Nicht mein Glaube – not my faith

Vor kurzem habe ich in den sozialen Medien eine umstrittene Äusserung gewagt. Anlass war die sehr aufgeheizte Diskussion um Charlie Kirk, einem amerikanischen Christen, der bei einem Attentat erschossen wurde. Kirk war Gründer der Organisation „Turning Point USA“, die von drei Kernüberzeugungen geprägt ist: „Die Verfassung der Vereinigten Staaten ist das außergewöhnlichste politische Dokument, das jemals verfasst wurde. Die Vereinigten Staaten von Amerika sind das großartigste Land in der Geschichte der Welt. Der Kapitalismus ist das moralischste und bewährteste Wirtschaftssystem, das jemals entdeckt wurde.“[1] (meine Übersetzung). In meinem Social Media Kommentar habe ich folgendes geschrieben: „Ich respektiere den Glauben von Charly Kirk. Und ich respektiere den Glauben all derer, die in ihm ein besonderes Vorbild und einen besonderen Christen sehen. Und ich verabscheue die Gewalttat, der er zum Opfer gefallen ist. Aber ich sage auch mit aller Deutlichkeit: das sind nicht meine Glaubensüberzeugungen. Es ist nicht mein Gottesbild, nicht mein Jesus, nicht mein Bibelverständnis, nicht mein Kirchenverständnis, nicht mein Weltbild, nicht meine Vorstellung vom Reich Gottes und größtenteils nicht meine Werte. Und als Christ möchte ich damit keinesfalls identifiziert werden.“ Diese Äusserung hat polarisiert. Darf man sagen, dass etwas nicht dem eigenen Glauben entspricht? Manche schrieben mir: „Charlie Kirk war doch Christ, ihr glaubt doch beide an Jesus, an die Auferstehung, da muss doch die Einheit betont und nicht Spaltung vorangetrieben werden.“ Auch Paulus kann im Korintherbrief bemängeln, dass einige Christen dem Reich Gottes keinen Gefallen tun, wenn sie sagen, sie stehen auf der Seite des Paulus, wohingegen andere auf der Seite des Apollos und wieder andere auf der Seite des Petrus stehen.[2] Hier wird auseinanderdividiert, was zusammengehört. Auf der anderen Seite kann Paulus Timotheus ermahnen, sich von der sogenannten „Gnosis“[3] zu distanzieren, einer frühchristlich sektiererischen Bewegung, die christliche Lehre mit platonischer Philosophie vermischte. Grundsätzlich bin ich ganz damit einverstanden, dass wir um Einheit, Miteinander, Gemeinsamkeiten und gegenseitige Achtung bemüht sein sollen. Und doch gibt es Momente, an denen eine Distanzierung und Klarstellung wichtig sind.
Kaum jemand meiner christlichen Facebook-Freunde hätte sich aufgeregt, wenn ich geschrieben hätte: „Zeugen Jehovas – nicht mein Glaube“. Dabei ist die Schnittmenge zwischen evangelikalen Christen und den Zeugen Jehovas gross. Beide glauben an Gott als Schöpfer und an Jesus Christus als Zentrum des Heilsplans Gottes. Beide glauben an seine Auferstehung, an die Autorität der Bibel und an das ewige Leben für die Erretteten. Beide sind von einem hohen missionarischen Eifer geprägt und beide erwarten die Wiederkunft Christi. Und dennoch kann ich sagen: nicht mein Glaube! Denn trotz aller Gemeinsamkeiten gibt es ein paar ganz entscheidende Unterschiede, die den Glauben der Zeugen Jehovas für mich zu etwas ganz anderen machen als das, woran ich glaube. Jesus ist bei den Zeugen Jehovas nicht wahrer Mensch und wahrer Gott und nicht Teil der Trinität. Er ist ein geschaffenes Wesen, dass Gott untergeordnet ist. Und wenn es um die Erlösung geht, so reicht die Gnade nicht aus, sondern es braucht zusätzlich die Zugehörigkeit zur Organisation, Gehorsam und Verkündigungsdienst.
Oder gehen wir 90 Jahre zurück. Mit dem Erstarken des Nationalsozialismus kam es zu einer tragischen Heirat zwischen Nationalismus und Christentum, zwischen Führerkult und Jesusnachfolge, zwischen Parteiideologie und Bibel. Die radikalste Form dieser Verschmelzung waren die Deutschen Christen mit all ihren Sympathisanten und Mitläufern. Gegen diese Darbietung, Formulierung und Ausübung des Glaubens bildete sich die Bekennende Kirche. Besonders durch die „Barmer Erklärung“ brachten sie zum Ausdruck: „Nicht unser Glaube!“. In sechs Thesen distanzierten sich die Autoren von den Deutschen Christen. Jede der Thesen leiteten sie mit den Worten ein: „Wir verwerfen die falsche Lehre…“. Zwischen den Deutschen Christen und der Bekennenden Kirche gab es eine grosse Schnittmenge: Gott, Jesus, Trinität, apostolisches Glaubensbekenntnis, Vater Unser, Kreuzigung, Auferstehung, ewiges Leben, Kirche, Gemeinschaft, und vieles mehr. Aber an zentralen Punkten lagen die Überzeugungen so weit auseinander und wurde der Glaube der Deutschen Christen als so gefährlich, verführerisch und vergiftend empfunden, dass nur noch die Distanzierung blieb.
Nun liegt es mir fern Charlie Kirk mit einem Zeugen Jehovas oder einen Deutschen Christen zu vergleichen. Diese Beispiele sollten nur verdeutlichen, dass es manchmal notwendig ist, trotz einer grossen Schnittmenge zu sagen: Nicht mein Glaube! Es geht mir auch nicht um die Person Charlie Kirk, es geht mir viel mehr um die Bewegung, die dahintersteht und zu deren Repräsentanten er wurde. Ich schätze das amerikanische Christentum in vielfacher Hinsicht. Mehr als ein Dutzend Mal war ich in diesem Land und habe von dortigen Gemeinden, christlichen Konferenzen, geistlichen Initiativen, menschlichen Begegnungen und theologischen Autoren enorm profitiert. Aber augenblicklich erlebe ich in den USA eine Form von nationalistischem Christentum, die mir große Sorgen bereitet. Es ist eine Verschmelzung der MAGA[4] Bewegung mit dem Evangelikalismus, eine Allianz der Kirchen mit den Mächtigen. Man strebt danach, christliche Werte in allen Bereichen der Gesellschaft zu etablieren – in Politik, Bildung, Wirtschaft, Familien, Kunst und Kultur. Aber auf dem Weg dahin ist man bereit, immer wieder genau diese Werte zu verraten. Auch wenn mit meinen Glaubensüberzeugungen eine Schnittmenge besteht, gibt es entscheidende Punkte, die mich zu einer deutlichen Abgrenzung veranlassen:
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Ein anderes Jesusbild.
Das Jesusbild dieses nationalistischen Christentums stammt nicht aus den Evangelien, sondern aus dem Buch der Offenbarung. Es betont die Macht Jesu, seine Größe, seine Kraft, seine Gewalt. Er ist König, Weltenherrscher, Vollstrecker, Richter, strafender Gott, Krieger, Held und Bezwinger der Nationen. Da geht es um Feuer, Blut, Schwert, Kampf, Krieg, Gericht, Abrechnung und Sieg. Das ist ein anderes Jesusbild, als es die Evangelien malen. Die vier Evangelien beschreiben das echte Leben Jesu, den Mensch gewordenen Gott, der in Kontakt tritt mit der Welt, den Menschen und seiner Schöpfung. Sie beschreiben die Ohnmacht Jesu[5], seinen radikalen Macht- und Gewaltverzicht, seine Sanftmut, seine Demut, seine Zuwendung, seine Barmherzigkeit, seine Identifikation mit den Ärmsten und Schwächsten. Es ist gerade der irdische Jesus, der unsere Nachfolge prägen und dessen Schüler wir werden sollen. Die Offenbarung ist ein ganz anderes literarisches Genre als die Evangelien, sie steckt voller Bilder, Symbole und apokalyptischer Narrative. Es ist kein Buch, dass man wörtlich nehmen darf und aus dem man allgemeine christliche Lehre oder den Charakter Jesu ableiten könnte. Es hatte den Zweck die Christen in der Verfolgung zu trösten und deutlich zu machen, dass am Ende Gott – und nicht Rom – der Sieger sein wird. Nicht die Offenbarung darf unser Jesusbild prägen, sondern die Evangelien. Die Offenbarung muss von den Evangelien her gelesen werden.
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Eine Geringschätzung der Barmherzigkeit.
Ein nationalistisches Christentum feiert die Stärke, die Kraft, die Überlegenheit, die Leistungsfähigkeit und den Erfolg als Geschenk und Gabe Gottes. Weil Gott mit den Starken ist, wird das Überleben des Stärkeren religiös legitimiert. Armut, Hilflosigkeit, Minderheit, Schwachheit oder Versagen können dann als selbstverschuldet, verdientes Schicksal oder Strafe Gottes verstanden werden. So kann es dieses Christentum rechtfertigen, wenn die Mächtigen die Entwicklungshilfe für die ärmsten Länder streichen, Sozialhilfe kürzen, die Unterstützung Kranker einschränken, eine riesige Mauer gegen Flüchtlinge bauen und Einwanderer von vermummten Staatsdienern verschleppen lassen. Bei diesem Siegeszug der Starken, Herrschenden und Angepassten, bleibt die Barmherzigkeit auf der Strecke. Die für Ordnung sorgenden zehn Gebote dominieren, während die für Sanftmut und Friedfertigkeit sorgenden Seligpreisungen in den Hintergrund treten. Law and Order kommen vor Erbarmen und Mitleid. Man kann die Verse und Geschichten in der Bibel kaum zählen, die von Barmherzigkeit, Nächstenliebe, Demut, Mitmenschlichkeit, Fürsorge, Hilfsbereitschaft, Gerechtigkeit und Treue reden. Immer wieder weißt Jesus darauf hin, dass sich alle Gebote, Gesetze und Regeln im Liebesgebot zusammenfassen lassen. Er identifiziert sich so sehr mit Kranken, Armen, Hungrigen, Gefangenen und Geflüchteten, dass der Dienst an ihnen zum Gottesdienst wird. (Mt.24,41-54). Das Christentum ist eine Religion der Liebe und nicht der dominierenden menschlichen Stärke. Und es ist niemals ihr Wesen, sich der Mächtigen zu bedienen.
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Die Herrschaft des Geldes
Das nationalistische Christentum steht nicht nur in enger Verbindung zur Macht, sondern auch zum Kapital. Nicht umsonst preist die Organisation von Charlie Kirk den Kapitalismus als das moralischste und bewährteste Wirtschaftssystem, das jemals entdeckt wurde. Weil Erfolg Ausdruck von Gottes Segen ist, rechtfertigt das am Ende auch Wohlstand und Reichtum. Der jetzige Präsident der USA hat in seiner bisherigen Amtszeit sein Vermögen enorm vermehrt, wird von vielen Milliardären massiv unterstützt, gewährt den Reichen Steuererleichterungen, will den Gazastreifen in ein Luxusresort umwandeln – während auf der anderen Seite die Unterstützung der Bedürftigen gekürzt wird. Das reichste ein Prozent will sich noch mehr bereichern, noch mehr die Kontrolle gewinnen und noch mehr Besitz anhäufen. Wer den Sozialstaat stärken möchte gilt als radikaler Linker. Materialismus und Kapitalismus werden nicht hinterfragt, sondern als gottgewolltes System verstanden. Und nach dem Zusammenbruch des Kommunismus ist jegliches Konkurrenzmodell und kritische Anfrage daran erloschen. Das nationalistische Christentum verortet das Böse an vielen Orten, ist aber blind dafür, dass die Wurzel von allem Bösen die Habsucht und Geldgier ist. In unzähligen Reden, Gleichnissen und Geschichten spricht Jesus von dieser Habgier. Für ihn gibt es kaum ein größeres Übel und ein ernsteres Hindernis für den Zugang zum Himmelreich als den Reichtum. Ein Lebensstil der Habsucht, der Gier, der Ausbeutung und der Anhäufung von Besitz ist der Nachfolge Jesu entgegengesetzt. Nachfolge Jesu zeigt sich für ein nationalistisches Christentum in Einfluss, Erfolg, Bibel-und Staatstreue, Wiedergeboren oder Republikanisch sein. Aber niemand kommt auf die Idee, dass es unbedingt zur Nachfolge gehört, sich von seinem Besitz zu trennen und ihn den Armen zu geben.[6]
Hinter alledem steht natürlich ein höchst problematisches Bibelverständnis. Die Bibel wird wörtlich verstanden, rigoros umgesetzt, die eigene Auslegung mit der Wahrheit gleichgesetzt und alles Abweichende als unbiblisch gebrandmarkt. Aber in dieser Buchstabentreue geht allzu oft der Geist der Schrift verloren und man merkt gar nicht, dass sich diese Bibeltreue immer nur auf einen bestimmten Teil der Bibel bezieht, wohingegen andere Schwerpunkte der biblischen Botschaft nicht einmal auf dem Horizont sind.
Bei allen Gemeinsamkeiten, die mich mit diesen Menschen verbinden, sind die Unterschiede doch so gravierend, dass ich zum Schluss komme: Nicht mein Glaube! Aber weil ich meinen Glauben nicht absolut setze, spreche ich den Anderen ihren Glauben nicht ab. Ich spreche ihnen ihr Heil nicht ab, nicht ihre Gottesbeziehung, nicht ihre Ernsthaftigkeit und nicht ihre Authentizität. Charlie Kirk war mein Glaubensbruder, Teil meiner Glaubensfamilie. Aber er war „a brother from a different mother“ (ein Bruder von einer anderen Mutter). Wir haben denselben Vater, aber ein Teil unsere geistlichen DNA ist so grundverschieden, dass wir uns in vielem überhaupt nicht gleichen.
Diese Distanzierung dient daher zunächst einmal meiner Selbstorientierung. Sie macht mir wieder bewusst, was ich glaube, für was ich einstehen, woran ich festhalten und wovon ich mich fernhalten möchte. Paulus fordert die Korinther auf: „Erforscht euch selbst, ob ihr im Glauben steht; prüft euch selbst!“ (2.Kor.13,5a). Es scheint also durchaus Sinn zu machen, immer wieder einmal den eigenen Glauben zu erforschen, darüber nachzudenken was man glaubt, wie man glaubt, warum man etwas glaubt, welche Überzeugungen gewachsen und welche verschwunden sind. Nach dieser Prüfung kann man sagen: „Ja, das glaube ich!“ – aber genauso gut: „Nein – nicht mein Glaube!“
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[1] Zitiert von der Webseite Turning Point USA, https://tpusa.com/about/ (abgerufen am 25.9.2025). Originaltext: „The US Constitution is the most exceptional political document ever written. The United States of America is the greatest country in the history of the world. Capitalism is the most moral and proven economic system ever discovered.“
[2] Vgl. 1.Kor.3
[3] 1.Tim.6,20f
[4] Make Amerika Great Again
[5] Vergleiche Bienenberg Magazin Winter/Frühling 2025, S.14ff
[6] Markus 10,21: „Eines fehlt dir: Geh, verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen, und du wirst einen Schatz im Himmel haben; und komm, folge mir nach!“
Lukas 14,33: „So kann auch keiner von euch mein Jünger sein, der nicht allem entsagt, was er hat.“
Matthäus 6,19–21: „Sammelt euch nicht Schätze auf Erden, … sondern sammelt euch Schätze im Himmel … Denn wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein.“
Lukas 12,33–34: „Verkauft eure Habe und gebt Almosen. Macht euch Geldbeutel, die nicht veralten, einen Schatz unerschöpflich im Himmel …“