Warum ich mich über Evangelisation und Bekehrungen nicht mehr so richtig freuen kann
Ich glaube zutiefst, daß es Gottes große Idee mit dieser Welt ist, seine Schöpfung zum Blühen zu bringen. Diese Idee des blühenden Lebens ist die Mission Gottes, die Missio Dei, Gottes großes Ziel mit dieser Welt. Das Alte Testament nennt diese Idee vom blühenden Leben Shalom, das Neue Testament nennt diese Idee vom blühenden Leben das Evangelium vom Reich Gottes. Glaube, Kirche und christliche Gemeinschaft sollten diese Mission Gottes vom blühenden Leben in ihrem Zentrum haben.
Gleichzeitig spüre ich eine wachsende Distanz zu einer bestimmten Art von Christsein, das lange Zeit auch meinem Glauben entsprochen hat. Gerade kürzlich las ich wieder im Rahmen einer sehr charismatischen Bewegung von großen Evangelisationsbemühungen, Erweckungshoffnungen und angeblich über 200.000 Bekehrungen in Europa. Ich war über mich selbst verwundert, dass ich mich beim Lesen darüber gar nicht richtig freuen konnte, weil ich mir nicht sicher war, was aus dem Charakter, der Moral, der Toleranz und der Liebesfähigkeit diese bekehrten Leute wirklich werden würde.
Lange Zeit dachte ich, die Lösung für unsere Welt ist, daß einfach mehr Menschen zum Glauben finden müssen, dann wird die Welt automatisch ein besserer Ort. Aber davon bin ich heute nicht mehr überzeugt. Nicht jede Art von Christsein und nicht jede Form von Glauben machen Menschen zu besseren Menschen und die Welt zu einem besseren Ort.
Angesichts der Fehlentwicklungen im pharisäischen Judentum musste Jesus sagen: »Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr reist über Land und Meer, um einen Menschen zu bekehren, und dann macht ihr aus ihm einen Sohn der Hölle, der doppelt so schlimm ist wie ihr selbst.« (Mt.23,15).
Je nach Bekehrungsumfeld kann es mit einem Menschen und seinem Charakter durch den neu gefundenen Glauben auch schlimmer werden als zuvor. Das ist offensichtlich keine neue Erkenntnis. Ich entdecke in mancher Ausprägung des evangelikalen und fundamentalistischen Christentums (gerade aktuell im amerikanischen Evangelikalismus) so viel Liebloses, Hartherziges, Unbarmherziges, Verurteilendes, Richtendes, Arrogantes, Demokratiefeindliches, Fremdenfeindliches, Frauenfeindliches, Nationalistisches, Materialistisches und Feindseliges, daß ich mich gar nicht daran freuen kann, wenn Menschen in diese Kreise hineinbekehrt werden. Zu oft verlieren sie infolgedessen ihr kritisches Denken, ihre Menschenfreundlichkeit, ihre Offenheit und Toleranz anderen Lebensentwürfen gegenüber. Sie radikalisieren sich, entwickeln Scheuklappen, verurteilen Menschen, grenzen sich ab, befürworten Gewalt, glauben Verschwörungstheorien und werden blind für Ungerechtigkeit und Autoritarismus. Sie entfernen sich im Namen des Glaubens am Ende mehr und mehr von der zentralen Botschaft der Bergpredigt. Statt den Seligpreisungen hängt man lieber die zehn Gebote in Schulen und Klassenzimmern auf.
Solange der Zorn Gottes Triebfeder für Bekehrung und Glaube ist, wundert es nicht, wenn am Ende auch Gottes Anhänger zu zornigen Individuen werden. Und solange Gott mit der Hölle die Liebe der Menschen erpresst, wundert es nicht, wenn am Ende andere Formen der Erpressung Einzug in den christlichen Gemeindealltag halten.
Nicht „America first“ und auch nicht „unser Land zuerst“ oder „Ich zuerst“, sondern das Reich Gottes zuerst! Und dieses Reich Gottes ist die gute Botschaft vom blühenden Leben. Wo immer Leben zum Blühen gebracht wird, verwirklicht sich das Reich Gottes. Darum möchte ich aktuell nicht so gerne bekehren, sondern vielmehr lieben. Mutter Theresa sagte einmal: »Anfangs glaubte ich bekehren zu müssen. Inzwischen habe ich gelernt, dass es meine Aufgabe ist zu lieben. Und die Liebe bekehrt, wen sie will.« In seinen sechs neuen Seligpreisungen schreibt Papst Franziskus: »Selig, die Gott in jedem Menschen erkennen und dafür kämpfen, dass andere auch diese Entdeckung machen.« Wie würde das Christentum aussehen, wenn wir zuallererst lieben und der Kraft der Liebe vertrauen, Menschen nachhaltig zu verwandeln? Und wahrscheinlich würde es uns wirklich glücklich machen, in jedem Menschen Gott zu erkennen und uns dafür einzusetzen, dass andere auch diese Entdeckung machen.