Was Stephanus von Charlie Kirk unterscheidet

Heute Morgen las ich eine Episode aus Apostelgeschichte 6. Sie handelt von Problemen der ersten Gemeinde und die Rolle des Stephanus dabei.

Stephanus war ein eloquenter Mann. Er besaß große Kenntnisse der Schrift und Weisheit. In Streitgesprächen wusste er, was zu antworten war, konnte kompetent Auskunft geben und seinen Glauben verteidigen: „Doch eines Tages verwickelten ihn Leute, die zur Synagoge der Freigelassenen gehörten, in ein Streitgespräch… Doch sie waren der Weisheit, mit der Stephanus redete, und dem Geist, der aus ihm sprach, nicht gewachsen.” (Apg.6,9f NEÜ). Im Rahmen solch einer Debatte wurde Stephanus getötet. Es gab Leute, denen waren seine Ansichten und Überzeugungen so zuwider, daß sie ihn ermordeten. Ich sehe hier große Parallelen zu Charlie Kirk. Auch er führte Streitgespräche, war eloquent, kannte die Schrift und viele waren seiner Argumentation nicht gewachsen. Auch er hatte Gegner und es gab mindestens einen Menschen, der ihn für seine Überzeugungen so sehr hasste, daß er ihn ermordete. Wir bedauern den Tod von beiden und sind wieder einmal entsetzt von diesem todbringenden Hass.

Aber es gibt auch große Unterschiede zwischen diesen beiden Männern. Die Überlegenheit im Streitgespräch war bei Stephanus nur die Nebenwirkung seines geisterfüllten Lebens. Die eigentliche Berufung und Auswahl, für die ein geisterfülltes Leben notwendig war, bestand in etwas ganz anderem!

Es gab Unzufriedenheit und Beschwerden in der ersten Gemeinde: „Damals, als die Zahl der Jünger ständig wuchs, gab es auch Unzufriedenheit in der Gemeinde. Die Hellenisten beschwerten sich nämlich über die Hebräer, weil ihre Witwen bei der täglichen Versorgung übersehen wurden.” (Apg.6,1 NEÜ). Die Hellenisten waren griechisch sprechende Juden. die außerhalb Israels geboren und erst im Alter nach Jerusalem gezogen waren. Es waren also Menschen mit der gleichen Religion, aber einer anderen Kultur und Sprache. Sie waren nicht in Israel geboren, sondern Einwanderer. Das ist so ähnlich, wie wenn Christen aus Äthiopien oder Brasilien oder den Philippinen nach Deutschland einwandern. Und unter diesen hellenistischen Einwanderern gab es Hilfsbedürftige und Sozialfälle. Auch das kennen wir in Deutschland. Witwen waren damals eine gesellschaftliche Gruppe, die von schwerer Armut betroffen war. Ohne Versorgung durch Kinder, Verwandte, Freunde oder die Glaubensgemeinschaft, war ihr Überleben nicht gesichert. In gewisser Weise lagen sie den anderen auf der Tasche. Daneben gab es natürlich auch hebräische Witwen. Das waren in Israel geborene Jüdinnen, sprachen Hebräisch oder Aramäisch. Nun wurden diese hebräischen Witwen bevorzugt und die Versorgung der eingewanderten Witwen vernachlässigt. Die Überlegungen dahinter werden sich kaum von den heutigen unterschieden haben:

  • Diese Witwen, die sind nicht unsere Leute. Die sprechen nicht unsere Sprache, haben eine andere Kultur, die sind uns fremd. Wir kümmern uns zuerst einmal um die Unsrigen.
  • Diese Witwen sind keine Hebräerinnen. Sie sind Hellenistinnen, AusländerInnen. Sie hätten ja bleiben können wo sie herkommen. Selber schuld, wenn man in fortgeschrittenem Alter auswandert. In der alten Heimat hätten sie genug Freunde oder Verwandte gehabt, die sie versorgen.
  • Es kommen immer mehr Leute in unsere Gemeinde (oder Land). Irgendwann ist die Kapazitätsgrenze erreicht. Mehr geht nicht mehr! Wir können uns nicht um alle kümmern, also bevorzugen wir die, die schon immer da sind, die ihre Steuern bezahlt, gearbeitet haben und hier geboren sind.
  • Es geht uns selber so schlecht, es reicht nicht einmal für uns, da können uns nicht noch andere auf der Tasche liegen.

Die Apostel sehen das völlig anders. Es darf nicht sein, daß die Versorgung der Witwen vernachlässigt wird und es dabei Ungleichbehandlung gibt. Alle Witwen werden versorgt, egal woher sie stammen, egal welche Sprache sie sprechen, egal ob sie hier geboren oder eingewandert sind. Und sie wählen für diesen Dienst ihre besten Leute aus: „Seht euch deshalb nach sieben Männern unter euch um, Brüder, denen wir diese Aufgabe übertragen können. Sie müssen einen guten Ruf haben und mit dem Heiligen Geist und mit Weisheit erfüllt sein.” (Apg.6,3 NEÜ) Sich um Bedürftige, Verarmte, Vernachlässigte, Einwanderer und Notleidende zu kümmern, dazu hat man bewusst Menschen ausgewählt, die in besonderer Weise mit dem Heiligen Geist und Weisheit erfüllt waren und deren Ruf untadelig war. Solch einen hohen Stellenwert hatte der Dienst an den einheimischen Hebräerinnen und eingewanderten Hellenistinnen. Geisterfüllte Menschen zeichnen sich gerade dadurch aus, daß sie genau die Richtigen sind, wenn es darum geht, Barmherzigkeit zu zeigen, Liebe zu üben und sich um Notleidende zu kümmern – egal woher sie stammen. Und genau deswegen hat man Stephanus und sechs andere ausgewählt.

In diesem Punkt unterscheiden sich Stephanus und Charlie Kirk ganz wesentlich. Charlie Kirk klingt so:

  • „America does not need more visas for people from India. Perhaps no form of legal immigration has so displaced American workers as those from India. Enough already. We’re full. Let’s finally put our own people first.“ („Amerika braucht keine weiteren Visa für Menschen aus Indien. Wohl keine andere Form der legalen Einwanderung hat amerikanische Arbeitnehmer so verdrängt wie die aus Indien. Es reicht jetzt. Wir sind voll. Lasst uns endlich unsere eigenen Leute an die erste Stelle setzen.“)[1]
  • „Once we lose our border protection, the road to citizenship, voting and welfare benefits for a flood of new immigrants will be all but paved.“ („Sobald wir unseren Grenzschutz verlieren, wird der Weg zur Staatsbürgerschaft, zum Wahlrecht und zu Sozialleistungen für eine Flut neuer Einwanderer so gut wie geebnet sein.“)[2]
  • „America was at its peak when we halted immigration for 40 years and we dropped our foreign-born percentage to its lowest level ever. We should be unafraid to do that.“ („Amerika befand sich auf seinem Höhepunkt, als wir die Einwanderung 40 Jahre lang stoppten und den Anteil der im Ausland geborenen Menschen auf den niedrigsten Stand aller Zeiten senkten. Wir sollten keine Angst davor haben, das zu tun.“)[3]
  • „If you’re in a survival situation, what do they tell you to do first? You put your mask on first. It’s the same way as a country, we need to put our own ox mask on first and then we can worry.“ („Wenn Sie in einer Überlebenssituation sind, was wird Ihnen zuerst gesagt? Sie legen zuerst Ihre Maske an. Genauso müssen wir als Land zuerst unsere eigene Sauerstoffmaske aufsetzen, und dann können wir uns Sorgen machen [um andere].“)[4]
  • „The ‚great replacement‘ strategy, which is well underway every single day on our southern border, is a strategy to replace white rural America with something different.“ („Die Strategie des ‚Großen Austauschs‘, die jeden Tag an unserer Südgrenze im Gange ist, ist eine Strategie, um das weiße ländliche Amerika durch etwas anderes zu ersetzen.“)[5]

All das kann man so sagen. Das ist nicht verboten und jedermanns Recht. Man kann dafür wichtige Argumente ins Feld führen, politische Parteien wählen, die von der gleichen Denkweise geprägt sind und damit eine hoffnungsvollere Zukunftsperspektive verbinden.

Das Problem ist: es ist einfach nicht die Denkweise der ersten Christen. Sie waren unmittelbar vom Heiligen Geist erfüllt und damit war ihnen klar, daß der wahre Gottesdienst darin besteht, Witwen und Waisen in ihrer Not zu versorgen (Jak.1,27). Die ersten Kapitel der Apostelgeschichte sind voll davon, wie sie die Notleidenden und Armem mit ihrem Besitz versorgt haben – selbst wenn sie eigenen Besitz dafür verkaufen mussten. Ihre Bereitwilligkeit auch die Einwanderer zu versorgen war ja nicht darin begründet, daß sie alle miteinander im Schlaraffenland lebten und darum aus ihrem Überfluss teilen konnten. Sie lebten in einem besetzten Land, wurden von den Römern bis aufs Letzte ausgepresst. Sie waren geplagt von Steuern, Zöllen und Abgaben. Zudem wurde die Gemeinde verfolgt, sie war eine Minderheit, stand unter ständiger Beobachtung und ihren Leitern wurde mit dem Tod gedroht. In genau dieser Situation entscheiden die Apostel, die Einheimischen genauso zu behandeln und zu versorgen wie die Eingewanderten. Das ist es, was der Heilige Geist in den ersten Christen hervorgebracht hat. Und als die Gemeinde in Jerusalem diesen Dienst nicht mehr leisten konnten, weil ihnen die Mittel ausgegangen waren und die Not immer größer wurde, da haben sie nicht ihre Politik geändert und verkündet: „Einheimische first!“.  Es waren viel mehr Männer wie Paulus, die dann umhergereist sind und in anderen Städten Spenden eingesammelt haben für die Jerusalemer Gemeinde und ihren Dienst. Und genau deshalb kann Paulus in seiner Abschiedsrede vor der Gemeinde in Ephesus so leidenschaftlich sagen: „Mit meiner ganzen Lebensführung habe ich euch gezeigt, dass wir hart arbeiten müssen, um den Bedürftigen etwas abgeben zu können. Dabei sollen wir immer an die Worte denken, die Jesus, unser Herr, gesagt hat: ‚Geben macht glücklicher als Nehmen.’“ (Apg.20,34).

Charlie Kirk hat viele fromme Dinge gesagt und getan, die Christen gefallen und für die sie ihn als Vorbild feiern. Für die Juden zur Zeit des Propheten Jesaja gab es kaum etwas Frömmeres, als zu fasten und zu beten. Jesaja beschreibt das so: „Ach, für wie fromm sie sich doch halten! Sie rufen Tag für Tag nach mir und fragen nach meinem Willen. Sie kommen gern zum Tempel gelaufen, um meine Nähe zu suchen. Weil sie sich einbilden, nach meinen Geboten zu leben, darum fordern sie von mir auch ihre wohlverdienten Rechte.“ (Jes.58,2 HfA). Aber Gott verabscheut diese Frömmigkeit, weil ihr ein ganz entscheidendes Element fehlt: die barmherzige Tat am Armen, am Notleitenden, am Obdachlosen, am Nackten und am Hungrigen: „Nein – ein Fasten, das mir gefällt, sieht anders aus: Löst die Fesseln der Menschen, die man zu Unrecht gefangen hält, befreit sie vom drückenden Joch der Sklaverei und gebt ihnen ihre Freiheit wieder! Schafft jede Art von Unterdrückung ab! Teilt euer Brot mit den Hungrigen, nehmt Obdachlose bei euch auf, und wenn ihr einem begegnet, der in Lumpen herumläuft, gebt ihm Kleider! Helft, wo ihr könnt, und verschließt eure Augen nicht vor den Nöten eurer Mitmenschen!“ (Jes.58,7 HfA) „Make Amerika great again“ oder „Amerika first!“ klingt vielversprechend, ist aber zutiefst unchristlich. Die Botschaft der Propheten lautet angesichts der herzlosen Frömmigkeit in Israel: „Make Menschlichkeit great again.“ „Mitmenschlichkeit first!“.

Ich glaube ich bin ein Fan von Stephanus!

____________________

[1] X (ehemals Twitter), 2. September 2025 (in einem Post, der in mehreren Artikeln zitiert wurde, z. B. NDTV)

[2] https://fixquotes.com/quotes/once-we-lose-our-border-protection-the-road-to-173227.htm (abgerufen am 2.10.25)

[3] The Charlie Kirk Show, 22. August 2025 (Quelle: The Guardian)

[4] YouTube Short „CHARLIE KIRK ON ILLEGAL IMMIGRATION AND DEPORTATION…“, September 2025

[5] The Charlie Kirk Show, 1. März 2024 (Quelle: The Guardian)