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Movecast 179: Der unfreundliche Jesus

In dieser Episode von Movecast beschäftige ich mich mit den scheinbar unfreundlichen und lieblosen Aussagen oder Handlungen Jesu. Für mich ist Jesus der vollkommene Ausdruck von Gottes Charakter. Wer Jesus sieht, der sieht den Vater! Darum ist es umso wichtiger, sich mit diesen teils verstörenden Aspekten von Jesu Persönlichkeit auseinanderzusetzen. Ich schildere fünf Argumente oder Perspektiven, wie wir damit umgehen können.

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Transcript:

 

Heute spreche ich über den unfreundlichen Jesus.

Immer wieder bekomme ich Zuschriften oder Anfragen, was ist denn mit gewissen Bibelstellen, in denen Jesus nicht so freundlich war, in denen er von Gericht spricht, von der Hölle spricht, wo er Menschen abweist oder wo er scharfe Worte spricht, wo er mit den Pharisäern im Konflikt ist oder auch dann die Bilder aus der Offenbarung und so weiter.

Also was mache ich denn mit den Teilen in der Bibel, im Neuen Testament, in den Evangelien, wo Jesus eher nicht so liebevoll, nicht so freundlich, nicht so sympathisch rüberkommt.

Was machen wir denn damit? Und ich greife diese Frage sehr gerne auf, denn sie ist auch für mich grundlegend.

Denn der Dreh- und Angelpunkt meiner persönlichen Theologie ist Jesus Christus. Wahrscheinlich die wichtigste theologische Entdeckung war für mich, dass ich durch Jesus wirklich Gott erkenne. Mein Gottesbild ist zutiefst und komplett von Jesus Christus bestimmt. Jesus hat einmal gesagt, wer mich sieht, der sieht den Vater. In Jesus wohnt die gesamte Fülle Gottes leibhaftig und im Hebräerbrief steht, dass Jesus der vollkommene Abdruck oder Ausdruck von Gottes Charakter ist. Gott ist nie anders als er sich in Jesus Christus geoffenbart hat. Es gibt Gott nicht in mehreren Versionen, sondern Gott ist immer wie Christus.

Ich habe also nicht irgendein Gottesbild, das vom Zorn oder von der Gerechtigkeit im Alten Testament geprägt ist oder von irgendwelchen Rachengedanken oder ich habe kein sadistisches Gottesbild, sondern mein Gottesbild ist zutiefst von Jesus Christus und seinem Charakter geprägt.

Und dann ist aber umso entscheidender die Frage, was mache ich denn jetzt, wenn ich da auf Textstellen stoße in den Evangelien, wo Jesus irgendwie nicht so freundlich ist.

Und da sagen manche, ja ja, der Jesus hat auch harte Seiten an sich von wegen…. Also auch Jesus ist zornig und auch Jesus kann harte Worte sprechen. Auch Jesus redet über das Gericht und über die Hölle.

Und damit wollen sie sozusagen sagen Ja, du hast ein einseitiges Gottesbild. Ja, Gott ist schon wie Jesus. Aber den Jesus, den du verkündigst, das Jesusbild, das du malst, das ist viel zu einseitig. So liebevoll war Jesus dann doch wieder nicht. Der hat auch eine andere Seite.

Und genau deswegen möchte ich mich in diesem Podcast und eventuell auch noch in weiteren Episoden mit Jesus und dieser eher unfreundlichen, also scheinbar unfreundlichen Seite von Jesus auseinandersetzen.

Also was meine ich mit unfreundlichem Jesus? An was denke ich da? Das sind zum Beispiel solche Geschichten, wenn Jesus zu seiner Mutter bei der Hochzeit zu Kana sagt: »Weib, was habe ich mit dir zu schaffen? Meine Zeit ist noch nicht gekommen.« Das wirkt er ziemlich unfreundlich seiner Mutter gegenüber.

Oder es sind Texte wie die Tempelreinigung, wo Jesus die Tische der Händler umschmeißt im Tempel. Oder es sind Textstellen, wenn Jesus mit der syrophönizischen Frau zusammentrifft, die ihm um eine Heilung bittet. Und Jesus dann zu ihr sagt, es ist nicht recht, dass man den Kindern das Brot wegnimmt und es vor die Hunde wirft. Also da bezeichnet er diese Frau oder ihr Volk als Hunde. Das wirkt ja nicht besonders nett und freundlich.

Oder wir haben die intensive Auseinandersetzung in Matthäus 23 zwischen Jesus und den Pharisäern, wo er von Schlangenbrot redet, wo er von Heuchlern redet und nicht gerade die schönsten Bezeichnungen für die Pharisäer auf Lager hat. Er redet von den Menschen als ehebrecherisches Geschlecht.

Er droht der Stadt Jerusalem das Gericht an.

Wie gehen wir also mit diesen Texten um? Wie können wir sie einordnen?

Ich glaube grundsätzlich, dass Jesus überhaupt nicht unfreundlich ist, sondern all diese Geschichten ändern nichts an meiner grundsätzlichen Aussage oder Haltung, an meinem grundsätzlichen Glauben, dass Jesus Liebe pur ist und dass es keine liebevollere Variante von Jesus hätte geben können zur damaligen Zeit.

Und damit sind wir schon bei meinem ersten Ansatz, wie ich versuche, das zu erklären. Irgendwann entscheidet Gott, sich durch die Menschwerdung zu vereindeutigen und in diese Welt hineinzukommen, das Reich Gottes anbrechen zu lassen und sich zu offenbaren in seinem Charakter, in der Form von Jesus Christus. Und nun ist es so, zu irgendeiner Zeit vollzieht Gott diese Menschwerdung. Und es geschieht nun im Jahre Null, sozusagen zu Beginn unserer Zeitrechnung, zu der Zeit von Herodes, in einer antiken orientalischen Kultur, vor der Aufklärung, vor dem Mittelalter, in der Antike, nicht in der Neuzeit, aber auch nicht vor 5000 Jahren, nicht zur Zeit der Neandertaler oder irgendwann.

Er macht es zu irgendeiner Zeit. Und nun wird Jesus auch zunächst einmal Kind seiner Zeit, Kind seiner Kultur. Wenn Gott Mensch wird und auf diese Welt kommt, kommt er immer in eine bestimmte Kultur hinein und wird damit auch zum Kind, zum Teilhaber dieser Kultur. Jesus wird also Teil der jüdischen Kultur im ersten Jahrhundert. Er wird Teil einer bestimmten Epoche der Weltgeschichte. Er wird Teil von einem bestimmten Stand der Zivilisation, die damals in der Welt herrschte oder mindestens in diesem Teil der Welt herrschte.

Und Jesus fällt jetzt nicht andauernd aus seiner kulturellen Rolle und ändert auf Schritt und Tritt die kulturellen Gepflogenheiten, sondern Jesus ist erstmal Teil dieser Gepflogenheiten.
Jesus liegt weiterhin beim Essen zu Tisch und zimmert als Zimmermann keinen Stuhl, bloß weil man in späterer Zeit auf Stühlen sitzt. Nein, Jesus kommt in eine Zeit, wo man nicht auf Stühlen sitzt. Und dann sitzt er eben auch nicht auf Stühlen, sondern liegt zu Tisch. Wäre Jesus 1500 Jahre später geboren worden, dann würde er nicht zu Tische liegen, sondern er würde zu Tische sitzen.

Und Jesus bedient sich der Sprache des ersten Jahrhunderts, der Vokabeln, auch da der sprachlichen Gepflogenheiten, der Sprachbilder, die zur damaligen Zeit vorherrschten und nicht die Sprachbilder oder die Vokabeln oder die Art zu sprechen, wie man es 2000 Jahre später tut im 21. Jahrhundert. Jesus ist also bewusst Kind seiner Zeit.

Würde er sich die ganze Zeit gegen die Kultur stellen, nicht kulturkonform verhalten, dann wäre Jesus wahrscheinlich wesentlich früher gestorben, gekreuzigt worden oder man hätte überhaupt nicht auf ihn gehört, weil er nicht anschlussfähig gewesen wäre. Man hätte keinen Zugang zu ihm gefunden, wenn er außerhalb der Kultur gestanden hätte. Und insofern ist Jesu Verhalten auch von der Kultur und von der damaligen Zeit geprägt.

Für mich gibt es einen himmlischen Jesus. Wenn ich Jesus im Himmel begegnen werde, dann wird das die liebevollste Version Gottes sein, die nur denkbar ist. Es wird nichts Liebevolleres gehen als das, was ich im Himmel mit Jesus antreffen werde. Der himmlische Jesus ist die liebevollste Variante Gottes, die es nur geben kann, die nur denkbar ist. In den Evangelien begegnen wir aber einem Jesus, der sich in der Welt des ersten Jahrhunderts befindet. Und nun würde ich sagen, wenn Jesus in die Welt des ersten Jahrhunderts kommt, dann wird er dort die liebevollste Version eines Gottes im ersten Jahrhundert sein, die nur denkbar ist. Das ist nicht die gleiche Version, die wir in Reinform im Himmel oder in der Ewigkeit antreffen werden. Aber ich würde sagen, Jesus war im ersten Jahrhundert die liebevollste Version von Gott oder von einem Menschen, die man sich denken konnte.

Und wenn Jesus im 21. Jahrhundert geboren wäre, wäre er wiederum die liebevollste Version Gottes gewesen.  Dann hätte sich Jesus an Gandhi oder an Mutter Teresa messen müssen, aber er wäre immer die liebevollste Version eines Menschen gewesen, die zu der Zeit nur denkbar ist. Aber es ist auch klar, dass die liebevollste Version Jesu im 21. Jahrhundert anders aussieht, wie die liebevollste Version Jesu im 1. Jahrhundert. Und beides sieht nochmal anders aus wie die liebevollste Version Jesu, die er tatsächlich hat. Nämlich im Himmel, Jesus in Reinform. Der himmlische Jesus ist Liebe in Reinform.

Aber der Jesus im 21. Jahrhundert, der Jesus im 15. Jahrhundert, der Jesus im 1. Jahrhundert ist immer die liebevollste Variante eines Menschen, die es zur damaligen Zeit hätte geben können. Das ist also mal eine erste Erklärung.

Etwas zweites, auf das wir achten müssen:

Obwohl Jesus Kind seiner Zeit ist, entdecke ich bei ihm, dass er auch ganz oft an der Veränderung der damaligen Kultur arbeitet und zwar immer in Richtung Liebe. Und in dieser Überwindung der Kultur in Richtung Liebe geht Jesus ganz oft ans Maximum. Jesus ist als Mensch gewordener Gott Teil einer bestimmten gesellschaftlichen Hierarchie, eines bestimmten Menschenbildes und eines gewissen Rollenverständnisses. Und er ist Teil einer Kultur, die einen ganz bestimmten Blick auf Frauen hat, auf Kinder hat, auf Heiden hat, auf Bedienstete hat und so weiter. Und Jesus ist jetzt einerseits Teil dieser Kultur, Teil dieses Denkens, Teil dieses Rollenverständnisses. Aber Jesus versucht hier und dort immer wieder diese Kultur aufzubrechen, einen Schritt weiter zu gehen.

Versteht ihr, Jesus vollzieht keine Gleichberechtigung der Frau, wie wir sie seit den letzten Jahrhunderten kennen, oder seit dem letzten Jahrhundert. Aber er geht ans Maximum. Er macht Frauen zu seinen Jüngeren. Er macht Frauen zu den wichtigsten Zeuginnen der Auferstehung. Obwohl Frauen als Zeuginnen gar nicht zugelassen wurden. Also Jesus kann es nicht im ersten Jahrhundert die Gleichberechtigung der Frau vollkommen vollziehen.
Das ist undenkbar. Das wäre ein zu starker Sprung aus der Kultur heraus.  Nicht nachvollziehbar. Nicht anschlussfähig. Aber er macht Schritte bis ans Maximum, soweit wie er nur gehen kann, um gewisse Dinge zu verändern.

Und da verändert er was in Bezug auf Sklaven, in Bezug auf die Haltung zu den Heiden, in Bezug auf das Menschenbild, auf die Haltung Kindern gegenüber und eben auf die Haltung Frauen gegenüber und so weiter. Und manchmal geht er dabei so weit, dass er den Zorn der Kultur oder den Zorn der Herrschenden, der Beherrscher der Kultur auf sich zieht. Er zieht den Zorn derer auf sich, die versuchen, das Establishment zu erhalten, die Hierarchien so zu erhalten, wie sie sind. Deren Zorn zieht er auf sich, weil er ans Maximum geht. Und für diese Schritte, die er geht, wird er am Schluss auch hingerichtet.

Jesus ist zum einen Teil seiner Kultur und gibt sich ganz hinein in die kulturellen Gepflogenheiten. Zum anderen ist er in vielem einen Schritt voraus. Und in diesem einen Schritt voraus sein, in seiner Nächstenliebe, in seiner Empathie, in seiner Zuwendung, in seinem Erbarmen und so weiter, ist er uns ein ganz großes Vorbild. Sei ein Schritt voraus und du wirst zum Vorbild.

Und in manchem ist Jesus drei Schritte voraus. Und er bricht die Kultur auf. Und er stört die Kultur empfindlich. Und wegen diesen drei Schritten voraus sein, wird er am Schluss zum Märtyrer. Aber es ist zu viel verlangt, dass Jesus in allem einen oder drei Schritte voraus ist.
In manchem ist er einfach auch Teil seiner Zeit und möchte nicht für unnötige Aufregung sorgen.

Also das erste war, Jesus ist die liebevollste Variante Gottes, die zu der Zeit möglich ist.
Zweitens, Jesus versucht immer wieder die Kultur zu überwinden und wird dadurch zum Vorbild, aber eben auch zum Märtyrer.

Und zum dritten müssen wir uns bewusst machen, dass die Zeit des ersten Jahrhunderts in der Antike völlig anders geartet war als unsere Welt im 21. Jahrhundert, die wir so gut kennen und die uns so vertraut ist. Die Zeit des ersten Jahrhunderts ist eine Zeit vor der Aufklärung. Es ist ein anderer Stand der Zivilisation. Versteht ihr, damals gab es noch keine Gentlemen. Das ist eine Erfindung des 18. Jahrhunderts.  Die damalige Zeit war rauer, direkter, blutiger, lang nicht so weichgespült wie unsere Gesellschaft heute. Die Dinge, die da streng oder rabiat wirken, sind einfach Ausdruck ihrer Zeit, der damaligen Rohheit.
Wir setzen gern unsere Maßstäbe an Höflichkeit, Respekt oder modernen Umgangsformen an die Bibel an. Die Menschen damals, die sind ganz anders miteinander umgegangen, die haben anders gesprochen. Das war eine Welt, wo der Tod allgegenwärtig war, die Todesstrafe allgegenwärtig war. Da war man überall mit Tod, mit Gewalt, mit Krieg, mit Terror, mit Rebellion, mit Seuchen konfrontiert. Das hat die Menschen rauer und roher gemacht. Damals waren Diktatoren und Folter an der Tagesordnung.

Zudem war die Sprache in der Antike nicht so gespickt mit Adjektiven und Adverbien. Wir haben heute eine Sprache mit ganz vielen Adverbien. Also Worte, die Verben genauer beschreiben, die sie verstärken oder abmildern. In der Bibel haben wir viel weniger Adverbien. Das ist eine viel klarere, direktere Sprache, viel weniger blumig, viel weniger wie heute, wo wir mit ganz vielen Nuancen arbeiten. Wir müssen uns überlegen, oh, kann ich das so sagen? Oh, verletzt das jemanden? Wir haben also ganz viele Nuancen in unserer Sprache. Das kennt das Altertum nicht. Da ist die Sprache roher, direkter. Da wird nicht so viel nuanciert, da wird nicht so viel überlegt, oh, wie muss ich es jetzt sagen für diesen oder für jenen Fall, für diesen oder für jenen Menschen. Und vieles, was da so roh und rau rüberkommt, hat zum Teil auch mit der Übersetzung zu tun. Es klingt anders, wenn Luther die Bibel übersetzt, ein Mensch aus dem 16. Jahrhundert, oder wenn wir heute die Hoffnung für alle oder die Basisbibel haben. Ich mache euch mal ein Beispiel aus Johannes 2, Vers 4.

In der Lutherbibel heißt es: „Jesus spricht zu ihr, Weib, was habe ich mit dir zu schaffen?
Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“

Ja, das ist Luther. Da hat man über, wenn man da mit Frauen gesprochen hat, hat man da Weib gesagt. Und Weib ist heute natürlich ganz negativ belegt. Oh, Jesus redet aber unfriedlich. Er redet von Weib, von Weibern und so weiter. Aber das ist Luther, der das griechische Wort an dieser Stelle übersetzt.

Nehmen wir eine moderne Übersetzung, zum Beispiel Neue Genfer Übersetzung heißt es da:  „Ist es deine Sache, liebe Frau, mir zu sagen, was ich zu tun habe. Meine Zeit ist noch nicht gekommen.“ Klingt gleich anders. Das hat was mit Übersetzung zu tun.

Also Jesus ist vor 2000 Jahren Teil einer Kultur, Teil einer Gesellschaft, die viel rauer, direkter, roher, gewalttätiger funktioniert, als unsere Welt, die eine andere Vorstellung von Respekt, von Höflichkeit, von Achtung und von Wertschätzung hat, wie wir das heute kennen. Ich glaube, Jesus versucht im ersten Jahrhundert die liebevollste Variante zu sein, die man sein konnte. Aber das ist vielleicht immer noch nicht so, wie wir uns das wünschen würden 2000 Jahre später, wo wir gesellschaftlich und kulturell eben an einem völlig anderen Punkt stehen.
Es gehört auch zur damaligen Zeit, dass man drastische Handlungen vollzogen hat, dass man in der Sprache übertrieben hat, dass man drastisch ausgemalte Bilder und Vergleiche verwendet hat, um auf bestimmte Dinge hinzuweisen. Die Welt war dualistisch gedacht, das Böse wurde personifiziert durch Teufel und Dämonen.

Und der vierte Punkt: Jesus ist, auch wenn er die Liebe ist, kein Softie, kein Weichling, der alles durchgehen lässt, der sich nicht kritisch äußert zu Dingen, der Missstände nicht sieht und anspricht, der nicht auch ankündigen kann, dass er als Gott, als Gottes Sohn sagt, das wir einmal gerichtet werden: das geht nicht, das hat zu viele Kollateralschäden, das ist falsch, das ist eben nicht liebevoll.

Also das wäre ja die gleiche Logik wie wenn Eltern nur dann lieb sind, wenn sie bei ihren Kindern alles durchgehen lassen, wenn sie nie schimpfen, wenn sie nie kritisieren, wenn sie zu allem Ja und Amen sagen. Also was ist denn das für eine Überlegung?

Natürlich ist Jesus Menschen auf den Schlips getreten, hat sie vor den Kopf gestoßen, hat sie herausgefordert. Wenn einer das Recht hat, Gericht auszusprechen, Verurteilung auszusprechen, dann war es Jesus. Jesus ist derjenige, der am Schluss das Urteil fällt. Das ermächtigt uns aber noch lange nicht, dass auch wir Gericht vollziehen dürfen. Das ist für uns kein Freibrief. Wenn Jesus verurteilt hat, dürfen wir das auch machen. Nein, das ist nur sein Vorrecht, nicht unser Vorrecht.  Aber Jesus, der darf Missstände anprangern. Er darf sagen, was nicht geht und was nicht sein darf und was nicht dem Reich Gottes und den Werten des Himmels entspricht. Ich bin froh, dass er das beim Namen nennt und nicht so als Softy sagt: alles ist okay, everything goes. Das würde gar nicht passen. So ein Jesus will ich gar nicht. Er ist die Liebe. Aber die besteht auch darin, dass er das Lieblose entlarvt.

Und zu guter Letzt, fünfter und letztes Argument, das ich in diesem Podcast bringen will, ist: es ist immer auch eine Frage der Perspektive.

Die harten Gerichtsworte Jesu, die verurteilenden Worten Jesu, die sind gute Botschaft für all diejenigen, die am Ende der Nahrungskette stehen. Also für die Unterdrückten, für die Armen, für die Ausgestoßenen sind die Gerichtsworte Jesu eine Wohltat, denn jetzt wird mit denen abgerechnet, die sie unterdrücken, die sie bedrücken. Die Gerichtsworte sind nur dann besonders hart, wenn ich selbst vom Gericht betroffen bin. Für die andere Seite, für die Opfer, sind diese Worte wirklich eine Wohltat, sind sie Evangelium, sind sie eine gute Botschaft. Wenn Jesus sagt: „wehe euch Reichen“, dann denken wir, oh wie redet denn Jesus über die Reichen, das ist aber echt hart. Aber für die Armen, für die Unterdrückten, die ausgebeutet werden – damit ein paar wenige reich werden – ist das eine frohe Botschaft.
Endlich sagt es mal einer, dass die Reichen so viel Leid verursachen. Endlich hat jemand mal einen Blick für uns Arme, für uns Opfer, die schuften, die sich abrackern, die hier die Tagelöhner und Sklaven der Reichen sind. Also es kommt immer auf die Perspektive an.
Und aus der westlichen, modernen Perspektive klingt so manche Äußerung von Jesu echt hart und lieblos. Aber aus der Perspektive des Unterdrückten, des Elenden, sind es Worte ewigen Lebens.

Okay, fassen wir das Ganze nochmal zusammen:

Ich habe fünf Aspekte genannt, wie man mit dem scheinbar unfreundlichen Jesus umgehen kann.

1. Das erste Argument ist:  für mich ist Jesus die Liebe in Reinform. Der Jesus, der himmlische Jesus, ist die Liebe, wie sie nicht größer gedacht werden kann. Sobald Jesus eintritt in eine menschliche Kultur, in dem Gott Mensch wird, wird er auch Teil dieser Kultur. Und ich würde nun sagen, Jesus ist die liebevollste Variante, die möglich ist für Gott als Mensch in dieser Kultur.

2. Jesus versucht das Lieblose oder das Schwierige, das Unmenschliche in dieser Kultur auch immer wieder zu überwinden. In ganz vielem geht er einen Schritt weiter als die Kultur und wird zum großen Vorbild. In manchem geht er drei Schritte weiter als die Kultur und geht ans Maximum dessen, was möglich ist und ist dadurch auch in der Gefahr von Menschen, den Zorn der Menschen auf sich zu ziehen und am Ende zum Märtyrer zu werden, wie das dann auch geschehen ist.

3. Zum Dritten gibt es einen großen historischen Graben zwischen unserer Gesellschaft, unserer Kultur, unserer Zeit und der damaligen Zeit. Die Welt damals war rauer, die war roher, die war gewalttätiger. Damals gab es noch nicht den Gentleman und so weiter. Es sind also ganz andere gesellschaftliche Normen und Gepflogenheiten und in die müssen wir uns erst hereinfinden, Die befremden uns manchmal, weil wir so eine große Distanz haben, aber das macht die Zeit nicht liebloser.

Also versteht ihr, vor 100 Jahren hätte es niemand als problematisch empfunden, wenn Kinder in der Schule von den Lehrern geschlagen werden. Das gehörte mit zu ihrer Pädagogik, zu ihrer Ausbildung. Für die Zeit vor 100 Jahren vollkommen normal, da hat niemand gesagt, was bist du für ein Tyrann du Lehrer, also was bist du für ein Sadist, das geht ja gar nicht. Zur damaligen Zeit war das vollkommen okay, für niemanden verstörend, wenn das geschehen ist. Heutzutage ist es für alle verstörend, wenn ein Lehrer noch Kinder schlagen oder züchtigen würde.

Also da merken wir, die Zeit vor 2000 Jahren hat für uns viel Verstörendes an sich. Aber wenn Jesus Teil dieser damaligen Kultur ist, dann ist eben auch so manches an seinem Verhalten ein wenig verstörend für uns. Das liegt aber nicht am Wesen Jesu, sondern an der damaligen Zeit.

4. Der vierte Punkt ist, dass Jesus sehr wohl das Recht hat, Dinge auch beim Namen zu nennen, Missstände zu benennen, Dinge zu verurteilen, Dinge zu tadeln, Menschen herauszufordern, die eben der Liebe oder den Werten des Himmels widersprechen. Da hat Jesus sehr wohl das Recht. Ich will nicht, dass Jesus ein Softe ist, der alles durchgehen lässt, sondern dass er Dinge, die Missstände sind, auch benennt.

5. Und zu guter Letzt: Die scheinbar unfreundliche Seite Jesu, wo er Dinge kritisiert, wo er harte Worte spricht, wo er Gerichtsworte ausspricht, die sind eine wirklich gute Botschaft, ein Evangelium, eine Wohltat für all diejenigen, die Opfer dieser Missstände geworden sind.
Es ist eine erleichternde, eine befreiende Botschaft, wenn da endlich einer kommt, der die Missstände, unter denen wir alle leiden, die Ausgegrenzten, – die Armen, die Tagelöhner, die Sklaven -, wenn die einer beim Namen nennt. Insofern hat die unfreundliche Seite Jesu auch etwas Befreiendes und etwas sehr Freundliches denen gegenüber, die Opfer der damaligen Zeit sind.

Ich hoffe, das gibt euch ein paar Argumente an die Hand, für euch klarzukommen mit diesen unfreundlichen Aspekten, denen wir da begegnen.

 

 

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