MC 26: Geschichten der Barmherzigkeit – Niemand hat mich berührt

In dieser Geschichte der Barmherzigkeit geht es um den Aussätzigen, der von Jesus geheilt wird. Was in 4 einfachen Versen beschrieben wird, ist in Wirklichkeit eine herzergreifende Geschichte, die sich nur erschließt, wenn man eintaucht in die damalige Zeit. Der Autor Max Lucado macht genau das in seinem Buch „Just like Jesus“. Er beschreibt diese 4 Versen in seinen Worten und berührt damit zutiefst die Herzen.

Der Bibeltext steht in Mt. 8,1-4, die Geschichte stammt von Max Lucado (Just like Jesus, Thomas Nelson 2012)

https://www.amazon.de/Just-Like-Jesus-Heart-His-ebook/dp/B004GJVX5C/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1495371352&sr=1-1&keywords=max+lucado+just+like

Transkript zur Folge:

Die Geschichte des Aussätzigen

Matt.8, 1-4

 Fünf Jahre lang hat mich niemand mehr berührt. Niemand. Nicht eine Person. Nicht meine Frau. Nicht mein Kind. Nicht meine Freunde. Niemand hat mich berührt. Sie sahen mich. Sie sprachen mit mir. Ich spürte Liebe in ihren Stimmen. Ich sah Besorgnis in ihren Augen. Aber ich spürte nicht ihre Berührungen. Es gab keine Berührungen. Nicht einmal. Niemand berührte mich. Was für die Meisten ganz normal ist, danach habe ich mich gesehnt. Händeschütteln, Umarmungen. Das Antippen meiner Schulter um meine Aufmerksamkeit zu bekommen. Einen Kuss auf meine Lippen um mein Herz zu erobern. Solche Momente wurden meiner Welt genommen. Niemand hat mich berührt. Niemand stiess mich an. Was hätte ich dafür gegeben, angerempelt zu werden, mich in einer Menschenmenge wiederzufinden, wo meine Schulter gegen die eines anderen gestossen wäre. Aber seit fünf Jahren ist das nicht mehr passiert. Wie auch? Die Strassen waren mir nicht erlaubt. Selbst die Rabbiner hielten Abstand von mir. Die Synagoge war mir verboten. Nicht einmal in meinem Haus war ich mehr willkommen. Ich war unberührbar. Ich war ein Leprakranker. Und niemand hat mich berührt. Bis heute.

An einem Jahr, während der Erntezeit wurde mein Griff an der Sense schwach. Die Spitzen meiner Finger wurden gefühllos. Erst ein Finger, dann ein anderer. Während kurzer Zeit konnte ich das Werkzeug zwar noch greifen aber kaum mehr fühlen. Am Ende der Saison konnte ich überhaupt nichts mehr fühlen. Die Hand, die den Griff hielt, hätte auch die eines anderen sein können – das Gefühl war verschwunden. Ich sagte meiner Frau nichts davon, aber ich wusste, dass sie einen Verdacht hatte. Wie auch nicht? Ich trug meine Hand gegen meinen Körper gedrückt wie ein verwundeter Vogel. An einem Nachmittag tauchte ich meine Hände in ein Wasserbecken, um mich zu waschen. Das Wasser färbte sich rot. Mein Finger blutete, blutete stark. Ich wusste nicht einmal, dass ich verletzt war. Wie hatte ich mich nur geschnitten? An einem Messer? An einer scharfen Kante? So musste es wohl geschehen sein, aber ich spürte nichts.

„Es ist auch an deinen Kleidern“, sagte meine Frau sanft. Sie stand hinter mir. Bevor ich sie ansah, blickte ich auf die dunkelroten Flecken auf meinem Gewand. Für die längste Zeit stand ich über dem Becken und starrte auf meine Hand. Irgendwie wusste ich, dass sich mein Leben für immer verändern würde.

„Soll ich mit dir zum Priester gehen?“ fragte sie.

„Nein“, seufzte ich “Ich werde alleine gehen.“

Ich wandte mich um und blickte in ihre feuchten Augen. Neben ihr stand unsere dreijährige Tochter. Ich kniete mich zu ihr, blickte in ihre Augen und streichelte ihre Wange, ohne ein Wort zu sagen. Was hätte ich auch sagen sollen? Ich stand auf und schaute wieder meine Frau an. Sie berühret meine Schulter, und mit meiner gesunden Hand berührte ich die Ihre. Es war unsre letzte Berührung.

Fünf Jahre sind nun vergangen und niemand hat mich seither mehr berührt, bis heute. Der Priester hat mich nicht berührt. Er schaute meine Hand an, die jetzt in einen Lumpen gehüllt ist. Er schaute mein Gesicht an, das sorgenvoll verfinstert war. Ich habe ihm nie Vorwürfe gemacht für das was er sagte. Er tat nur, wozu er verpflichtet war. Er bedeckte seinen Mund uns streckte seine Handfläche nach vorne: „Du bist unrein,“ sagte er mir. Mit einer Äusserung verlor ich meine Familie, meinen Hof, meine Zukunft, meine Freunde.

Meine Frau traf mich am Stadttor mit einem Sack voll Kleidern, und Brot und ein paar Münzen. Sie sprach nicht. Jetzt hatten sich auch Freunde versammelt. Was ich in ihren Augen sah war ein Vorbote dessen, was ich in allen Augen seither gesehen habe: ängstliches Mitleid. Als ich nach draussen trat, machten sie einen Schritt zurück. Ihr Entsetzen vor meiner Krankheit war grösser als ihre Sorge um mein Herz, und so taten sie, wie jeder andere, der mir begegnet ist, einen Schritt zurück.

Oh wie ich die abstiess, die mich sahen. Fünf Jahre Lepra liessen meine Hände verstümmeln. Spitzen meiner Finger fehlten, wie auch Teile meines Ohres und meiner Nase. Bei meinem Anblick griffen Väter nach ihren Kindern. Mutter bedeckten ihr Gesicht. Kinder zeigten mit den Fingern und starrten mich an. Die Lumpen an meinem Körper konnten die Wunden nicht verstecken. Noch konnte das Tuch über meinem Gesicht die Wut in meinen Augen verbergen. Ich versuchte sie nicht einmal zu verbergen. Wie viele Nächte erhob ich meine verstümmelte Faust gegen den Himmel? „Was habe ich getan, um dieses zu verdienen?“ Aber es kam nie eine Antwort.

Einige dachte ich hätte gesündigt. Einige dachten meine Eltern hätten gesündigt. Ich weiss es nicht. Alles was ich weiss, ist, dass ich all dessen müde geworden bin: Schlafen in der Leprakolonie, den Gestank riechen. Ich war der elenden Glocke Leid, die ich um meinen Hals tragen musste, um die Menschen vor meiner Gegenwart zu warnen. Als ob ich sie wirklich gebraucht hätte. Ein Blick und die Rufe ertönten: „Unrein! Unrein!

Vor einigen Wochen wagte ich es, die Strasse in mein Dorf entlangzugehen. Ich hatte nicht vor hinein zu gehen.  Der Himmel weiss, ich wollte nur einmal wieder meine Felder betrachten. Wieder mein Haus erblicken. Und per Zufall das Gesicht meiner Frau sehen. Ich sah sie nicht. Aber ich sah einige spielende Kinder auf der Wiese. Ich versteckte mich hinter einem Baum und sah ihnen beim Herumtollen und Rennen zu. Ihre Gesichter waren so fröhlich und ihr Lachen so ansteckend, dass ich für einen Moment, nur für einen kleinen Moment kein Leprakranker mehr war. Ich war wieder ein Bauer. Ich war ein Vater. Ich war ein Mann. Erfüllt von ihrer Fröhlichkeit, machte ich einen Schritt hinter dem Baum hervor, richtete meinen Rücken auf, atmete tief durch … und da entdeckten sie mich. Bevor ich mich zurückziehen konnte sahen mich die Kinder. Und sie schrieen. Sie liefen auseinander. Versteckten sich. Eines zögerte, schaute in meine Richtung. Ich weiss es nicht und kann es nicht sicher sagen, aber ich glaube, ich glaube wirklich, es war meine Tochter. Aber ich weiss es nicht. Ich glaube sie suchte ihren Vater.

Dieser Blick war es, der mich dazu brachte den Schritt zu tun, den ich heute getan habe. Natürlich war es tollkühn. Natürlich war es riskant. Aber was hatte ich zu verlieren. Er nennt sich selbst der Sohn Gottes. Entweder hört er meine Klage an und tötet mich oder er akzeptiert meine Bitte und heilt mich. Das waren meine Gehdanken. Ich kam zu ihm als zwiegespaltener Mensch. Nicht von Glauben getrieben, sondern von verzweifeltem Zorn. Gott hatte Unglück über meinen Körper kommen lassen und entweder er würde es wieder in Ordnung bringen oder es beenden.

Aber dann sah ich ihn, und als ich ihn erblickte, wurde ich verändert. Ihr müsst daran denken, ich bin Bauer, nicht Dichter, und so finde ich keine Worte um das zu beschreiben, was ich sah.. Alles was ich sagen kann ist, dass die Morgenstunden  in Judäa manchmal so erfrischend und die Sonnenaufgänge so herrlich sind, dass ihr Anblick einen die Hitze des bevorstehenden Tages und die Schmerzen der vergangenen  Zeiten vergessen lassen. Als ich in sein Gesicht sah, sah ich solch einen Morgen in Judäa.

Noch bevor er sprach wusste ich, dass er sich um mich sorgte. Irgendwie wusste ich, dass er diese Krankheit genauso hasste – ja sogar noch mehr hasste – als ich. Aus meiner Wut wurde Vertrauen und aus meinem Zorn wurde Hoffnung. Hinter einem Felsen stehend sah ich ihn einen Berg herabkommen. Eine Menge Menschen folgte ihm. Ich wartete, bis er nur noch wenige Schritte von mir entfernt war. Dann trat ich hervor. „Meister!“ Er hielt innen und schaute in meine Richtung, wie Dutzende anderer auch. Eine Welle von Angst schwabte durch die Menge. Hände bedeckten die Gesichter. Kinder versteckten sich hinter ihren Eltern. „Unrein!“ schrie irgend jemand. Und wieder mache ich ihnen keinen Vorwurf. Aber ich hörte sie kaum. Ich nahm sie kaum wahr. Ihre Panik hatte ich schon tausendmal gesehen. Sein Erbarmen jedoch, hatten meine Augen noch nie erblickt. Jedermann machte einen Schritt zurück, ausser ihm. Er trat auf mich zu. Auf mich zu.

Vor fünf Jahren war meine Frau auf mich zugetreten. Sie war die letzte, die dies getan hatte. Und jetzt tat er es. Ich bewegte mich nicht. Ich sagte nur: „Herr, wenn du willst kannst du mich heilen.“ Hätte er mich mit einem Wort geheilt, wäre ich begeistert gewesen. Hätte er mich gesund gemacht durch ein Gebet, wäre ich hoch erfreut gewesen. Aber er war nicht damit zufrieden zu mir zu sprechen. Er kam mir nahe. Er berührte mich. Vor fünf Jahren hatte mich meine Frau berührt. Niemand hatte mich seither berührt. Bis heute.

„Ich will.“ Seine Worte waren so sanft wie seine Berührung. „Sei geheilt!“ Kraft durchströmte meinen Körper wie Wasser trockenes Land. In einem Augenblick, in einem Moment spürte ich Wärme wo zuvor Taubheit war. Ich spürte Stärke wo zuvor Bewegungslosigkeit war. Mein Rücken streckte sich und mein Kopf erhob sich. Wo meine Augen auf der Höhe seines Gürtels waren, stand ich jetzt in Augenhöhe mit seinem Gesicht. Einem lächelnden Gesicht. Er legte seine Hände auf meine Wangen und zog mich so nahe zu sich, dass ich die Wärme seines Atems spüren konnte und seine feuchten Augen sehen. „Sage niemandem davon. Aber gehe hin und zeige dich dem Priester und opfere eine Gabe für deine Heilung, so wie Mose es befohlen hat. Das wird den Menschen zeigen, was ich getan habe.“

Und da werde ich jetzt hingehen. Ich werde mich dem Priester zeigen und ihn umarmen. Ich werde mich meiner Frau zeigen und ich werde sie umarmen. Ich werde meine Tochter hochheben und sie in den Arm nehmen. Und ich werde nie den vergessen, der es gewagt hat mich zu berühren. Er hätte mich durch ein Wort heilen können. Aber er wollte mehr tu  als mich heilen. Er wollte mich ehren, mich wertschätzen, mich als würdig erklären. Stellt euch das vor … unwürdig der Berührung eines Menschen und doch würdig der Berührung Gottes.