MC 192: Dekonstruktion und Rekonstruktion in der Bibel (am Beispiel des jüdischen Tempels)
In dieser Episode geht es um Dekonstruktion und Rekonstruktion in der Bibel. Jesus und die Apostel haben den Jerusalemer Tempel dekonstruiert als Ort der Gegenwart Gottes, der Gottesoffenbarung und Gottesbegegnung. Gleichzeitig haben sie die Idee des Tempels rekonstruiert und damit Gottesoffenbarung und Gottesbegegnung neu verortet.
Zudem wird deutlich, dass ganz viel Dekonstruktion in christlichen Kreisen hausgemacht ist. Die Ursache für Dekonstruktion liegt nicht in progressiver Theologie, sondern in ganz vielen krankmachenden, einengenden und toxischen Lehren/Praktiken und Systemen, die sich in vielen Kirchen vorfinden.
Takeaways
- Dekonstruktion wird oft als Bedrohung wahrgenommen.
- Die Ursachen für Dekonstruktion liegen in toxischen Glaubenspraktiken.
- Dekonstruktion ist ein Symptom, nicht die Ursache.
- Jesus und die Apostel dekonstruierten die Idee des Tempels.
- Die Gegenwart Gottes ist nicht an einen Ort gebunden.
- Wir sind Tempel des Heiligen Geistes.
- Die Gemeinschaft ist ein Ort der Gottesbegegnung.
- Rekonstruktion des Glaubens ist wichtig.
Transkript:
Willkommen zu Movecast, dem Podcast, der etwas bewegen möchte. Mein Name ist Martin Benz, und jetzt geht’s los.
An dieser Stelle möchte ich euch gerne aufmerksam machen auf Movecast Live. Das ist eine Veranstaltung hier in Lörrach ab Januar 2025. Ich plane verschiedene Staffeln, eine Art Seminarreihe zu unterschiedlichen Themen. Und die erste Staffel heißt „Herausforderung Bibelverständnisse“ und beginnt am 14. Januar in der Kirche im Quadrat, ehemals Christuskirche, in Lörrach. Und wen das interessiert, was die einzelnen Themen sind, wann die einzelnen Termine sind, der kann sich da gerne erkundigen oder anmelden unter movecast.de/live. Movecast.de/live, wenn ihr also im Raum Lörrach lebt oder in Basel, dann wäre das eine Gelegenheit zum Thema Bibelverständnis ins Gespräch zu kommen. Die Idee ist, einerseits einen Input zu bekommen und gleichzeitig die Gelegenheit zu Rückfragen, zur Diskussion, Gespräch darüber. Also das Ganze interaktiver, als wenn man einfach nur einen Podcast anhört. Also herzliche Einladung dazu.
Heute möchte ich darüber sprechen, wie Dekonstruktion und Rekonstruktion in der Bibel funktioniert. Es gibt nämlich einige Themen, die tatsächlich in der Bibel selbst dekonstruiert werden und dann rekonstruiert werden, wo also Dinge verändert werden, abgeschafft werden oder neu gedeutet werden oder einen neuen Bedeutungsinhalt bekommen. Aber bevor ich da einsteige, möchte ich zunächst mal vorausschieben: Ich nehme wahr, dass in der evangelikalen und fundamentalistischen Welt das Thema Dekonstruktion immer stärker wahrgenommen wird und immer stärker als Bedrohung erlebt wird. Ich erlebe jetzt ganz viele Podcasts oder YouTube-Videos, wo massiv gegen Dekonstruktion gewettert wird. Das wird als ganz großes Feindbild dargestellt, als Gefährdung des Christentums, Gefährdung christlicher Lehre und Gefährdung zentraler christlicher Vorstellungen. Christen sind offensichtlich massiv durch Dekonstruktion gefährdet, den Glauben ganz zu verlieren oder am Ende eben dann beim Atheismus zu landen. Und darum wird massiv vor Dekonstruktion gewarnt und auch vor den Menschen, den Protagonisten dieser Dekonstruktion, also progressiven oder postevangelikalen Christen, Theologen, Podcastern, Autoren usw.
Und ich würde gerne einmal vorausschicken, was mich an dieser Argumentation wirklich kolossal stört: Zum einen wird Dekonstruktion sofort mit Destruktion gleichgesetzt. Das wird unreflektiert in einen Topf geschmissen, als wäre jegliche Dekonstruktion gleich immer auch Destruktion. Natürlich kann Dekonstruktion zur Destruktion führen. Aber es ist fatal, es immer gleichzusetzen und damit von vorneherein zu stigmatisieren und damit den Eindruck zu vermitteln, jeder, der irgendetwas an seinem Glauben dekonstruiert, ist auf einem destruktiven Weg, auf einem falschen Weg, auf einem Irrweg. Damit wird jegliche, auch wichtige, Dekonstruktion von toxischen Glaubensinhalten sofort im Keim erstickt. Es wird also sofort wieder das Kind mit dem Bad ausgeschüttet, und weil es ein paar Negativbeispiele gibt, wo Dekonstruktion zur Destruktion geführt hat, also zur Zerstörung von Glauben, wird das jetzt in einen Topf geschmissen und jegliche Dekonstruktion tabuisiert und in unseren Gemeinden das sofort mit dem Bann belegt. Und wehe, du begibst dich irgendwie auch nur gedanklich auf diesen Weg oder in die Nähe von solchen Menschen, die das machen, da wird massiv davor gewarnt, und es werden wiederum Angstszenarien erzeugt.
Und zum anderen – und das ist mir besonders wichtig – wird ganz oft eines nicht wahrgenommen: Die Ursache für Dekonstruktion, also der Anlass, dass Menschen dekonstruieren, das sind nicht progressive Theologen oder postevangelikale Theologie, sondern die Ursache liegt ganz oft in einer toxischen, krankmachenden, verzerrenden, verbiegenden Theologie und Praxis in vielen Gemeinden. Ich habe über die letzten Jahre Hunderte von Zuschriften bekommen, wo Menschen mir schildern, was sie in ihren Gemeinden mit der dortigen Theologie, mit den dortigen Predigten, mit der dortigen Sexualmoral, mit den dortigen Endzeitszenarien und so weiter für ganz, ganz schlimme Erfahrungen gemacht haben, welche Angstzustände, welche seelischen Verbiegungen da zustande gekommen sind. Ganz viel an Dekonstruktionswillen ist hausgemacht, die Grundlage wird in den Gemeinden selbst gelegt. Was Menschen in vielen Gemeinden glauben oder leben sollen, wird zunehmend als krankmachend, als verbiegend empfunden. Der Charakter entwickelt sich nicht zum Besseren, sondern zum Schlechteren. Das Leben blüht nicht auf, es verkümmert. Das Herz wird nicht weicher, sondern härter und verurteilender. Und so vieles, was man glauben soll, hält dem Leben nicht stand und erweist sich als nicht tragfähig. Nicht die progressive Theologie verursacht Dekonstruktion, sondern fundamentalistische, gesetzliche, unbarmherzige, angstmachende Theologie und Praxis verursacht den Drang zur Dekonstruktion. Progressive Theologie oder postevangelikale Praxis verursacht nicht Dekonstruktion, sondern fungiert eher wie ein Türöffner. Dort wird ein Ausweg gezeigt, eine Tür aufgestoßen, ein Ausweg aus dem, was ich schon lange nicht mehr ertrage. Dekonstruktion ist doch nur ein Symptom, und die Ursache liegt in Glaubensinhalten und einer Glaubenspraxis, die man eben als krankmachend, als toxisch erlebt im Laufe des Lebens in der Gemeinde, in der man vielleicht seit vielen Jahren ist oder in dem ungeheuer frommen Elternhaus, in dem man aufgewachsen ist. Die Dekonstruktion ist nur ein Symptom. Die Ursachen liegen wo ganz anders, aber sicher nicht in der progressiven Theologie. Die zeigt nur auf, dass es Alternativen gibt zu dem, was ich bisher geglaubt oder praktiziert habe. Und vorher gab es solche Alternativen nicht. Da war man gefangen in diesem System. Da hat man darunter gelitten und denkt „Eigentlich kann ich so nicht glauben, aber ich habe gar keine Alternative. Wenn ich nicht mehr glaube, komme ich in die Hölle.“ So ist man ja eben ganz stark geprägt gewesen.
Und jetzt kommen da Theologen, die leidenschaftlich glauben, die nicht aufhören zu glauben, die weiterhin am Reich Gottes interessiert sind, an der Bibel interessiert sind, aber andere Muster haben, eine andere Perspektive haben, eine andere Auslegung von bestimmten Bibelstellen haben. Die verursachen nicht Dekonstruktion, sie sind bloß wie gesagt der Türöffner, damit man es am Ende tatsächlich vollziehen kann.
Und gleichzeitig appelliere ich an all die progressiven Theologen und so weiter, nicht einfach nur die Tür aufzustoßen, damit Menschen endlich einen Ausweg erleben, sondern gleichzeitig den Weg zu begleiten zu einer Rekonstruktion. Die evangelikale Welt hat recht, wenn sie uns den Vorwurf macht, die Tür zur Dekonstruktion aufzustoßen und dann die Leute nicht weiterzuführen und zu -begleiten in die wichtigen Rekonstruktionsprozesse.
Also das ist für mich auch ein ganz wichtiger Auftrag. Deswegen mache ich diesen Podcast und schreibe meine Bücher. Ich möchte Menschen begleiten in einer Rekonstruktion des Glaubens. Dahinein, eine neue Leidenschaft für den Glauben und für Gott und für Jesus Christus zu entdecken. Aber die Ursache für die Dekonstruktion, die ist hausgemacht und liegt in ganz vielen kirchlichen Theologien, Lehren und Praktiken. Und nun würde ich euch gerne an einem Beispiel aufzeigen, wie Dekonstruktion und Rekonstruktion in der Bibel eigentlich funktioniert.
Und zwar würde ich euch das gerne anhand des Tempels deutlich machen. Und wenn ich von Tempel rede, dann ist damit auch die Stiftshütte gemeint, so der Vorläufer des Tempels, ein Haus oder hier ein Zelt, das Gott gebaut wurde. Und ein Synonym für den Tempel ist oftmals der Berg Zion, der Tempelberg, also der Berg, auf dem dann der Tempel gebaut wurde. Das wird in der Bibel ganz oft auch austauschbar gebraucht.
Im Alten Testament war der Tempel gleichgesetzt mit dem Ort der Gottesbegegnung. Das war der Ort der Gottesgegenwart. An diesem Ort fanden die Gottesdienste statt. Das war der Ort der Opfer und der Hingabe. So vieles im jüdischen Leben und Glauben war untrennbar mit dem Tempel verbunden. Mehrmals im Jahr musste das ganze Volk zum Tempel reisen. Dort fanden die großen Feste statt. Dort fand der Versöhnungstag statt. Der priesterliche Dienst war ohne den Tempel nicht denkbar. All die Opfer für das Volk wären undenkbar, und all die persönlichen Opfer wären undenkbar ohne den Tempel. Denn das ist der Ort, den Gott bestimmt hat für die Opfer. Damit ist es auch der Ort der Vergebung und der Versöhnung. Also: Gottesbegegnung, Gottesgegenwart, Gottesbeziehung und Gottesverehrung spielt sich wesentlich im Rahmen des Tempels ab.
So heißt es zum Beispiel in Exodus 25 Vers 8 „… und sie sollen mir ein Heiligtum machen, dass ich in ihrer Mitte wohne“, oder in Deuteronomium 12 „… sondern ihr sollt suchen einen Ort, den der Herr, euer Gott, erwählen wird, aus allen euren Stämmen, um seinen Namen daselbst wohnen zu lassen. Und dahin sollt ihr kommen, und dahin sollt ihr bringen eure Brandopfer und eure Schlachtopfer, eure Zehnten und eure Hebopfer und eure Gelübde und eure freiwilligen Gaben und die Erstlinge eurer Rinder und eurer Schafe.“ Hier hat also der Tempel einen zentralen Ort oder zunächst einmal die Stiftshütte den zentralen Ort für den jüdischen Kultus, für das gesamte religiöse Leben des Judentums. Als dann der Tempel unter Salomo eingeweiht wurde, heißt es in 1. Könige 8 „Und es geschah, als die Priester aus dem Heiligtum hinausgingen, da erfüllte die Wolke des Herrn das Haus, sodass die Priester nicht stehen konnten, den Dienst zu verrichten wegen der Wolke, denn die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das Haus des Herrn“. Und im Psalm 123 schwärmt der Psalmist „… denn der Herr hat Zion“ – also den Tempelberg – „erwählt. Er hat es zum Wohnsitz für sich begehrt. Das ist meine Ruhestätte. Ewiglich hier will ich wohnen, denn ich habe es begehrt.“ In Jesaja 56 wird der Tempel als „Haus des Gebets für alle Völker“ bezeichnet. Ganz viele Psalmen sind sogenannte Pilgerpsalmen, die gesungen wurden auf dem Weg nach Jerusalem, genauer noch auf dem Weg zum Tempel, zu den großen Festen. Und als das Volk in babylonischer Gefangenschaft ist, haben wir einige Psalmen, die die Sehnsucht nach dem Tempel ausdrücken: „Wie können wir in fremdem Land dem Herrn Lieder singen? Das müssen wir im Tempel tun.“ Und der Prophet Haggai macht deutlich, dass nach der Rückkehr aus dem Exil, dass der Tempel unbedingt wieder aufgebaut werden muss. Und wenn wir das vernachlässigen, verhindert das den Segen Gottes.
Man kann also die Bedeutung des Tempels für die jüdische Religion gar nicht überschätzen. Umso schwieriger und tragischer war es für das jüdische Volk, als der Tempel dann 70 nach Christus von den Römern zerstört wurde. Da musste sich das gesamte jüdische Konzept von Kultus und Religion und Opfer vollkommen ändern, und deswegen kam es dann zu der ungeheuren Betonung der Thora und der Schriftgelehrten und der Synagogen in späteren Zeiten. Und nun wird diese zentrale Bedeutung des Tempels im Neuen Testament dekonstruiert von Jesus und den Aposteln. Sie machen immer wieder deutlich, dass die Gegenwart Gottes nicht in einem Raum, in einem Gebäude stattfindet, dass wahrer Gottesdienst erst mal nichts mit Opfern zu tun hat. Jesus kann mehrmals betonen, was Gott sucht, sind nicht Opfer, sondern Barmherzigkeit. Und diese Barmherzigkeit spielt sich im Leben ab, wohingegen sich die Opfer im Tempel abgespielt haben. Man durfte ja ausschließlich im Tempel Opfer bringen. Wehe, jemand hätte an einem anderen Ort Opfer gebracht. Und nun zitiert Jesus gleich zweimal Hosea 6,6, wenn er zum Beispiel in Matthäus 9 sagt „Geht und denkt einmal darüber nach, was jenes Wort bedeutet: Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer“. Das ist natürlich eine Tempelkritik. Gott will gar keine Opfer. Er möchte in unserem Leben Barmherzigkeit vorfinden.
Und in Johannes 2, ab Vers 19 lesen wir: Jesus entgegnete „Zerstört diesen Tempel, und ich werde ihn in drei Tagen wieder aufbauen“. „46 Jahre ist an diesem Tempel gebaut worden“, erwiderten die Juden. „Und du willst das in drei Tagen schaffen?“. Mit dem Tempel hatte Jesus aber seinen eigenen Körper gemeint. Soweit diese Textstelle.
Jesus beendete etwas. Der Tempel ist nicht länger dieses Gebäude auf dem Berg Zion. Es ist sein eigener Körper. Er, Jesus, der Fleisch gewordene, der Mensch gewordene Gott, das ist der wahre Tempel. Und genau deswegen heißt es dann auch in Offenbarung 21, 22 „ … und ich sah keinen Tempel in der Stadt, denn der Herr, Gott, der Allmächtige, ist ihr Tempel und das Lamm.“ Also Gott selbst ist der Tempel, und Jesus, der Mensch gewordene Gott, ist der wahre Tempel.
Und genau diesen Gedanken führen die Apostel dann fort in ihren Predigten in der Apostelgeschichte, wenn es zum Beispiel heißt, Apg 7 „… aber der Höchste wohnt doch nicht in Häusern, die Menschenhände gebaut haben. Der Prophet sagt das so: Der Himmel ist mein Thron und die Erde ist meine Fußbank. Was für ein Haus wollt ihr mir denn bauen, sagt der Herr, wo wollt ihr denn eine Bleibe für mich finden?“ Also hier von Stephanus in dieser Predigt die klare Kritik, Gott wohnt gar nicht in Häusern, das hat auch eigentlich Gott schon im Alten Testament angekündigt. Und den gleichen Gedanken äußert Paulus in der Apostelgeschichte, während er auf dem Areopag in Athen seine Rede hält und sagt: „Meine Botschaft handelt von dem Gott, der die Welt geschaffen hat und alles, was dazu gehört. Als Herr von Himmel und Erde wohnt er natürlich nicht in Tempeln, die Menschen gebaut haben.“ Also die ganze Idee eines Tempels, in dem Gott wohnt, der zum Zentrum des Kultus der Religion wird, der wird im Neuen Testament dekonstruiert, egal, ob das den jüdischen Tempel betrifft oder die heidnischen Tempel. Das müsst ihr euch einfach mal bewusst machen. Seit Jahrhunderten ist dieser Tempel das Zentrum der jüdischen Religion, des jüdischen Glaubens, des jüdischen Kultus und des jüdischen Alltages. Seit Jahrzehnten geht man jetzt vielleicht schon als Familie nach Jerusalem, jedes Jahr mehrmals zu den Feiern, bringt dort seine Opfer. Der Erstgeborene wird zum Tempel gebracht und Gott präsentiert und dann ein Ersatzopfer für diesen Erstgeborenen gebracht. Also dieser Tempel, das ist der Ort, in dem die Priester die Opfer für das Volk bringen, Fürbitte für das Volk tun. Das ist Dreh- und Angelpunkt des jüdischen Glaubens. Und jetzt kommt dieser Jesus und dekonstruiert das Ganze und sagt: Mein Leib, ich bin der wahre Tempel. Und die Apostel sagen, Gott wohnt gar nicht in dem Tempel, das ist gar nicht der Ort der Gottesgegenwart und der Gottesbeziehung und des Kultus. Gott wohnt nicht in einem Gebäude, das Menschen gebaut haben. Und ich kann all die jüdischen Schriftgelehrten hören, die Priester hören, die sagen, das geht doch gar nicht. Ihr dekonstruiert hier etwas. Das war seit Jahrhunderten richtig. Das, was wir, wie wir es immer gemacht haben, ist, wie Gott es will. Wir haben x Bibelstellen, die alle davon reden, dass der Tempel Gottes Werk ist, dass er ihn haben will, dass wir ihn für ihn bauen sollen. Und jetzt kommt ihr und sagt, das ist alles bedeutungslos – das ist etwas, das zum Zentrum unseres Glaubens gehört! Ihr macht euch an das Zentrum unseres Glaubens ran und das dekonstruiert ihr! Das ist höchst gefährlich, das darf keinesfalls sein! Den Tempel zu dekonstruieren oder die Bedeutung des Tempels zu dekonstruieren, das fühlt sich für Juden zur damaligen Zeit genauso bedrohlich an, wie wenn heute Christen ein bestimmtes Bibelverständnis, eine bestimmte Hermeneutik dekonstruieren oder eine bestimmte Sexualethik dekonstruieren oder ein bestimmtes Kreuzesverständnis dekonstruieren.
Für viele ist das wie: Du greifst das Eigentliche, das Zentrum unseres Glaubens an. Ohne das geht es nicht. Damit macht ihr alles kaputt. Da bleibt nichts übrig. Ja, genauso werden die Juden gedacht haben, als Jesus und die Apostel in dieser Weise den Tempel-Gottesdienst oder das Opfer oder das Heiligtum kritisiert und dekonstruiert haben. Aber nun blieben Jesus oder die Apostel oder die neutestamentlichen Autoren nicht bei dieser Dekonstruktion stehen, sondern sie sagen: Der Ort der Gottesbegegnung, der Ort der Gegenwart Gottes, der Ort der Gottesbeziehung, das ist nicht länger wirklich ein Raum, ein echter Ort mit GPS-Koordinaten dort oben auf dem Zionsberg. Nein, sie rekonstruieren die Idee der Gottesbegegnung und der Gottesgegenwart an andere Orte. Also zum einen wird der Ort der Gottesbegegnung und der Gottesbeziehung und des Gottesdienstes jetzt Christus selbst. Nicht länger ein Gebäude, sondern in Christus und durch Christus ereignet sich jetzt Gottesbegegnung, Gottesgegenwart, Gotteserfahrung, Gottesdienst. Plötzlich ist das die Person von Jesus Christus. Das wird rekonstruiert. Ihr findet all das, was ihr bisher im Tempel gefunden habt und was euch der Tempel gebracht hat und was der Tempel für euch bedeutet hat, das findet ihr jetzt in Jesus Christus.
Zum anderen rekonstruieren sie die Idee des Tempels auf eine weitere Art und Weise, nämlich, dass wir selbst, wir als Menschen, wir als Kinder Gottes zu Tempeln des Heiligen Geistes werden. Paulus kann im Korintherbrief schreiben, Kapitel 3: „Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“. Oder in 1. Korinther 6 „Wisst ihr denn nicht, dass euer Körper ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott bekommen habt. Ist euch nicht klar, dass ihr euch nicht selber gehört? Gott wird jeden verderben, der den Tempel Gottes verdirbt, denn Gottes Tempel ist heilig, und der seid ihr.“ Und plötzlich kommt ein neuer rekonstruierender Gedanke: Die Gegenwart Gottes, sein Heiliger Geist, der zieht nicht in ein Gebäude ein, wie bei Salomo. Der ist in euer eigenes Leben eingezogen. Ihr, euer Körper, also das, was euch ausmacht, so wie der Körper von Jesus in der Menschwerdung, so ist jetzt euer Körper ein Tempel des Heiligen Geistes. Also Gottesgegenwart, Gottesbeziehung, Gotteserfahrung, das spielt sich jetzt in euch selbst ab. Ihr seid solch ein Tempel, in dem sich all das vollzieht, was sich vorher in dem Gebäude vollzogen hat.
Und sie rekonstruieren die Tempel-Idee, die sie zuerst dekonstruiert haben, noch auf eine dritte Art und Weise, indem sie sagen, Gottesbeziehung, Gotteserfahrung, Gottesoffenbarung, Gottesbegegnung ereignet sich nicht in einem Gebäude, sondern in eurem Miteinander, in eurer Gemeinschaft. Die spielt sich miteinander und untereinander ab. Und so kann Paulus schreiben, Epheser 2: „Ihr seid auf dem Fundament der Apostel und Propheten aufgebaut, in dem Jesus Christus der Eckstein ist. Durch ihn, den Herrn, wächst der ganze Bau fest zusammengefügt zu einem heiligen Tempel.“ Und Petrus sagt in 1. Petrus 2: „… und lasst euch selbst als lebendige Steine aufbauen, als ein geistliches Haus zu einer heiligen Priesterschaft, um geistliche Opfer darzubringen, die Gott angenehm sind durch Jesus Christus.“
Also im Bild von Petrus sind wir jetzt alle Steine, und im Miteinander, in der Gemeinde, werden wir ein geistliches Haus, ein Tempel. Also Jesus Christus ist der neue Tempel, wir selbst, unser Körper wird zum neuen Tempel, und die Gemeinschaft, die Gemeinde wird zum Tempel. Also das Neue Testament bleibt nicht bei der Dekonstruktion der Tempelfrömmigkeit und des Tempeldienstes stehen, sondern sie rekonstruieren das und benennen neue Orte der Gottesbegegnung, der Gotteserfahrung und der Gottesbeziehung. Für die Juden zur damaligen Zeit war der Tempel mindestens so bedeutungsvoll und seine Dekonstruktion mindestens so tragisch wie heute viele konservative Kreise eine Dekonstruktion der Hermeneutik, des Bibelverständnisses, der Soteriologie, des Kreuzersverständnisses oder der Mission empfinden.
Interessanterweise wird im ganzen Neuen Testament nie die Symbolik des Tempels oder die Idee des Tempels, also der Ort der Gottesbegegnung, der Gottesoffenbarung, der Gottesbeziehung auf die Schrift oder auf die Bibel übertragen. Also die Bibel ist in evangelikalen Kreisen der entscheidende Ort der Gottesbeziehung oder der Gottesbegegnung oder der Gottesoffenbarung. Natürlich begegnet mir Gott ganz stark in der Bibel, aber die Fokussierung auf die Bibel in Fragen der Gottesbeziehung und Gottesoffenbarung haben die anderen neuen Tempeldimensionen ausgehöhlt und ein Stück weit ins Leere laufen lassen. Aber der Ort, an dem Gott sich offenbart, an dem Gott gegenwärtig ist und wo ich Erfahrung mit ihm mache, das ist eben nicht nur die Bibel, sondern es ist auch unsere Gemeinschaft, unser Miteinander, wir Christen als Lerngemeinschaft.
Und es ist sogar unser eigenes Leben, unser eigenes Herz, in dem jetzt der Heilige Geist wohnt und uns ebenfalls Gottes Offenbarung schenkt, uns in alle Wahrheit führen möchte. Dafür verweise ich auch gerne noch auf meinen Podcast 191, wo ich von der Bedeutung der Stimme Gottes in unserem eigenen Leben spreche.
Also, am Beispiel vom Tempel wird deutlich, wie sich innerhalb der Bibel Dekonstruktion vollzieht und Rekonstruktion stattfindet. Der Tempel geht nicht verloren, er ändert nur seine Bedeutung. Wir haben eine andere Sicht auf die Idee des Tempels. Ein bisheriges Verständnis, vor allem ein räumliches Verständnis des Tempels, das wird dekonstruiert, das geht verloren. Und dafür wird etwas Neues rekonstruiert. Plötzlich wird dieser Übertrag gemacht, der Tempel ist gar kein Gebäude, es ist Christus, es ist eine christliche Gemeinschaft, es ist unser eigenes Leben, unser eigenes Herz. Das sind Wandlungen, Veränderungen, wie sie sich in der Bibel vollziehen. Und ich glaube, wir haben damit ein Beispiel, dass wir auch jetzt im Rahmen unseres Glaubens gewisse Dinge dekonstruieren dürfen und sie aber unbedingt auch wieder rekonstruieren müssen, weil wir merken, ihre bisherige Bedeutung oder ihre bisherige Sichtweise, die bisherige Perspektive, die hat angesichts unseres heutigen Lebens, unserer heutigen Zeit an Wirksamkeit verloren, oder sie ist sogar krankmachend geworden. Und wir dürfen diese Dinge noch mal überdenken, um dem eigentlichen Kern der Sache wieder auf die Schliche zu kommen.
Und das war Movecast für heute. Vielen Dank fürs Dabeisein. Wenn ihr Movecast unterstützen möchtet, dann könnt ihr das tun durch eine einmalige Spende – alle Informationen dazu auf movecast.de/spenden – oder durch eine regelmäßige Unterstützung, indem ihr monatlich einen Beitrag für Movecast spendet. Das ermöglicht mir diese Arbeit weiterhin. Oder ihr macht diesen Podcast einfach bekannt auf den sozialen Medien oder in eurem Freundeskreis, leitet das weiter. Auch das würde natürlich der Verbreitung von Movecast sehr helfen. Vielen Dank für eure Unterstützung. Ich wünsche euch wunderbare Tage.
Seid gesegnet. Peace, Shalom, macht’s gut, bye-bye.
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Das Transskript zur Folge findet sich auf www.movecast.de unter der jeweiligen Episode.
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