Reaktion auf die Kritik zu meinem Kreuzesverständnis in den sozialen Medien

In den sozialen Medien wird aktuell eifrig von ein paar wenigen über das Kapitel zum Kreuz aus meinem zweiten Buch »Wenn der Glaube keine Kraft hat« diskutiert. Äußerungen und Kommentare sind auf den sozialen Medien immer sehr verkürzt und treffen nur selten die Sache an sich. Ich unterstelle allen Akteuren gute Motive und den Wunsch, die Kraft und die Wahrheit der biblischen Botschaft und des Evangeliums aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig führt die Verkürzung der Darstellung doch zu wesentlichen Missverständnissen, was das Kapitel in meinem Buch betrifft. Ich mache mich in meinem Buch dafür stark, den unterschiedlichen Perspektiven und Deutungen des Kreuzes, die wir im Neuen Testament finden, Beachtung zu schenken. Man spürt, dass die Autoren des Neuen Testaments im Reichtum ihres jüdischen Erbes, in vielen alttestamentlichen Bildern und Handlungen Parallelen oder Andeutungen des Kreuzes entdecken. Jesus selbst vergleicht seine Kreuzigung mit der ehernen Schlange, die von Mose aufgerichtet wurde. Oder mit einem Lösegeld, das für einen Gefangenen oder Entführten bezahlt wird. Paulus kann das Kreuz mit dem Fluch des Gesetzes vergleichen oder mit verschiedenen Opfertieren im Alten Testament: dem Passalamm, einem Sühneopferlamm oder dem Bock des großen Versöhnungstages. Ich plädiere für einen kaleidoskopischen Blick auf das Kreuz, um den Reichtum des Kreuzes nicht zu verlieren.

Im Weiteren zeige ich verschiedene kirchengeschichtliche Deutungen des Kreuzes auf. Hier wird deutlich, dass das Verständnis des Kreuzes Phasen durchlaufen hat und immer auch etwas mit der jeweiligen Kultur oder Gesellschaft zu tun hatte, in der sich die Menschen oder Theologen befunden haben. Und es soll deutlich machen, dass es gefährlich ist, wenn aktuelle evangelikale Theologie behauptet, nun die endgültige Deutung des Kreuzes entdeckt zu haben. Die Idee der stellvertretenden Strafübernahme, die am Kreuz vollzogen wurde, ist eine dieser kulturell geprägten Deutungen. Weil aber einige evangelikale Christen die Idee der stellvertretenden Strafübernahme nicht als Deutung verstehen, sondern als die Sache selbst, kommen sie nicht klar, wenn man das historisiert und neben andere Deutungen stellt. Ich bin nun wahrlich nicht der erste Theologe, der die Probleme der stellvertretenden Strafübernahme (im englische penal substitutionary atonement) wahrnimmt und auf die Schwierigkeiten, Verkürzungen und Nebenwirkungen dieser Deutung hinweist. Man müsste z.B. mit Professor Michael Gorman wahrnehmen, dass die Idee der Stellvertretung mindestens durch die Idee der Teilhabe ergänzt werden muss. Denn Christus ist nicht einfach „für uns“ gestorben, sondern wir sind „mitgestorben“, wir wurden „mitgekreuzigt“ und sind „mitauferstanden“. Damit wird das Kreuz nicht einfach zum stellvertretenden Vorgang, sondern zu einem entscheidenden Wesenszug christlicher Existenz, an dem wir durch unser Leben und unseren Glauben teilhaben sollten. Jesus macht am Kreuz nicht einfach etwas für uns, sondern er zeigt uns, was es bedeutet, kreuzförmig zu leben und zu handeln, nämlich in absoluter Hingabe, Friedfertigkeit, Vergebung und Liebe.

In meinem Buch beschreibe ich viele der Ungereimtheiten und Schwierigkeiten, die die Idee der stellvertretenden Strafübernahme mit sich bringt. Und in den 40 Jahren, die ich nun mit Jesus unterwegs und pastoral tätig bin bin, habe ich diese Nebenwirkungen nun wahrlich oft genug beobachtet. Und ich weiß, wie sie meinen eigenen Glauben vergiftet haben. Eine kritische Auseinandersetzung mit dieser Sühnetheologie hat nun wirklich nichts damit zu tun, Jesus und die Bibel nicht ernst zu nehmen oder auf die Zentralität der Erlösung verzichten zu wollen. Wen die kritischen Argumente gegen die stellvertretende Strafübernahme interessieren, ist die Lektüre des Kapitels in meinem Buch tatsächlich zu empfehlen. Es macht keinen Sinn, hier den Großteil dieses Kapitel aus meinem Buch einzufügen.

Jesus Christus ist für meinen Glauben zentral. Und das betrifft sein ganzes Leben. Seine Menschwerdung, sein Sterben, sein Auferstehen und sein Wiederkommen im Geist. Wer aber nur im Kreuz die Mitte sieht, macht die Schuldfrage zum Zentrum des gesamten Glaubens. In der Apostelgeschichte gibt es über 14 Verkündigungstexte, in denen Jünger oder Apostel das Evangelium gepredigt haben. Nun ist es doch interessant, dass an keiner einzigen Stelle das griechische Wort „Stauros“, also „Kreuz“, vorkommt. Fünfmal wird einfach nur erwähnt, dass Jesus gekreuzigt wurde. Aber daraus folgt keinerlei theologische Ableitung, sondern nur ein historischer Hinweis. Für die Christen der Apostelgeschichte war in ihrer Verkündigung nicht das Kreuz Jesu das Zentrale, sondern sein ganzes Leben und vor allem seine Auferstehung, denn die kommt in fast jedem der Verkündigungstexte vor. Für die damaligen Menschen im Römischen Reich und vor allem in Judäa waren Kreuzigungen an der Tagesordnung. Die Kreuzigung eines Menschen war nun wirklich nichts Besonderes. Aber die Auferstehung war einzigartig. Alle anderen Gekreuzigten lagen irgendwo in einem Grab. Jesus ist der einzige Gekreuzigte, der auferstanden ist.
Es hatte wahrscheinlich gute Gründe, dass Paulus im Korintherbrief betont, dass er nur Christus als Gekreuzigten verkündigen will. Aber aus diesem einen Vers nun das Kreuz zur einzigen Mitte des Evangeliums zu machen, ist einfach eine Verkürzung und berücksichtigt gerade nicht die Verkündigungspraxis in der Apostelgeschichte und die Lebensrealität der Menschen.

Und wenn dann das Kreuz zu einem juristischen Akt verkommt, wie es in der stellvertretenden Strafübernahme oft geschieht, wird die ganze Geschichte der Erlösung kalt, binär und distanziert. Das Bild vom Gerichtssaal, das Luther vorschwebte, wird zur dominierenden Vorstellungswelt der Christen, hinter der das Leben Jesu, seine Zuwendung, seine Nähe zu den Sündern und seine Kritik an den religiösen Hardlinern in den Hintergrund tritt.
Auch wenn ich das Kreuz mehr heilskonstatierend als heilskonstituierend verstehe, bedeutet das nicht, dass Gott am Kreuz nicht handelt: Gott versöhnt am Kreuz die Menschen mit sich selbst. Noch am Kreuz spricht Jesus allen Menschen Vergebung zu. Am Kreuz solidarisiert sich Jesus mit allen Leidenden, Unterdrückten und Misshandelten. Und am Kreuz erträgt Jesus die abgrundtiefe Bosheit der Menschen. Am Kreuz vollzieht sich der Gottesmord: Die geballte Sünde der Menschen ermordet Gott selbst. Und genau hier zeigt sich die Einmaligkeit und Unüberwindbarkeit der Liebe Gottes: Gott reagiert auf seine Ermordung nicht mit Rache, mit Heimzahlung, mit Gericht, mit Vernichtung oder mit Gewalt, sondern mit Vergebung und Versöhnung. Damit wird das Kreuz zum wichtigsten Ort der Liebe Gottes. In keinem Moment wird die Kraft der Liebe Gottes sichtbarer als am Kreuz. Und weil die Liebe das Höchste und Wichtigste überhaupt ist, noch größer als Glaube und Hoffnung, ist sie die entscheidende Grundlage unseres Glaubens. Und damit ist das Kreuz als Ort der Liebe Gottes der Kulminationspunkt unseres Glaubens. Darum schreibe ich in meinem Buch, dass nicht Gott das Kreuz braucht, um etwas zu tun, was er sonst nicht tun könnte, sondern dass wir das Kreuz brauchen, um Gott Vertrauen und Glauben zu schenken, denn wir begegnen dort der bedingungslosen Liebe Gottes.

Dass der Hauptkritiker meiner Kreuzesdeutung Pastor einer FEG ist, verwundert doch sehr. Im Grundlagentext der Erweiterten Bundesleitung im Bund Freier evangelischer Gemeinden Deutschland mit dem Titel „Das Evangelium Gottes von Jesus Christus – Zum Verständnis des Evangeliums in Freien Evangelischen Gemeinden“ findet sich ein ganzer Abschnitt zum Kreuzesverständnis[1]. Darin wird gerade eine kaleidoskopische Sicht des Kreuzes dargelegt und die unterschiedlichen Perspektiven des Neuen Testaments auf das Kreuz nebeneinander gestellt. Statt nur eine Deutung des Kreuzesgeschehens zu vertreten, versucht man sich der Thematik in elf Thesen zu nähern. Den Großteil dieser Thesen kann ich problemlos unterschreiben, und ich erachte dieses Dokument als sehr gründliche theologische Arbeit – weit entfernt von den fehlenden Argumentationen in den Social‑Media‑Posts. Aber ich erlebe es natürlich nicht zum ersten Mal, dass manche Stichworte bei bestimmten christlichen Milieus sofort Triggerreaktionen auslösen und man meint, dass Glaube, ewiges Leben und Evangelium gefährdet seien.

[1] https://feg.de/wp-content/uploads/2020/09/2020_Das_Evangelium_Gottes_von_Jesus_Christus.pdf