MM 240: Wie gelingt ein (christliches) Miteinander trotz Differenzen (Movecast Mini)

Spaltung, Lagerdenken und Feindbilder prägen zunehmend unsere Gesellschaft – und machen auch vor der christlichen Welt nicht halt. Ob theologische Differenzen oder gesellschaftspolitische Gräben: Immer häufiger fällt es schwer, miteinander im Gespräch zu bleiben.

In dieser Ausgabe von Movecast Mini geht Martin Benz der Frage nach, wie ein verbindendes Miteinander gelingen kann, ohne die eigenen Überzeugungen aufgeben oder verwässern zu müssen.

Zwei Schlüsselimpulse aus dieser Episode:

  • 1. Liebe legt Menschen nicht auf ihre Positionen fest: Inspiriert durch Daniel Schreibers Buch Liebe. Ein Aufruf: Jeder Mensch ist weit mehr als seine theologische oder politische Haltung – er ist Nachbar, Freund, Mitbürger und vielschichtige Persönlichkeit. (Wichtige Einschränkung: Diese Haltung stößt an ihre Grenzen, wo Positionen zutiefst menschenfeindlich oder entmenschlichend sind.)
  • 2. Die Kunst, nicht auf alles zu reagieren: In einer impulsgesteuerten Welt aus Social-Media-Reizen und schnellen Empörungen braucht es die Gelassenheit, Dinge vorbeiziehen zu lassen, gründlich zu reflektieren und nicht jeden Impuls mit einer Gegenreaktion zu beantworten. Frei nach dem Buch Prediger: „Nimm auch nicht alles zu Herzen, was man sagt.“

Erwähnte Literatur:

  • Daniel Schreiber: Liebe. Ein Aufruf

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Transkript:

Willkommen zu Movecast Mini, dem Podcast für kleine Aha-Momente. Mein Name ist Martin Benz, und jetzt geht’s los.

Ich erlebe eine enorme Polarisierung in unserer Welt. Es wird irgendwie zum Standard, dass Menschen nicht mehr miteinander können, dass sie sich trennen, dass man Feindbilder erschafft, dass man in Lagern denkt und mit anderen nichts mehr zu tun haben will oder nichts mehr zu tun haben kann.

Die Spaltung in unserer Gesellschaft, die beelendet mich. Dass ein gesellschaftliches Miteinander immer weniger gelingen will, das macht mich echt fertig.

Diese Polarisierung, dieses Gegeneinander raubt einer Gesellschaft eine ganz entscheidende Grundlage für ihr Überleben. Und Christen stecken da irgendwie mittendrin. Und ich erlebe zu selten, dass wir Christen in irgendeiner Weise das Ganze besser machen.

Wenn wir 100 Jahre zurückgehen, dann gab’s eine ungeheure Polarisierung zwischen Katholiken und Evangelischen. Da war’s ganz schwierig, dass ein Evangelischer eine Katholikin heiratet oder andersrum.

Ich bin in meiner Jugend aufgewachsen mit einer ungeheuren Polarisierung zwischen Evangelikalen und Charismatikern. Da hat man sich gegenseitig den Glauben abgesprochen, den Heiligen Geist abgesprochen oder sich als vom Satan verführt bezeichnet.

Und aktuell erlebe ich diese Polarisierung zwischen Progressiven und Evangelikalen oder zwischen Post-Evangelikalen und Evangelikalen. Auch dort wird verteufelt, der Glaube abgesprochen, man bezeichnet sich gegenseitig, bezichtigt sich der Irrlehre und kann nicht mehr miteinander arbeiten.

Ich erlebe augenblicklich, wie verhandelt wird, ob ich mit meinem Dienst Teil der Evangelischen Allianz sein darf bei uns oder eben nicht.

Und ich habe mich überlegt: Wie kann ich mich daran beteiligen, verbindend zu sein, anstatt zu polarisierend?

Und die Lösung kann ja nicht heißen: Ach, ich habe einfach nicht mehr so Überzeugungen, wie ich sie habe, ich bin da einfach softer, ich passe mich an, ich gleiche mich an, ich möchte da nicht irgendwie Anstoß erregen, ich guck, dass ich wieder Mainstream-Meinungen habe. Das kann ja nicht die Lösung sein.

Meine Biografie, meine Jesus-Beziehung, der Geist Gottes in mir, mein Bibelverständnis hat mich zu bestimmten Überzeugungen geführt. Und über die möchte ich sprechen, die tun mir gut, ich erlebe, wie die anderen guttun. Ich möchte da nicht hinterm Berg halten, ich möchte zu den Überzeugungen, die ich habe, stehen und möchte auch drüber reden.

Aber es muss doch gelingen, trotz unterschiedlicher Positionen und Überzeugungen miteinander klarzukommen, miteinander leben zu können, miteinander das Reich Gottes bauen zu können.

Ich habe mir darüber in den letzten Wochen Gedanken gemacht, und zwei Dinge sind mir dabei wichtig geworden:

Ich habe vor einiger Zeit das Buch von Daniel Schreiber gelesen: Liebe. Ein Aufruf und bin dort auf einen Satz oder einen Gedanken gestoßen, der mich sehr beschäftigt hat. Ich habe dort gelesen oder dort steht: dass die Liebe Menschen nicht auf ihre Positionen festlegt. Die Liebe legt Menschen nicht auf ihre Positionen fest.

Wenn man einen Menschen auf seine Position festlegt, dann blendet man aus, dass jeder Mensch mehr ist als seine Positionen. Eine Position, die ich vertrete, eine Überzeugung, die ich habe, das ist ein Teil meines Lebens. Aber ich bin mehr als meine Position. Ich bin auch noch ein Freund, ich habe Humor, ich kann trotzdem freundlich sein, ich kann hilfsbereit sein, ich kann Nachbar – ich bin Nachbar, ich bin Kunde, ich bin Mitbürger. Ich bin so viel mehr als meine Position.

Es gibt in der christlichen Szene einige Menschen, die diametral meiner Überzeugung und meiner Position entgegengesetzt sind. Bekannte evangelikale Christen und Christinnen, die Bücher schreiben oder die Podcasts machen und Leute wie mich und meine Position als wirklich falsch und unbiblisch betrachten würden.

Tiefste Überzeugungen, Menschenbild, Gottesbild, Verständnis von Erlösung, vom Kreuz, von der Ewigkeit, Allversöhnung usw. trennt uns ganz, ganz stark. Da kommen wir nicht überein, da sehen wir Dinge wirklich total unterschiedlich.

Ich denke an einen Theologen wie Markus Till, der evangelikaler, konservativer Theologe ist und immer wieder in Predigten und verschiedenen Momenten deutlich macht, dass er mit meiner Position überhaupt nicht einverstanden ist. Und es gibt einen Podcast, wo er auch der Äußerung zustimmt, dass Leute wie ich Irrlehre verbreiten und vom Satan inspiriert sind.

Aber Markus Till ist doch mehr als diese Position. Er ist mehr als diese Überzeugung. Markus Till ist wahrscheinlich auch Ehemann, er ist Vater, er ist Freund von Menschen, er ist ein Kunde im Laden, er ist ein Nachbar in seiner Wohngegend. Wenn wir mal die Position weglassen: Vielleicht könnte ich mit dem ganz viel lachen, vielleicht haben wir einen ähnlichen Humor, vielleicht haben wir ähnliche Hobbys, vielleicht könnten wir uns gegenseitig ganz viel Rat geben, von unserer gegenseitigen Erfahrung profitieren. Und wenn er mein Nachbar wäre, würden wir uns vielleicht gegenseitig unterstützen? Ein Mensch ist doch mehr als seine Position.

Wenn wir in der Position keine Übereinstimmung finden, vielleicht finden wir die Übereinstimmung in ganz vielen anderen Bereichen, denn da ist noch so viel anderes von unserem Menschsein da als nur unsere Positionen.

Stellt euch doch mal folgendes Szenario vor: Da gibt’s zwei Menschen, die total unterschiedliche Positionen vertreten. Beide haben Bücher dazu geschrieben und ziehen übereinander her, wie unmöglich die Position des anderen ist. Aber jetzt gehen wir mal davon aus: Beide kennen sich nicht persönlich, wissen auch nicht, wie der andere aussieht, und haben noch nie die Stimme des anderen gehört. Sie kennen bloß dieses Buch des anderen.

Und jetzt begegnen sich diese beiden Menschen zufällig in den Ferien. Sie sind auf dem gleichen Campingplatz und stehen mit den Zelten oder mit den Wohnwägen nebeneinander und helfen sich gegenseitig beim Zeltaufbauen, beim Wohnwagen-richtig-Hinstellen, und sie spielen Federball miteinander, sie fangen an abends bei einem Wein zusammenzusitzen, sie lachen miteinander, ihre Kinder spielen zusammen, sie, wie gesagt, sie spielen Federball oder Boccia oder irgendwas zusammen, und sie sind sich außerordentlich sympathisch und denken: Mensch, das sind wirklich tolle Leute, die wir da kennengelernt haben. Und merken erst im Nachhinein, wer sie wirklich sind und dass sie ganz trennende Positionen zueinander haben.

Aber sie haben gleichzeitig gemerkt, dass es ganz vieles gibt, das den anderen liebenswert und sympathisch macht. Wir sind nämlich mehr als unsere Positionen.

Und wenn ich einem Menschen begegne, der eine ganz andere Position hat wie ich – politisch oder geistlich, gesellschaftlich oder moralisch –, dann möchte ich mir immer wieder bewusst machen, dass ein Mensch mehr ist als seine Position.

Jemand, der an die Hölle glaubt und nicht an die Allversöhnung, kann trotzdem ein ganz wundervoller, liebevoller, hilfsbereiter, humorvoller Mensch sein. Jemand, der ein wörtliches Bibelverständnis hat und alles historisch sieht und glaubt, dass wirklich jeder Satz und jeder Buchstabe von Gott inspiriert ist, also ein ganz anderes Bibelverständnis als ich das habe – der kann trotzdem vielleicht ein guter Freund sein, in irgendeinem Bereich partnerschaftlich mit mir umgehen, ein gemeinsames Hobby pflegen, mich unterstützen oder sonst etwas, denn wir sind mehr als unser Bibelverständnis und wir sind mehr als unsere Eschatologie.

Ich glaube, wir müssen es unbedingt lernen, dass die Liebe sich weigert, einen Menschen auf seine Position festzulegen.

Nun muss ich aber doch eine Einschränkung machen: Einen Menschen nicht auf seine Position festzulegen, sondern den ganzen Menschen zu sehen, funktioniert eigentlich nur so lange, wie der Mensch nicht Positionen vertritt, die ihn und andere entmenschlichen.

Also wenn jemand Positionen vertritt, die zutiefst entmenschlichend sind, wie zum Beispiel Rassismus, Antisemitismus oder solche Dinge, ist es schwierig, da wirklich noch das Menschliche drin zu sehen.

Und das Gleiche gilt dafür, wenn eine Position den ganzen Menschen in Beschlag nimmt, wenn da nichts mehr übrigbleibt vom Menschen als diese Position, wenn diese Position alles bestimmt, was ein Mensch denkt, fühlt und tut. Dann wird es ganz schwierig, eben neben der Position sich auf den Menschen einzulassen.

Die Liebe legt Menschen nicht auf ihre Position fest. Das möchte ich grundsätzlich versuchen. Aber die Position der Nazis im Dritten Reich war so allumfassend, ihr ganzes Weltbild und Menschenbild war so toxisch, dass ich mich nicht auf etwas anderes konzentrieren kann, weil mir nichts anderes entgegenkommt.

Menschenfeindlichkeit und Entmenschlichung muss benannt werden. Das erzeugt zu viele Opfer, hat zu viele Kollateralschäden, als dass ich mich auf gemeinsames Federballspielen oder so etwas einlassen könnte.

Wenn eine Position also dazu dient, andere Menschen zu verdammen, zu verurteilen, zu entmenschlichen, zu entrechten, dann gibt es daneben nichts, auf was ich mich noch konzentrieren könnte. Dann muss diese Position benannt werden. Jesus hat immer wieder versucht, den Menschen zu sehen, aber er konnte auch sagen: Stopp, auf das lasse ich mich nicht ein, das muss benannt werden, das muss ans Licht gebracht werden.

Insofern grundsätzlich: Wir wollen Menschen nicht auf ihre Position festlegen. Aber wenn ihre Position menschenverachtend ist, dann beeinflusst das den ganzen Menschen, der mir da entgegenkommt. Und dann ist es eben oftmals nicht mehr möglich, etwas neben der Position zu sehen und wahrzunehmen.

Und das Zweite, was uns helfen könnte, ist, wieder die Kunst zu lernen, nicht auf alles zu reagieren.

Ich habe den Eindruck, wir haben uns zu einer ungeheuer impulsgesteuerten Gesellschaft entwickelt. Wir erleben durch das Scrollen durch soziale Medien, das Durchscrollen durch Nachrichten, durch kurze Videos ganz viele Impulse. Die Stunden, die wir bei Social Media verbringen, sind ständige Impulse und Reize, die wir erleben.

Wir verlernen dadurch die tiefe Auseinandersetzung mit Themen über eine längere Zeit, wir verlernen die gründliche Reflexion und wir sind ganz stark impulsgesteuert.

Soziale Medien feuern Impulse ab auf unser Herz, auf unsere Gefühle und auf unser Denken. Wir sind zur impulsiven Gesellschaft geworden.

Und ausgehend von dieser Impulsivität haben wir selbst den Eindruck, wir müssen auf jeden Impuls reagieren: alles kommentieren, über alles nachdenken, uns alles zu Herzen nehmen, uns über alles empören und so weiter.

Ich glaube, wir müssen wieder lernen, nicht so impulsgesteuert zu sein. Wir kommen nur weiter, wenn wir wieder lernen, nicht auf alles reagieren zu müssen. Denn jede impulshafte Reaktion provoziert sofort eine impulshafte Gegenreaktion. Dadurch sind wir im ständigen Kampf miteinander, in der ständigen Impulsabarbeitung.

Unser Gehirn bleibt an der Oberfläche und wir verlernen es, in die Tiefe zu gehen, wir verlernen damit auch unsere Empathie.

Im Buch Prediger steht der Satz: „Nimm auch nicht alles zu Herzen, was man sagt.“ Oder ich könnte heute formulieren: Reagier nicht auf alles, was du auf Facebook oder Instagram oder in den Nachrichten siehst und hörst.

Es braucht ein Stück weit diese Gelassenheit, um aus diesem ungeheuren Empörungsmodus herauszukommen, in dem wir uns momentan so stark befinden.

Also, ich glaube, was uns helfen kann wegzukommen von dieser Polarisierung und diesem dauernden Gegeneinander, ist es, dass wir – gerade weil wir Liebe als unser wichtigstes Gebot haben – Menschen nicht auf ihre Positionen festlegen, sondern mehr sehen als nur die Position eines Menschen, dass wir wieder den ganzen Menschen sehen. Und zum Zweiten: Wir lernen wieder, nicht auf alles zu reagieren, Dinge einfach auch mal an uns vorbeiziehen zu lassen, uns nicht alles zu Herzen zu nehmen. Ich möchte mir das auf alle Fälle für die Zukunft vornehmen.

Und das war Movecast Mini. Weitere Podcasts und Blogartikel findest du auf der Webseite www.movecast.de. Dort gibt es den Podcast Movecast und Lovecast, den ich zusammen mit meiner Frau mache. Und dieser ganze Podcast, diese ganze Arbeit lebt ausschließlich von Spenden. Wenn du einen Beitrag leisten möchtest, dann freut mich das sehr. Du findest auch dazu alle Informationen auf der Webseite movecast.de. Und jetzt: Sei gesegnet, bis zum nächsten Mal. Bye-bye!

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GEMA-freie Musik von www.frametraxx.de

Musik: Craig Riley – Mountain Morning
Label: Audio Hero
Album: Good Beginnings
Alternate Versions: 4
License: Music Track