Movecast Podcast Feature Image

Movecast 181: Frauen, Kinder und Säuglinge töten – kann das wirklich so gemeint sein?

Mindestens dreimal fordert Gott im Alten Testament dazu auf, die Amalekiter schonungslos zu vernichten und den Bann an ihnen zu vollstrecken. Frauen, Kinder, Säuglinge und das gesamte Vieh müssen getötet werden… „dann sollst du jede Spur von Amalek auslöschen. Vergiss es nicht!“ (5.Mose 25,19). Wie können wir solche gewalttätigen Texte einordnen? Könnte es sein, dass es gar nicht wirklich um einen Völkermord geht, sondern Amalek eine Chiffre für etwas ganz anderes ist? Anhand jüdischer Kommentare zu dieser Stelle entwickelt Martin Benz eine ganz neue und höchst relevante Perspektive auf diese verstörenden Bibelstellen.


Transkript:

In diesem Podcast möchte ich mich mit einer sehr verstörenden Bibelstelle beschäftigen bzw. einer sehr verstörenden Geschichte im Alten Testament und mal schauen, ob wir da auch ein anderes Licht draufwerfen können.

Und zwar geht es um die Vernichtung des Volkes der Amalekiter. Der Bann soll an Amalek vollzogen und vollstreckt werden. Wir lesen von dieser Anordnung und von diesem Konflikt mehrmals. In der Tora, also im Alten Testament und dann auch in den Samuelbüchern.

Ich lese euch mal den Text aus 2. Mose 17, ab Vers 8 vor. Das ist sozusagen die erste Begegnung zwischen den Amalekitern und den Israeliten. Die Israeliten befinden sich auf ihrer Wüstenwanderung heraus aus Ägypten hin ins verheißene Land. Und die Amalekiter stellen sich ihnen in den Weg. Und es heißt dann:

„Bei Rephidim geschah es auch, dass die Amalekiter anrückten, um gegen Israel zu kämpfen. Mose sagte zu Joshua: wähl uns Männer aus und zieh in den Kampf gegen die Amalekiter. Ich selbst werde morgen oben auf dem Hügel stehen und den Stab Gottes in der Hand halten. Joshua tat, was Mose ihm aufgetragen hatte und zog in den Kampf gegen die Amalekiter. Mose, Aaron und Hur stiegen auf die Spitze des Hügels. Solange Mose seine Hand erhob, hatte Israel die Oberhand. Wenn er seine Hand sinken ließ, waren die Amalekiter überlegen. Als Mose die Hände immer schwerer wurden, brachten Aaron und Hur einen Stein herbei, auf dem Mose sitzen konnte. Sie selbst standen rechts und links neben ihm und stützten seine Arme. So blieben seine Hände erhoben, bis die Sonne unterging. Auf diese Weise konnte Joshua das Heer der Amalekiter mit dem Schwert besiegen. Danach sagte Jahwe zu Mose, schreib es in ein Buch, damit es nicht in Vergessenheit gerät, und präge es Joshua ein. Ich werde das Andenken an Amalek in der ganzen Welt vollständig auslöschen. Mose baute einen Altar und nannte ihn, mein Feldzeichen ist Jahwe. Er rief: Hand zum Thron Jahwes. Krieg Jahwes gegen Amalek in jeder Generation.“

Entscheidend ist der letzte Satz, auf den komme ich gleich, das ist ein Schlüsselsatz: „Er rief:  Hand zum Thron Jahwes, Krieg Jahwes gegen Amalek in jeder Generation.“

Also in jeder Generation soll gegen Amalek gekämpft werden. Ist ja komisch, wenn man sie völlig auslöschen soll, muss man ja eigentlich nicht in jeder Generation mehr gegen sie kämpfen. sondern nur in einer Generation, sie vollständig auslöschen und dann muss man nicht mehr gegen sie kämpfen. Und dieser Satz, „Hand zum Thron Jahwes“, das ist hebräisch relativ schwer zu deuten. Die meisten Ausleger deuten diesen Satz so, dass es eine Schwurformel ist. Aber da kommen wir gleich dazu.

Die zweite Stelle, bei der es um diesen Konflikt zwischen Israel und Amalek geht, steht in 5. Mose 25,17ff. Dort heißt es:

„Denke daran, was dir Amalek tat auf dem Wege, als du aus Ägypten zogst. Wie sie dich unterwegs angriffen und deine Nachzügler erschlugen, alle die Schwachen, die hinter dir zurückgeblieben waren, als du müde und matt warst und dass sie Gott nicht fürchteten. Wenn nun der Herr, dein Gott, dich vor allen deinen Feinden ringsumher zur Ruhe bringt im Lande, das dir der Herr, dein Gott, zum Erbe gibt, es einzunehmen, so sollst du die Erinnerung an Amalek austilgen unter dem Himmel. Das vergiss nicht.“

Also hier wird das Ganze nochmal erwähnt und aufgefordert, es ja nicht zu vergessen, wenn sie dann im verheißenen Land sind und zur Ruhe gekommen sind, Amalek vollständig zu vernichten.

Und die dritte Stelle, in der es dann um diesen Konflikt geht, finden wir 1.Sam. 15. Dort geht es jetzt tatsächlich um den Vollzug dieses Gerichts, das in den Mosebüchern jeweils angekündigt wurde: macht das, wenn ihr dann im verheißenen Land seid…

Und da heißt es dann, ab Vers 2:

„So spricht Jahwe der Allmächtige: Ich habe bedacht, was die Amalekiter Israel angetan haben, wie sie sich dem Volk in den Weg stellten, als es aus Ägypten heraufzog. Nun zieh gegen sie in den Kampf, schlage sie und vollstrecke den Bann an ihnen. Schone keinen, sondern töte Mann und Frau, Kind und Säugling, Rind und Schaf, Kamel und Esel.“

Und genau diese Stelle, die finde ich eine der problematischsten im Alten Testament, dass Gott anordnet, ein ganzes Volk auszurotten und niemanden zu schonen. Also hier ist ein schonungsloser Gott beschrieben, der sagt, ihr dürft keinesfalls irgendjemanden verschonen. Nicht einmal die Kinder, nicht einmal die Säuglinge, nicht einmal das Vieh. Und Saul lässt dann den König am Leben, um ihn sozusagen vor Gericht zu stellen und lässt einen Teil des Viehs am Leben, weil er denkt, also das kann man doch jetzt wirklich noch gebrauchen, das ist doch nicht unrein. Und das bringt dann am Schluss das Gericht über Saul, dass Gott ihm sagt, du hast meinen Willen nicht wirklich getan. Ich wollte die vollkommene Vernichtung, die Auslöschung der Erinnerung an sie, auch an ihr Vieh und so weiter.

Also wirklich, ich finde das eine höchst problematische Stelle, ungeheuer gewalttätig, schonungslos, radikal, gnadenlos könnte man auch sagen. Da kommt mir doch auf den ersten Blick ein sehr, sehr seltsames Gottesbild entgegen.

Nun, ich habe vor allem mal jüdische Quellen durchsucht und jüdische Kommentare, wie die mit diesen Texten umgehen und da bin ich auf etwas ganz Spannendes gestoßen.
Zunächst einmal gibt es einen Unterschied zwischen dem Buch Exodus und auch dem Buch Nummeri, also dem vierten Buch Mose und dann dem Buch Deuteronomium. Man merkt relativ schnell, dass in Exodus und in Numeri relativ stark historisch erzählt wird. In diesen Mosebüchern wird einfach historisch erzählt, was ist passiert – jenes ist passiert, das hat sich ereignet. Und im fünften Buch Mose, das ja einen ganz anderen Charakter hat wie die restlichen vier Bücher Mose, da scheint es mehr darum zu gehen, dass hier moralischer gesprochen wird. Hier wird nun das Gesetz formuliert. Letztlich Schlussfolgerungen aus den historischen Erlebnissen heraus. Aus den historischen Erfahrungen, die in den anderen Mosebüchern dargestellt werden, wird im 5. Mose jetzt eine Schlussfolgerung gezogen. Es werden moralische Ableitungen gemacht. Es werden entsprechende Gesetze erlassen. die natürlich jetzt moralisch reflektiert wurden. Was ist denn schlimm an dieser Geschichte? Was ist denn problematisch an diesem historischen Ereignis?

Und aus dieser Reflektion heraus entsteht jetzt eine moralische Sichtweise, die wiederum zu bestimmten Geboten oder zu bestimmten Anordnungen führen. Und während in 2. Mose nur berichtet wird, dass die Amalekiter sich Israel in den Weg stellten oder mit ihnen Krieg führten, wird das in 5. Mose nochmal ganz anders beleuchtet und es wird eben etwas moralischer reflektiert.

In 5. Mose geht es eben nicht allein darum, dass die Amalekiter Israel angegriffen haben, sondern es heißt, dass sie deine Nachzügele erschlugen, all die Schwachen, die hinter dir zurückgeblieben waren, als du müde und matt warst und dass sie gottlos waren, Gott nicht fürchteten. Also es geht hier darum, dass die Amalekiter sich ganz bewusst an die Nachzügler, die Schwachen, die Erschöpften ran gemacht haben, die ganz hinten waren, also die schwächsten Glieder dieses Volkes. Nicht die Stärksten, sondern die Schwächsten, die Müdesten, die Erschöpfesten mussten daran glauben und wurden von den Amalekiter erschlagen.

Und ein jüdischer Kommentar untersucht nun diesen Ausdruck: „und dass sie Gott nicht fürchteten.“ Und genau diese hebräische Redewendung findet man viermal in der Tora, und zwar in Genesis 20, in Genesis 42, in Exodus 1 und eben hier in Deuteronomium 25. Und an allen Stellen heißt es, dass jemand gottesfürchtig ist oder eben Gott nicht fürchtete. Und es geht in all den Kontexten darum, sich für die Schwachen einzusetzen. Gottesfurcht besteht darin, sich um die Schwachen zu kümmern oder die Gottlosigkeit darin besteht, den Schwachen Böses anzutun. In der ersten dieser Stellen in Genesis 20 geht es um Sodom und Gomorra und dass eben die Fremden nicht beschützt wurden, sondern der Gottlosigkeit dieser Stadt ausgeliefert waren. Also der Schutz des Fremdlings wäre gottesfürchtig gewesen und gottlos war eben gerade die schlechte Behandlung oder das Töten der Fremdlinge.

In der Stelle in Exodus 1 geht es darum, dass die hebräischen Hebammen sich für die Säuglinge, für die Geburt dieser schwächsten Glieder der Gesellschaft, nämlich der Neugeborenen, eingesetzt haben, damit sie eben nicht in den Nil geworfen und getötet werden.

Also Gottesfurcht misst sich an der Haltung den Schwachen und den Fremden gegenüber. Und Bibelkommentatoren haben sich zu allen Zeiten darüber gewundert, dass hier im Alten Testament die Anordnung ausgesprochen wird, ein ganzes Volk (die Amalekiter) auszurotten. Was war denn jetzt an diesem Volk so schlimm im Gegensatz zu anderen, dass man sie als ganzes Volk ausrotten sollte? Und eben von keinem anderen Volk wird dieser Satz gesagt: und sie waren gottlos oder sie fürchteten Gott nicht.

Was heißt das jetzt also? Ich lasse jetzt mal zur Seite, was historisch tatsächlich genau passiert ist. Ich glaube, diese Geschichten wollen uns noch etwas anderes erzählen.

Ich glaube, dass Amalek für eine bestimmte böse Kraft in dieser Welt steht. Amalek ist eine Chiffre, ein Symbol für all die Kräfte, die auf dieser Welt das Schwache, das Geringe, das Erschöpfte, das Zurückgebliebene, das Letzte verunglimpfen, bedrücken, ihm Böses wollen, ihm schaden. Amalek steht für den stärksten Ausdruck von Gottlosigkeit, nämlich die Rücksichtslosigkeit den Schwachen, den Armen, den Zurückgebliebenen, den Letzten, den Geringen gegenüber in einer Gesellschaft. Wo diesen Menschen etwas angetan wird, da zeigt sich im deutlichsten Maße Gottlosigkeit.

Hingegen ist nichts göttlicher als der Schutz, die Bewahrung, der Einsatz und die Fürsorge für die Schwachen, die Fremden, die Zurückgebliebenen, die Erschöpften und die Müden. Ja gerade das hebräische Zedakah, das hebräische Wort für Gerechtigkeit, Gottes Gerechtigkeit im Alten Testament, darf nicht gedacht werden wie diese juristische Gerechtigkeit, die ausgleichende Gerechtigkeit, die man von Aristoteles her kennt. Sondern Zedakah im Alten Testament ist ein Ausdruck seiner Liebe. Göttliche Gerechtigkeit im Alten Testament ist immer der Einsatz für die Schwachen, für die Unterdrückten, für die Elenden, für die Armen. Und Amalek wird zum Ausdruck für die Kräfte in der Welt, die das Schwache und das Geringe missachten, auf ihm herumtrampeln, es ausbeuten. Amalek steht für das Grausame, das Ausbeuterische, das Menschenverachtende.

Und genau deswegen verkündigt Jesus in den Seligpreisungen diese Gerechtigkeit Gottes. Es ist eine ungeheuer zärtliche Sprache, die er da wählt. Und er redet gerade von dem Vorrecht der Schwachen: glückselig die Armen im Geist, glückselig die Trauernden, glückselig die Sanftmütigen, glückselig die Sehnsucht nach Gerechtigkeit haben, glückselig die Barmherzigen, die reinen Herzen sind, die Friedenstifter. Also überall dort, wo man sich einsetzt für den Schwachen, für den Armen, für den Ausgebeuteten, für den Mangelleidenden, für den Gewaltleidenden, dort findet Gerechtigkeit statt. Die sind zu loben. Und ganz in diesem Sinne kann dann auch Jakobus schreiben, Jakobus 1, 27:

Ein reiner unbefleckter Gottesdienst vor Gott dem Vater ist der: Die Waisen und Witwen in ihrer Trübsal besuchen und sich von der Welt unbefleckt erhalten.”

Also nochmals, Amalek wird getadelt für seine Gottlosigkeit. Und seine Gottlosigkeit besteht darin, dass er sich an den schwachen Armen, Erschöpften und Zurückgeblieben, den Letzten, vergeht und sie tötet. Amalek steht also für die Macht der Ausbeutung, die Macht des Starken, des Beherrschenden, des Unterdrückenden, dessen, der kein Erbarmen zeigt mit dem Schwachen und dem Armen.

Und nun ist die Logik, dass Gott sagt: zu allen Zeiten, zu allen Generationen muss diese Kraft der Bosheit, dieser Geist bekämpft werden. Wir dürfen nie aufhören, diese Kraft in der Welt zu bekämpfen und gegen sie aufzutreten. Zu keiner Zeit darf uns das vergessen gehen. Erinnert euch immer daran. Vergesst das nicht, heißt es in diesen Texten. Und zu jeder Generation erklärt Gott dem den Krieg. Wir haben es also mit einem gerechten Gott zu tun. Seine Gerechtigkeit ist sein Einsatz für die Schwachen und Armen. Und dieser Einsatz darf nie vergessen werden. Und wir dürfen diese Mächte des Bösen, die das Arme und das Schwache misshandeln und unterdrücken, nie aus dem Blick verlieren. Und wir dürfen nie aufhören zu keiner Generation im Krieg zu stehen gegen diese Macht der Unterdrückung. Unser Einsatz für das Schwache, das Geringe, das Ausgestoßene darf nie aufhören. Erst dann kommt das Reich Gottes zu seiner Vollendung. Nur dann kommt die Gerechtigkeit Gottes zum Zug.

Und das passt total gut zu dem, was der jüdische Rabbi oder Exeget Rashi zu diesem Text gesagt hat. Rashi lebte im 11. Jahrhundert und er nimmt sich diese Stelle aus Exodus 17,16 vor. Ich lese nochmal: „Er rief, Hand zum Thron Jahwes, Krieg Jahwes gegen Amalek in jeder Generation.“ Wenn man sich diesen Vers im Hebräischen anschaut, dann findet dort etwas ganz Spannendes statt, nämlich zwei Begriffe, werden auf ungewöhnliche Weise verkürzt. Das Wort Thron ist ein zusammengezogenes Wort. Eigentlich ist das Wort doppelt so lang. Und man hat es einfach kürzer gemacht, zusammengezogen. Und es besteht jetzt bloß aus drei Buchstaben, statt aus sechs Buchstaben. Also eine Kurzform von Thron. Und das Gleiche passiert mit dem Wort Jahwe. Aus Jahwe wird nur das Wort Jah. Der Rest ist weggelassen. Es ist irgendwie unvollständig. Es ist zusammengezogen.
Warum sind hier diese beiden Wörter Thron und auch der Gottesname so verkürzt? Rashi sagt dann, der Thron und der Name Gottes sind nicht vollständig, solange Amalek nicht vollkommen ausgelöscht ist. Der Thron Gottes und der Name Gottes, das sind Symbole für die Herrschaft Gottes und die Souveränität Gottes. Und nur wenn Amalek vollkommen ausgelöscht ist, ist Gottes Königreich in seiner Fülle gegenwärtig.

Und wenn Amalek jetzt eben nicht einfach für irgendein irdisches Volk steht, das ausgerottet werden soll und dann ist das Problem gelöst, sondern ein Symbol ist, eine Chiffre ist, für diese Macht der Unterdrückung, dann macht es plötzlich Sinn, dass man in jeder Generation gegen Amalek kämpfen muss. Und dass das Reich Gottes, der Name Gottes und der Thron Gottes erst dann vollständig sind, in ihrer Fülle da sind, wenn diese Macht des Bösen, diese Macht der Unterdrückung, diese Macht, die nicht achtet auf das Schwache und das Geringe, sondern die das Schwache und Geringe und das Fremde verachtet, erst wenn das überwunden ist, ist das Reich Gottes in seiner Fülle da.

Wenn ich also in Zukunft wieder diese Stelle lese, dass Gott anordnet, das ganze Volk der Amalekiter auszurotten und das dann nicht vollständig erledigt wird und Gott dann sozusagen auch noch zornig ist, dass das nicht völlig ausgerottet wurde, dann denke ich in Zukunft nicht daran, dass tatsächlich historisch Säuglinge und Frauen und Vieh und Männer abgeschlachtet werden sollen. Dieser Text spricht in einer tieferen Bedeutung vielmehr davon, dass es eine Amalek-Kraft in unserer Welt gibt. Die Kraft, die das Schwache, das Zurückgebliebene, das Letzte, das Geringe, das Arme verachtet und über es herfällt und immer wieder dafür sorgt, dass diese Menschen hinten runterfallen, dass sie zu Verlierern gemacht werden. Also ich denke an diese Kraft in unserer Welt und dass ich nie aufhören soll, einen geistlichen Krieg gegen diese Mächte zu führen. Und natürlich sind unsere Waffen nicht Waffen eines normalen Krieges, sondern es ist die Waffe der Sanftmut, der Barmherzigkeit, der Fürsorge, der Hingabe, ja der Liebe, mit der wir kämpfen. Aber plötzlich kann ich diese Stellen in einem völlig anderen Licht sehen und muss sie nicht einfach nur als historische Anordnung eines Genozids verstehen, sondern als Gottes ewige Anordnung sich gegen die Macht des Bösen und der Unterdrückungen zu stellen und nicht zu akzeptieren, dass das mehr und mehr ins Hintertreffen gerät und dass immer wieder die gleichen zu Verlierern der Welt und der Gesellschaft gemacht werden.

Um es nochmal ein Stück konkreter zu machen, wäre doch heute in unserer Generation erneut die Frage, wer sind die Amalekiter? Wer ist Amalek heutzutage? Wo finden wir Menschen oder Strukturen oder Organisationen oder Nationen, die genau das machen: den Schwachen, den Einfachen, den Geringen, den Mitbürger, den Nächsten unterdrücken, mit Repressalien versehen, seine Pressefreiheit einschränken? Wo werden heute Menschen ausgebeutet? Wo werden Menschenrechte und Grundrechte, also die Rechte der Menschen, mit Füßen getreten? Wo werden heute Minderheiten verfolgt? Wo wird die freie Religionsausübung, egal ob Christentum oder irgendwelche andere Religionen, eingeschränkt? Wo werden gläubige Menschen verfolgt? Und wo haben wir wirtschaftliche oder kapitalistische Strukturen, die immer wieder die gleichen Verlierer erzeugen und wo Menschen irgendwo festsitzen, gefangen sind in einer bestimmten gesellschaftlichen Stufe und kommen da einfach nicht raus, kommen nicht raus aus einer Schuldsklaverei oder aus einer Arbeitslosigkeit oder aus einem sozialen Stand, wo sie merken, da habe ich keine Bildungschancen und so weiter. Wo ist Amalek heute?

Und in gleicher Weise müssen wir uns fragen: heute in unserer Generation, wer sind die Nachzügler, die Schwachen, die Müden, die Erschöpften? Wer sind diese Menschen? Und wenn ich jetzt an die Flüchtlinge denke, das sind natürlich die Schwachen in dem Sinne, die sind abgehängt von wirtschaftlichem Fortschritt, abgehängt von frischem Wasser, von den Möglichkeiten, sich medizinisch versorgen zu lassen, abgehängt vom Frieden. Die leben irgendwo in Kriegsgebieten, in Bürgerkriegsgebieten.
Aber wir haben natürlich auch in unserem eigenen Land erschöpfte und müde Menschen.
Menschen, die zutiefst belastet sind, denen alles zu viel ist, die die Anforderungen nicht erfüllen können. Alleinerziehende Mütter oder Menschen, die im Alter an der Armut leiden. Wir haben an so vielen Orten müde, erschöpfte Menschen; auch in unserem Bildungssystem, in unserem Gesundheitssystem, wo ich viele Menschen erlebe. Auf beiden Seiten Schüler wie wie Lehrer, Angestellte, wie Patienten, die zutiefst überfordert sind, müde sind, erschöpft sind und nicht wissen, wie es weitergehen kann.

Und nun lehren mich diese Texte aus dem Alten Testament, dass Gott leidenschaftlich und radikal vorgehen möchte und dass er sich selbst erst dann vollständig fühlt, wenn in diesen Bereichen Gerechtigkeit geschieht. Natürlich geht es heute nicht darum, irgendwelchen Menschen oder Organisationen den Garaus zu machen, die wirklich auszurotten, sondern es geht darum, dass sich Verhältnisse verändern, dass Menschen sich verändern oder dass sich Systeme verändern. Das braucht manchmal viele Schritte, das braucht eine Bewegung, da müssen alle mitspielen, da müssen wir als Christen vor allem alle mitspielen und endlich mal sagen, jawohl, Zedakah, da geht es nicht einfach nur um die Heilsgerechtigkeit, um die Glaubensgerechtigkeit, sondern es geht darum, dass sich das Reich Gottes in diesem Sinne der Gerechtigkeit, der Unterstützung für die Armen, dass die sich endlich durchsetzt. Insofern sind diese schwierigen Textstellen nicht länger mein Feind, wo ich denke, ach du meine Güte, was steht denn da, sondern sie werden zu meinem Freund, weil ich dort Gottes ungeheuren Einsatz und seine Hingabe spüre für das Aufrichten dieser irdischen Gerechtigkeit, seinen Einsatz für die Nachzügler, die Schwachen, die Müden und Erschöpften spüre.

 

Verwendete Quellen:

Nehama Leibowitz „Studies inDevarim Deuteronomium“, Jerusalem 1982, S.250ff


Movecast finanziert sich ausschließlich von Spenden. Wenn du Movecast unterstützen möchtest, findest du alle Informationen hier: https://movecast.de/spenden-givio/. Vielen Dank!

 

GEMA-freie Musik von www.frametraxx.de / Cinematic by Makaih Beats is licensed under a Attribution-NonCommercial-NoDerivatives 4.0 International License.
https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/deed.de