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Movecast 182: 6 Gründe warum „bibeltreu“ nicht mehr funktioniert

Die Bibel ist ein grossartiges und inspirierendes Buch. Seit Jahrtausenden tröstet und verändert sie Menschen. Trotzdem hat sich in vielen Gemeinden eine Art Bibeltreue durchgesetzt, die für immer mehr Christen so nicht mehr funktioniert. Diese Herangehensweise an die Bibel schadet ihr manchmal mehr, als dass es ihr hilft. Ich beleuchtete sechs Gründe, warum immer mehr Christen nicht mehr im klassischen Sinne bibeltreu sein wollen. Ich denke man kann der Bibel sehr wohl treu sein, ohne eine fundamentalistische Bibeltreue vertreten zu müssen.

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Transskript:

Movecast 182:

Willkommen zum Movecast, dem Podcast, der etwas bewegen möchte. Mein Name ist Martin Benz, und jetzt geht’s los.

 

Ich nehme diesen Podcast Anfang Juni 2024 auf, und in dieser Woche, am Montag, ist mein neues Buch erschienen: „Wenn der Glaube keine Kraft hat – ein Aufbauhelfer“.

Das ist quasi eine Fortsetzung meines ersten Buches „Wenn der Glaube nicht mehr passt –  ein Umzugshelfer“. Und ich freue mich sehr darüber, dass sich gerade das erste Buch so gut verkauft hat und jetzt die dritte Auflage erschienen ist. Und ich bin mal gespannt, welche Wirkung und Wirkungsgeschichte dieses zweite Buch erreicht. Ich freue mich über alle, die da mal reinschmökern, die das lesen.

Und es geht wirklich um eine Mischung zwischen einem progressiven Glauben und einem geisterfüllten Leben. Ich wünsche mir sehr, dass Menschen, die eine progressive Theologie entwickeln, die postevangelikal unterwegs sind, nicht bei einem verkopften, eher philosophischen Glauben stecken bleiben, sondern dass sie zurückfinden zu einer ganz leidenschaftlichen, persönlichen Spiritualität, wo sie auch die Kraft und die Inspiration des Heiligen Geistes in ihrem Leben erfahren. Und im ersten Teil des Buches geht es um ein paar weitere Aspekte von einem progressiven Glauben. Und im zweiten Teil des Buches geht es um Aspekte eines geisterfüllten Lebens und einer tiefen, leidenschaftlichen Spiritualität.

In dieser Episode möchte ich mich mit dem Thema Bibeltreue auseinandersetzen. Ich möchte sechs Gründe liefern, warum ich glaube, dass für immer mehr Christen Bibeltreue im klassischen Sinn nicht mehr funktioniert. Und bevor ich hier weitermache, möchte ich erst mein Bekenntnis zur Bibel ablegen: Ich liebe die Bibel.

Sie ist für mich eine entscheidende Grundlage meines Glaubens. Ich lese sie gerne. Jesus spricht in der Bibel zu mir, und ich bin jetzt wirklich seit 40 Jahren dabei, diese Bibel zu lesen, zu meditieren, zu studieren. Ich arbeite jetzt das Neue Testament über dreißig Mal schon durch. Ich arbeite das Alte Testament über 20-mal durch. Ich bin wirklich dran dieser Bibel. Ich liebe sie, und sie ist für mich ein ganz entscheidender Faktor meines Glaubens.

Gerade die weite Verbreitung meines ersten Buches hat mir deutlich gemacht, dass das Thema, warum der Glaube nicht mehr passt, wenn der Glaube nicht mehr passt, für sehr viele Christen wirklich relevant ist.

Das ist kein Nischenthema, sondern durch alle Denominationen hindurch, durch alle Altersschichten hindurch stellen Menschen fest, dass ihr Glaube, so wie sie den aus ihrer Kindheit oder aus ihrer Jugend kennen, einfach nicht mehr passt, dass sie so nicht mehr glauben können. Und im Kern dieser Zweifel, dieser Brüchigkeit des Glaubens steckt ganz oft das Bibelverständnis. Ich würde behaupten, dass in den meisten Fällen das Bibelverständnis dafür verantwortlich ist, dass irgendwann der gesamte Glaube nicht mehr passt. Ein bestimmtes Bibelverständnis, eine bestimmte Hermeneutik, also eine eher biblizistische, fundamentalistische Hermeneutik, also Art der Bibelauslegung, ist für viele Christen zu einer Art Pferch geworden, in dem ihr Glauben eingesperrt ist, aus dem sie nicht herauskommen.

Und dieser Pferch, also im Sinne dieses Bibelverständnisses, der verhindert jetzt, dass sich Glaube weiterentwickeln darf oder in die Weite geführt werden darf. Das Bibelverständnis, ein sehr enges Bibelverständnis, eine ganz enge Bibeltreue, die verhindert eben, dass Glaube weiterdenken darf, dass hinterfragt werden darf.

Viele Christen wachsen in einem bestimmten christlichen Milieu auf. Sie sind Teil eines oftmals relativ geschlossenen christlichen Systems, in dem sie sozialisiert werden.
Und in diesem System, in diesem Milieu herrscht eine bestimmte Bibelhaltung, ein bestimmtes Bibelverständnis vor. Hier ist die Bibel durch und durch stimmig, sie ist eindeutig. In bestimmten Milieus wird die Auslegung der Bibel gleichgesetzt mit der Wahrheit. Und die Bibel gibt auf alles Antwort.

Sie ist eine Art Handbuch fürs Leben, mit dem ich das ganze Leben, das eigene Leben und die ganze Welt deuten und verstehen kann. Die Bibel ist in diesen Milieus verlässlich, eindeutig, fehlerlos, eine entscheidende Grundlage und eine göttliche Orientierungshilfe für das gesamte Leben. Und dieses Bibelverständnis, das gibt zunächst einmal auch ganz viel Sicherheit. Es vereint mich mit ganz vielen Menschen, die das gleiche Bibelverständnis haben. Und dieses Bibelverständnis stellt dann eben eine ganz entscheidende Lebensgrundlage und Glaubensgrundlage und auch Gemeinschaftsgrundlage dar.

Nun machen immer mehr Christen die wirklich schmerzhafte und zum Teil schockierende Erfahrung, dass dieses Fundament, dieses biblische Fundament, diese Grundlage brüchig wird. Sie können nicht mehr in der gleichen Art und Weise bibeltreu sein, wie sie das vielleicht bisher waren. Und sie können nicht mehr glauben, wie sie geglaubt haben, weil sie die Bibel nicht mehr verstehen oder lesen können, wie sie das früher gemacht haben.

Und diese Brüchigkeit ihres Bibelverständnisses, ihrer Bibeltreue, die hängt nun mit verschiedenen Faktoren zusammen. Und ich möchte einige Gründe aufzählen, die meiner Meinung nach ursächlich sind für diese Brüchigkeit im Bibelverständnis.

Zum Einen nimmt man wahr, dass die Bibel in sich eben doch nicht so stimmig ist, wie man dachte. Im Laufe des Lebens, im Laufe des Bibellesens, durch Gespräche, Kontakte, die man so pflegt zu anderen Gemeinschaften, Bücher, die man liest, Podcasts, die man hört, merkt man, da kommt man drauf, dass die Bibel widersprüchlich ist, dass sie in ihren Aussagen nicht so eindeutig stringent ist, wie man das eben dachte.

Da könnte man jetzt den ganzen Podcast lang Beispiele aufzählen:  Da gibt es im Alten Testament die Anordnung, den Genozid an irgendwelchen Völkern zu vollziehen und im Neuen Testament die Aufforderung, die Feinde zu lieben. Ja, was gilt denn jetzt? Die Aufforderung zum Genozid oder die Feindesliebe? –  Oder es heißt z.B. in 5 Mose 28, Vers 63 „Und wie sich der Herr zuvor freute, euch Gutes zu tun und euch zu mehren, so wird er sich nun freuen, euch umzubringen und zu vertilgen. Und ihr werdet herausgerissen werden aus dem Land, in das ihr einzieht“. Also, die Menschen sind ungehorsam, sie sündigen, und Gott hat eine Freude dran, sie zu vernichten, sie umzubringen. Und im gleichen Alten Testament, im Buch Hesekiel, Kapitel 33, Vers 11 sagt derselbe Gott: „so gewiss ich lebe, mir macht es keine Freude, wenn ein Mensch wegen seiner Vergehen sterben muss. Nein, ich freue mich, wenn er seinen falschen Weg aufgibt und am Leben bleibt“.  Also – freut sich jetzt Gott daran, die Menschen zu vertilgen und sie umzubringen, oder freut er sich nicht daran, dass sie umgebracht werden wegen ihrer Vergehen?

Und für manche Christen ist das eine wirklich verstörende Entdeckung. Wenn man dachte, dass die Bibel so ein harmonisches Buch ist, wo alles von Gott her aufeinander abgestimmt wurde, wo es keine Widersprüchlichkeiten gibt, wo alles in eine Richtung hin zielt, wo die Ethik, die Moral, die Ansichten überall die gleichen sind und sich, egal in welchem biblischen Buch wir lesen, doch wiederfinden und widerspiegeln, dann ist es einfach verstörend, wenn man merkt, dass zu unterschiedlichen Epochen in unterschiedlichen biblischen Büchern ganz andere moralische oder ethische Standards gelten, andere Gebote gelten. Dass Dinge, die hier gut geheißen werden, dort verurteilt werden. Das ist erstmal eine verstörende Erfahrung, die rüttelt an der Sicherheit, die mir die Bibel bisher geliefert hat.

Der zweite Grund ist, dass Christen wahrnehmen, dass diese sogenannte Bibeltreue, die Treue der Bibel gegenüber, eine sehr selektive oder subjektive Bibeltreue ist. Man merkt, dass man diesen treuen, hingebungsvollen, gehorsamen Umgang ja nur mit einem Teil der Bibel oder der biblischen Aussagen oder der biblischen Gebote pflegt und bei anderen Teilen der Bibel nicht ganz diesen Maßstab anlegt, gar nicht diese Treue an den Tag legt.

Diese Bibelstellen, die laufen eher unter dem Radar, die beachtet man eher nicht. Man lernt Christen aus anderen Gemeinden oder Denominationen kennen und – ups, die lesen die gleiche Bibel, aber kommen zu ganz anderen Schlüssen. Sie merken vielleicht zum ersten Mal, dass es einen Unterschied gibt zwischen den Worten in der Bibel und der Auslegung, ihrer Auslegung der Bibel. Sie hatten das über Jahrzehnte hinweg verwechselt und dachten, dass die Auslegung der Bibel, ihres geschlossenen Systems, identisch ist mit der Bibel selbst oder mit der Wahrheit. Sie merken, dass der Zugriff auf die Wahrheit und die eigentliche Bedeutung der Bibel eingeschränkt ist und durch unsere Stückhaftigkeit, Bruchstückhaftigkeit im Erkennen eben eingeschränkt ist. Diese Entdeckung, dass die Bibel nochmal was anderes ist als mein Bibelverständnis, meine Auslegung der Bibel, das ist auch manchmal eben eine verstörende Erkenntnis. Ihr müsst nur mal auf Amazon gehen und dort unter Büchern den Titel „Four Views“ (vier Sichtweisen) eingeben. Four Views.

Es gibt im Amerikanischen eine ganz breite Buchreihe, die nennt sich Four Views. Und da haben evangelikale Leute – Leute, die die Bibel ernst nehmen, für die die Bibel die entscheidende Grundlage ist – die stellen ihre Sichtweisen über bestimmte Themen dar, und sie stellen immer vier unterschiedliche Sichtweisen zusammen. Es ist doch erstaunlich, dass diese selbe Bibel von Menschen, die diese Bibel ganz ernst nehmen, am Ende doch zu vier -oder noch mehr – unterschiedlichen Sichtweisen führt.

Es gibt „Four Views on Hell“, also vier Sichtweisen über die Hölle, vier Sichtweisen über den Himmel, vier Sichtweisen über den historischen Adam, vier Sichtweisen über den Schöpfungsbericht, vier Sichtweisen über die Erlösung, vier Sichtweisen über das Kreuz, vier Sichtweisen über das Abendmahl. Also die ganzen entscheidenden, wichtigen christlichen Themen sind eben doch nicht so einheitlich, sondern man findet ganz unterschiedliche Sichtweisen, die alle aus derselben Bibel hergeleitet werden. Also spätestens jetzt müsste man doch merken, dass die Bibel nicht so eindeutig und klar ist, wie man sich das vielleicht wünschen würde. Und jetzt einfach zu sagen ja, aber meine Sichtweise ist einfach die richtige, und alle anderen täuschen sich, das ist ja eine ungeheure Anmaßung und Arroganz dem eigenen Verstand und dem eigenen Verständnis gegenüber.

Zum Dritten nehmen Christen wahr, dass sie einen Teil ihres Gewissens stummschalten müssen, um weiterhin mit biblischen Aussagen einverstanden zu sein. Ich glaube, dass wir Menschen ein natürliches Empfinden für Richtig und Falsch haben. Nicht in jedem Detail, aber in den großen Zügen glaube ich, dass Menschen weltweit etwa spüren, was richtig und was falsch ist, was menschlich und was unmenschlich ist. Genau diesen Gedanken finden wir auch im Römerbrief, wenn dort formuliert wird, Kapitel 2, ab Vers 14:  Wenn nun Menschen aus nichtjüdischen Völkern, also Heiden, die keine Beziehung zum Gesetz Gottes haben, von sich aus so handeln, wie es das Gesetz fordert, dann tragen sie das Gesetz in sich.
Sie beweisen damit, dass ihnen die Forderungen des Gesetzes ins Herz geschrieben sind. Das zeigt sich auch an der Stimme ihres Gewissens. Und nun passiert es Christen immer häufiger, dass sie gewisse Bibeltexte eigentlich mit ihrem natürlichen Empfinden, ihrem Gewissen gar nicht vereinbaren können. Sie müssen letztlich ihr Gewissen stummschalten, um weiterhin innerlich diesen Texten zustimmen zu können. Also Texte, wo es um Gewalttätigkeit geht, wo es darum geht, Kinder, Säuglinge, Frauen, Zivilisten umzubringen. Das muss ich dann irgendwie gutheißen in der Bibel. Dabei wird es auf der ganzen Welt, auch sogar im Kriegsgeschehen geächtet, Verbrechen an Zivilisten, und ich muss es plötzlich gutheißen. Mein Gewissen sagt, das geht doch gar nicht.

Oder gewisse Stellen, wo es um Vergeltung, Vergeltungsanordnung in der Bibel geht und man denkt sich, so vergeltend, so grausam möchte ich gar nicht sein. Mein Gewissen sagt mir, sei doch hier lieber barmherzig. Oder Textstellen, wo es um Sklaverei geht, dass sogar die Sklaven sich den ganz schwierigen und wunderlichen und bösartigen Herren unterordnen sollen, wo man denkt, also gewissensmäßig schreit alles auf, wenn es darum geht, dass die Sklaven sich auch den bösen Herrn unterordnen sollen. Das steht sogar in der Bibel.

Oder Texte, wo es um die Unterdrückung der Frau geht, dass eine Frau nur halb so viel wert ist wie ein Mann, dass sie nicht lehren darf, nicht leiten darf, ganz andere Rechte hat. Wo unser Gewissen uns sagt, das finde ich gar nicht gut. Und jetzt muss ich mein Gewissen stummschalten, um diese Dinge akzeptieren zu können. Und da bröckelt einiges an Bibeltreue für immer mehr Christen.

Ein vierter Grund, warum die klassische Bibeltreue für immer mehr Christen nicht mehr funktioniert, hat damit zu tun, dass diejenigen, die uns bisher die Bibel ausgelegt haben, die Bibel verkündigt haben und so eine Art biblische Autoritäten waren, in rasantem Maße ihre Glaubwürdigkeit verlieren. Jesus sagt in Matthäus 23 über die Schriftgelehrten: Die Gesetzeslehrer und die Pharisäer sitzen heute auf dem Lehrstuhl des Mose. Folgt nicht ihrem Tun, denn sie selbst handeln nicht nach dem, was sie euch sagen.

Die vielen Missbrauchsskandale von Pfarrern, das Scheitern vieler evangelikaler Lichtgestalten, die hunderttausenden von Christen erzählt haben, was die Bibel sagt, die Christen beeinflusst haben, das hinterlässt seine Spuren. Das erzeugt ein Misstrauen den Lehren und Haltungen gegenüber, die man über Jahrzehnte hinweg eingeimpft bekommen hat. Die Bibel gerät in Verruf wegen denen, die so intensiv mit der Bibel argumentiert haben und jetzt entlarvt wurden als Straftäter oder als Heuchler oder als Lügner. Diese Entwicklung geht nicht spurlos an der Bibel vorüber.

Wenn also diese Leute, die ständig von Bibeltreue reden und die uns die Bibel auslegen und (erklärt haben), wie wir die Bibel zu verstehen haben, jetzt selber so entlarvt werden als die, die das gar nicht selber halten konnten oder gehalten haben, dann gerät das ganze Ding in eine Schieflage, und Bibeltreue bekommt einen faden Beigeschmack.

Ein fünfter Grund, warum Bibeltreue immer schwerer fällt, hat mit der Veränderung des Charakters der Bibel zu tun. Also für viele Christen ändert sich gerade was am Charakter der Bibel oder wie die Bibel benutzt wird. Und zwar angesichts der Pluralität unserer Gesellschaft, angesichts ganz neuer religiöser Strömungen in unserem Land, dass wir es mit dem Islam zu tun haben, oder angesichts des Angriffs von Atheisten gegenüber der Bibel.

Es gibt viele Bücher, die von Atheisten verfasst werden, die sich bewusst gegen das Christentum wenden. Angesichts all dieser Strömungen, die vieles in Frage stellen oder kritisieren, wird die Bibel jetzt vor allem apologetisch verwendet. Also apologetisch heißt, man verteidigt sich mit der Bibel. Sie wird als Verteidigungsschrift benutzt, als Streitschrift, als Kampfinstrument.

Mit der Bibel wird gekämpft, es wird mit der Bibel verteidigt, es wird zurückgeschlagen, und die Bibel verliert etwas von ihrem liebevollen, barmherzigen, zugewandten und heilenden und erlösenden Charakter. Sie wird zur Streitschrift, und die Leute haben irgendwie genug von Streitigkeiten. Sie brauchen etwas, das sie tröstet, das sie auferbaut, das sie ermutigt und anleitet. Man hat einfach keine Lust mehr, zu einer Bibel zu stehen, die vor allem gegen etwas benutzt wird, mit der andere abgewertet, verurteilt oder ausgegrenzt werden. So einer Bibel will man nicht trauen, so einer Bibel, die vor allem diesen Charakter trägt.

Man hat sich in eine Bibel verliebt, die zu mir gesprochen hat, die mir etwas offenbart hat von der Gnade Gottes, von der Vertrauenswürdigkeit Gottes, von der Hingabe Gottes. Und dieser Charakter hat sich irgendwie verändert, und es macht jetzt Mühe, diesem neuen Charakter der Bibel weiterhin treu zu sein.

Und zu guter Letzt, als sechsten Grund, erleben Christen, dass die Bibel für sie nicht mehr so tragfähig ist angesichts der eigenen Biografie, die man erlebt. Man erfährt Schicksalsschläge. Das Leben spielt in einer gewissen Weise, wo es dazu kommt, dass die Bibel nicht länger als mein Freund, sondern als mein Gegner empfunden wird. Meine Biografie spielt so, dass mein eigenes Kind sich z.B. als homosexuell outet, und ich muss jetzt gegen mein eigenes Kind Position beziehen. Ich muss mein Kind irgendwie ablehnen, was ich als Nichtchrist niemals tun müsste. Oder ich erlebe eine Scheidung und erlebe jetzt eine Schuldhaftigkeit, eine Sündhaftigkeit, die etwas Krankmachendes an sich hat. Oder ich bin schwer krank und muss jetzt über mir selbst das Urteil fällen, dass ich nicht unter dem Segen Gottes stehe, sondern unter dem Fluch stehe oder nicht genug glaube. Und all das hat krankmachende Auswirkungen auf das eigene Leben, und man möchte sich dem nicht länger aussetzen. Die Bibel steht plötzlich gegen mich und ist nicht länger mein Freund.

So, das waren jetzt sechs Gründe, warum ich die klassische Bibeltreue für eigentlich am Ende betrachte. Die hat ausgedient, so können wir nicht länger mit der Bibel umgehen.

Uns bleibt natürlich jetzt die berechtigte Frage: Wie gehen wir denn dann mit der Bibel um? Was haben wir denn jetzt für eine Grundlage? Worauf gründet sich denn mein Glaube, wenn es nicht mehr diese klassisch fundamentalistische, biblizistische Bibeltreue ist? Ich glaube, wir müssen wieder Jesus Christus ins Zentrum holen.

Jesus hat unglaubliche Konkurrenz durch die Bibel bekommen. Jetzt werden einige sagen, aber Jesus, zu dem habe ich ja nur Zugang durch die Bibel. Und ihr Lieben, das ist einfach falsch. Wir haben Christus in die Buchstaben der Bibel eingesperrt. Wir haben ihn eingeschlossen zwischen zwei Buchdeckeln. Aber ihr Lieben, Jesus lebt. Jesus lebt auch heute noch. Jesus zeigt sich Menschen. Jesus redet zu unseren Herzen. Mit Jesus kann man eine Beziehung haben. Die viel beschworene evangelikale Glaubensvoraussetzung, nämlich eine persönliche Beziehung, Beziehung zu Jesus zu haben, ist plötzlich durch eine Beziehung zur Bibel ersetzt worden. Seht ihr?

Man soll eine Beziehung zu Jesus haben – hast du eine Beziehung zu Jesus? Hast du eine persönliche Beziehung zu Jesus? Und am Ende meint man damit, eigentlich hast du eine Beziehung zur Bibel. Jeder Christ soll doch gemäß evangelikalem Wording oder Denken wiedergeboren sein, also aus dem Geist Christi geboren sein und soll eine persönliche Beziehung zu Jesus haben.

Aber am Ende ist diese persönliche Beziehung zu Jesus nichts wert. Denn Jesus darf mir eigentlich gar nichts sagen, denn er hat ja alles schon gesagt, und das steht in der Bibel. Man hat Jesus die Flügel gestutzt, man hat ihn mundtot gemacht, und er darf nur noch durch die Bibel sprechen. Jesus ist eingesperrt zwischen den Buchdeckeln der Bibel.

Wo bleibt denn da die persönliche Beziehung? Wo bleibt es denn, dass Jesus zu mir redet? Was ist denn die persönliche Beziehung zu Jesus wert, wenn Jesus mir eigentlich gar nichts sagen darf, weil alles ja in der Bibel steht. Und wehe, er sagt mir irgendetwas, das nicht in der Bibel steht oder nicht so in der Bibel steht.

Ja, dann nützt diese persönliche Beziehung, das persönliche Hören auf Jesus gar nichts. Eigentlich reicht ja nur die Bibel. Warum müssen die Christen dauernd darauf pochen, dass wir eine persönliche Beziehung zu Jesus brauchen, sagt doch dann gleich, ihr braucht eine Beziehung zur Bibel. Der Rest ist ja uninteressant, denn alles andere steht ja immer in Konkurrenz zu dieser Bibel.

Und es werden manche sagen: Aber wenn du von Jesus selber hören willst, ja, dann ist ja alles subjektiv. Dann ist jeder sein eigener Papst, dann ist jeder seine eigene Bibel. Aber merkt ihr denn nicht, dass wir diese Subjektivität schon lang haben, auch mit der Bibel? Schaut euch doch die evangelikale Zersplitterung an, dass sich Kirchen immer weiter spalten!

Dass es eine immer weitere Aufsplitterung vor allem des Protestantischen Christentums gibt. Und zwar alles von Gruppen, die sich alleine auf die Bibel berufen. Also diese Berufung auf „alleine die Bibel“ hat doch gerade nicht dazu geführt, dass es einheitlicher wird und dass wir alle eins sind und dass es da keine abweichenden Meinungen gibt. Nein, die Berufung auf die Bibel führt genauso zur Subjektivität und zur Zersplitterung.

Also ist das wirklich nicht die Rettung davor, vor Subjektivität bewahrt zu sein, ob etwas richtig oder falsch ist, ob etwas richtig oder falsch geglaubt wird? Dafür ist am Ende der Maßstab nicht die Bibel, sondern die Agape. Die Liebe im Sinne der Agape. Daran muss eine Sache gemessen werden.

Ich sage das nochmal. Ob etwas wirklich göttlich ist, misst sich nicht daran, ob es in der Bibel steht, sondern welche Frucht dieser Glaube hervorbringt. Es misst sich an der Agape. Jesus hat immer wieder gesagt, an den Früchten werdet ihr es erkennen.

Es geht am Ende darum, welche Frucht dieser Glaube, dieser Lebensstil, dieses Dogma hervorbringt. Und es gibt nur eine Frucht, an der sich die Wahrhaftigkeit einer Lehre und eines Lebensstils und eines Glaubens messen lässt. Und das ist die Frucht der Liebe. Und zwar die Liebe im göttlichen Sinne von Agape.

Und ich könnte noch etwas anfügen: wenn Liebe die Frucht ist, dann entsteht eine zweite Folge. Die Liebe ist vielleicht erstmal die unmittelbare Folge. Ist das liebevoll, was hier geglaubt oder gesagt und wie hier gehandelt wird? Aber Liebe langfristig hat immer eine weitere Fruchtbarkeit.

Die Frucht der Liebe ist: Das Leben wird zum Blühen gebracht. Die unmittelbare erste Frucht ist Agape. Nicht das Modewort Liebe, sondern Liebe im Sinne der biblischen Agape. Und die Frucht dieser biblischen Agape ist, dass das Leben zum Blühen gebracht wird.

Meine Frage ist also: Lieber Christ, bist du bibeltreu? Meine Frage: Führt dein Leben, deine persönliche Beziehung zu Christus, dein Bibellesen, führt das zu mehr Hingabe in deinem Leben und durch dein Leben hindurch? Und die zweite Frage wäre: Ist dieser liebevolle Lebensstil, dieser liebevolle Glauben am Ende dazu da, das Leben um dich herum zum Blühen zu bringen?

Und das war Movecast für heute.

Vielen Dank fürs Dabeisein. Mehr Informationen, auch das Transkript zu dieser Folge, findet man auf meiner Webseite. Movecast finanziert sich ausschließlich durch Spenden. Ich als Podcaster, als Theologe lebe von diesen Spenden.

Und deswegen freue ich mich, wenn ihr Movecast regelmäßig oder auch einmalig unterstützt. Auch dazu finden sich alle Angaben auf meiner Webseite. Vielen Dank für eure Unterstützung. Macht’s gut, bis zum nächsten Mal.

Bye.

 


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