Warum die aktuellen Umbrüche im Christentum kein Grund zur Panik sind

Phyllis Tickle – The great emergnceBuchcover für „The Great Emergence“ von Phyllis Tickle. Zeigt ein geteiltes Bild, das eine klassische Gravur und ein byzantinisches Mosaik einer bärtigen Christusfigur kombiniert. Untertitel lautet: „How Christianity Is Changing and Why.“

Author Phyllis Tickle dies at 81 - a profileVor einiger Zeit hat mich ein Freund auf das Buch von Phyllis Tickle aufmerksam gemacht, das ich mit großem Interesse gelesen habe und dessen erhellende Gedanken ich hier in diesem Blogartikel schildern möchte.

Der kirchliche Flohmarkt

Ein Kernkonzept von Tickles Analyse stützt sich auf eine Beobachtung von Bischof Mark Dyer. Er stellte fest, dass die Kirche etwa alle 500 Jahre das dringende Bedürfnis verspürt, ihren „Dachboden aufzuräumen“. Er nennt dies einen „Rummage Sale“ – einen gewaltigen kirchlichen Flohmarkt. In diesen Phasen entscheidet die Gemeinschaft, welche Teile ihres religiösen Inventars noch wertvoll sind und welche als „intolerabler Panzer“ (Carapace) abgeworfen werden müssen, um neues Wachstum zu ermöglichen.

Ein solcher Prozess ist selten sanft, aber historisch gesehen führt er immer zu drei beständigen Ergebnissen:

  • Die Geburt einer neuen Form: Eine vitalere, frischere Form des Christentums tritt ins Licht.
  • Die Erneuerung des Bestehenden: Die alte, bisher dominante Struktur wird nicht zerstört, sondern grundlegend reformiert und „entschlackt“. Die Kirche endet so mit zwei neuen Kreaturen – einer emergenten neuen Form und einer runderneuerten traditionellen Form.
  • Die dramatische Ausbreitung: Jedes Mal, wenn die verkrusteten Strukturen aufbrechen, verbreitet sich der Glaube mit enormer Wucht in neue geografische und demografische Gebiete.

Das historische Muster: 2000 Jahre Wandel im Überblick

Das Muster der „Flohmärkte“ zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über diese gewaltigen Zyklen:

Jahrhundert Ereignis Kernmerkmal
1. Jhd. Die Geburt des Christentums Jesus als Messias; Zerstörung des Tempels (70 n. Chr.); das Judentum und der neue Glaube verbreiten sich weltweit.
6. Jhd. Gregor der Große & das Mönchtum Zerfall Roms; Klöster bewahren als kulturelle Schutzräume die Zivilisation in den „Dunklen Zeitaltern“.
11. Jhd. Das Große Schisma: Wenn der Osten vom Westen bricht Trennung zwischen Orthodoxie und Rom; Streit über das Filioque (die Frage, von wem der Heilige Geist ausgeht).
16. Jhd. Die Große Reformation Ende der Vorherrschaft Roms; Entstehung des Protestantismus; Fokus auf Alphabetisierung und individuelle Bibellektüre.
21. Jhd. Die Große Emergenz Der aktuelle Umbruch, in dem wir heute leben und nach neuen Formen der Autorität suchen. Wir befinden uns laut Tickle mitten in einem neuen „Flohmarkt“, bei dem die alten konfessionellen Grenzen verschmelzen, hierarchische Systeme durch Netzwerke abgelöst werden und neue, gemeinschaftliche Formen des Glaubens entstehen.

Das „Kabel der Bedeutung“: Wie Religion funktioniert

Tickle versteht Religion metaphorisch als ein Haltekabel des Sinns (cable of meaning).“

Dieses Kabel verbindet das kleine Boot der menschlichen Gemeinschaft mit einer höheren Macht und einem tieferen Sinn außerhalb von sich selbst. Das Kabel besteht aus mehreren Schutzschichten und einem geflochtenen Kern:

  • Die wasserdichte Außenhülle (Die Erzählung / Story): Sie bildet das gemeinsame Ethos, die Geschichte und die Mythen einer Kultur, die das Kabel vor dem schädlichen ‚Meerwasser‘ schützen.
  • Die innere Netz-Schicht (Consensual Imagination): Eine biegsame Hülle der gemeinsamen Vorstellungskraft darüber, wie die Welt funktioniert (z. B. das historische Weltbild, ob die Erde flach oder rund ist).
  • Die drei geflochtenen Stränge im Inneren: Der Kern des Kabels besteht aus drei eng miteinander verflochtenen Strängen:
  1. Spiritualität (Spirituality): Die inneren Werte und persönlichen Glaubenserfahrungen der Individuen.
  2. Verkörperung / Körperlichkeit (Corporeality): Alle sichtbaren, physischen und institutionellen Manifestationen der Religion – von Kirchengebäuden, Gesangbüchern und Priesterkleidung bis hin zu Dogmen und dem Bibelkanon.
  3. Moral (Morality): Die äußere Anwendung und praktische Umsetzung dieser Werte im konkreten Handeln und Leben.

Wenn alle 500 Jahre ein großer Umbruch stattfindet, werden Außenhülle und Netzschicht gleichzeitig beschädigt. Wasser dringt ein, und die Menschen ziehen die drei Stränge nacheinander aus dem Kabel, um sie gründlich zu prüfen und neu zu hinterfragen: zuerst die Spiritualität (z. B. die Bewegung ’spirituell, aber nicht religiös‘), dann die Verkörperung (Streit um Formen, Hymnen und Strukturen) und zuletzt die Moral. Nach dieser Überprüfung werden die Stränge neu verflochten und das Kabel mit einer Art ‚religiösem Klebeband‘ (religious duct tape) wieder abgedichtet, um der Gemeinschaft für die nächsten Jahrhunderte wieder Halt zu geben.

Warum passiert das gerade jetzt? Was sind die Treiber des Wandels

Die aktuelle „Emergenz“ wird durch mächtige Faktoren befeuert, die unser altes Weltbild zertrümmert haben. Tickle nennt hier vor allem:

  • Wissenschaft: Darwin (Evolution) und Einstein (Relativität) haben unsere Gewissheiten über Herkunft und Realität erschüttert.
  • Psychologie: Freud gab uns Einblicke in die Seele, die alte moralische Konzepte alt aussehen ließen.
  • Technologie: Das Automobil und die Vernetzung ließen Grenzen schrumpfen. Durch die neue Mobilität wurde die jahrtausendealte, direkte Weitergabe des Glaubens von Generation zu Generation unterbrochen.

Symptome dieses Wandels sind eine massive Informationsüberflutung und eine unheimliche Abhängigkeit von Maschinen, in die wir immer mehr Teile unseres „Selbst“ auslagern.

Keine Angst vor dem Chaos

Phyllis Tickles Botschaft ist zutiefst beruhigend. Die Geschichte lehrt uns, dass die Kirche durch diese Umbrüche nie vernichtet wurde. Sie verliert lediglich ihre „Hegemonie“ – ihre absolute Vormachtstellung –, um sich breiter, vielfältiger und egalitärer neu aufzustellen. Der entscheidende Prozess ist das „Re-traditioning“: Wir werfen das Alte nicht weg, sondern füllen die bewährten Schätze in neue Gefäße. Die Große Emergenz wirkt dabei wie ein Balsam für die Wunden der Vergangenheit. Sie lädt uns ein zu „egalitären Gesprächen“ und einer „geteilten Geschwisterlichkeit“ in einer Welt, die sich gerade erst neu entdeckt. Das Chaos ist kein Untergang, sondern die Geburtsstunde einer neuen Ära.

Wichtige Zitate aus dem Buch

„Always without fail, the thing that gets lost early in the process of a reconfiguration is any clear and general understanding of who or what is to be used as the arbitrator of correct belief, action, and control… Each time of re-formation has the same central question: Where, now, is the authority?“

  • Übersetzung: „Ausnahmslos jedes Mal geht zu Beginn einer Reconfiguration das klare und allgemeine Verständnis darüber verloren, wer oder was als Schiedsrichter für richtigen Glauben, richtiges Handeln und Kontrolle dient… Jede Epoche der Re-Formation hat dieselbe zentrale Frage: Wo liegt nun die Autorität?“
  • Warum wichtig: Tickle zeigt, dass jeder historische Großumbruch (ob Reformation oder das heutige „Great Emergence“) im Kern ein Ringen um die Frage ist, wer das letzte Wort hat – früher der Papst, dann die Bibel (sola scriptura), und heute eine neue Netzwerkkultur.

„Looked at as generic rather than personal, religion can be most easily or accessibly described as a kind of cable—a cable of meaning that keeps the human social unit connected to some purpose and/or power greater than itself. Like a little dinghy tethered to a distant dock, the human grouping is secured by that cable.“

  • Übersetzung: „Generisch betrachtet lässt sich Religion am einfachsten als eine Art Kabel beschreiben – ein Kabel des Sinns, das die menschliche Gemeinschaft mit einem Zweck oder einer Macht verbindet, die größer ist als sie selbst. Wie ein kleines Beiboot, das an einem fernen Steg festgemacht ist, wird die menschliche Gruppe durch dieses Kabel gesichert.“
  • Warum wichtig: Dieses Zitat fasst das soziologische Modell zusammen, mit dem Tickle erklärt, wie Religion Gesellschaften zusammenhält und was passiert, wenn dieses Kabel in Umbruchzeiten beschädigt und neu verflochten wird.

„More commonly, one will hear emergence leaders speak about the difference between ‚believe-behave-belong‘ and ‚belong-behave-believe.‘ In center-set Christianity, one simply belongs to a gathering of Christians by virtue of a shared humanity… As behavior begins to condition living, it also begins to shape belief until the two become one…“

  • Übersetzung: „Immer öfter hört man emergente Leiter über den Unterschied zwischen ‚Glauben-Handeln-Dazugehören‘ und ‚Dazugehören-Handeln-Glauben‘ sprechen. In dieser Form des Christentums gehört man einfach aufgrund der gemeinsamen Menschlichkeit dazu… Wenn das Handeln das Leben formt, beginnt es auch den Glauben zu prägen, bis beides eins wird.“
  • Warum wichtig: Es verdeutlicht den Kulturwandel in der Glaubenspraxis: Statt dogmatischer Voraussetzungen zur Aufnahme (believe-behave-belong) steht am Anfang die offene Gemeinschaft (belong-behave-believe).