Schärfe verloren, weil ich vielleicht auch in einer anderen Lebenssituation bin oder ich habe einen Zugang gefunden, der mir noch mal einen anderen Blick und eine andere Perspektive auf den Text gewährt. Insofern bin ich gespannt auf diese Reise und ich lade euch ein, dabei zu sein, wenn es in den kommenden Wochen immer wieder mal heißt: Martin ringt mit der Bibel.

Und das war Movecast für heute. Vielen Dank fürs dabei sein. Movecast finanziert sich ausschließlich durch Spenden und darum freue ich mich über alle, die diese Arbeit finanziell unterstützen, entweder einmalig oder mit einem regelmäßigen Beitrag. Alle Informationen findet man unter movecast.de.

Dort findet man auch verschiedene Blogbeiträge von mir und einen Link zu Lovecast, dem anderen Podcast, den ich zusammen mit meiner Frau mache zum Thema Liebe, Beziehungen, Sexualität. Und jetzt wünsche ich euch eine gesegnete Zeit. Bis zum nächsten Mal. Macht’s gut. Bye bye.

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Musik: Craig Riley – Mountain Morning
Label: Audio Hero
Album: Good Beginnings
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